Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

BUCHTIP/176: Sonderheft über Sport und Diktatur (DOSB)


DOSB Presse - Der Artikel- und Informationsdienst
des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Historische Sozialforschung - ein Sonderheft über Sport und Diktatur

Von Holger Schück


Aufarbeitung, Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur: Vor allem die nationalstaatlichen Diskussionen haben in den letzten Jahren zu unzähligen kontroversen Debatten geführt. Jeder Konsens auf diesem Sektor, der das Vor und Nach eines Kontinuitätsbruchs zu beleuchten hat, war schwer erkämpft und bleibt umstritten. Das gilt auch für die gesellschaftspolitische und soziale Rolle des Sports in den deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Für dieses wichtige Feld der Geschichtswissenschaft haben jetzt die Potsdamer Sporthistoriker neue Arbeitsergebnisse vorgelegt. Das Team um Prof. Dr. Hans Joachim Teichler publiziert neue Fundstücke, Fragmente und Faktenzusammenfassungen, die in einer renommierten Schrift zur historischen Sozialforschung erschienen sind. Damit hat es den Nischenmarkt der sportwissenschaftlichen Publikationen verlassen und - was bedeutend ist - den Allgemeinhistorikern gegenüber Flagge gezeigt, die in den letzten Jahren verstärkt als Quereinsteiger in die Sporthistorie gewechselt sind und dabei erschreckende Defizite der Quellensuche und (erst recht) - bewertung nicht verheimlichen konnten.

Teichlers Aufsatz über die "faschistische Epoche des IOC" führt die Forschungen über den Stellenwert der Olympischen Spiele 1936 in Berlin fort. Schon im Sommer 1996 hatte er sich mit dem damaligen Berliner Wissenschaftler Dr. Thomas Alkemeyer, der gerade über die "Muskelreligion" Pierre de Coubertins ein Standardwerk aufgelegt hatte, im "Sportgespräch" des Deutschlandfunks einen fachlichen Disput geliefert. Im Fokus steht im aktuellen Aufsatz der Hamburger "Weltkongress für Freizeit und Erholung". Im Einleitungsbeitrag geht Teichler der Frage nach, wie der Sport aus dem "Erinnerungsdilemma" herauskommen könnte. Die Hierarchisierung der Opfer des NS-Diktatur zu Lasten der Kämpfer gegen den Faschismus ist hier nur ein Fundstück.

Berno Bahro, der bei Teichler promoviert, beleuchtet in einem bemerkenswerten Aufsatz den Stellenwert des Sports in der Schutzstaffel (SS) der NSDAP. Bahros Kernthese: Die faschistische Elitetruppe habe geglaubt, im Sport einen wirkmächtigen Ersatz für die Selektion durch "Kampfzeit" und Krieg gefunden zu haben. Leibesübungen hätten einen entscheidenden Beitrag für das ideologische Selbstverständnis der SS geleistet, so der junge Assistent. Rene Wiese fasst bisherige Publikationen über die Abschottung des DDR-Leistungssportssystems zusammen und streut trotz der Kürze des Raums auch einige neue Akzente aus. Teichlers Mitarbeiterin Dr. Jutta Braun, die auch an einem Projekt zur Erforschung des NOK der DDR arbeitet, publiziert knapp und bündig über den Prozess der Einheit des deutschen Sports nach 1989/90. Ihr aktueller Hinweis: "Der Offizielle" Herbert Ziehm von der Stasi-Unterlagenbehörde hatte im November 2005 an der Uni Potsdam auf die Schwierigkeiten der deutsch-deutschen Vergangenheitsaufarbeitung hingewiesen. Der Aufsatz ist leider nur in englischer Sprache abgedruckt. - Dem Zitat aus dem Editorial ist nichts hinzuzufügen: "Verschiedene grundsätzliche Merkmale des Sports lassen diesen Gesellschaftsbereich als besonders anschlussfähig für Ideologie und Herrschaftspraxis diktatorischer Regime erscheinen." Lassen oder ließen?

Historical Social Resarch/Historische Sozialforschung -
Heinrich Best/Wilhelm H. Schröder und Jutta Braun/Rene Wiese (Hrsg.):
Sonderheft Sport und Diktatur (HSR Vol. 32 (2007), Nr. 1:
Verlag des Zentrums für Sozialforschung, Köln
344 Seiten (185 Seiten mit dem Schwerpunktthema)
ISSN: 0172-6404, 0936-6784, 12 Euro.
Bestellungen auch möglich über e-mail: zhsf@za.uni-koeln.de


*


Quelle:
DOSB-Presse Nr. 48, 27. November 2007, BÜCHER, Seite 31
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Tel. 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 7. Dezember 2007