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GESCHICHTE/078: Deutsche Archäologen wollen olympische Rätsel lösen (DOSB)


DOSB Presse - Der Artikel- und Informationsdienst
des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Deutsche Archäologen wollen olympische Rätsel lösen

Mit Magnetometer auf der Suche nach dem Dorf und Hippodrom


(DOSB PRESSE) Genau seit 132 Jahren graben deutsche Archäologen im antiken Olympia. Doch noch sind nicht längst alle Rätsel gelöst oder Hypothesen bestätigt. In einem neuen Anlauf wollen ab Herbst 2007 deutsche Wissenschaftler unter Leitung des grabungserfahrenen Sportarchäologen Dr. Christian Wacker, Direktor des Deutsche Sport & Olympia Museums Köln, in Olympia das antike Hippodrom und im benachbarten Elis die Gymnasien, sozusagen das antike Olympische Dorf, genau lokalisieren und kartieren.

In Elis bereiteten sich über mehrere Jahrhunderte lang die Olympiateilnehmer bei Training, Vorentscheidungen und Gruppeneinteilung und mit einem umfangreichen Begleitprogramm mit Schaukämpfen und kulturellen Darbietungen den Regeln entsprechend 30 Tage auf ihren drei bis fünf Tage dauernden Auftritt in Olympia vor. Diese Gymnasien, das Olympische Dorf der Antike, sind archäologisch bisher unerforscht. Nur aufgrund von Schriftquellen kann ihre Lage eingegrenzt werden. Ähnliches gilt für das etwa 200 m breite und 1.000 m lange Hippodrom in Olympia, wo die pferdesportlichen Wettbewerbe stattfanden. Es ist zwar beschrieben, aber nicht lokalisiert.

Die deutsche Expedition wird während ihrer sechswöchigen Kampagne Cäsiummagnetometer zur Lokalisierung und Kartierung einsetzen. Dieses moderne Gerät erlaubt eine geophysikalische Untersuchung, einen scharfen Blick in die obersten Bodenschichten. Es kann, ohne den Spaten anzusetzen, einstige Gebäude, Mauer oder Erdverwerfungen erkennen. Das hochauflösliche Magnetometer ermöglicht in kurzer Zeit die Erfassung großflächiger Areale. Dr. Wacker glaubt, dass im Idealfall ein erster Übersichtsplan der Gymnasien in Elis und die exakte Lage der Pferderennbahn in Olympia vorgelegt werden kann. Damit ließen sich einige der letzten Geheimnisse rund um das antike Olympia lüften. Das Forschungsprojekt wird vom Deutschen Sport & Olympia Museum in Köln in Kooperation mit dem griechischen Antikendienst und dem Deutschen Archäologischen Institut in Athen durchgeführt. Die Finanzierung erfolgt über Sponsoren.


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Stichwort: Olympia
Drei Fragen an Dr. Christian Wacker, Direktor des Deutschen Sport & Olympia Museums Köln

Auf der Suche nach dem antiken Olympischen Dorf


DOSB PRESSE: Seit 1875 graben deutsche Archäologen im antiken Olympia und fördern die über zweitausendjährige Geschichte der Spiele zu Tage. Und dennoch scheinen nach über einem Jahrhundert nicht alle Rätsel gelöst zu sein, denn jüngst wurden im benachbarten Elis erneut Ausgrabungen aufgenommen. Schon wird über ein Olympisches Dorf der Antike gesprochen, in dem sich die Athleten entsprechend den Regeln 30 Tage vor den Spielen vorbereiten mussten. Wirklich etwas ganz Neues?

DR. WACKER: Elis war seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. die antike Stadt, die für die Organisation des Heiligtums in Olympia und somit der Olympischen Spiele zuständig war. Die Athleten hielten sich einen vergleichsweise kurzen Zeitraum in Olympia selbst auf - ca. drei bis fünf Tage -, um die Wettkämpfe eingebettet in das große Kultfest zu Ehren des Zeus zu bestreiten. Das Training, Vorentscheidungen, Gruppeneinteilungen und ein umfangreiches Begleitprogramm mit Schaukämpfen und "kulturellen" Darbietungen fand 30 Tage lang in den Gymnasien in Elis statt. Diese Gymnasien können deshalb als "Olympisches Dorf der Antike" bezeichnet werden, weil sich dort das Leben der Athleten jenseits der Stadien abgespielt hat. Der zentrale Unterschied zu den Olympischen Dörfern der Neuzeit besteht dabei darin, dass die Gymnasien in Elis über einen langen Zeitraum von mehreren hundert Jahren immer wieder genutzt waren. Bis heute sind diese Gymnasien archäologisch vollkommen unerforscht, lediglich ihre Lage kann auf Grund von Schriftquellen annähernd eingegrenzt werden.

DOSB PRESSE: Sie haben ja schon als Sport-Archäologe Erfahrungen in Olympia gesammelt. Jetzt wollen Sie als Direktor des Deutschen Sport & Olympia Museums in Köln in Partnerschaft mit dem griechischen Antikendienst und dem Deutschen Archäologischen Institut in Athen diese bisher unbekannten Anlagen erforschen. Wie gehen Sie vor, und was erhoffen Sie sich?

DR. WACKER: In einem ersten Schritt im Herbst 2007 werden Oberflächenuntersuchungen in den Gymnasien in Elis mit dem griechischen Antikendienst sowie im Gelände der antiken Pferderennbahn in Olympia gemeinsam mit dem Antikendienst und dem Deutschen Archäologischen Institut in Athen durchgeführt. Mündliche Zusagen für die Durchführung der Projekte, die mit moderner Technologie durchgeführt werden, liegen bereits vor. Ohne den Spaten ansetzen zu müssen, durchleuchten Gerätschaften zur Messung von Magnetfeldern unter der Erde die Böden und erstellen Pläne, aus denen Mauern, aber auch Erdverwerfungen ersichtlich werden. Im Idealfall wird es nach dieser ersten Forschungskampagne möglich sein, einen ersten Übersichtsplan der Gymnasien in Elis vorzulegen und die exakte Lage der Pferderennbahn in Olympia zu bestimmen. Beide Ergebnisse würden einen wichtigen Beitrag zur sportgeschichtlichen Erforschung der Olympischen Wettkämpfe der Antike liefern und einige der letzten Geheimnisse rund um Olympia lüften.

DOSB PRESSE: Wer nimmt an diesem Forschungsprojekt teil, und wer finanziert es?

DR. WACKER: Die beiden Projekte in Olympia und Elis werden vom Deutschen Sport & Olympia Museum in Kooperation mit den beiden Partnern in Griechenland durchgeführt. Das Projektteam besteht aus Spezialisten zur Oberflächenkartierung (Geologen und EDV-Spezialisten), Geographen, Archäologen und Sporthistoriker. Die Leitung des etwa zehnköpfigen Teams wird in meinen Händen liegen. Die Projekte können nicht aus dem Haushalt des Deutschen Sport & Olympia Museums finanziert werden, weshalb Sponsoren angeworben werden müssen. Einige Interessenten haben bereits an unsere Tür geklopft und sich bereit erklärt, sich an den Kosten zu beteiligen, weitere sind aber sehr herzlich willkommen.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 31 vom 31. Juli 2007, Seite 10 und 11-12
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 16. August 2007