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GESCHICHTE/080: "Die Historie des deutschen Sports im Gedächtnis bewahren" (DOSB)


DOSB Presse - Der Artikel- und Informationsdienst
des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

"Die Historie des deutschen Sports im Gedächtnis bewahren"

Die Rede von Hans Wilhelm Gäb bei der Gründungsfeier zur "Hall of Fame"


Der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Stiftung Deutsche Sporthilfe, Hans Wilhelm Gäb, hat bei der Gründungsfeier zur "Hall of Fame" in Berlin eine viel beachtete Rede gehalten, die wir nachfolgend im Wortlaut abdrucken:

Als mein Vater 1946 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, war ich zehn Jahre alt. Mein Vater sprach niemals über den Krieg, der ihn fünf Jahre lang von Frankreich bis Russland geführt hatte. In meinen ersten Gymnasial-Jahren lernten wir wenig oder nichts über die zurückliegende Zeit. Meine Mutter hatte mir während des Krieges mal ein Foto des Vaters in schwarzer Uniform gezeigt, und als ich später dann mehr über die Nazis lernte, verfolgte mich jahrelang die bedrückende Vorstellung, mein Vater sei ein SS-Mann gewesen. Viel später erst erfuhr ich, dass der Vater bei der auch in Schwarz gekleideten Panzertruppe gekämpft hatte.

Die deutsche Geschichte verfolgt uns, und sie lässt niemanden von uns los. Mit den zwölf schrecklichsten Jahren dieser Geschichte werden wir uns immer auseinander setzen müssen - verdrängen, verstehen oder bewältigen können wir sie nie. Schon als wir bei der Sporthilfe vor einiger Zeit beschlossen, eine Hall of Fame des deutschen Sports ins Leben zu rufen und nicht etwa eine Ruhmes-Halle des deutschen Sports, da leiteten uns Gedanken an die Vergangenheit und die Furcht vor damals missbrauchten, möglicherweise nationalistisch und pathetisch klingenden Namensgebungen und Begriffen. Und als wir gemeinsam mit vielen Experten an die Nominierungs-Arbeit gingen, da begleitete uns die Problematik der Verbindung des NS-Staates mit herausragenden Sportlern und deren Nutzung durch das Regime von Anfang an.

Wir und die Jury haben versucht, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Wir haben dabei gelernt, dass herausragende Persönlichkeiten des Sports als Menschen ebenso irren und fehlen konnten wie wir es bei den Grossen der deutschen Geschichte aus Kunst, Musik oder Literatur seit jeher kennen und hinnehmen. Unter den schließlich ausgewählten Athleten und Ehrenamtlichen gibt es eine grosse Mehrheit von Menschen, deren Lauterkeit im Sport und im Leben ausser Zweifel steht. Aber es sind darunter auch Persönlichkeiten, deren Lebenswege in jungen Jahren zu diskutieren legitim ist, deren Integrität oder deren Verdienste um das spätere demokratische Deutschland schlussendlich aber von den höchsten Autoritäten einer freien Bundesrepublik durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes und andere Ehrungen gewürdigt wurden. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe und die Jury hätten sich überhoben, wenn sie sich über diese Bewertungen hinweg gesetzt hätten.

Dennoch - die Deutsche Sporthilfe stellt sich der Kritik. Ihr und der Jury ist sehr klar geworden, dass auch sie keine Instanz bilden können, welche die Verbindung deutscher Sportler und deutscher Sportführer mit diesem schrecklichen Kapitel deutscher Geschichte gerecht, endgültig und frei von Kontroversen bewerten könnte. Gäbe es eine solche Instanz mit einem Wahrheitsanspruch, dann lebten wir in einer totalitären Gesellschaft.

Die Kölner Autorin Renate Franz, die ich heute unter uns begrüsse und die in ihrem bemerkenswerten Buch "Der vergessene Weltmeister" dem von den Nazis zu Tode gebrachten Radweltmeister Albert Richter - Mitglied in unserer Hall of Fame - schon vor uns ein Denkmal setzte, hat auf die NSDAP-Mitgliedschaft des ebenfalls in unsere Ehrenhalle aufgenommenen Gustav Kilian kritisch hingewiesen und angemerkt, Kilian sei von den Nazis hofiert worden. Der bekannte Journalist Klaus Angermann und sechs andere langjährige Freunde des im Jahre 2000 verstorbenen Meistersportlers haben daraufhin geschrieben, eine Komplizenschaft junger Sportler mit dem Hitler-Regime sei weder aus einem Parteibuch abzuleiten noch aus dem bei Wettkämpfen im Ausland - einst wie heute - üblichen Tragen des Nationaltrikots - damals eben mit dem Hakenkreuz, heute mit dem Bundesadler. Angermann und seine Freunde verbürgen sich in einem längeren leidenschaftlichen Plädoyer für Kilians Charakter und menschliche Sauberkeit, und sie sagen zum Abschluss: "Wir widersprechen dem Versuch, eine grosse Persönlichkeit abzuwerten, mit Entschiedenheit. Gustav Kilian ist der hohen Auszeichnung ohne Einschränkung würdig, genau so wie Kurt Stöpel, der Tour-Held von 1932, und genau so wie Albert Richter, der unvergessene Weltmeister."

Vielleicht zeigt diese Meinungsverschiedenheit unter anerkannt honorigen Mitbürgern beispielhaft, wie leicht und wie schwer man sich mit einem Urteil tun kann, und wie schwierig es ist, Gerechtigkeit zu üben. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe jedenfalls möchte mit ihrer äHall of Fame" die mehr als hundertjährige Historie des deutschen Sports und seiner großen Protagonisten im kollektiven Gedächtnis unseres Landes bewahren, und sie muss sich dabei naturgemäss auch der politischen Geschichte unseres Landes stellen, vor allem eben auch den Jahren der Nazi-Diktatur.

Würde sie dabei die in dieser Zeit erfolgreichen Athleten, die unvermeidlich mit dem NS-System in Berührung gekommen sind oder es wie Millionen andere hingenommen haben, generell ausgrenzen oder aber nur Widerstandskämpfer ehren, so trüge ein so pauschales Urteil den Makel der Selbstgerechtigkeit. Es wäre möglicherweise vom Hochmut einer Generation gekennzeichnet, die das Glück hatte in einer Demokratie aufzuwachsen.

Die Komplexität des Problems mag jedem interessierten Beobachter und Kritiker zumindest dann klar werden, wenn er sich die Frage stellt, welche großen Athleten aus dem ehemaligen Bereich der DDR denn wohl wegen allzu großer Nähe zu dieser Diktatur von einer möglichen künftigen Berufung in die "Hall of Fame des deutschen Sports" auszuschliessen wären.

Meine Damen und Herren, die Stiftung Deutsche Sporthilfe und die Jury wollen ihre Arbeit guten Willens und gewissenhaft tun - offen für andere Meinungen und auch in der Gewissheit, dass es uns Menschen nicht gegeben ist, die finale Wahrheit zu finden und Gerechtigkeit gegen jedermann zu üben. Ich danke Ihnen, dass Sie das verstehen, und ich danke allen, die uns dabei helfen.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 22/27. Mai 2008, DOKUMENTATION I
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 4. Juni 2008