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FRAGEN/002: Entscheidungen - Blicke in die Blackbox (Einblicke - Uni Oldenburg)


Einblicke - Forschungsmagazin der Universität Oldenburg
Nr. 53/Frühjahr 2011

Blicke in die Blackbox

Von Matthias Echterhagen


Wie laufen Entscheidungsprozesse in einem Gremium ab? Wie werden Alternativen geschaffen und wieder verworfen? Das Zentrum für Methoden der Sozialwissenschaften untersucht unter Laborbedingungen soziale Interaktionen, die zu Gruppenentscheidungen führen. Auch die Philosophie setzt sich mit der Frage nach Entscheidungen auseinander. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Bernhard Kittel und Prof. Dr. Mark Siebel über experimentelle Versuchsanordnungen, die Freiheit des Willens und die Manipulation von Entscheidungen.


Einblicke: Herr Kittel, Herr Siebel, was war heute Ihre erste Entscheidung?

Siebel: Ich stand vor dem Küchenschrank und fragte mich: Brot oder Müsli? Die Entscheidung fiel aufs Brot.

Kittel: Abgesehen von der Entscheidung, nicht liegen zu bleiben: Ich schaute nach meiner Tochter.

Einblicke: Lassen sich solche alltäglichen Entscheidungen in den Kontext Ihrer Wissenschaft einordnen?

Kittel: Meine Entscheidung war eine individuelle innerhalb eines sozialen Kontexts - normativ begründet einerseits durch die Institution von Ehe und Familie, geprägt andererseits durch den emotionalen Zusammenhalt in der Familie.

Siebel: Für Philosophen ist bedeutsam, was die Gründe für eine Entscheidung sind - ob es sich um gute Gründe handelt, die die Entscheidung rechtfertigen und sie somit rational machen. Dass Entscheidungen auf guten Gründen beruhen sollten, gilt für Alltagsentscheidungen nicht minder als zum Beispiel für die Entscheidung für eine wissenschaftliche Theorie.

Einblicke: Welche Faktoren tragen dazu bei, dass wir uns für eine bestimmte wissenschaftliche Theorie entscheiden und für die andere nicht?

Siebel: In das Entscheidungsverhalten spielen nicht selten Faktoren hinein, die so mancher Wissenschaftsphilosoph als irrational ansieht. Dazu gehört auch die soziale Gruppe: Was sagen die Kollegen, wofür haben sie sich entschieden? Aber den Philosophen interessiert die normative Seite sehr viel mehr als die deskriptive: Warum sollten wir uns für eine bestimmte wissenschaftliche Theorie entscheiden? Anscheinend auf Basis der verfügbaren Daten, also etwa experimenteller Ergebnisse. Die Frage ist dann: Sprechen diese Daten für diese Theorie oder jene? Für welche sprechen sie stärker?

Einblicke: Herr Kittel, Daten und experimentelle Ergebnisse herstellen - genau das tun Sie, zum Beispiel in dem Forschungsprojekt "Entscheidungsprozesse in politischen Gremien".

Kittel: Ja, wir untersuchen Mechanismen der kollektiven Entscheidungsfindung. Dabei gilt es herauszufinden, wie Beschlüsse gefasst werden, welche institutionellen Faktoren die Entscheidung wie präformieren oder wie Entscheidungsalternativen geschaffen und im Gang der Entscheidungsfindung wieder verworfen werden. Die Experimente erlauben uns, in die Blackbox von Gruppenentscheidungen hineinzusehen. Das wäre in empirischer Forschung im üblichen Sinne nicht möglich. Wer kann schon in ein Gremium hineingehen und dort die Entscheidungsprozesse beobachten? Und selbst wenn er es könnte, wüsste er nicht, was die Absprachen sind, die vorher getroffen wurden und das Ergebnis des Gremiums beeinflussen. Wir konzentrieren uns auf die Prozesse, die im Gremium selber stattfinden.

Einblicke: Wie sind die Laborbedingungen beschaffen, unter denen Sie sich diese Entscheidungsprozesse ansehen?

