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SPIELE/016: Olympias gebrochene Ringe - London Calling ... der vergessene Aufstand (SB)


Mit einer Hymne der Rebellion die Dauer herrschender Verhältnisse beschwören



Es ging nicht anders. Die wohl bekannteste Hymne der legendären Punk-Band The Clash konnte nicht ausgelassen werden, wenn die Welt auf London schaut. Sie erklang bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele ebenso wie im Werbetrailer des US-Senders NBC für London 2012 als auch in einem TV-Spot der Fluggesellschaft British Airways, in dem dafür geworben wird, diesen Sommer nicht an südliche Strände zu fliegen, sondern daheim zu bleiben und den britischen Sportlern lautstarke Unterstützung zu gewähren. "London Calling" - was 1979 die Punk-Ära mit einem zugleich kämpferischen wie apokalyptischen Abgesang ausklingen ließ, wirkte in seiner rebellischen Eindeutigkeit noch 2006 nach, als ein Mann, der sich den Song im Taxi hatte vorspielen lassen, wegen Terrorismusverdachts verhaftet wurde [1].

Es scheint, daß dieser Aufruf zur Rebellion an eine auch damals ausgegrenzte und unterdrückte Generation jeden inhaltlichen Bezug zur sozialen Wirklichkeit einer Stadt verloren hat, die vor einem Jahr von den heftigsten zivilen Unruhen seit Jahrzehnten erschüttert wurde. Als ob Medien und Politik von kollektiver Amnesie befallen wären, wird der Olympische Ausnahmezustand, in dem die britische Hauptstadt in eine hochmilitarisierte Sicherheitszone verwandelt wurde, kaum mehr mit den Riots im August 2011 in Verbindung gebracht. Als sich die Wut vieler Jugendlicher über die gegen sie gerichtete Polizeigewalt und ihre desolate Lebenslage wie ein Flächenbrand Bahn brach, handelte es sich um einen so jähen Bruch mit der alltäglichen Ordnung, daß man es im medialen und politischen Mainstream des Landes vorzog, gar nicht erst nach den Ursachen zu fragen, um keine die eigene Verantwortung beim Namen nennende Antworten zu erhalten.

Was damit begann, daß die Londoner Polizei am 6. August 2011 im Stadtteil Tottenham den unbewaffneten Mark Duggan erschoß, war in erster Linie Ausdruck eines Klassenkonfliktes, der im neoliberalen Britannien auf eine Weise Gestalt annimmt, als befinde man sich auf dem Rückweg in die Zukunft frühkapitalistischer Verelendung und Ausbeutung. Brutale Sozialkürzungen bei gleichzeitiger Präsenz eines überbordenden Luxus, der die illustren Treffen der globalen Geldelite anläßlich der Spiele wie eine Verhöhnung der Habenichtse wirken läßt, die Aushungerung besonders von staatlicher Hilfe abhängiger Gruppen zur biologischen Einlösung des Spardiktates, die sozialeugenische Benachteiligung des Subproletariats zur Verhinderung unerwünschten Nachwuchses, ein breiter Katalog von Zwangsmaßanhmen gegen sogenanntes antisoziales Verhalten, zu dessen Anwendung es keines Gerichtsurteils bedarf, die Ausbildung eines im europäischen Vergleich besonders strikten Sicherheitsstaates - all das sind Merkmale einer Gesellschaftsentwicklung, für die nicht nur die dystopischen Visionen Aldous Huxleys und George Orwells Pate stehen, sondern deren soziales Elend an ein England gemahnt, von dem die von Charles Dickens verfaßten Romane beredtes Zeugnis ablegen und für dessen Beherrschbarkeit der utilitaristische Sozialtechnokrat Jeremy Bentham schon vor 200 Jahren Pranger und Arbeitshaus empfahl.

