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BERICHT/038: Überraschung inbegriffen - der Wunsch nach Antworten ... (SB)


Wie einst in den 1930er Jahren ...?
Die Attraktivität des Rechtspopulismus und die von ihm ausgehenden Gefahren

Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) vom 9. bis 12 März 2017 in Berlin: "Gesellschaftliche Spaltungen - Erfahrung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit"


"Wie Untote, Zombies, Wiedergänger aus der Vergangenheit, kehren längst überkommen geglaubte Kategorien, Denkmuster, eine Rhetorik und ein Vokabular aus Zeiten des Nationalsozialismus zurück. Im öffentlichen Diskurs breiten sich ungehemmt Hass, Hetze und Diskriminierung als legitime Arten des Sprechens aus. Auf diesem Nährboden folgen Gedanken und Worten bald Taten." Diese Sätze stammen aus dem an der Berliner Schaubühne aufgeführten Stück "Fear" von Falk Richter. Die Taten sind längst gefolgt, die Flüchtlingsheime haben gebrannt, als Gegenstück zur Willkommenskultur hat sich eine geradezu hysterische Anti-Flüchtlings-Phalanx entwickelt und eine vor wenigen Jahren noch unvorstellbare Politik der Abschottung durchgesetzt. In ihrem Ergebnis sterben mehr Menschen im Mittelmeer oder werden unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lager verfrachtet. Wie konnte es aus psychologischer und psychoanalytischer Sicht dazu kommen? Gedanken dazu präsentierte die Diplompsychologin, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin Dr. Almuth Bruder-Bezzel beim Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie zum Thema "Gesellschaftliche Spaltungen - Erfahrung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit" im März in Berlin.

Der Soziologe Klaus Dörre unterscheidet drei verschiedene Rechtsorientierungen und weist diese drei Schichten/Gruppen zu: Unter Arbeitslosen und prekär Lebenden (Rebellische Orientierung) dient das Feindbild des Fremden Dörre zufolge dazu, die eigene Zugehörigkeit zu konstruieren. Es wirke identitätsbildend und hebe ihr Selbstbewusstsein. Die gut integrierten Beschäftigten, aber auch die, die von Abstieg und Abstiegsängsten bedroht sind (Konservierende Rechtsorientierung) versuchten, ihre eigene soziale Position mit Ressentiments zu verteidigen und zu konkurrieren. Leute in höheren beruflichen Positionen, die sogenannten "Leistungsträger" (Konformistische Orientierung), forderten eine nahtlose Überanpassung und Integration an vorgegebene Leistungsnormen und an die dominante Kultur.

Almuth Bruder-Bezzel folgt ihm, was die Unterscheidung angeht und ergänzt sie aus der Perspektive ihrer Profession. Rechtspopulistische Bewegungen sind, so die These von Bruder-Bezzel, psychologisch gesehen eine kollektive Verarbeitung ökonomischer und politischer Faktoren, die sich besonders in krisenhaften Lebenslagen auswirken. An erster Stelle stehe dabei in Deutschland heute nicht die Flüchtlingsfrage. Vielmehr gehe es um Sozialabbau, prekäre Arbeitsverhältnisse und das Ausgeliefertsein durch eine angeblich "alternativlose" Politik. Dies werde derzeit dadurch bestätigt, dass Martin Schulz (SPD) - indem er die soziale Gerechtigkeit ins Zentrum rückt - Zuspruch für seine Partei gewinnt.

"Anders gesagt: Die in den empirischen Umfragen ermittelten Werte eines autoritären Syndroms, das evtl. als autoritäre Persönlichkeitsstruktur verfestigt ist, bauen sich aus den Frustrationen und den Erfahrungen im Laufe eines Lebens auf und setzen psychologische (Abwehr-)Mechanismen in Gang. Politische Bewegungen wie die rechtspopulistische sind deshalb m.E. nicht nur als Ergebnis individueller und innerpsychischer Prozesse zu sehen, sondern als kollektive Verarbeitung äußerer Faktoren." Dieser Ansatz steht in gewissem Maß den klassisch freudianischen, entwicklungspsychologischen Ansätzen entgegen, in denen äußere Faktoren bestenfalls als Randphänomene vorkommen. Exemplarisch nennt Bruder-Bezzel zwei aktuelle Aufsätze zum "Inneren Rassismus" von F. Davids und Fremdenfeindlichkeit von Thomas Auchter (Psyche 2016). In beiden Fällen gehe es um archaische, nicht mehr hinterfragbare, "natürliche" Angst vor Fremden oder Ablehnung des Fremden, und nicht darum, ob und was im Sinn von Abwehr dahinter stehen könnte.

