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SPIELE/007: Olympias gebrochene Ringe - Animal Farm (SB)


London 2012 ... ein Labor der Sozialkontrolle



Nicht erst in London wird den Schattenseiten der Olympischen Spiele in der allgemeinen Berichterstattung bestenfalls der Charakter pflichtschuldiger Fußnoten zugewiesen. Die erheblichen sozialen Probleme, die den mittellosen Teilen der Bevölkerung olympischer Austragungsorte ins Haus stehen, können beim Zelebrieren dieses Hochamtes der kapitalistischen Weltordnung nur stören. Dabei haben die Olympischen Spiele für viele Bereiche sozialer und gesellschaftlicher Entwicklung Modellcharakter. Die im Hochleistungssport verlangte Opferbereitschaft wird dem seine Arbeitskraft verkaufenden Lohnabhängigen zur ethischen Pflicht, die Bemessung körperlichen Leistungsvermögens verschärft die Normen physischer Ausbeutbarkeit, die Disziplinierung des Sportlers gründet in den Zwangsregimen militärischer Zurichtung und bekräftigt diese, der Wettbewerb der Nationen glorifiziert die gnadenlose Konkurrenz der Volkswirtschaften um verbliebenes Investivkapital, und die angebliche Völkerfreundschaft wird nur der Bevölkerung gewährt, deren Regierung die Normen einer universalen Gerechtigkeit einhält, gegen die diejenigen Staaten, die sie kraft ihrer militärischen und wirtschaftlichen Stärke setzen, straflos verstoßen.

Bei den Olympischen Spielen 2012 feiert der angeblich freiheitliche und demokratische Liberalismus Triumphe der Einschränkung und Unterwerfung, die den ohnehin autoritären Charakter der britischen Gesellschaft vollends als Diktatur der kapitalistischen Eigentumsordnung in Erscheinung treten lassen. Was als olympische Idee in den Himmel menschen- und völkerverbindender Werte gehoben wird, dient als bloßer Vorwand zur Vertiefung eines Austeritätsregimes, das längst vor erheblichen Legitimationsproblemen steht. Da könnte die postmoderne Variante der klassischen Herrschaftsstrategie "Brot und Spiele" nicht gelegener kommen, allerdings verkürzt auf den unterhaltsamen Teil, ist das Brot auch in der britischen Gesellschaft für viele Menschen schon zu einem Luxusgut verkommen.

So wird unter dem Motto "inspire a generation" die hoffnungsträchtige Verheißung besserer Zeiten inszeniert, während viele Londoner Bürger der Festung transnationaler Kapitalinteressen bereits vor ihrer Errichtung weichen mußten. Ihre Wohnungen und Häuser standen den ehrgeizigen Plänen der Londoner Stadtregierung im Wege, oder sie waren dem rekordverdächtigen Boom der Grundstückpreise und Mieten nicht gewachsen. Die von einem 11 Kilometer langen, mit 5000 Volt aufgeladenen Zaun gesicherte Olympic Zone als auch die weitere Sportstätten umfassende River Zone und Central Zone sind prototypische Strukturen der sozial parzellierten Stadt. Strategisch aufeinander abgestimmte, sicherheitstechnisch streng überwachte und mit Sonderrechten für die Veranstalter und Sponsoren versehene Räume gewährleisten eine Sozialkontrolle, die die demokratische Zivilität der Stadt zugunsten der Interessen derjenigen aufhebt, für die der freie Zutritt aller Bürger stets auch die Gefahr des Protestes oder gar des Aufstands mit sich bringt.

So ist Freiheit der Bewegung in London 2012 auch eine Frage des Preises. Nur wer zahlungsfähig ist, kann dem angeblichen Fest der Jugend der Welt unbeschwert beiwohnen. Zuwiderhandlung wird mit Gewalt geahndet, ausgeübt durch Tausende Soldaten, Polizisten und Mitarbeiter privater Sicherheitsunternehmen. Dem dazu ins Feld geführten Generalargument der Terrorgefahr wird in der Hauptstadt eines kriegführenden Staates schon unter vermeintlichen Normalbedingungen höchste Priorität eingeräumt. Doch dieser Tage, wenn in der britischen Presse darüber gemutmaßt wird, ob nicht auch Terroristen sich der Möglichkeit bedienten, als Gäste der Spiele ins Land einzureisen, wächst sich die allseitige Präsenz der Prätorianer des olympischen Ausnahmezustands zu einer Gefahr für jeden Menschen aus, der in ihren Augen verdächtig erscheint.

