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BUCHTIP/258: Böhme - Aufstieg und Fall des einst populärsten DDR-Handballers (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 33 / 11. August 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Böhme - Aufstieg und Fall des einst populärsten DDR-Handballers

Von Dr. Detlef Kuhlmann


Im November diesen Jahres jährt sich zum 20. Mal der Fall der Mauer ... in diesen Tagen jährt sich zum 20. Mal die Ausreise des DDR-Bürgers Wolfgang Böhme in die Bundesrepublik Deutschland. Das war damals für viele DDR-Bürger nichts Ungewöhnliches - aber schon für den "ungewöhnlichen" Wolfgang Böhme, den damals populärsten Handballer der DDR und Kapitän der DDR-Nationalmannschaft ... ein wahrlich "ungewöhnlicher Fall", den der Historiker und Journalist Erik Eggers als exzellentes "Lehrstück über den DDR-Handball detailgenau und bewegend" (Klappentext) in seinem neuesten Buch nachzeichnet. Böhme avanciert vom Sportidol zur Unperson und verdankt diesen steilen Abstieg in seiner bis dahin so erfolgreichen Karriere der DDR-Staatsführung und ihren Sicherheitsorganen.

Böhmes Bewegungsbiografie beginnt Ende der 1950er Jahre in Rostock. Wolfgang (geb. 17.12.1949) will ein berühmter Turner werden. Er geht auf die Kinder- und Jugendsportschule, wo der Nachwuchs für den DDR-Leistungssport planmäßig ausgebildet wird. Vom Turnen zum Handball kommt Böhme eher unfreiwillig: Als sein rechter Ellenbogen infolge einer Verletzung eingegipst werden muss, nimmt sich Böhme einen Ball und wirft ihn stundenlang gegen eine Wand. Böhme fand Spaß daran. Sein Talent wird schell erkannt. Schon als 16-Jähriger ist er ein DDR-Nachwuchsstar, der beste Handballer seines Jahrgangs. Dennoch unterschreibt Böhme zunächst nach seinem Mittelschulabschluss einen Lehrvertrag als Matrose zur See, bevor ab Januar 1967 sein Klub dann endgültig SC Empor Rostock heißt. Die großartige Karriere des Wolfgang Böhme in der DDR nimmt ihren Lauf und findet bald weitere Höhepunkte, die Eggers ausführlich erzählt.

Im Sommer 1980 bei den Olympischen Spielen in Moskau ist Wolfgang Böhme aber schon nicht mehr dabei. Er ist quasi über Nacht aus dem Kader gestrichen worden: War da was mit den Kontakten und Angeboten aus dem Westen beim Ostseepokal in Kiel? Fakt ist, dass Böhme "aus disziplinarischen Gründen" nicht mehr dabei sein kann, dass dies mit "moralischen Verfehlungen" zu tun hat, dass derzeit die "Einleitung sofortiger Reisesperrung" vollzogen wird, dass Böhme somit "vom Leistungsauftrag entbunden" wird. Summa summarum bedeutet das im feinsten DDR-Kader-Kauderwelsch: "Er ist ausdelegiert." Böhme ist DDR-öffentlich gestorben und kommt viele Jahre später in den Westen, wird zunächst Trainer beim westdeutschen Traditionsverein Grün-Weiß Dankersen (jetzt GWD Minden) und arbeitet heute mit Begeisterung als Sportlehrer und erfolgreich als Vereinstrainer in der Schweiz, wo er mit seiner Familie lebt.

Erik Eggers:
Böhme. Eine deutsch-deutsche Handballgeschichte
Göttingen 2008: Verlag Die Werkstatt. 255 S.; 19,80 EUR


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 33 / 11. August 2009, BÜCHER I
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. August 2009