Beide Autoren versuchten, Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus individuell (innerpsychisch) in der frühgebildeten Psyche zu verankern - ohne kollektiven, intersubjektiven Kontext. "Beide psychologisieren und naturalisieren Rassismus, als seien sie universelle, natürliche menschliche Erscheinungen. Dass sogenannte primäre Ängste (Angst vor Fremden, vor neuen Situationen etc., die nicht abzustreiten sind) einen Erklärungswert haben für das Aufkommen kollektiver, erwachsener Fremdenfeindlichkeit oder Fundamentalismen, wie wir sie heute erleben, scheint mir sehr fragwürdig."

Für die Entstehung des autoritären Syndroms als Verarbeitung äußerer Faktoren spielen Bruder-Bezzel zufolge die klassischen autoritären familiären oder gesellschaftlichen Unterdrückungsmechanismen, Unterwerfungszwänge, die Anpassung, der Konformismus, die autoritäre Kette des Von-oben-nach-unten-Tretens, zwar weiter eine Rolle; sie seien aber nicht mehr so ausgeprägt. Daher hält sie heute Faktoren, die das narzisstische Gleichgewicht labilisieren, wie Erfahrung von existentiellen Unsicherheiten, Deprivation, Erfahrung sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit sowie gesellschaftlich vermittelte narzisstische Kränkungen für gewichtiger. Kompensatorisch sei als Reaktion darauf eine Sehnsucht nach Erlösung durch die Verschmelzung in einer idealisierten Gemeinschaft entstanden, die aus der individuellen Wut eine gemeinsame Erfahrung macht, sie aus der gesellschaftlichen Isolation herausholt und ein exkludierendes "Wir" schafft. Es würden Zugehörigkeiten und Gemeinsamkeiten wie Nation, Volk, Familie, Religion konstruiert, die eine aggressive Innen/Außen-Trennung fördern, die Mitglieder idealisieren und binden, andere dagegen abwerten.

Solche Gemeinschaften sind nach Ansicht von Bruder-Bezzel besonders anziehend für Menschen mit geringem Selbstbewusstsein oder mit Isolationsgefühlen. Sie versprechen das wärmende Gefühl der Zugehörigkeit oder Aufstieg und Geltung. Sie böten aber auch den Rahmen für eine neue Art rechter Jugendkultur, die es Jugendlichen erlaubt, ihren Protest überhaupt artikulieren zu können.

Die Form des Auftretens der Rechtspopulisten ist für Bruder-Bezzel mindestens so wichtig wie die Inhalte, für die sie stehen. "Sie kommen provokant daher und versprechen damit indirekt Stärke und Zusammenhalt in der Gemeinschaft sowie die Überwindung von Ohnmachtsgefühlen und enttäuschter Wut auf die Oberen." Der Abwertung anderer Ethnien sowie dem Hass auf Eliten und Minderheiten stehen Bruder-Bezzel zufolge Konzepte der Zugehörigkeit zur völkischen Gemeinschaft als der Gemeinschaft der angeblich Gleichen gegenüber. "Sie führen einen Kulturkampf von rechts und verstehen sich als Widerstandsbewegung und als Fundamentalopposition, was sie u.a. wegen ihrer ökonomisch neoliberalen Ausrichtung nicht sind." Die Rechtspopulisten lockten einen Teil der prekär Beschäftigten und Arbeitslosen, fänden aber auch Anklang bei einer stark verunsicherten Mittelschicht, Akademikern mit befristeten Arbeitsverträgen und anderen, denen sie durch vage ideologische Verheißungen ein Ventil lieferten.

Auch die Idee der Volkssouveränität (Bürger an die Macht!) richtet sich aus Bruder-Bezzels Sicht gegen Bevormundung, stärkt das Selbstbewusstsein und das Zusammengehörigkeitsgefühl, das viele vermissten. Konsequent baue die AfD deshalb auf das anrührende Trugbild heiler nationaler Gemeinschaften, die sich gegen Eindringlinge zur Wehr setzen. Bruder-Bezzel fühlt sich dabei an den Sozialpsychologen und Romancier Manes Sperber und seine 1937 vorgenommene Analyse der Ursachen für die Herausbildung einer faschistischen Anhängerschaft erinnert. "Sperber nannte damals ähnliche Bedingungen wie ich sie heute sehe: mangelnde Lebensfreude (Entfremdung); die Arbeitslast sowie Arbeit, die nicht gewollt und gewählt ist. Er beklagte die fehlenden Chancen zu gesellschaftlicher Anerkennung, das Gefühl der Minderwertigkeit bzw. des Überflüssig-Seins. Und schließlich sprach er von der ,mangelnden Fähigkeit, gesellschaftliche Vorgänge zu erkennen, woraus die Bereitschaft resultiere, sich auf vereinfachende Erklärungen und Lösungsversprechen einzulassen', wie sie heute u.a. die AfD für noch viel komplexere gesellschaftliche Prozesse liefert."

14. März 2017


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