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GESELLSCHAFT/212: Die Wiedergeburt der "Klassengesellschaft" (NG/FH)


Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte Nr. 9/2009

Die Wiedergeburt der "Klassengesellschaft"

Von Thomas Meyer


Massenarbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit und Armutslagen haben sich hierzulande strukturell verfestigt. Die soziale Segregation in städtischen Regionen wächst. Soziale Sicherungsleistungen sind um- und abgebaut worden. Wie schaffen wir den Sprung aus einer zunehmend zerklüfteten Gesellschaft?


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Seit einiger Zeit avanciert über die Grenzen der Fachdisziplinen hinaus die "Wiederkehr der Klassengesellschaft" zum öffentlichen Thema. Dies erscheint in zweifacher Hinsicht überaus erstaunlich. Zum einen wurde dies in Deutschland seit jeher unbeliebte Beschreibungsmodell längst in die Asservatenkammer überholter Instrumente sozialwissenschaftlichen Denkens befördert. Zum anderen stellte der Mainstream der deutschen Soziologie der 80er Jahre nicht nur jegliche Klassen- und Schichtkonzepte mit Verve in Frage, sondern zeichnete in Anbetracht des seit den 50er Jahren rapide gestiegenen Massenwohlstands, der Bildungsexpansion und des Wertewandels das Bild einer saturierten Lebensstilgesellschaft ohne allzu große Ausschläge nach oben und unten.


Klassengesellschaft in neuem Gewand

Neben Helmut Schelsky, als Vorläufer und "Erfinder" der berühmten These von der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft", und Ulrich Beck, dem prominentesten Vertreter der Individualisierungstheorie, ist vor allem Gerhard Schulze zu nennen, der ausgehend von den spezifischen Bedingungen westlicher Überfluss- und Freizeitgesellschaften das Modell einer "Erlebnisgesellschaft" entwirft, in welcher moderne "Menue-Kompositeure", "Möglichkeitsmanager" und "Katalogblätterer", so seine Diktion, den Ton angeben.

Wie lässt sich vor diesem Hintergrund die Wiederkehr der Klassengesellschaft erklären? Wie konnte es zur Reaktivierung des schon aufs Altenteil abgeschobenen Deutungsmodells kommen? Klar ist, dass es unter den neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Gegenwart, die den Charakter sozialer Ungleichheit seit der Industrialisierung erheblich veränderten, nicht um die Behauptung einer Renaissance der alten Klassengesellschaft gehen kann. Und auch die Wiedergeburt fest umrissener sozialer Klassen, verstanden als reale Großgruppen mit eigener Klassenkultur und Klasseninteressen, steht nicht zur Debatte. Am Beginn des 21. Jahrhunderts kann es nur um eine Klassengesellschaft in neuem Gewand gehen.


Chiffre für verschärfte Ungleichheiten

Will man die aufgeworfene Frage erklären, so lässt sich unter einer semantischen Perspektive eine erste Antwort finden. Im Zeitalter des Übergangs zu einer postindustriellen Wissensgesellschaft fungiert die Klassengesellschaft vor allem als Schlagwort, dem ein enormes Skandalisierungs- und Moralisierungspotenzial innewohnt. Galt vor wenigen Jahren die Rede von Klassengesellschaft, Ober-, Mittel- und Unterschichten noch als altbacken, ja als anrüchig, fungiert die Rhetorik heute als grelle Chiffre, um ein Sammelsurium an Indizien für die sich verschärfenden Ungleichheitsverhältnisse und eine zunehmend gespaltene Gesellschaft auf den Begriff zu bringen. Was immer man von dieser rhetorischen Zuspitzung halten mag, die Fakten einer problematischen Ungleichheitsentwicklung sind nicht von der Hand zu weisen. Um nur das Wichtigste zu nennen: die Vermögens- und Einkommensungleichheiten und dementsprechend die Polarisierungen zwischen Arm und Reich nehmen zu. Die Schere zwischen Einkommen aus selbstständiger und abhängiger Arbeit vergrößert sich. Krasse soziale Unterschiede in Konsum und Lebensstil blühen. Die Beharrlichkeit herkunftsbedingter Ungleichheiten im Bildungssystem - Stichwort PISA - findet auch im 21. Jahrhundert kein Ende. Massenarbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit und Armutslagen haben sich hierzulande strukturell verfestigt. Die soziale Segregation in städtischen Regionen wächst. Soziale Sicherungsleistungen sind um- und abgebaut worden. Der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses entspricht seit den frühen 90er Jahren die Ausdehnung prekärer Beschäftigungsverhältnisse (Minijobs, Leiharbeit, befristete Arbeit, Teilzeit- und Mehrfachbeschäftigung, "Neue Selbstständigkeit") und des Niedriglohnsektors, der für die Beschäftigten eine hohe Armutsgefährdung bedeutet (Trend zu mehr working poor). Und auch die Befunde zur subjektiven Befindlichkeit zeigen in aller Deutlichkeit, dass die soziale Frage wieder auf der Tagesordnung steht: wachsendes Ungerechtigkeitsempfinden, Gefühle sozialer Unsicherheit und Benachteiligung (zumal im Osten Deutschlands), Abstiegs- und Statusängste kennzeichnen nicht nur die Randgruppen der Gesellschaft, sondern lassen sich bis weit in die Kernbereiche der Arbeitsgesellschaft hinein, die einst als sicher galten (Verunsicherung der gesellschaftlichen Mitte), nachweisen. Insgesamt herrscht die Ansicht vor, in einer zunehmend zerklüfteten Gesellschaft zu leben, in der es sozial immer "kälter" wird.


