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SPIELE/008: Olympias gebrochene Ringe - Arena der Erfolgsgeweihten (SB)


Kritik von Imke Duplitzer - Wasser auf die Mühlen des elitären Hochleistungssports



Eine bessere Steilvorlage für das internationale Wettrüsten im Hochleistungssport hätte die als "Querdenkerin" apostrophierte Imke Duplitzer den Sportfunktionären gar nicht geben können. Wenige Tage vor dem Beginn der Olympischen Sommerspiele in London hatte die nunmehr 37jährige Fechterin in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung [1] und dem ZDF-Morgenmagazin zu einem Rundumschlag gegen die Mißstände im nationalen und internationalen Sport ausgeholt.

So bezeichnete die Fecht-Europameisterin den Zustand des deutschen Sports als "niederschmetternd". Die "Leistungen brechen immer weiter ein", was daran liege, daß das System "völlig daneben" sei. Zudem prognostizierte sie nach den London-Spielen ein großes Nachwuchsproblem: "Wir werden wieder händeringend Talente suchen, die es nicht gibt, weil sie nicht gefördert worden sind." Sollte sich nichts ändern, befürchtet sie "eine Schockstarre in unserem Leistungssport". Ein massives Trainerproblem gebe es jetzt schon: "Wir bluten im Trainernachwuchs massiv ins Ausland aus. Weil die einfach besser zahlen und dort bessere Perspektiven haben." Sogar Singapur zahle mittlerweile besser als wir, konstatierte Duplitzer. [1]

Ihre geharnischte Philippika ist Wasser auf die Mühlen der Leistungssportfunktionäre, die aus gutem Grund über die Medien verlauten ließen, daß sie keine Sanktionen gegen die "verfehlte und deplazierte" Kritik der Fechterin erwögen. Die Sportsoldatin im Range des Hauptfeldwebels, die inzwischen selbst die Funktionärslaufbahn als Präsidentin des OFC Bonn eingeschlagen hat und dem Vernehmen nach demnächst ein Buch mit dem Titel "Helden-Haft" veröffentlichen will, hatte mit markigen Worten DOSB-Präsident Thomas Bach (FDP) und seinen Generaldirektor Michael Vesper (Grüne) kritisiert ("Die Funktionäre wissen gar nicht mehr, was in der Sporthalle los ist. Liegt auch daran, dass sie in ihrem Pixiewolkenkuckucksheim leben."). Ebenso beklagte sie die Kommerzialisierung der Spiele ("Olympische Spiele sind eine Verkaufsshow mit angeschlossener Rummelbude. Das IOC macht sich die Welt, wie es ihm gefällt ... Olympia ist wie Sissi auf Sport gefönt ... Das IOC verkauft einen schönen Schein und lügt, dass sich die Balken biegen - aber es interessiert keinen. Die Welt will beschissen werden.") sowie eingeschüchterte Sportler ("Keiner möchte sich wirklich den Mund verbrennen, man möchte nicht aus dem Förderungssystem rausfliegen.). [1]

Ihre beißende Kritik, die Zustimmung bei vielen Sportkonsumenten sowie aktiven wie ehemaligen Spitzensportlern fand, wurde vom Medienmainstream wohlwollend aufgenommen. Das lag wohl auch daran, daß sie die internationale Dopingbekämpfung als ineffizienten "Popanz" darstellte ("Nur die Dummen lassen sich erwischen.") [1] und das Antidopingsystem im Prinzip unterstützte. Frühere Aussagen zum Orwellschen Charakter dieses Kontroll- und Überwachungsregimes ("Ich lebe in einer Demokratie, doch bin ich durch meinen Beruf in einem totalitären System gefangen." [2]), dem sich Athleten zu Lasten ihrer Freiheitsrechte unterwerfen müssen, wiederholte sie lieber nicht. Offensichtlich wollte sie es sich nicht mit Sportjournalisten verscherzen, die den Antidopingkampf als Mittel kontroll- und strafverschärfter Disziplinierung gutheißen.

Wenn Imke Duplitzer davon spricht, daß sie eine "ehrliche Debatte über den deutschen Sport" [1] wolle, dann sollte man allerdings hellhörig werden. Mit "Sport" ist eigentlich der Hochleistungssport gemeint, in dessen hochgezüchtete Ausbildungs- und Wettkampfsysteme Hunderte Millionen Euro an Steuer- und Sponsorengelder fließen, die dem Breiten-, Gesundheits- und Alternativsport nicht zur Verfügung stehen respektive entzogen werden. Als leidenschaftliche Vertreterin des Fechtsports auf Hochleistungsniveau vertritt die fünfmalige Olympiateilnehmerin die Interessen einer privilegierten Minderheit, die es als selbstverständlich erachtet, daß der Breitensport den nationalen Repräsentationszielen des Spitzensports zuarbeitet. Topathleten, so unterschiedlich sie auch entlohnt werden, sind dem Leistungs-, Vermarktungs- und Profitmaximierungssystem vollständig unterworfen, sonst hätten sie eine Karriere, die mit der Zurichtung des Menschen auf ein Höchstmaß an Opferbereitschaft und Konkurrenzverhalten einhergeht, kaum absolvieren können.

