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SPIELE/014: Olympias gebrochene Ringe - Ausevaluiert zum schnellen Verbrauch (SB)


Sponsorengold im Widerschein eugenischer Selektion



Was immer der Begriff des Spiels mit dem olympischen Spektakel zu tun haben mag, trifft auf die dort propagierte Leistungsdoktrin und die neoliberale Verherrlichung des Wettbewerbs als zentraler Triebkraft menschlicher Entwicklung nicht zu. Schon der starr fixierte Blick auf den siegreich erstrittenen nationalen Prestigegewinn und die dafür in Kauf genommene Zurichtung der Athleten auf unbedingte Opferbereitschaft und einen destruktiven Umgang mit ihrer Physis verrät, wie bitterernst der unter den fünf Ringen zelebrierte Wettkampf der Nationen ausgetragen wird. Die symbolgeladene Potenz globaler Akteure, aufmarschiert als Nationalmannschaften, durchgesetzt als Marktmacht der Sponsoren, gründet auf einen Arbeitsethos, der in den Leistungsparametern sportlicher Erfolg seinen adäquaten Ausdruck findet. Nicht der Mensch in der persönlichen und selbstbestimmten Verwirklichung seiner sozialen und schöpferischen Ideale ist von Belang, es sind die Parameter seiner Leistungsfähigkeit, die im Wortsinne zählen.

Zwar wird nach Kräften versucht, noch den letzten Funken emotionaler Subjektivität für emphatische Rührstücke aus der Ergriffenheit der Gewinner und Verlierer zu pressen. Die persönlichen Marotten weltberühmter Sportstars sind, wenn sie nicht politisch antagonistische Botschaften betreffen, hochwillkommen, um es in den exakt vom Maßband des Regelwerks umrissenen Bahnen und Einfriedungen der Orte körperlicher Verausgabung menscheln zu lassen. Doch verkommt der Mensch, um den es angeblich in allererster Linie bei diesem Fest gehen soll, zum bioorganischen Substrat eines Labors körperlicher Optimierung und Effizienz, in dem Leistungsnormen bestimmt werden, denen es sich zu unterwerfen hat. Was bleibt ist die Frage, wie sehr sich der Mensch in seiner funktional durchorganisierten Leiblichkeit nach der Decke der an ihn gestellten Anforderungen zu strecken hat, und das ist auch ganz wörtlich zu verstehen.

Es ist daher kein Zufall, sondern entspricht der immanenten Logik der exemplarischen Konditionierung des Leistungssportlers auf immer bessere Ergebnisse, daß eine der Unternehmenstöchter des transnationalen IT-Dienstleistungskonzerns Atos im Vereinigten Königreich die von Betroffenen wie Medizinern vielfach kritisierte Aufgabe übernommen hat, bis 2014 die rund 2,6 Millionen Empfänger von Behindertenrenten und -beihilfen des Landes daraufhin zu untersuchen, ob sie nicht trotz ihrer Erkrankung arbeitsfähig wären. Beauftragt vom Department for Work and Pensions (DWP) verfügt der private Dienstleister Atos Healthcare über einen Katalog staatlich festgelegter Kriterien, anhand derer ihre Empfangsberechtigung für die Employment Support Allowance (ESA) auf den Prüfstand einer Evaluation gestellt wird, die viele Betroffenen als rundheraus diskriminierend und menschenfeindlich empfinden.

Rund 3000 Menschen täglich müssen sich landesweit den seit 2008 durchgeführten Tests - Work Capability Assessment (WCA) - aussetzen, obwohl der bis dahin nachgewiesene Mißbrauch von Sozialtransfers durch Behinderte lediglich 0,5 Prozent betrug. Dementsprechend groß ist die Empörung der Behindertenverbände. Ihre Mitglieder sehen sich nicht nur zum Objekt eines unberechtigten Mißtrauens degradiert, sie beklagen, daß mit der Verschärfung der Kriterien für die Arbeitsfähigkeit Behinderter und deren wiederholter Überprüfung auch bei Vorliegen unheilbarer und tödlich verlaufender Erkrankungen Kosten zu Lasten ihrer Lebensqualität und ihres Lebens als solchem eingespart werden sollen.

Dokumentiert wird dies durch Berichte über Betroffene, die nach einer solchen Untersuchung Selbstmord begingen, die verstarben, kurz nachdem sie aufgrund ihrer angeblichen Arbeitsfähigkeit einen Job übernommen haben, die trotz offenkundig schwerer körperlicher oder geistiger Einschränkungen immer wieder mit Maßnahmen überzogen werden, mit denen ihr Anspruch auf finanzielle Versorgung in Frage gestellt wird. [1] Im Rollstuhl sitzende Behinderte brachen zusammen, nachdem sie während der Tests dazu genötigt wurden, aufzustehen, um zu beweisen, daß sie nicht laufen können; Patienten mit Krebs im Endstadium und schwerwiegender Multipler Sklerose müssen sich zur Arbeit schleppen, um nicht ihre Unterstützung zu verlieren; Zahlungen für barrierefreies Wohnen und medizinische Maßnahmen werden gestrichen aufgrund einer Prozedur, bei der die Atos-Mitarbeiter tunlichst vermeiden, mit den Betroffenen Augenkontakt aufzunehmen, während sie die einzelnen Punkte ihrer Listen abhaken [2]. Dies sind nur einige Resultate eines Sparregimes, das ein nicht anders als eugenisch zu bezeichnendes Disziplinarregime an Behinderten vollzieht.

