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BUCHTIP/205: Der vergessene Weltmeister (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 30 / 22. Juli 2008
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Der vergessene WELTMEISTER.
Das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter

Von Dr. Detlef Kuhlmann


Renate Franz:
Der vergessene WELTMEISTER
Das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter
Berlin 2007: covadonga. 192 S. 14,80 Euro.


Albert Richter - zugegeben: Mit diesem Namen kann nicht jeder gleich auf Anhieb etwas anfangen. Eine Ahnung von Albert Richter haben vermutlich diejenigen am ehesten, die im Radsport und dazu gleichzeitig auch noch in Köln zuhause sind, zumal das dortige Rad-Stadion neben dem (alten) Müngersdorfer Stadion seit dem 21. September 1997 den Namen "Albert-Richter-Bahn" trägt. Wer war Albert Richter? Hinter diesem Namen verbirgt sich zunächst einer der talentiertesten und erfolgreichsten Radrennfahrer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Hinter diesem Namen verbirgt sich aber auch zugleich "Das rätselhafte Schicksal" (Untertitel), von dem in diesem akribisch recherchierten und imposant bebilderten Buch der Journalistin Renate Franz (unter Mitarbeit von Andreas Hupke und Bernd Hempelmann) die Rede ist. Albert Richter wird 1912 als Sohn eines Gipsmodelleurs im Kölner Vorort Ehrenfeld geboren. Seine Neigung zum Radsport wächst erst heimlich: "Hinter dem Rücken seiner Eltern hatte Albert Richter mit dem Training auf dem Fahrrad begonnen". Im Juli 1933 gelang Albert Richter vor 40.000 Zuschauern der Sieg im "Grand Prix de Paris", dem klassischen sog. Fliegerrennen, einem Bahn-Sprint auf der knapp 400 Meter langen Holzbahn. Im gleichen Jahr wurde Albert Richter auch Weltmeister im Sprint der Amateure. Die Presse bejubelt ihn längst als die "Ehrenfelder Kanone". Doch Albert Richter ist ein bescheidener und eher introvertierter Sportler. Von der Weltmeisterschaft in Rom kehrt er einen Tag früher als angekündigt in seine Heimatstadt Köln zurück, um dem Empfang zu entgehen, der allerdings dann doch auf dem Neumarkt mit Tausenden von Menschen nachgeholt wird.

Albert Richter zieht es im Januar 1933 nach Paris, um dort seine Laufbahn gemeinsam mit den besten Radsportlern der Welt fortzusetzen. Hier trifft er auch auf Trainings- und Wettkampfpartner aus Belgien, Dänemark, Italien und der Schweiz. Hier genießt er bald größere Popularität als in Deutschland und avanciert zum vollkommensten Sprinter der Jetztzeit. So schön sich diese Karriere des Albert Richter auf der einen Seite auch ausmalen lässt, so schlimm ist es auf der anderen Seite, in Erinnerung zu halten, dass sich diese legendäre Radsportlaufbahn in der Zeit des aufstrebenden Nationalsozialismus in Deutschland abspielt. Albert Richter machte aus seiner anti-faschistischen Gesinnung öffentlich nie einen Hehl. Dazu heißt es schon im hinteren Klappentext: "Albert Richter war mit seinem Mut und seine Geradlinigkeit bei den Nazis in Ungnade gefallen und im Januar 1940 im Gefängnis vor Lörrach unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen." Das Buch von Renate Franz versucht Licht in diese mysteriösen Umstände zu bringen. Dazu hat sie Zeitzeugen befragt und Dokumente aus Archiven ausgewertet, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Ganz und gar lösen - soviel stellt sie selbstkritisch am Ende fest - konnte sie es leider dennoch nicht. Dazu heißt es am Ende: "Unbestreitbar ist jedoch: Albert Richter musste seine Zivilcourage und seine Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen, die im Hitler-Deutschland verfolgt worden waren, mit dem Leben bezahlen".


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 30 / 22. Juli 2008, BÜCHER I
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
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veröffentlicht im Schattenblick zum 9. August 2008