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BERICHT/043: Digitaldilemma - Kompaß und Wissen ... (SB)


Zum Landestag der Psychologie 2017 am 8. Juli in Stuttgart (*)


"Beziehung 4.0 - macht Digitalisierung alles besser?"

Die Digitalisierung bietet viele Vorteile im Alltagsleben, erleichtert manche Arbeitsprozesse und ermöglicht neue Kooperationsformen. Die gesellschaftlichen und zivilisatorischen Effekte des Einsatzes der IT-Technologien weit über die Arbeitswelt hinaus sind dennoch mindestens ambivalent. Was geschieht mit unserem Erleben und Verhalten, was mit unseren Beziehungen in unterschiedlichen Kontexten? Sind wir im Prozess dieser rasanten Entwicklung Ausgelieferte oder Gestaltende? Unter dem Titel "Beziehung 4.0 - macht Digitalisierung alles besser?" wurde beim diesjährigen Landestag der Psychologie in Stuttgart am 8. Juli 2017 über diese und weitere Fragen diskutiert.

Weit hinein in die Privatsphäre führte Prof. Christiane Eichenberg aus Wien mit ihrem Workshop "Vom Online-Dating bis zur Online-Scheidung", in dem sie aus der Sicht der Forscherin und Praktikerin auf veränderte Paar- und Familienbeziehungen mit all ihren Chancen und evtl. Problemen einging. [1]

Aus gesundheitspsychologischer Sicht appellierte Julia Scharnhorst in ihren Workshops, sehr genau hinzuschauen, wie sich eine intensivierte Reproduktionsdynamik im Wirtschaftsleben auf die eigene Gesundheit auswirkt, welchen Zwängen und Normierungen Menschen im Arbeitsprozess ausgesetzt werden bis hin zum permanenten Funktionieren. Sie beobachtet nicht ohne Sorge, wie sich eine Mehrheit mit vermeintlichen Sachzwängen abfindet oder sich jedenfalls nicht dagegen wehrt. [2]

Dr. Thomas Moldzio widmete sich den Chancen, die Digitalisierung und höhere Produktivität für Führungstätigkeiten in reduzierter Arbeitszeit mit sich bringen. Hier begegnen sich Bedarfe u.a. nach mehr Zeit für die Familie, zu pflegende Angehörige oder für die eigene Weiterbildung und Möglichkeiten neuer Arbeitszeitmodelle wie FIRA (= Führung in reduzierter Arbeitszeit). [3]

Ganz andere Optionen entstehen für psychotherapeutische Interventionen. Online-Therapie, die jahrzehntelang als undenkbar oder mindestens suspekt galt, hat sich inzwischen bei einigen Erkrankungen durchaus bewährt. Einsatzmöglichkeiten entwickeln sich rasch weiter. Zwei Referentinnen von der Universität Ulm - Eileen Bendig und Ann-Marie Küchler - benannten Anwendungsbereiche, sprachen über Wirksamkeit, präsentierten Erkenntnisse aus der Forschung und lieferten Psychotherapeutinnen und -therapeuten eine bessere Orientierung auf diesem bisweilen unübersichtlich anmutenden Markt von Präventions- und Heilungsangeboten. [4]

Den "Berufsethischen Herausforderungen in einer digitalisierten Welt" stellte sich Fredi Lang, Referent für Fachpolitik des BDP, und ging in seinem Workshop auf die Medienkompetenz von Psychologen und Psychotherapeuten als Teil berufsethischer Pflichten ebenso ein wie auf mögliche Konflikte zwischen individueller Ethik und berufsethischer Verpflichtung. [5]


(*) Veranstalter der Tagung "Beziehung 4.0 - macht Digitalisierung alles besser?" ist die Landesgruppe Baden-Württemberg des Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)
http://www.bdp-bw.de/aktuell/2017/2017_ltp_ueberblick_wsinfos.html


Fußnoten:

[1] INTERVIEW/039: Digitaldilemma - Online-Beziehungslotterie ...    Prof. Dr. Christiane Eichenberg im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/sozial/report/sori0039.html

[2] BERICHT/044: Digitaldilemma - Die Smartphone Verfügbarkeit ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/sozial/report/sorb0044.html

[3] BERICHT/045: Digitaldilemma - Laptopzeiten ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/sozial/report/sorb0045.html

[4] INTERVIEW/040: Digitaldilemma - Ein- und Übersichten zu Online-Therapien ...    Eileen Bendig im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/sozial/report/sori0040.html

[5] INTERVIEW/041: Digitaldilemma - Zeitgemäße Ethikkompetenzen ...    Fredi Lang im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/sozial/report/sori0041.html

8. Juli 2017


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