Das gleiche gilt für Trainer und Funktionäre, denen die Erfolgsausrichtung ihrer Arbeit erstes Gebot ist. Sie betrachten die "Ressource Athlet" (Helmut Digel, Sportwissenschaftler und Ratsmitglied des Internationalen Leichtathletikverbandes) solange als förderwürdiges Humanmaterial, als es anwachsende Leistung und sozioökonomischen Mehrwert hervorbringt. Daß diese Ergebnisse vielfach unter menschenunwürdigen Umständen und schlimmsten sozialen und gesundheitlichen Folgewirkungen zustande kommen, stellt den Hochleistungssport nicht etwa in Frage, sondern macht die Athleten zum Spielball der Zweitverwertung durch Berufsstände, die mit seiner kompensatorischen Regulation ihr Geld verdienen. Aus diesem System gibt es kein Entrinnen. Selbst die Kritik aufmüpfiger Spitzenathleten wird auf eine Weise integriert, daß sie wirkungslos verpufft.

So hatte DOSB-Präsident Bach bereits Ende vergangenen Jahres in der Bild-Zeitung eine "General-Revision des Leistungssports" angekündigt. "Wir werden alles auf den Kopf stellen und analysieren! Von Olympiastützpunkten bis zur Förderung der Athleten", sagte der Wirtschaftsanwalt. Der Kampf um Medaillen in London sei mit nichts zuvor vergleichbar. "Noch nie wurde so viel Geld und so viel Wissenschaft in den Sport investiert", sagte Bach. "Überall gibt es Sonderprogramme: In Russland, China, Großbritannien, den USA, in Australien, Frankreich, Kanada, Japan, Südkorea." [3] Ähnlich wie Imke Duplitzer mahnte auch der DOSB-Chef mehr Gelder an: "Wenn wir die finanzielle Basis nicht verbessern, besteht die Gefahr, dass wir mittelfristig nicht mehr in der internationalen Spitze mithalten können."

Der Tenor dieser Appelle bedient sich nicht von ungefähr der Diktion jener Politiker und Wirtschaftsführer, die Erfolg im internationalen Standortwettbewerb bei Strafe des Untergangs zum monolithischen Sachzwang verabsolutieren. So gerät auch die angeblich der Freude an Spiel und Bewegung gewidmete Kultur des Sportes unter den Zwang, sich erfolgsträchtig reproduzieren zu müssen oder ihre Existenzberechtigung zu verlieren. Was aus den Stahlkammern der Konditionierung auf unbedingten Siegeswillen entsteigt, kann gar nicht anders, als den Primat sozialdarwinistischer Überlebenslogik zur alleinigen Handlungsmaxime zu erklären.

Für die Sachwalter des elitären Sports hätte es nicht besser laufen können. Nachdem deutsche Medaillenerfolge bei den London-Spielen an den ersten beiden Tagen ausblieben und die Medien bereits Katastrophenstimmung verbreiteten, meldete sich Bachs Sekundant Michael Vesper zu Wort und forderte via Bild-Zeitung mehr Geld für "den Sport". "Wir haben errechnet, dass wir fünf bis sechs Millionen Euro pro Jahr mehr brauchen, um das Niveau zu halten - mindestens. Angesichts der Finanz- und Haushaltskrise haben wir Sorge, dass wir die nötigen Mittel nicht mehr bekommen", erklärte der "Chef de Mission" in London. Er rechtfertigte seinen "Hilferuf" damit, daß Umfragen zeigten, "dass sich die Menschen mit den Spitzensportlern identifizieren. Sie wollen, dass wir in der Weltspitze mitmischen." Der Sport könne Stimmungen verändern: "1954 erlangten wir nach dem WM-Titel mehr Selbstbewusstsein, auch 2006 bei der Fußball-WM im eigenen Land gab es plötzlich fast nur noch gute Laune. Der Sport trägt insgesamt viel dazu bei, gesellschaftliche Fragen wie die Integration, die Wertebildung oder die Gesundheitsvorsorge zu beantworten. Ohne Vorbilder geht es nicht." [4]

Auf Fußballwunder, die im nachhinein zu nationalen Gründermythen verklärt wurden, auf Gute-Laune-Sportevents, die nationalchauvinistische "Wir-sind-wieder-wer"-Stimmungen freisetzen oder auf präparierte Bevölkerungsumfragen, die die Schattenseiten des Sports ausklammern, sowie auf "leistungssportliche Vorbilder", die konformistische Einstellungen befördern [5] und das pure Gegenteil von Gesundheitsvorsorge darstellen, sind nur Menschen angewiesen, die sich in vorauseilendem Gehorsam unterwerfen, anstatt sich gegen die Zumutungen zu stellen, die mit derartiger Schönfärberei übertüncht werden sollen.

Fußnoten:
[1] http://www.bild.de/sport/olympia-2012-london/imke-duplitzer/keine-sanktionen-nach-olympia-des-fechtstars-25282890.bild.html

[2]&nbspDuplitzer über Antidoping-Agentur: "Das ist wie Arrest", taz vom 19.07.2010
http://www.taz.de/!55814/

[3] Siehe SPORT -> MEINUNGEN -> KOMMENTAR/142: "General-Revision des Leistungssports" angekündigt - noch mehr Gelder ins Medaillengeschäft?

[4] http://www.bild.de/sport/olympia-2012-london/olympia-2012/deutscher-teamchef-fordert-mehr-geld-25382032.bild.html

[5] O-Ton Imke Duplitzer: "So viele unkrititsche Menschen wie im Leistungssport habe ich selten irgendwo gesehen ... Mittlerweile ist es leider in der Sportwelt so, dass die Verantwortung, die Sportler übernehmen, nur noch sehr gering ist ... und der Athlet im Grunde nur noch das dumme Vieh ist, was möglich schnell läuft, hoch springt, auch noch gut aussieht und ansonsten willig die Klappe zu halten hat."
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/nachspiel/1796236/

31. Juli 2012