Schattenblick →INFOPOOL →SOZIALWISSENSCHAFTEN → SOZIOLOGIE

FRAGEN/003: Geschwächter Zusammenhalt - Was Nachbarschaft in ethnisch heterogenen Regionen prägt (WZB)


WZB Mitteilungen - Nr. 135/März 2012
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Geschwächter Zusammenhalt
Was Nachbarschaft in ethnisch heterogenen Regionen prägt

Interview von Kerstin Schneider



Vertrauen ist der Schmierstoff, der demokratische Gesellschaften zusammenhält. Doch wie verändert sich das Vertrauen, wenn Menschen aus vielen Herkunftsländern zusammenleben? Ein Forschungsprojekt der WZB-Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung versucht Antworten darauf zu finden, wie ethnische Vielfalt mit sozialem Vertrauen und Zivilengagement in Deutschland zusammenhängt. Das groß angelegte Projekt, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde, umfasst neben Telefoninterviews mit über 10.000 Befragten auch experimentelle Feldversuche und qualitative Fallstudien an Grundschulen. Kerstin Schneider sprach mit dem Projektleiter Ruud Koopmans und Merlin Schaeffer, wissenschaftlicher Mitarbeiter, über die Ergebnisse.

Kerstin Schneider: Was ist das Besondere an Ihrem Forschungsprojekt?

Ruud Koopmans: Die meisten Studien, die sich mit Zuwanderern und deren Identifikation mit der Gesellschaft beschäftigen, fragen, wie gut Migranten integriert sind. Wir untersuchen Integration in Bezug auf das Engagement, die soziale Beteiligung und das Vertrauen der Migranten. Und wir schauen uns darüber hinaus an, welche Auswirkungen die durch Zuwanderung gestiegene ethnische Vielfalt auf die Gesamtgesellschaft hat. Integration wird also nicht nur als ein Problem von Migranten verstanden, sondern als eine Frage des Zusammenlebens allgemein, das auch die Einheimischen betrifft.

Kerstin Schneider: Welchen Einfluss hat Vertrauen auf die Gesellschaft?

Ruud Koopmans: Gesellschaften sind darauf angewiesen, dass Leute miteinander kooperieren und bereit sind, anderen zu vertrauen. Der Wohlfahrtsstaat beruht auf dem gegenseitigen Vertrauen zwischen den Bürgern und auf deren Bereitschaft, Mitmenschen etwas abzugeben und darauf zu bauen, dass sie diesen Beitrag nicht missbrauchen werden. Es gibt viele Studien, bislang allerdings nur sehr wenige in Europa, die gezeigt haben, dass in ethnisch vielfältigen Gesellschaften diese Bereitschaft, in das Gemeinwohl zu investieren und anderen zu vertrauen, geringer ausgebildet ist.

Kerstin Schneider: Je vielfältiger die Gesellschaft, desto geringer das Vertrauen. Zeigt Ihre Studie das jetzt auch für Deutschland?

Ruud Koopmans: Ja, wir haben herausgefunden, dass Menschen in ethnisch heterogenen Städten und Regionen wie Berlin oder Frankfurt ihren Mitmenschen weniger vertrauen als Menschen in ethnisch homogenen Gegenden - und das ist unabhängig von individuellen Merkmalen wie dem Bildungsniveau oder dem Beschäftigungsstatus.

Kerstin Schneider: Und das gilt sowohl für Menschen mit als auch ohne Migrationshintergrund?

Ruud Koopmans: Ja, das gilt für alle Menschen, die in ethnisch vielfältigen Regionen und Nachbarschaften leben.

Kerstin Schneider: Warum sinkt das Vertrauen bei ethnischer Vielfalt eigentlich?

Merlin Schaeffer: Viele Faktoren spielen eine Rolle. Es gibt Kommunikations- und Sprachprobleme; die Menschen haben Schwierigkeiten, sich miteinander zu verständigen. Auch die soziale Kontrolle und das nachbarschaftliche Verhältnis spielen eine Rolle: Pflegen die Menschen Kontakte miteinander und wissen sie, was ihre Nachbarn machen, oder kennen sie ihre Nachbarn nicht? Außerdem existieren in ethnisch vielfältigen Nachbarschaften unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie ein gemeinsames Zusammenleben überhaupt aussehen könnte. Das zeigt auch Anna Dunkel in ihrer Untersuchung des Elternengagements in Schulen [1]. Das macht es schwieriger, bei Auseinandersetzungen einen Kompromiss zu finden oder sich auf einen gemeinsamen Weg zu einigen. Und es spielen auch Vorurteile eine Rolle, die jedoch weniger ins Gewicht fallen als häufig angenommen.

Kerstin Schneider: Wie wird das Engagement beeinflusst?

Merlin Schaeffer: Beim Engagement ist unser Befund vielschichtiger. Tendenziell sinkt die Beteiligung in ethnisch vielfältigen Gemeinschaften. Wir haben aber zudem herausgefunden, dass Vertrauensdefizite Menschen auch mobilisieren, sich zu engagieren und zu versuchen, ihre Umgebung zu gestalten und zu verbessern.

Kerstin Schneider: Die Wahrnehmung von ethnischer Vielfalt spielt in Ihrer Studie eine große Rolle. Warum?