Auch wenn aus den unter Befragung zahlreicher Beteiligten zustandegekommenen Untersuchungen des Riots Communities and Victims Panel, der London School of Economics (LSE) und der Tageszeitung The Guardian übereinstimmend hervorgeht, daß neben der sich anbietenden Gelegenheit, sich mit ansonsten kaum erschwinglichen Konsumgütern einzudecken, vor allem staatliche Repression und soziale Ungerechtigkeit die maßgeblichen Triebkräfte der Zerstörungen und Plünderungen waren [2], haben sich die britische Regierung, Justiz und Gesellschaft fast ausschließlich auf die extrem harte Bestrafung nicht nur direkt beteiligter Jugendlicher, sondern auch der Urheber bloßer Sympathiebekundungen für den Aufstand verlegt. Die kurz vor Beginn der Spiele vorgesehene Ausstrahlung der im Rahmen der LSE-Guardian-Studie "Reading the Riots" entstandenen BBC-Dokumentation, die unter dem Titel "The Riots: In their own Words" daran beteiligte Jugendliche zu Wort kommen läßt, wurde kurzerhand bis auf weiteres ohne nähere Angabe von Gründen gerichtlich verboten. Untersagt wurde zudem, den dafür zuständigen Richter namentlich zu nennen. [3]

Der olympische Frieden sollte zum Preis der Einschränkung demokratischer Grundrechte vor kritischen Nachfragen geschützt werden. Es hätte ja danach gefragt werden können, wieso kein Polizeibeamter für die Erschießung Mark Duggans belangt wurde, obwohl sich die Aussage der 31 Beamten, die zu seinem Todeszeitpunkt anwesend waren, ihr Opfer habe auf sie geschossen, als irreführende Falschaussage erwies. Die Verhängung eines mehrfachen Strafmasses, als es für vergleichbare Taten bis dahin üblich war, über die nach den Riots verurteilten Jugendlichen wurde unter anderem mit der Austragung der Olympischen Spiele in London begründet. Damit die Jugend der Welt dort ein harmonisches Fest feiern kann, wurden fast 1300 Jugendliche, zu einem Gutteil aus Familien, die ihr Dasein unter der Armutsgrenze fristen, zu durchschnittlich 17 Monaten Knast verurteilt. Daß die schwerwiegenden sozialen Verwerfungen der britischen Gesellschaft, die in den ökonomisch besonders benachteiligten Brennpunkten der Riots kulminierten, eine Wiederholung der Ereignisse vor einem Jahr erwarten lassen, ist unter Journalisten und Sozialarbeitern weithin unumstritten.

Wenn also mit dem Ruf London Calling, mit dem sich der Auslandssender der BBC im Zweiten Weltkrieg zu erkennen gab, um den Menschen in den von Nazideutschland besetzten Ländern vom Vormarsch der Alliierten und den Erfolgen der Partisanen zu berichten, der Krieg erklärt wird ("Now that war is declared-and battle come down"), wenn der Ruf an die britische Jugend erschallt, sich aus festgefügten und beengten Verhältnissen zu befreien ("Come out of the cupboard, all you boys and girls"), dann war das nicht nur ein musikalisches Signal zur Überwindung einer Reichtum und Starkult frönenden, in technischer Gigantomanie und künstlerischer Selbstreferenz erstarrten Rockmusik, wie gerne behauptet wird. The Clash waren eine eminent politische Band, wie die dystopischen Visionen eines namenlosen Jugendlichen, der in den im Krieg besonders schwer zerstörten, heute zum Eigentümerluxus gentrifizierten Elendsvierteln am Ufer der Themse wohnte, im Song "London Calling" als auch andere Titel des epochalen Albums gleichen Namens belegen.

Reflektionen über den Spanischen Bürgerkrieg in "Spanish Bombs", Einsamkeit und Entfremdung des Konsumismus in "Lost in the Supermarket", die Unterdrückung der Arbeiterklasse durch von ihnen selbst adaptierte Spaltungsstrategien in "Clampdown", die massive Repression im multiethnischen Londoner Stadtteil Brixton, die sich zwei Jahre nach Aufnahme des Songs "The Guns of Brixton" tatsächlich in einem größeren Aufstand entlud, künden von einem rebellischen Geist, den die Gruppe um den sozialistischen Sänger Joe Strummer immer auch als ihren Beitrag zum Sozialkampf auf der Höhe der Zeit verstanden wissen wollte.

