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BUCHTIP/322: Zwei neue Lehrbücher zur Sportwissenschaft erschienen (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 44 / 29. Oktober 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Zwei neue Lehrbücher zur Sportwissenschaft erschienen

von Prof. Detlef Kuhlmann



Vor kurzer Zeit sind fast zeitgleich, aber unabhängig voneinander zwei umfängliche Sammelwerke in der Sportwissenschaft erschienen, von denen zu erwarten ist, dass sie breite Aufmerksamkeit und nachhaltige Resonanz in der Fachöffentlichkeit erzielen werden - allen voran aber bei denen, die lernend als Studierende und lehrend als Dozierende in der Sportwissenschaft an den rund 60 Instituten an den Hochschulen und Universitäten tätig sind. Zum Adressatenkreis der beiden Werke gehören ausdrücklich aber auch alle Verantwortlichen im Bildungsbereich in den Sportorganisationen, die sich von den Büchern angesprochen fühlen und die Erkenntnisse aus den Beiträgen womöglich in ihre diversen Aus-, Fort- und Weiterbildungsaktivitäten einfließen lassen können.

Um welche Werke geht es? Das eine nennt sich recht bescheiden eine "Einführung", während das andere solide selbstbewusst betitelt ist mit "Das Lehrbuch". Angesichts der weit auseinander liegenden Umfänge und Formate könnte man das eine auch als das "kleine dünne" (mit 318 Seiten) und das andere dann als das "große dicke" (mit 738 Seiten) bezeichnen - egal: In den Inhalten decken beide die breite Palette an wichtigen Lehrgegenständen auf dem Gebiet der Sportwissenschaft gehaltvoll ab. Es lassen sich somit etliche Gemeinsamkeiten nachweisen. Auf der anderen Seite erhalten gerade durch die ebenso anzutreffenden Unterschiede in ihrer Darstellung bzw. den Inhalten beide Bücher einen hohen Originalitätsanspruch.

An der "Einführung in die Sportwissenschaft" von Dr. Verena Buck und Dr. Marcel Fahrner (beide Uni Tübingen) haben weitere acht Autoren und drei Autorinnen mit Einzelbeiträgen mitgewirkt. Das Buch ist nach Vorwort und Einführung in vier Hauptkapitel gegliedert, bevor es mit "Zusammenfassung und Ausblick" schließt. Nach der Beschreibung der Entstehung und Entwicklung der "Sportwissenschaft als Fachdisziplin" werden der Reihe nach insgesamt sieben wichtige sportwissenschaftliche Teildisziplinen übersichtlich vorgestellt - nämlich: Sportpädagogik, Sportgeschichte, Sportpsychologie, Sportsoziologie, Sportökonomik, Bewegungswissenschaft und Trainingswissenschaft. Zu fragen bleibt, warum die Sportmedizin hier nicht vorkommt. Die beiden weiteren Kapitel widmen sich dem wissenschaftlichen Arbeiten in der Sportwissenschaft, anschließend wird ein Zusammenschnitt über "Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse von Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge" geboten. Sehr interessant zu lesen sind hierbei auch die authentischen Fallbeispiele von (erfolgreichen) Absolventen der unterschiedlichen Studienabschlüsse im Blick auf ihren Berufseinstieg.

Wer "Das Lehrbuch für das Sportstudium" zur Hand nimmt, wird es hoffentlich nur deswegen gleich wieder aus der Hand legen, weil es auf die Dauer beim Lesen einfach zu schwer in der Hand liegt. Auch dem Transport sind somit möglicherweise Grenzen gesetzt. Das Werk haben Prof. Arne Güllich (TU Kaiserslautern) und Prof. Michael Krüger (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) zusammen herausgegeben und dafür weitere 49 Autoren und 12 Autorinnen für Einzelbeiträge gewonnen. Was die Inhalte anbelangt, ist es ebenfalls sehr übersichtlich in drei große Teile mit darin insgesamt 19 Kapiteln gegliedert. Im einführenden Teil geht es in den vier Beiträgen u.a. um die Genese der "Wissenschaft vom Sport" und "Arbeitsmärkte für Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge". Es folgen acht "Fachwissenschaftliche Perspektiven auf den Sport" - nämlich der Reihe nach die Anatomie und Physiologie von Körper und Bewegung, sodann die Sportbiomechanik, die Sportmedizin, die Sportmotorik, Sportpsychologie, Sportpädagogik und Trainingswissenschaft sowie dazwischen ein Abschnitt über "Bewegung, Spiel und Sport in Kultur und Gesellschaft - Sozialwissenschaften des Sports". Unterschiede und Gemeinsamkeiten gegenüber der Darstellung in dem Buch von Buck und Fahrner sind offensichtlich.

