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BERICHT/047: Die Enkel der Frankfurter Schule - konstruktive Brüche ... (SB)



Wettbewerb statt Dienst am Mitmenschen oder die ökonomistische Transformation einer Kulturinstitution - Zum Vortrag von Jürgen Hardt ("Psychoanalyse im Widerstreit") auf dem Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) vom 8. bis 11. März 2018 in Berlin

Wenn Psychotherapie in gesellschaftlichen Zusammenhängen instrumentalisiert wird.

Jedes Individuum ist heute zu Gesundheit, zum Selfcontrolling und zum Selfenhancement verpflichtet. Wer trotzdem krank wird, muss sich eingestehen, dass etwas mit ihm nicht stimmt - entweder von Geburt an aufgrund seiner genetischen Ausstattung, wegen unangemessenen Konsums von Suchtstoffen oder weil er schlicht seiner Pflicht zur Prävention und Optimierung seiner Kondition nicht nachgekommen ist.

Dieses Denken hat sich im Verlauf der zurückliegenden 20 Jahre durchgesetzt. Die gemeinschaftliche Krankenversorgung - mit christlicher Verpflichtung und gewerkschaftlicher Solidarität - ist durch einen entfesselten Gesundheitsmarkt abgelöst worden. Das hatte bei der Ankündigung der Gesundheitsreform Anfang der 1990er Jahre noch ganz anders geklungen. Da war von dem Ziel die Rede, das solidarische Gesundheitswesen zu erhalten. Weil aber letztlich die Finanzierung im Mittelpunkt der Reformen stand, kam es anders. Der letzte Akt des Umbaus, das sogenannte "Wettbewerbsstärkungsgesetz im Gesundheitswesen", vollendete die ökonomistische Transformation der ehemals solidarischen Kulturinstitution. Eigennutz und Wettbewerb traten an die Stelle vom Dienst am Mitmenschen. Damit haben methodischer Individualismus und ideologischer Antikollektivismus neoliberaler Prägung einen weiteren Sieg errungen.


Psychoanalyse wird zum Auslaufmodell

Für die Psychotherapie im Allgemeinen und die Psychoanalyse im Besonderen bedeutet das: Sie soll ihre Leistungen im Wettbewerb anbieten, soll um Aufmerksamkeit und Gunst von Kunden buhlen, sich nach deren Geschmack ausrichten. Das bedeutet, in möglichst kurzer Zeit starke Wirkung zu erzielen. Die Analyse als grundlegendes Verfahren, bei welchem der Sinn der Symptome behandelt wird, Symptome nicht als bloße Störung angesehen werden, ist fast völlig vom Markt verschwunden. Geblieben sind relativ kurz terminierte tiefenpsychologisch fundierte analytische Behandlungen.

Schuld daran ist ein Kulturwandel. Wir sind in der zweiten Postmoderne angekommen. Die Werte der Aufklärung wie die Selbstbefreiung des Subjekts, spielen kaum mehr eine Rolle. Es geht darum, rasch wieder fit zu sein für den Arbeitsmarkt. Nach dem Sinn der Symptome zu fragen, danach, welche Funktion die Störung im seelischen Getriebe hat, das dauert bei dieser Vorgabe viel zu lang; auch wenn die größere Nachhaltigkeit dieser analytischen Vorgehensweise bewiesen ist.

Auch wenn sich der Verdacht aufdrängen könnte, dass dafür vor allem finanzielle Gründe verantwortlich sind, griffe dieses Urteil zu kurz. Es geht um einen gesellschaftlichen Prozess. Dieser hat Bewertungsmechanismen und -kriterien hervorgebracht, die eine wirkliche Psychoanalyse unmöglich machen. Bei dieser kann es vorübergehend sogar zu einer Verschlimmerung der Symptomatik kommen. Es gibt Belege dafür, dass das in manchen Fällen sein muss. Aber heute steht die kurzfristige Beseitigung der Symptomatik im Vordergrund, egal, ob das Symptom vielleicht für etwas ganz anderes steht, was unter Zeitdruck nie offengelegt werden kann. Auch wenn dadurch unter Umständen nach einiger Zeit eine erneute Behandlung erforderlich wird.


Keine Muße - keine Räume: Patienten müssen
funktionieren

Die Ausbildungsangebote für Psychotherapeuten folgen der gleichen Logik. Psychoanalyse ist an deutschen Universitäten und Hochschulen deutlich unterrepräsentiert, die Anzahl der Auszubildenden geht mangels Lehrangeboten stark zurück. Die Leidtragenden sind jedoch vor allem die Patienten. Wenn man sich die Symptomatiken ansieht, wird deutlich, dass die meisten psychischen Symptomatiken auf den Bedarf einer Pause im gesellschaftlichen Verwertungsprozess hindeuten. Die Psychoanalyse erlaubte ihnen, aus diesem Prozess herauszugehen. Jetzt stehen sie unter enormem Druck, ihre Störung möglichst rasch behandeln zu lassen und wieder in den Prozess einzusteigen. Sie müssen wieder funktionieren. Man lässt ihnen keine Muße und keine Räume, in denen sie wirklich gesund werden können.

