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BUCHTIP/239: Leg Dich Zigeuner. Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 7 / 10. Februar 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Leg Dich Zigeuner

Von Prof. Dr. Hans-Jürgen Schulke


Neuengamme, ländliche Gemeinde vor den Toren Hamburgs, ist sportlich wenig auffällig. Der Fußballclub ist immerhin fünftklassig, früher gab es hier leistungsstarke Radballer, der frisch fusionierte SV Vier- und Marschlande ist seitdem ein Großverein. Traurige Berühmtheit hat Neuengamme als größtes KZ auf deutschem Boden erlangt, in dem fast 50.000 Menschen aus zahlreichen westlichen und östlichen Ländern umgebracht worden sind. Eine Initiative ehemaliger Häftlinge hat es nach vielen Jahren und großer Hartnäckigkeit geschafft, dort eine würdige Gedenkstelle und ein Dokumentationszentrum zu errichten.

In dem stößt man auf prominente Sportler wie den Reiter Pulvermann oder den Boxer Trollmann; beide wurden dort ermordet. Und man stößt auf das Fußballidol der Zwanzigerjahre, Tull Harder - der gehörte zur SS-Wachmannschaft und war später Kommandeur von zwei Außenstellen im Raum Hannover. Dort kamen hunderte von Menschen durch Hunger, Arbeit oder Gewalt elendig zu Tode. Beinahe wäre er auch seinem genialen HSV-Mannschaftskameraden Halvorsen begegnet, der nach fürchterlichen Foltern als Widerstandskämpfer 1945 über Norddeutschland in seine Heimat Norwegen gebracht wurde und sich nach dem Krieg um ein Länderspiel mit Deutschland bemühte. Harder wurde nach dem Krieg zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt und nach wenigen Jahren entlassen. Seine Bestrafung hat er ebenso wie viele seiner HSV-Fans nie verstanden. Der Sinto Trollmann, von dessen Familie nur wenige überlebten, blieb lange vergessen.

Der Journalist und mehrfach ausgezeichnete Buchautor Roger Repplinger hat diese zeitliche, örtliche und sportliche Übereinstimmung aufgegriffen und in eine erzählende Dokumentation verdichtet, die man nicht leicht aus der Hand legt. Repplinger erzählt zwei Biografien von Menschen, denen nichts Heroisches zugeschrieben oder wo allein auf deren sportliche Erfolge abgehoben wird. Grundlage bildet eine sorgfältige Recherche von Zeitungsberichten und Dokumenten, Gespräche mit Zeitzeugen und die Analyse vielfältiger Fachliteratur. Heraus kommt eine hautnahe wie erhellende Darstellung von Personen in einer Zeit, die auch im Sport nie vergessen werden darf. Auf drei Ebenen entfaltet Repplinger seine und unsere Geschichte:

- Die sportlichen Laufbahnen insbesondere aus Presseberichten, die zugleich mit den bescheidenen alltäglichen und bildungsmäßigen Bedingungen der beiden prominenten Sportler verbunden wird. Hier erscheint der große Sport noch in seiner Ursprünglichkeit, aber auch in seiner zunehmenden Prägung durch die politischen Verhältnisse im Dritten Reich.

- Die Situation im KZ, in der das furchtbare System zwischen wirtschaftlichen Interessen, SS-Wachpersonal und Kapos den Häftlingen keinerlei Rechte und vielfach keine Überlebenschance ließ. Selten hat man das System derart präzise beschrieben gefunden, wodurch selbst leistungsstarke Sportler schnell körperlich wie moralisch zugrunde gingen oder als Wachpersonal dem Alkohol verfielen.

- Die Mauer der Verdrängung, der Ignoranz und der Abwehr noch lange nach Ende des Weltkrieges auch im Bereich des Sports. Die Gedenkstätte Neuengamme ist erst in den 90er Jahren zugelassen worden, Johannes Trollmann hat 70 Jahre später posthum seinen verdienten Meistertitel erhalten, der Hamburger Fußball hat es bis heute nicht geschafft, dem Widerstandskämpfer und späteren Generalsekretär des norwegischen Fußballverbandes, Asbjörn Halvorsen, eine Gedenktafel zu errichten.

Roger Repplinger gelingt eine unspektakuläre, deshalb eindrucksvoll-bewegende Erzählung über zwei sportliche Lebensstränge, die viel über unsere Geschichte und genauso über den Sport in seinen gesellschaftlichen Einbindungen zeigt. Wer dieses Werk gelesen hat, wird den in der Eventgesellschaft oft lauten Sport aufmerksamer wie nachdenklicher erleben.

Roger Repplinger:
"Leg Dich Zigeuner. Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder"
München 2008, 376 S., Euro 22,90


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 7 / 10. Februar 2009, BÜCHER I
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. Februar 2009