Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/077: DDR - Gründung des Deutschen Turn- und Sportbundes (DOSB)


DOSB Presse - Der Artikel- und Informationsdienst
des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Auf Weisung der SED: Vor 50 Jahren wurde der Dachverband DTSB gegründet
DDR-Zwangsdoping sollte Leistungszuwachs von fünf Prozent besorgen

Von Holger Schück


Es war ein Jubiläum, das offiziell nicht gefeiert wurde, aber von einigen Hardlinern und Ewiggestrigen in einer "festlichen Veranstaltung" in Berlin-Marzahn begangen wurde: Vor fünfzig Jahren, am 28. und 29. April 1957, ist der 1990 untergegangene Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) der DDR gegründet worden. Diese zuletzt geschaffene so genannte DDR-Massenorganisation, die ganz im Dienste der SED und ihrer Herrscher-Clique stand, war weit davon entfernt, mit einem autonomen Status die wahren Interessen der Sporttreibenden zu vertreten - das war und ist in allen Diktaturen so. Beim Gründungsakt vor 50 Jahren im Haus der Ministerien in der Leipziger Straße, dort, wo heute das Bundesfinanzministerium seinen Dienstsitz hat, ging es also nicht um eine Weichenstellung für Unabhängigkeit und Staatsferne, sondern um einen strikten Anpassungskurs im Sinne des kommunistisch gelenkten Separatstaates. Der DTSB war ein versiegeltes Fenster in einer geschlossenen Gesellschaft.

In der Sowjetischen Besatzungszone gab es in der Aufbauphase zunächst ein politisch-ideologisches Sammelsurium von Kommunal-, Jugend- und Betriebssport. Erich Honecker, damals noch Funktionär der Freien Deutschen Jugend (FDJ), war es, der am 1. Oktober 1948, einer angeblichen Masseninitiative folgend, gemeinsam mit dem kommunistischen Gewerkschaftsbund FDGB unter der Trägerschaft der beiden Organisationen den Deutschen Sportausschuss gründete. Beendet werden sollte der "unpolitische Sport", und aufgegebene Ziele waren die "Überwindung von Resten faschistischer Ideologie" und die "Verbreitung einer antifaschistisch-demokratischen Sportauffassung". Was bedeutete: Alle Bestrebungen, unabhängige Vereine und Strukturen zu schaffen, sollten zerschlagen werden. Drei Jahre später wurde die Organisationsstruktur des DDR-Sports geändert: Eine stärkere Mobilisierung und vor allem mehr Engagement im Spitzensport waren der Auftrag. Schon frühzeitig gingen die entscheidenden Impulse zur Stärkung des Leistungssports von SED-Chef Walter Ulbricht aus.

Seit 1952 begann der Deutsche Sportausschuss unter der Leitung des FDJ-Funktionärs Rudi Reichert mit der ideologischen Indoktrination der Athleten ganz im Sinne der SED. Die rigide Politisierung stieß weite Kreise der Sportinteressierten ab. Es kam, wie es kommen musste: Im Sport gab es ein wahres Organisationschaos, weil das 1952 gegründete Staatliche Komitee für Körperkultur und Sport unter Leitung von Staatssekretär Manfred Ewald die Sportlenkung übernahm und dabei einen Staatssport nach sowjetischem Vorbild durchsetzte. Die Konsequenz waren rückläufige Mitgliederzahlen, ein sinkender Anteil von Jugendlichen und inkompetente Sportfunktionäre.

Innerparteiliche Opponenten kritisierten Walter Ulbricht offen für seine Sportpolitik und seine Selbstdarstellung bei großen Veranstaltungen in den gleichgeschalteten Medien. SED-Verantwortliche forderten eine einheitliche Sportorganisation mit einer Zentrale - frei nach der Devise: Einem Staat, der eine eigene Armee hat, stehe doch auch ein eigener Sportbund ganz gut zu Gesicht. Und so wurde auf der Sitzung des Politbüros vom 18. bis 20. Dezember 1956 die Gründung des DTSB beschlossen, der ein gelenkter Arm der Parteiführung sein sollte.

Ewald konzipierte das Statut, also die Satzung; Ulbricht und Honecker redigierten den Entwurf und verschärften ihn deutlich mit ideologischen Eckpunkten. So sollte der Sport durch die "Führung der Arbeiterklasse und ihrer Partei" nach vorn marschieren; Abweichler sollten nicht mehr geduldet werden. Änderungen am Statut kamen nicht mehr in Frage. Alle Wahlen auf dem Gründungskongress folgten den Vorgaben der Politgremien der SED: So wurde drei Wochen vorher Rudi Reichert als Präsident ernannt, der bei der Gründungsversammlung also de facto einfach nur zu bestätigen war; genauso wurden die Vizepräsidenten mit ihrem präzisen Aufgabengebiet vorher festgelegt. Der DTSB wurde mit 1.602 Mitarbeitern ausgestattet, zum Ende der DDR waren es 9.969; zählt man alle Vollzeitbeschäftigten, ergaben sich sogar 21.000 Hauptamtliche.