Der räumliche Charakter der sozialen Exklusion, der sich auch in olympischen Funktionären und anderen VIPs vorbehaltenen Fahrspuren zentraler Straßen der Stadt ausdrückt, erinnert nicht von ungefähr an die militärstrategische Zonierung besetzter Gebiete in Kriegsregionen. Hier wird mit dem erfahrungsgesättigtem Sachverstand kolonialistischer Besatzungsmächte vorgegangen - die einst in voneinander durch Mauern getrennten Viertel, die lediglich durch wenige, biometrisch überwachte Durchlässe miteinander verbunden waren, aufgeteilte irakische Hauptstadt Bagdad läßt ebenso grüßen, wie die sicherheitspolitische Handschrift der von Sperrmauern, Sonderzonen und abgestuften Zugangsrechten zerrissenen Palästinensergebiete unter israelischer Besatzung zu erkennen ist.

Doch wie gesagt, das betrifft nur Marktsubjekte in ausschließender Weise, die sich in das System der Mehrwertproduktion nicht mehr auf rentable Weise einspeisen lassen. Zu dieser wortwörtlich zu verstehenden Outer Class zu gehören ist allein dem eigenen Versagen geschuldet, besagt die neoliberale Doktrin der allseits präsenten Olympiasponsoren. Transnationale Konzerne wie Coca Cola, Adidas, BP, McDonald's, ATOS oder Acer trimmen ihre positiven Botschaften nicht anders als ihre Produkte stets auf optimale Effizienz im Kosten-Nutzen-Kalkül. Und der Nutzen der Olympischen Spiele ist erheblich, nicht nur für die Produzenten hochentwickelter Sicherheitstechnik, die in London einmal mehr ein Bombengeschäft machen.

Um die Interessen der Großsponsoren durchzusetzen, schickt das London Organising Committee of the Olympic Games (LOCOG) seit einigen Tagen knapp 300 Markenpolizisten durch die Lande. Die lilafarbene T-Shirts und Kappen tragende "Brand Officers" sollen die Lizenzrechte der über 50 Sponsoring-Partner des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) schützen. Ortsansässigen Händlern, Geschäften oder Unternehmen ist es verboten, sogenanntes Trittbrett-Marketing zu betreiben, etwa indem sie mit olympischen Logos oder Symbolen Produkte bewerben oder vertreiben. Wie die Tageszeitung "Independent" [1] berichtet, hat die Markenpolizei das Recht, ungefragt Läden und Restaurants zu betreten.

2010 hatte das britische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das unerlaubtes Marketing während der Spiele zur Straftat erklärt und die Behörden ermächtigt, in Wohnungen einzudringen und "widerrechtliches Material" zu beschlagnahmen. Bei Verstößen kann die Werbepolizei ein Bußgeld in der Höhe von bis zu 20.000 britischen Pfund verhängen. Bereits 2006 war ein Spezialgesetz beschlossen worden, daß Vollstreckungsbeamten das Recht gibt, auf Grundstücken oder Gebäuden illegal plazierte Werbung "zu entfernen, zu zerstören, zu verbergen oder zu löschen".

Kritiker wie Marina Palomba von der Agentur McCann Worldgroup sehen darin das wohl "drakonischste Durchgreifen im Vorfeld der Olympischen Spiele aller Zeiten", wie sie dem Independent erklärte. Selbst der ehemalige Marketingchef des IOC, Michael Payne, spricht bereits von "Zensurspielen". So gemahnt diese spezielle Einsatzgruppe in ihrem Unverhältnis an das von dem Herrscherschwein Napoleon speziell für bestimmte Übergriffe herangezüchtete und für seine Machtzwecke mißbrauchte Hunderudel in George Orwells Roman "Animal Farm".