Kittel: Die Plätze in unserem Labor sind mit Schirmen voneinander abgetrennt. Man kennt sich nicht, nicht einmal der Gesichtsausdruck einer anderen Versuchsperson ist zu sehen. Kommuniziert wird ausschließlich über Chat.

Einblicke: Dann schalten Sie soziale Faktoren aus, die Entscheidungen ansonsten mit beeinflussen?

Kittel: Ja, wir konzentrieren uns ganz darauf, inwiefern die Versuchsanordnung - das sogenannte Treatment - den Entscheidungsprozess beeinflusst. Die gesamte Kommunikation im Experiment wird aufgezeichnet, sämtliche Schreibvorgänge mit genauer Sekundenangabe erfasst - so erhalten wir ein komplettes Transkript der sozialen Prozesse, die zu einer Entscheidung führen.

Einblicke: Wie genau ist so ein Treatment aufgebaut?

Kittel: Nehmen wir unser jüngstes Experiment. Aufgabe war die Bestimmung eines Steuersatzes, der eine leistungsabhängige Anfangsausstattung innerhalb der Gruppe umverteilt. Wer in einem Quiz viel geleistet hat, bekommt mehr als derjenige, der viele Fehler gemacht hat. Dann bilden wir Dreiergruppen: Es gibt einen, der am meisten hat, einer liegt in der Mitte und einer hat weniger. Im anderen Treatment werden die Punkte so verteilt, dass der Erste viel bekommt und der Zweite gleich wenig wie der Dritte. Hierdurch wird eine Interessenkoalition zwischen dem Zweiten und dem Dritten erzeugt. Solche Treatments verschneiden wir dann mit Entscheidungsregeln: zum Beispiel Mehrheit oder Einstimmigkeit.

Einblicke: Was passiert unter der Mehrheitsregel?

Kittel: Bei einer symmetrischen Anfangsverteilung koaliert der Mittlere, für den sich durch Umverteilung nichts ändert, mit dem "Reichen" oder mit dem "Armen". Der Mittlere entscheidet also nicht auf Basis seiner materiellen Interessen, sondern auf Basis normativer Vorstellungen: Honoriert er die Leistungen desjenigen, der auf eins ist, oder optiert er für eine Gleichverteilung, also Egalität der Endausstattung? Wir sehen im Ergebnis, dass sich die Hälfte der Probanden für die Anerkennung des Leistungsprinzips entscheidet, die andere Hälfte für die Anerkennung des Egalitätsprinzips. Bei asymmetrischer Verteilung der Anfangsausstattung entsteht in der Regel eine Koalition der "Armen". Diese beschließen fast ausnahmslos eine komplette Umverteilung und lehnen damit das Leistungsprinzip ab.

Siebel: Wobei man aus philosophisch-normativer Sicht prüfen müsste, ob sich diese Ergebnisse mit Hilfe der Entscheidungs- und Spieltheorie erklären lassen. Wenn nicht, entsteht die Frage, ob sich die Versuchspersonen irrational verhalten oder ob die Entscheidungs- und Spieltheorie einen zu eingeschränkten Rationalitätsstandard bietet.

Einblicke: Herr Siebel, inwiefern kann ich bei Entscheidungen - ob herbeigeführt im Versuchslabor oder in realen Gruppenprozessen - von der philosophisch viel diskutierten Freiheit des Willens sprechen?

Siebel: In dieser Frage hat die Neurowissenschaft für heiße Debatten gesorgt: zum Beispiel, wenn einige meinen, alles sei neurologisch determiniert. Wenn Handlungsentscheidungen nicht frei sind, dann sind wir auf den ersten Blick nicht moralisch verantwortlich für unsere Handlungen - was tief greifende Folgen für unser Strafrecht hätte.

Einblicke: Inwieweit schließt die Determiniertheit von Willensentscheidungen aus, dass man für seine Handlung moralisch verantwortlich ist?