In einer Ende Juli ausgestrahlten Dokumentation des Fernsehsenders Channel Four wurde darüberhinaus publik, daß Atos Healthcare ihren 100 Millionen Pfund schweren Auftrag auf eine Weise erfüllt, die nahelegt, daß medizinische Diagnosen bei der Senkung der Kosten für ESA-Zahlungen systematisch relativiert oder mißachtet werden. Ein Arzt, der sich im Auftrag des Senders bei der Firma bewarb, um Behindertentests vorzunehmen, berichtete, daß seine Arbeit daraufhin überprüft wird, ob er nicht zu vielen Betroffenen attestiert, zur Inanspruchnahme staatlicher Versorgungsleistungen aufgrund ihrer körperlichen oder geistigen Probleme berechtigt zu sein. Diese von der Regierung und von Atos bestrittene Behauptung wird in der Dokumentation von einem weiteren Mediziner bestätigt, der behauptet, das zuständige Ministerium DWP habe Zielvorgaben für die Evaluationsarbeit festgelegt.

Die dabei angelegten Kriterien für Arbeitsfähigkeit sind so weit gefaßt, daß selbst bei Behinderten, die nur einen Finger bewegen können, um einen Knopf zu drücken, Abstriche vom Maximum möglicher finanzieller Unterstützung gemacht werden können. Letztlich erscheinen die Betroffenen beim Ausfüllen der Checkliste, die als Ergebnis der überprüften physischen und kognitiven Fähigkeiten lediglich "Ja" oder "Nein" anbietet, als bloßer Baukasten zu vernutzender Funktionen und werden als Menschen in ihrer Ganzheit negiert. [3] So kommt der Anspruch des von Atos Healthcare eingestellten medizinischen Fachpersonals, ein Urteil über die jeweilige Verfaßtheit der Probanden allein anhand medizinischer Kriterien zu fällen, unter die Räder einer Kosteneffizienz, der kein Leben standhält, daß sich nicht rentabel rechnet.

37 Prozent der ersten 141.100 überprüften Behinderten wurden als arbeitsfähig eingestuft und verloren ihre Unterstützung. Auch wenn bis zu 40 Prozent der gerichtlichen Widersprüche von Betroffenen dazu führen, daß das Testergebnis aufgehoben wird, [4] geht unter den britischen Behinderten die nackte Angst vor den Atos-Inspektoren um. Das alles tat der Bewertung des Konzerns Atos als eines Unternehmens, das sich durch seine besonders verantwortungsvolle Corporate Governance auszeichnet, keinen Abbruch. 2011 wurde es in Anerkennung für seine ökologischen wie sozialen Leistungen in die dafür vorgesehenen Börsenindices FTSE4GOOD und ASPI Eurozone aufgenommen [5].

Als sechsmaliger IT-Ausstatter der Spiele wie der Paralympics in London genießt Atos, an dem die Siemens AG eine 15prozentige Beteiligung hält, erhebliches Ansehen, das dadurch, daß der Konzern zu den elf olympischen Großsponsoren gehört, die für diesen Status mindestens 100 Millionen Dollar an das IOC überwiesen haben, noch gesteigert wird. Was seine Tochtergesellschaft Atos Healthcare auf dem Feld des neoliberalen Strukturwandels in der Sozialpolitik leistet, liegt ganz auf der Linie der Neuerfindung des Menschen als informationstechnisch in die Imperative seiner Verwertung eingebundenes Subjekt, das nicht mehr weiß, wie es überhaupt jemals ohne die sozialen Innovationen der transnationalen IT-Industrie leben konnte.

Höher, weiter, schneller - Menschen, die von einer todbringenden Krankheit befallen sind oder unter dauerhaften Einschränkungen ihrer Bewegungsfähigkeit leiden, nimmt der permanente Verwertungszwang des Kapitals das letzte an Lebensqualität, das ihnen verblieben ist. Je mehr die Expansion in den äußeren Raum auf enge Grenzen stößt, desto tiefer wird nach humanen Ressourcen gegriffen. Was bleibt, sind die Kurven und Zahlenkolonnen der Wachstumsraten und Unternehmensbilanzen über der Asche der auf der Strecke des Rattenrennens gebliebenen Lebewesen.

Fußnoten:
[1] http://www.disabledgo.com/blog/2012/07/double-suicide-draws-further-tragic-attention-to-`fit-for-work´-test/
http://www.dpac.uk.net/2011/11/benefits-struggle-and-cutbacks-lead-to-apparent-double-suicide/
http://atosvictimsgroup.co.uk/category/personal-stories/
http://www.dunfermlinepress.com/mobile/news/roundup/articles/2012/07/23/432499-sick-to-death/
http://counterolympicsnetwork.wordpress.com/2012/07/03/how-did-atos-licensed-to-kill-disabled-people-become-an-olympics-sponsor/

[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Atos

[3] http://www.channel4.com/programmes/dispatches/articles/britain-on-the-sick-reporter-feature
http://www.guardian.co.uk/society/2012/jul/27/disability-benefit-assessors-film

[4] http://www.guardian.co.uk/society/2012/mar/15/third-of-incapacity-benefit-claimants-ineligible

[5] http://atos.net/en-us/olympic_games/default.htm

7. August 2012