In Teil drei im Buch von Güllich und Krüger geht es dann noch um insgesamt sieben "Grundlagenthemen in Sport und Sportwissenschaft", und zwar: Körper und Mensch in der sportlichen Bewegung - anthropologische und kulturwissenschaftliche Grundlagen, Leistung und Wettkampf, Sportspiele, Gestalten und Gestaltung, Talente im Sport, Sport und Gesundheit sowie Doping im Sport. Niemand wird die Bedeutung dieses Themenspektrums bestreiten, eine irgendwie schlüssige innere Systematik ist darin allerdings nicht zu erkennen. Wir können aber vorn im Kapitel über die "Konzeption des Lehrbuchs" schon nachlesen, dass die Herausgeber versucht haben, mit den angebotenen Inhalten eine Art Kerncurriculum für das Sportstudium (respektive in der Bachelorphase) zusammenzustellen. Dazu haben sie auch eine Analyse der Prüfungs- und Studienordnungen sowie der sog. Modulhandbücher aus den Instituten vorgenommen.

Man könnte also daraus schließen, dass alle Studierenden des Faches Sport von Kiel bis Konstanz irgendwann im Studium mit diesen Themen vertraut gemacht werden (sollen). Das Lehrbuch kann sie dabei unterstützen, es will nämlich ein "langjähriger fachlicher Studienbegleiter für das gesamte Sportstudium" sein. Andererseits könnte man angesichts dieser zentralen Themen auch fragen, warum denn die Sportspiele hier aufgeführt werden, nicht aber Leichtathletik und Schwimmen oder warum das Gestalten, nicht aber das Wagnis im Sport, warum Sport und Gesundheit, nicht aber Sport und Gewalt vorkommen? Auch das dickste Lehrbuch kann nicht vollständig sein, man kann es auch nicht allen recht machen - und die behandelten Themen werden schließlich (nur) als "Grundlagenthemen" präsentiert, also muss es auch noch etliche andere (hier nicht behandelte) Schwerpunktthemen geben!

Lehrbücher bzw. Überblicksdarstellungen zu konzipieren, ist so oder ein schwieriges Unternehmen. Vielleicht erklärt das auch, warum es solange gedauert hat, bis solche Werke für die Sportwissenschaft wieder mal produziert wurden. Zudem ist noch die jeweils große Anzahl der Mitwirkenden in Anschlag bringt, die allein eine hohe Koordinationsleistung von Burk und Fahrner bzw. Güllich und Krüger als für das Gesamtwerk jeweils Verantwortliche mit sich gebracht hat und entsprechend zu würdigen ist, wenn man außerdem bedenkt, dass alle Autorinnen und Autoren mit ihren Beiträgen (auch formal) irgendwie auf Linie getrimmt werden müssen. Inwiefern das tatsächlich gelungen, das wissen vermutlich die Herausgeber noch am besten.

Apropos Linie: Nur wer beide Bände parallel und genauer zu lesen beginnt, dem wird irgendwann auffallen, dass beide Bände unterschiedliche Zitierweisen bevorzugen, obwohl es angeblich einheitliche Standards für die Sportwissenschaft gibt, dass in einem Buch von gegenwärtig 77 Bachelorstudiengängen und in dem anderen von ca. 110 (und dazu noch von 95 Masterstudiengängen) im Studienfach Sport bzw. Sportwissenschaft die Rede ist. Nebenbei und nur als historischer Datendefekt sei notiert: Die erste ordentliche Professur für die "Theorie der Leibeserziehung" in der Bundesrepublik wurde an der Universität Tübingen mit Prof. Ommo Grupe im Jahre 1967 besetzt, das schreiben zumindest die einen (auf S. 18), während die anderen (auf S. 355) davon ausgehen, dass dies schon 1966 gewesen ist.

Wie lassen sich beide Bände zusammenfassend und vergleichend charakterisieren? Die Antwort ist schwierig - vielleicht reicht vorläufig diese Einschätzung: Beide Sammelwerke verfolgen so oder so das Ziel, den Studierenden und am Studium Interessierten das Studium in der Sportwissenschaft etwas schmackhaft zu machen. Inwieweit dieses Ziel erfüllt wird, können im Grunde nur diejenigen schlüssig bewerten, die sich auf das Studium des Faches bzw. auf die Lektüre der Kompendien einlassen. Und bevor man sich an die Lektüre macht, sollte man wissen, dass das eine Buch mehr als eine "Kompaktausgabe" und das andere demzufolge mehr als eine "Enzyklopädie" der Sportwissenschaft anzusehen ist.

Verena Burk/Marcel Fahrner:
Einführung in die Sportwissenschaft.
Konstanz 2013: UVK Lucius UTB. 318 Seiten; 24,99 Euro.

Arne Güllich & Michael Krüger (Hrsg.):
Sport. Das Lehrbuch für das Sportstudium.
Berlin und Heidelberg 2013: Springer. 738 Seiten; 49,99 Euro.

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 44 / 29. Oktober 2013, S. 33
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veröffentlicht im Schattenblick zum 14. November 2013