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BUCHTIP/330: Soldaten spielen, Athleten kämpfen - Anfänge des Modernen Fünfkampfs (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 51-52 / 16. Dezember 2014
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Soldaten spielen, Athleten kämpfen - Anfänge des Modernen Fünfkampfs



Die Sportart Moderner Fünfkampf ist zwar fast von Anbeginn der Olympischen Spiele der Neuzeit dabei, aber sie gehört zu den gefährdeten Disziplinen, die ständig um ihr Verbleiben im Olympischen Programm bangen müssen.

Gegen vielerlei Widerstände in den eigenen Reihen haben die Verantwortlichen immer wieder versucht, den Wettbewerb an unsere Zeit anzupassen, ohne ihm seinen unverwechselbaren Charakter zu nehmen. Als Kronzeuge wird dazu gern Pierre de Coubertin, der Begründer der modernen Spiele, herangezogen. Doch war der Franzose tatsächlich der Begründer des Modernen Fünfkampfs? Dieser Frage geht das bemerkenswerte Buch "Von spielenden Soldaten und kämpfenden Athleten" von Sandra Heck nach, in dem die promovierte Sporthistorikerin von der Ruhr-Universität Bochum "die Genese des Modernen Fünfkampfs" - so der Untertitel des Werks - beschreibt.

Die Olympischen Spiele von London waren für den Modernen Fünfkampf der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die Klaus Schormann, der Präsident des internationalen Verbandes, 2002 initiiert hatte. Es war der Versuch, diesen Sport neu aufzustellen: mit einem gerafften Wettkampf und neuer Schießtechnik auf Laserbasis, die überall einsetzbar sein sollte. Schon das war ein großes Wagnis, sozusagen ein Schuss ins Blaue. Denn ob die neue Technik wirklich funktionierte, wusste bis zur Premiere bei den Jugendspielen von Singapur zwei Jahre zuvor niemand. Doch damit nicht genug: Für die Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro soll ein komplett neues Wettkampfkonzept folgen. Alle fünf Einzeldisziplinen werden in einem eigens konzipierten Pentathlon-Stadion absolviert.

Zu den Besonderheiten der Diskussionen um den Modernen Fünfkampf gehört auch, dass sich seine Bewahrer stets auf Coubertin höchstpersönlich berufen. Dabei steht gerade das gar nicht so felsenfest, wie es der Internationale Verband gerne hätte. War es wirklich Coubertins Suche nach dem "vollkommenen Athleten" oder nicht doch eher eine Idee, die das schwedische Militär entwickelt hatte.

Das beleuchtet erstmals und mit außergewöhnlicher Akribie Sandra Hecks umfangreiches Buch Es ist aus ihrer Dissertation entstanden, für die sie 2013 mit dem Dr.-Klaus-Marquardt-Preis ausgezeichnet wurde. Sandra Heck beschreibt auf den 487 Seiten, wie die nationalistische Stimmung, die in Europa Ende des 19. Jahrhunderts vorherrschte, Raum gab für die Geburt eines Wettkampfs, der sowohl sportlichen als auch militärischen Nutzen versprach: 1912 feierte der Moderne Fünfkampf in Stockholm sein olympisches Debüt und blieb bis heute olympisch. Dabei war die Ursprünge der Sportart, die bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreichen, bislang nicht untersucht worden. Diese Lücke schließt der Band, der sowohl der militärischen als auch der olympischen Genese des Modernen Fünfkampfs gewidmet ist.

Die Basis bilden umfangreiche Archivunterlagen, vor allem jene des Internationalen Olympischen Komitees, der Union Internationale de Pentathlon Moderne, des Schwedischen Organisationskomitees der Olympischen Spiele von 1912 und des Schwedischen Militärsportverbands, die die Autorin umfassend auswertet. Auch analysiert sie diverses Pressematerial aus mehreren Ländern, darunter Schweden, Frankreich, England, Deutschland, Österreich und die USA.

Zum Abschluss beschreibt Sandra Heck auch die Wandlungen, die der Wettkampf in den letzten Jahren bis London 2012 nahm. Es hat sich einiges getan. Und doch bleibt der Moderne Fünfkampf in den Augen der sportbegeisterten Fernsehzuschauer gleichwohl "ungefähr so populär wie der traditionelle afghanische Buzkashi, ein tumultuöser, auf Pferden bestrittener Mannschaftswettkampf, beim dem jeder Reiter versucht, den kopflosen Körper einer toten Ziege vom Spielfeld zu ziehen". So drastisch ordnet es der us-amerikanische Sporthistoriker Allen Guttmann im Vorwort des Buches ein. Kann sich daran etwas ändern?

Dass Sandra Heck durchaus begründet auch eigene Vorschläge macht, wie es ihr Studienobjekt zu größerer Popularität bringen könnte, bewertet Guttmann als "idealistisch". Zudem bezweifelt er, dass sich das Internationale Olympische Komitee davon beeinflussen lasse.

Hier wird deutlich, dass dieses Werk für Spezialisten naturgemäß noch nicht auf den neuen IOC-Präsidenten und dessen umfassende Reformagenda 2020 eingehen konnte. Und doch hat die Autorin nicht nur, wie Guttmann urteilt, "mehr als zulängliche Informationen gegeben", wie der Moderne Fünfkampf entstand, sondern auch auf dem olympischen Feld eine wissenschaftliche Lücke geschlossen, Nur die Frage, wie es mit dieser Sportart weitergeht, muss sie offen lassen.


Sandra Heck: Von spielenden Soldaten und kämpfenden Athleten - Die Genese des Modernen Fünfkampfs. V & R Unipress, 2013, ISBN-13: 9783847102014 487 Seiten, 64,99 Euro.

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 51-52 / 16. Dezember 2014, S. 27
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 30. Dezember 2014


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