Am 28. April 1957 konstituierte sich in Ost-Berlin der DTSB, der ab 1974 aus Gründen der politischen Abgrenzung mit dem Namenszusatz "der DDR" ausgestattet wurde. In einem Grußtelegramm versprach sich Walter Ulbricht von der Abschaffung des Zuständigkeits-Wirrwarrs zwischen Gewerkschaft, Jugendorganisation und Staat, "in noch größerem Maße die Werktätigen, Kinder und Jugendlichen für die sportliche Betätigung zu gewinnen, damit sie Freude und Entspannung beim Sport finden und sich zu gesunden, willensstarken Menschen entwickeln, die bereit sind zur Arbeit und zur Verteidigung ihrer sozialistischen Heimat. Es gilt, die sportlichen Leistungen erfolgreich zu steigern, um mitzuhelfen, das Ansehen unserer Deutschen Demokratischen Republik weiter zu stärken und zu festigen". Der DTSB war im Grunde genommen ein Staatssportverband, der weisungsgebunden an die Abteilung Sport im SED-Zentralkomitee angekettet war.

Doch auch die neuen Strukturen sorgten nicht für den Aufschwung des DDR-Sports. So hieß es in einer Vorlage zur Politbüro-Sitzung am 20. Januar 1959, als eine heiße Sportdebatte die Genossen beschäftigte, "dass es in der Leitung des DTSB liberalistische Erscheinungen gibt und dass viele Probleme nicht bis zu Ende geklärt wurden. Kleinbürgerliche Selbstzufriedenheit mit dem Stand der erreichten Erfolge führten in der Leitung dazu, dass kein entschiedener Kampf um die Durchsetzung der Leistungsaufgaben geführt wurde". Bemängelt wurde ein "bürokratischer Arbeitsstil" und "sektiererisches Verhalten in der Erziehungsarbeit". "Funktionäre sitzen zu viel am Schreibtisch", der Alkoholgenuss nehme zu, die Nachwuchsarbeit werde dem Selbstlauf überlassen, und DTSB-Chef Rudi Reichert wurde eine "mangelhafte straffe Leitung" vorgeworfen. "Aufgabenerfüllung: ungenügend" - so die nichts beschönigende Bilanz.

Da sich nicht viel in der Steuerung änderte, wurde von oben eine Zäsur durchgesetzt. So übernahm schließlich am 28. Mai 1961 Manfred Ewald das Präsidentenamt. Als enger Weggefährte von Ulbricht und Honecker hatte er von nun an quasi Allkompetenz. Dabei waren dem Staatssekretär schon 1954 in einem schriftlichen Bericht für das Politbüro vorgeworfen worden, viele Sportler rügten sein "selbstherrliches, überhebliches, unpersönliches und unmoralisches Verhalten". Ewald kehrte die Sportverwaltung mit stalinistischem Besen aus. Vorgänger Reichert wurde von Ewald rigoros abserviert und in die Provinz geschickt.

Der Staats- und Politikaufbau der DDR hatte dem DTSB eine Rolle als willfährigen Erfüllungsgehilfen zugewiesen. Er hatte die "führende Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei" zu akzeptieren und war somit fester Bestandteil des diktatorischen Unterdrückungssystems.

Zu Recht wird im Standardwerk "Das Schwarzbuch des Kommunismus" "das ohne ethische Bremsen pragmatisch für politische Ziele eingesetzte Staatsdoping angeprangert": "Die Risiken dieser Versuche am Menschen hatten die Sportler zu tragen." Ab Mitte der sechziger Jahre wurde, wie sich heute der langjährige DDR-Sportstaatssekretär Prof. Günter Erbach erinnert, ein flächendeckendes Dopingsystem aufgebaut - sicherlich auch, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Richtig forciert wurde es ab 1974. Es "musste trotz sportethischer Bedenken die regelkonforme Chancengleichheit für die DDR-Sportler gewahrt und gesichert werden", schrieb Erbach 2006. "Das ergab sich als sportpolitische Konsequenz, wenn man weiterhin am internationalen Wettkampfgeschehen teilnehmen wollte."

Zuvor hatte die kleine DDR mit an sich vorbildlichen sportwissenschaftlichen Forschungen ein Trainingssystem des langfristigen Leistungsaufbaus geschaffen, das Weltstandard hatte. Mit "unterstützenden Maßnahmen", wie Doping in der DDR verharmlosend bezeichnet wurde, sollte bei Spitzenathleten ein Leistungszuwachs "von fünf bis sechs Prozent" (Erbach) erreicht werden. Dieses Zwangsdopingsystem stand nach der friedlichen Revolution im Fokus kriminalpolizeilicher Ermittlungen. Wegen Körperverletzung durch Doping wurden einige wenige Trainer und Funktionäre mit relativ milden Strafen oder Geldbußen zur Verantwortung gezogen. Auch der langjährige DTSB-Präsident Manfred Ewald wurde 2000 zu einer 22-monatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Ewald war ohne Zweifel der erfolgreichste und sicher auch berüchtigste Sportfunktionär der Welt, der alles dem bedingungslosen Medaillenstreben unterordnete. Erst nach drei Jahrzehnten kam für ihn das Aus: Am 22. August 1988 gab SED-Chef Erich Honecker dem Drängen des für den Sport zuständigen Politbüromitglieds Egon Krenz nach und unterzeichnete quasi Ewalds Entlassungsurkunde. Als am 5. November der Rücktritt vollzogen wurde, stand Klaus Eichler als Nachfolger bereit; er musste allerdings nach der Wende auf Druck der Öffentlichkeit im Dezember 1989 aufgeben. Vierter und letzter DTSB-Präsident wurde im März 1990 Martin Kilian, ehe am 15. Dezember 1990 die inzwischen neugegründeten fünf Landessportbünde dem DSB beitraten.


*


Quelle:
DOSB-Presse Nr. 18 vom 2. Mai 2007, DOKUMENTATION I-III, Seite 35-39
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Tel. 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 19. Mai 2007