Dimensionen systematischer Ungleichheit

Die hier nur anzudeutende Radikalisierung der Ungleichheitsproblematik verweist darauf, dass es nicht allein semantische Fragen der Etikettierung sind, die dem diskursiven Erfolg des Begriffs der Klassengesellschaft zugrunde liegen. Nimmt man eine abstraktere Perspektive ein, so sind es folgende fünf Merkmale, die die wesentlichen konzeptionellen und empirischen Kristallisationspunkte der "neuen sozialen Frage" (Berthold Vogel) bilden und die Plausibilität des klassengesellschaftlichen Denkens begründen.

Erstens: Der Referenzrahmen des klassengesellschaftlichen Diagnosemodells ist die Kapitalismustheorie. Daher lässt das Modell sich mit der in Westeuropa schon länger zu beobachtenden und durch die Finanzkrise nochmals angefeuerten Kapitalismusdebatte gut verbinden, welche die Gegenwart als Variante einer kapitalistischen Gesellschaft beschreibt; etwa als "neuen", "flexiblen", "finanzmarktgetriebenen" oder "globalen" Kapitalismus.

Zweitens: Unter ökonomischer Perspektive wird die Gesellschaft vor allem als Markt- und Erwerbsgesellschaft angesehen. Die wirtschaftliche Globalisierung, der Arbeitsmarkt, Erwerbsarbeit und Erwerbslosigkeit, erscheinen als die herausragenden Drehscheiben der ungleichen Zuteilung von Lebenschancen. Zugleich gelten sie auch als die Arenen, in denen sich bevorzugt Konflikte und krisenhafte Zuspitzungen entzünden.

Drittens: Dem Denkmodell der Klassengesellschaft entspricht das gegenwärtig wieder stärker favorisierte Bild einer vertikal-hierarchisch gegliederten Sozialstruktur, in welcher sich die Lebenschancen hinsichtlich Bildung, Einkommen, Vermögen und Lebenserwartung systematisch ungleich verteilen, so dass die Unterschiede zwischen den Schichten wieder an Bedeutung gewinnen.

Viertens: Die klassengesellschaftlichen Deutungsmuster korrespondieren mit den aktuellen dichotomen Bildern einer "polarisierten" oder "gespaltenen Gesellschaft", wie sie in der binären oben-unten-, arm-reich-, Gewinner-Verlierer- oder auch (exklusionstheoretischen) drinnen-draußen-Schematik zur Anwendung kommen. Gleiches gilt für den Blick auf die Asymmetrie des Machtverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit, das sich zumal in Zeiten der Aushöhlung kollektiver Tarifvereinbarungen, der Kurz- und Zeitarbeit und massenhafter Entlassungen als strukturelles Spannungsverhältnis beschreiben lässt.

Fünftens: Es korrespondiert mit der Schichtungs- und Klassenforschung in der Tradition von Karl Marx, Theodor Geiger und Pierre Bourdieu, wenn die fundamentalen Werte der Gleichheit und Gerechtigkeit, nach den Phasen postmoderner Beliebigkeit in der jüngeren Ungleichheitsforschung wieder als normative Bezugspunkte fungieren. Dieser Ausrichtung folgen die wieder verstärkt auf den "Bodensatz" der Gesellschaft - die Benachteiligten, spezifische Migrantenmilieus, die Überflüssigen, die Unterschichten, die Exkludierten oder das abgehängte Prekariat - gerichteten Ungleichheitsanalysen oder auch die sozialtheoretischen Debatten zu Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen.


Erdrutsch in der Selbstbeschreibung der Gesellschaft

Ob der Erdrutsch in der Selbstbeschreibung der Gesellschaft, wie er sich im Diskurs über die neue Klassengesellschaft ankündigt, Bestand hat, wird sich erweisen. Dies wird wohl auch davon abhängen, inwiefern es den neu gehandelten Ungleichheitskonzepten (Exklusion/Inklusion, Polarisierung, Desintegration) gelingt, die komplizierte Überlagerung der Ungleichheits-, Spaltungs- und Spannungslinien, die die Dynamik des spätmodernen Kapitalismus kennzeichnet, theoretisch aufzuschließen und analytisch zu durchdringen. Aber egal wie, die Zeichen der Zeit, allen voran die Globalisierung, der krisenhafte Umbruch des Wohlfahrtsstaats und der Arbeitswelt, werden die Neuorientierung der Ungleichheitsdebatte vorantreiben.


Thomas Meyer, (*1958) Privatdozent im Fachbereich 1/ Soziologie der Universität Siegen. Arbeitsschwerpunkte: Familien- und Sozialstrukturforschung.
meyer@soziologie.uni-siegen.de


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Quelle:
Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte Nr. 9/2009, S. 43-45
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Siegmar Gabriel, Klaus Harpprecht, Jürgen Kocka und Thomas Meyer
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veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Oktober 2009