Wenn "London Calling" heute wie ein Evergreen der britischen Popgeschichte für staatstragende und kapitalkonforme Werbezwecke genutzt werden kann, dann bietet der Versuch der kulturindustriellen Musealisierung seines Vermächtnisses keinesfalls Gewähr dafür, daß die sich unweigerlich formierenden Gegenbewegungen auf Dauer marginal und ohnmächtig bleiben werden. Die britische Gesellschaft ist ein soziales Pulverfaß, in dem neoliberale Kapitalakkumulation, massenmediale und sozialtechnokratische Herrschaftsicherung, allgegenwärtige Repression und der blanke Rassismus einer anwachsenden neurechten Bewegung auf eine multiethnische urbane Jugend ohne Zukunftsperspektiven und eine Bevölkerung mit weit stärkerem Klassenbewußtsein als in der durch den antikommunistischen Klassenkompromiß erfolgreich befriedeten Bundesrepublik aufeinandertreffen.

Der Einbruch transnationaler Akteure, die von nicht wenigen Londonern als regelrechte Besatzungsmacht empfunden werden, zu den Olympischen Spielen hat gezeigt, daß die Front der Konfrontation nicht nur zwischen arm und reich, sondern auch zwischen global und lokal verläuft. Die Klagen der unmittelbar durch den Bau der Olympischen Zonen betroffenen Einwohner der Stadt, mit einer Art Social Cleansing aus ihren Wohungen verdrängt worden zu sein, von stark ansteigenden Mietkosten überfordert zu werden, als Naherholungsbereiche fungierende Brachen verloren zu haben und von den hermetisch überwachten Zäunen der Sportstätten in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt zu werden [4], widerlegen die Behauptungen von den Vorteilen derartiger Megaevents für die Menschen in den Austragungsorten auf ganzer Linie.

Für die Vereinnahmung notwendigen Protestes durch diejenigen, gegen die er sich in erster Linie richtet, ist die Zweckentfremdung des Clash-Titels ein exemplarisches Beispiel. Den Verbrauch profitträchtig zu maximieren und über sein Dasein als Kunde und Konsument hinaus nichts anzustreben, was die herrschende Ordnung in Frage stellen könnte, ist Auftrag und Verpflichtung jener Werbe- und Kulturindustrie, die die Spiele als Arena nationalstaatlicher Konkurrenz in einer immer härter um verbliebene Ressourcen und Investitionen ringenden Weltwirtschaft wie als Labor sozialdarwinistischer Leistungsoptimierung des umfassend verfügbar gemachten Menschen inszeniert. Nicht zu hören, was die Jugendlichen zu sagen haben, die ihrer elenden Situation vor einem Jahr gewalttätig Ausdruck verliehen, entpricht der bedenkenlosen Herabwürdigung einer Musik, die etwas zu sagen hat, zur bloßen Ware. Im Konsum ihrer Melodie und ihres Grooves die Freude oder Aggression zu ignorieren, die ihren Worten entspringt, entspricht einer Kultur der Sprachlosigkeit, die in der Steigerung von Ausbeutung und Unterdrückung ihren konsequenten Verlauf nimmt.

Fußnoten:

[1] http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/england/4879918.stm

[2] http://www.nzz.ch/aktuell/international/englands-verdraengte-unruhen-1.17435383

[3] http://www.wsws.org/de/2012/jul2012/bbc-j26.shtml

[4] http://www.standard.co.uk/news/dispossessed/i-enjoy-bumping-into-bbc-stars-in-the-lift-but-when-olympics-are-over-we-will-be-forced-out-of-our-homes-8022006.html

http://ceasefiremagazine.co.uk/olympics-opportunity-cleanse-city/

10. August 2012