Ruud Koopmans: Der Einfluss der Wahrnehmung wurde in den bisherigen Studien nicht berücksichtigt. Wir haben die Leute gefragt, wie sie ihre Umgebung selbst wahrnehmen, und dann geschaut, ob diese Wahrnehmung, bezogen auf die Vielfalt von Sprachen, Werten, Normen und Einkommen, direkte Auswirkungen auf das Vertrauen hat. Das Ergebnis ist: Die subjektive Wahrnehmung ethnischer Vielfalt hat einen starken negativen Einfluss auf das Vertrauen. Das gilt vor allem für Menschen, die wenig Erfahrung mit kultureller Heterogenität haben.

Kerstin Schneider: Ein Teil Ihrer Studie bezieht sich auf die Integrationspolitik auf lokaler Ebene. Wie sind Sie da vorgegangen?

Ruud Koopmans: Um zu überpüfen, ob sich überhaupt eine Wirkung von integrationspolitischen Maßnahmen nachweisen lässt, haben wir zunächst verschiedene Indikatoren, also Merkmale der Integrationspolitik, erhoben. Dann haben wir geschaut, ob sie auf der lokalen Ebene Unterschiede im Vertrauen erklären können. Der Befund lautet: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen integrationspolitischen Maßnahmen und dem Vertrauen in ethnisch heterogenen Gesellschaften.

Kerstin Schneider: Welche Merkmale der Integrationspolitik haben Sie analysiert?

Merlin Schaeffer: Untersucht wurde, welche Parteien bei den letzten Kreiswahlen mit welchem Prozentsatz gewählt worden waren. Welchen Einfluss hat zum Beispiel die CDU, die eher für eine konservative Integrationspolitik steht, und welchen die Grünen, die eine multikulturell ausgerichtete Integrationspolitik verfolgen? Dann haben wir uns konkrete Maßnahmen angeschaut: Gibt es ein Integrationskonzept und wie lange schon? Existiert eine zentrale Verwaltungsstelle zur Koordination von Integrationsmaßnahmen? Wir haben auch die Einbürgerungsquoten analysiert. Außerdem haben wir die Wahlprogramme der Partei des amtierenden Bürgermeisters ausgewertet, um zu sehen, inwieweit darin das Thema Integration vorkommt.

Kerstin Schneider: Warum wirkt Integrationspolitik nicht auf Vertrauen, und was sollte sich ändern?

Ruud Koopmans: Das hat mit der schon erwähnten Wahrnehmung zu tun. Integrationskonzepte mögen gut gemeint sein, aber sie haben zur Folge, dass soziale Probleme damit ethnisch begründet werden. Mögliche positive Wirkungen eines Integrationskonzepts werden zunichte gemacht, weil das Vertrauen in Mitmenschen allein durch die Hervorhebung von Vielfalt negativ beeinflusst wird. Die wichtigste Handlungsempfehlung ist, dass die Politik eher zurückhaltend sein sollte, soziale Probleme als ethnische darzustellen.

Kerstin Schneider: Entsteht da nicht das Dilemma, dass man ethnische Vielfalt nicht als Problem darstellen will und sich dabei verkünstelt?

Ruud Koopmans: Erzwingen kann man diese Zurückhaltung natürlich nicht, aber die gut gemeinte Betonung von ethnischer Vielfalt ließe sich oft vermeiden, um Probleme nicht noch zuzuspitzen. Natürlich wissen viele Menschen, dass man Probleme verschärft, wenn man ethnische Vielfalt betont, wenn es etwa um Kriminalität oder Probleme in der Nachbarschaft geht. Als Ergebnis unserer Studie ist es nicht überraschend, dass ablehnende Aussagen über Vielfalt sich negativ auf das Vertrauen in heterogenen Gemeinschaften auswirken. Aber wir zeigen, dass sogar der bloße Hinweis auf ethnische Vielfalt in der Nachbarschaft sich schon negativ auf das Vertrauen untereinander auswirken kann - und das ist schon ein überraschender Befund. Es sollte Organisationen oder auch politische Parteien, die sich für eine offensive Förderung von Vielfalt einsetzen, zum Nachdenken bringen, ob es immer gut ist, den Faktor Vielfalt oder auch das Positive von Vielfalt im Sinne etwa von "Multikulti" hervorzuheben.

Merlin Schaeffer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung. Er erforscht das Zusammenleben in Einwanderungsgesellschaften, interethnische Kontakte und ethnische Ungleichheiten.
schaeffer@wzb.eu

Ruud Koopmans ist Direktor der Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung und Gastprofessor an der Abteilung Politikwissenschaft der Universität Amsterdam. Schwerpunkte seiner Forschung zur Migration und Integration sind der Zusammenhang zwischen Diversität und sozialer Kohäsion und die Determinanten und Wirkungen der Integrationspolitik im internationalen Vergeich.
koopmans@wzb.eu

[1]‍ ‍siehe im Schattenblick unter:
www.schattenblick.de → Infopool → Politik → Bildung → Schule
SCHULE/651: Schulen fällt es schwer, türkischstämmige Eltern zu erreichen (WZB)

*

Quelle:
WZB Mitteilungen Nr. 135, März 2012, Seite 16-18
Herausgeber:
Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung
Professorin Jutta Allmendinger Ph.D.
10785‍ ‍Berlin, Reichpietschufer 50
Tel.: 030/25 49 10, Fax: 030/25 49 16 84
Internet: http://www.wzb.eu
 
Die WZB-Mitteilungen erscheinen viermal im Jahr.
Der Bezug ist kostenlos.


veröffentlicht im Schattenblick zum 14. April 2012