Siebel: Die Diskussion darum geht weit zurück. Wie zuvor schon David Hume hat Moritz Schlick, der Begründer des Wiener Kreises, argumentiert, dass Determiniertheit und Willensfreiheit durchaus zusammenpassen. Es seien zwei vollkommen verschiedene Dinge, ob mich die Naturgesetze zu etwas zwingen oder ob ich mit einer Pistole an der Schläfe oder durch Drogenmanipulation zu einer bestimmten Handlung gezwungen werde. In der heutigen Diskussion werden nicht selten verschiedene Begriffe von Determiniertheit und Willensfreiheit zusammengeworfen. Der Philosoph kann hier durch Begriffsanalyse helfen. Welche verschiedenen Begriffe von Determiniertheit und Willensfreiheit habe ich? Ist darunter ein Begriff, der erlaubt, dass es eine Determiniertheit im Sinne der Neurowissenschaft gibt, ohne dabei die moralische Verantwortung auszublenden?

Kittel: Manipulation des Gehirns ist im Kontext von menschlichen Entscheidungen in der Tat ein wichtiges Stichwort. Es gab neuroökonomische Experimente, in denen die Verabreichung von Oxytocin das Entscheidungsverhalten verändert hat. Diejenigen, die das Hormon bekommen haben, verhielten sich wesentlich vertrauensvoller und impulsiver. Kurz darauf wurde am amerikanischen Immobilienmarkt für genau dieses Hormon geworben. Man könne dies gut in einem zum Verkauf stehenden Haus verstäuben, war die Begründung - mit Verweis auf den wissenschaftlichen Test.

Einblicke: Wirft das einen Schatten auf die experimentelle Sozialwissenschaft selbst?

Kittel: Nein. Das Verfahren zur Erkenntnis selbst halte ich für unproblematisch. Hier haben Wissenschaftler, die der neuronalen Basis des individuellen Entscheidens auf der Spur waren, eine Idee geprüft, dabei aber die potenziellen gesellschaftlichen Konsequenzen nicht gesehen. Natürlich kommen wir hier an die Grenze dessen, was Wissenschaftler ethisch verantworten können. Und es gibt immer jemanden, der diese Grenze überschreitet. Den Hormonversuch halte ich jedenfalls für den Moment, in dem die Verhaltensökonomie ihre Unschuld verloren hat. Mit den Untersuchungen zu Gruppenentscheidungen, die wir an der Universität Oldenburg verfolgen, hat dies aber nichts zu tun.


ZU DEN PERSONEN

Prof. Dr. Bernhard Kittel ist seit 2006 Hochschullehrer für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Oldenburg. Von 2008 bis 2010 war er Dekan der Fakultät Bildungs- und Sozialwissenschaften. Kittel studierte Politikwissenschaft in Wien, wo er 1995 auch promovierte. An der University of Essex (Großbritannien) erwarb er 2000 den Master of Arts "Social Science Data Analysis". Kittel war Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Wien, Stipendiat am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, Juniorprofessor für Sozialpolitik an der Universität Bremen und Professor an der Universiteit van Amsterdam, bevor er 2006 den Ruf an die Universität Oldenburg annahm. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die experimentelle Politikforschung, die Methodologie makrovergleichender Forschung und Fragen im Schnittfeld von politischer Soziologie und politischer Ökonomie.

Prof. Dr. Mark Siebel hat den Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Universität Oldenburg inne. Siebel studierte Philosophie, Physik, Geschichte der Naturwissenschaften und Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, wo er 1998 promovierte und Postdoktorand im Graduiertenkolleg Kognitionswissenschaft war. Eine Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in zwei DFG-geförderten Projekten an der Universität Leipzig und Assistenzvertretungen am dortigen Institut für Philosophie schlossen sich an. 2001 übernahm Siebel Lehraufträge am Institut für Philosophie der Universität Bern. Er ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Analytische Philosophie (GAP). Die GAP gehört mit mehr als 1.000 Mitgliedern zu den größten philosophischen Vereinigungen Deutschlands. In der Forschung beschäftigt sich Siebel mit der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, der Philosophie der Sprache und des Geistes, der Logik und den Ursprüngen der Analytischen Philosophie.


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Quelle:
Einblicke Nr. 53, 26. Jahrgang, Frühjahr 2011, Seite 16-19
Herausgeber: Das Präsidium der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Presse & Kommunikation:
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veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Juni 2011