Das betrifft ambulante genauso wie stationäre Behandlungen. Auch in den Kliniken wird die Verweildauer immer mehr verkürzt. Das ist verheerend und wird nicht nur von Psychoanalytikern beklagt. Das System will innerhalb kurzer Zeit Effekte erreichen. Aber seelische Veränderungen brauchen Zeit. Krankenkassen und Gesundheitspolitiker widersprechen dem mit dem Hinweis auf andere Verfahren und Kurzzeittherapien, die allem Anschein nach auch erfolgreich sind. Dort, wo sie passen, ist nichts gegen sie zu sagen. Fachleute wie Jürgen Hardt warnen nur davor zu glauben, dass eine z.B. durch formelhafte Vorsatzbildung(*) erreichte Besserung dauerhaft anhält. Beim Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie in Berlin vom 8. bis 11. März will er deshalb dazu aufrufen, dass sich die Psychoanalyse unter diesen Rahmenbedingungen neu bestimmt. "Mir ist bewusst, dass auch psychoanalytisch arbeitende Therapeuten ihr Brot verdienen müssen. Sie sind damit zu bestimmten Anpassungen gezwungen. Das wissenschaftliche und aufklärende Projekt der Psychoanalyse muss jedoch auf Distanz gehen zu den angesprochenen Verwertungszusammenhängen. Es muss eine kulturkritische Position einnehmen, wie sie bei Freud bereits angelegt ist. Die Besinnung auf sein Spätwerk ist angesagt."

Von den praktisch tätigen Psychotherapeuten erwartet Hardt, dass sie sich mindestens fragen, welche Funktion Psychotherapie in unserer Zeit hat. Genau das tut nach seinen Worten die Neue Gesellschaft für Psychologie im Unterschied zu anderen noch immer. Sie habe an der vor Jahren unter Psychologen vereinbarten Position festgehalten, wonach Psychotherapie sich hüten muss, in gesellschaftlichen Zusammenhängen funktionalisiert zu werden. "Aber genau das geschieht, so wie Friedrich August von Hayek, der Vordenker des Neoliberalismus, es sich bereits vor 70 Jahren ausgemalt hat: ,Wir müssen uns der Intellektuellen bedienen', so seine Vorstellung. ,Sie sind die Händler unserer Ideen auf dem Meinungsmarkt'." Mit ihrer Hilfe bringen wir, so sagte er sinngemäß, unsere Thesen als Selbstverständlichkeiten auf den Markt.

Die notwendige Diskussion über die gesellschaftlichen Folgen des Neoliberalismus, die schon ab 1970/ 80 vorherzusehen waren fand nicht statt. Und so erfüllte sich Hayeks Prognose ohne intellektuellen Widerstand. Es gab warnende Stimmen, aber sie wurden Habermas folgend dem neokonservativem Verrat an den fortschrittlichen Zielen der Moderne zugeschlagen. Diese kulturelle Transformation hat in den technisch fortgeschrittenen Gesellschaften nicht nur alle Lebensbereiche, sondern auch das Denken, die Subjekte und die Diskursregeln usurpiert.

Wenn Hardts Vortrag beim Kongress dennoch den Titel "Psychoanalyse im Widerstreit" trägt, dann weil es nach seiner Überzeugung dazu keine Alternative gibt. "Wenn wir an der Meinung festhalten, dass es andere Werte, eine andere Logik als die herrschende gibt, geben muss, um ,ehrenhaft' zu denken und zu leben, bleibt nur der Widerstreit; der von Lyotard als notwendige Haltung in der Gegenwehr gegen Totalitarismen mit ihren inhumanen Folgen bezeichnet worden ist. Wir dürften nicht dauernd bemüht um Konsens sein, sagte er, weil der Diskurs meistens von mächtigeren Interessen dominiert wird. Stattdessen müssten wir immer darauf achten, wo es Differenzen gibt. Diese dürften wir nicht einbügeln, sondern müssten sie pflegen. Konsens sei immer nur eine vorübergehende Befriedung von grundlegenden Unterschieden - siehe Koalitionen in der Politik."

Psychoanalytiker müssten nicht darauf aus sein, mittels eines Effizienzbeweises anerkannt zu werden, sondern wir müssten aussprechen, dass sie grundlegend andere Ideen haben. "Wir meinen: Menschen sind gesund, wenn sie innerlich freier sind, wenn sie sich ihren inneren Bedürfnissen stellen können und die Erfordernisse der Realität anerkennen können. Dann haben sie die Chance gesünder zu sein."

(*) Formelhafte Vorsätze sind kurze, positiv formulierte Affirmationen, die darauf abzielen, unser Denken und Handeln gezielt und dauerhaft zu beeinflussen. Menschen, die sehr geräuschempfindlich sind, üben beispielsweise mit der Formel "Jedes Geräusch vertieft die Entspannung". Bei Neigung zu Kopfschmerzen und Verspannungen kann eine Formel wie "Nacken ist entspannt und angenehm warm" Linderung verschaffen. Verwenden wir solche Affirmationen im Wachzustand, so sind diese in der Regel nicht nachhaltig wirksam. Denn unser Verstand bewacht den Zugang zu unserem Unterbewusstsein und sortiert die Affirmation als unnütz oder unrealistisch aus.

27. Februar 2018


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