Wie der Independent berichtet, hat die Werbeaufsicht rund 800 Fast-Food-Anbietern in der Nähe der 40 olympischen Wettkampfstätten untersagt, Pommes frites ("Chips") zu verkaufen, weil dadurch die exklusiven Rechte von McDonald's gefährdet seien. Wirten wurde zudem zur Auflage gemacht, auf ihren Werbetafeln für Live-TV-Events nicht mit Biermarken zu werben, die keine Werbelizenz für die Olympischen Spiele bekommen haben.

Aufgrund der gesetzlichen Regelungen können LOCOG und ODA (Olympic Delivery Authority) dagegen vorgehen, wenn die fünf olympischen Ringe, olympische Mottos (z.B. "citius altius fortius"), das Wort Olympia oder ähnliche Wörter ohne Genehmigung im geschäftlichen Verkehr genutzt werden. Selbst bestimmte Wortkombinationen wurden indexiert. "Jede Kombination von zwei der (englischen) Wörter 'Spiele, 2012, Zweitausend und Zwölf, Zwanzig Zwölf' ist geschützt. Auch die Kombination eines dieser Wörter aus der 'Liste A' mit einem Wort der 'Liste B' - 'London, Medaillen, Sponsoren, Sommer, Gold, Silber, Bronze' - ist verboten", berichtet der Tagesspiegel (20.7.2012).

Das führte dazu, daß der Verein der britischen Zuckerbäcker keinen Wohltätigkeitswettbewerb im Backen von "2012 Kuchen" durchführen durfte. Schlachter oder Bäcker mußten ihre Schaufenster umgestalten, weil sie ihre Produkte in Form der olympischen Ringe angepriesen hatten. Nach Angaben der Tageszeitung Die Welt mußte ein Restaurant in Plymouth sein "Flaming Torch Baguette" von der Speisekarte nehmen, weil es angeblich auf die Olympische Fackel anspielte. Das Café Olympic in der Nähe des Stadions in London-Stratford traf es noch ärger. Die Markenpolizei zwang den Besitzer, das "O" im Schild zu übermalen. Jetzt heißt sein Café bis zum Ende der Spiele "Lympic". [2]

Darüber hinaus können Besucher der olympischen Wettbewerbe, die Kleider oder Accessoires tragen, auf denen Werbebotschaften von inoffiziellen Marken zu sehen sind, aufgefordert werden, diese zu überdecken oder auszuziehen. Das gilt insbesondere für Fußballtrikots, die in England viele Fans tragen. Als wären sie Terroristen, die in mitgebrachten Flaschen oder Gegenständen Sprengstoff transportierten, wird Besuchern der Spiele von Inspektoren und Soldaten aus Sicherheitsgründen untersagt, volle Wasserflaschen mit ins Stadion zu nehmen. Behälter mit über 100 ml Inhalt, etwa zum Transport von Kaffee, Suppe oder Joghurt, sind verboten. Auch das Mitbringen von Alkohol ist nicht erlaubt - in den Stadien stehen die Produkte der IOC-Sponsoren zum Kauf bereit, Wasser gibt es umsonst. Das Sicherheitspersonal kann von Müttern verlangen, daß sie ihre Babynahrung unter den Augen der Kontrolleure vorkosten. Picknickkörbe von Familien, die es sich im Stadion wohlergehen lassen wollen, landen an den Kontrollstellen reihenweise im Müll. Weil die Polizei keine Lagermöglichkeiten hat, werden konfiszierte Gegenstände nicht zurückgegeben.

So werden die Besucher der Olympischen Spiele wie die unfreiwilligen Zaungäste stets daran erinnert, daß ihre Existenz unter dem Vorbehalt von Sponsoren steht, deren Allgegenwart auf den Werbeflächen und Konsumartikeln darüber entscheidet, wer dazugehört und wer nicht. Sich diesem Regime nicht zu unterwerfen heißt sich frei zu machen von der Verfügbarkeit durch Interessen, die schon deshalb nicht die eigenen sein können, weil es ihnen niemals um den Menschen, sondern stets um seine Verwertbarkeit durch fremdbestimmte Arbeit wie fremdinduzierten Konsum geht.

Fußnoten:

[1] http://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/britain-flooded- with-brand-police-to-protect-sponsors-7945436.html

[2] http://www.welt.de/sport/olympia/article108389847/Semenya-ging-einmal- durch-die-Hoelle-und-zurueck.html

27. Juli 2012