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RATGEBER/046: Was machen Singles am Sonntag? (welt der frau)


welt der frau 10/2008 - Die österreichische Frauenzeitschrift

Was machen Singles am Sonntag?
Am Sonntag werden Singles leicht mit ihrem Alleinsein konfrontiert.
Aber die Wochenenddepression muss nicht sein.

Von Eleonore Bayer


"Der Sonntag ist furchtbar. Unter der Woche macht mir ja das Alleinsein weniger, da kann ich noch malen oder Kerzen verzieren, aber am Wochenende werde ich vor dem Fernseher immer so traurig, denn am Sonntag war früher immer etwas los, da war ich nie allein. " Maria, 94 Jahre alt, lebt zwar schon mehr als 30 Jahre allein in ihrer kleinen Wohnung in Wien, aber erst jetzt im hohen Alter kämpft sie seit einigen Jahren mit der Einsamkeit. "Meine Freundinnen und Bekannten sind schon alle gestorben. Die Kinder und Enkel sind am Wochenende unterwegs. Was soll ich denn dann machen?"

Eine Frage, die jedoch nicht nur alte, alleinstehende Menschen am Wochenende plagt, sondern immer mehr jüngere Leute. Vor allem alleinstehende Frauen zwischen 40 und 50 Jahren rufen dann in ihrer Not am Sonntag vermehrt bei der Telefonseelsorge an. "Wir spüren deutlich, dass Vereinsamung und mangelnde Kontakte zunehmen", berichtet Monika Repolust von der Telefonseelsorge der Erzdiözese Salzburg.


Angst vor Einsamkeit

Auch Mag.a Bettina Zehetner, psychosoziale Beraterin bei "Frauen beraten Frauen" in Wien, beobachtet diesen Trend. "Viele Frauen erzählen im Beratungsgespräch von ihrer Einsamkeit oder ihrer Angst davor. Manchmal ist die Angst vor Einsamkeit sogar der einzige Grund, eine belastende und krank machende Ehe weiterhin aufrechtzuerhalten." Als Ursache für diese Angst vor dem Alleinsein erkennt Mag.a Zehetner Scheu vor der Öffentlichkeit. Frauen bewegen sich immer noch nicht so selbstverständlich wie Männer allein im öffentlichen Raum. Sie zögern, ein Lokal allein zu betreten, sind es nicht gewohnt, allein ins Kino oder ins Theater zu gehen. "Doch je selbstverständlicher immer mehr Frauen diesen öffentlichen Raum für sich in Anspruch nehmen, desto leichter fällt es auch Frauen, die solo unterwegs sind, öffentliche Orte für sich zu nützen", ist die Beraterin überzeugt.

"Allein ist nicht gleich einsam", betont sie jedoch. "Nur weil Sie keinen Partner haben, müssen Sie sich nicht einsam fühlen. Allein mit sich zu sein kann sehr viel entspannter und freier sein, als eine anstrengende Beziehung zu führen. Sie können sich an Ihren eigenen Bedürfnissen orientieren, Ihr Leben nach Ihren Wünschen gestalten. "


Zeitsouveränität geniessen

Darin sieht auch der österreichische Freizeitforscher Prof. Dr. Peter Zellmann den großen Vorteil von alleinstehenden Menschen. "Was Singles den meisten Menschen voraushaben ist der eigentliche Wert des 21. Jahrhunderts: die Zeitsouveränität. Singles können eben mehr als alle anderen sagen: 'Jetzt will ich oder ich will jetzt nicht.' Dieses völlig ungebundene, freie und spontane Entscheiden ist eine Lebensqualität, um die sie beneidet werden."

Neben der Spontaneität verfügen Singles in der heutigen Freizeitgesellschaft meist über eine größere Mobilität und Flexibilität als in Beziehung lebende Menschen. "Auch die Erlebnisorientierung ist bei ihnen mehr ausgeprägt", konnte Prof. Zellmann bei seinen Untersuchungen feststellen. So werden Singles seiner Ansicht nach zu TrendsetterInnen im heutigen Lebensstil, zeigen jedoch im Allgemeinen kein anderes Freizeitverhalten. "Wer zum Single wird, bleibt bei seinen Grundgewohnheiten und Neigungen." Aus SportlerInnen werden durch das Alleinsein keine KulturliebhaberInnen.


Gemeinsam statt einsam

Luise verbringt seit Jahren ihre Sonntage mit ihren alten, alleinstehenden Verwandten. "Das hat sich so ergeben und macht mir eigentlich auch Spaß. Die alten Leute freuen sich, wenn sie rauskommen, und ich bin nicht allein." Sie weiß allerdings, dass sie sich auch um neue Beziehungen und ihre FreundInnen kümmern muss, denn einmal stirbt auch der letzte alte Verwandte.

"Pflegen Sie Ihre Freundschaften auch während einer Partnerschaft unbedingt weiter oder frischen Sie Kontakte van früher wieder auf", rät auch Mag.a Bettina Zehetner. Zur Vorbeugung gegen Einsamkeit empfiehlt sie den Besuch von Volkshochschulkursen oder die Teilnahme an Wandergruppen oder Ähnlichem. "Da ist es leicht, Kontakte zu knüpfen." Auch die Teilnahme an Gesprächsgruppen, wie sie von Beratungsstellen angeboten werden, oder die Mitgliedschaft bei Vereinen kann helfen.


Planung ist alles

Um am Sonntag nicht plötzlich mit der Einsamkeit konfrontiert zu werden, ist Vorausplanung unerlässlich. Fragen Sie sich rechtzeitig: Was möchten Sie gerne unternehmen und wen können Sie dazu einladen? "Je konkreter Ihre Vereinbarungen sind, desto überflüssiger wird die Angst vor dem Alleinsein. Trauen Sie sich, ein Gespräch zu beginnen, der Frau nebenan geht es vielleicht genau wie Ihnen", weiß die Frauenberaterin aus ihrer Erfahrung.

Hedwig, 89, ruft deshalb bereits zu Monatsbeginn bei Luise an. "Hast du Zeit, fahren wir mit deinem Auto am Sonntag in drei Wochen gemeinsam zum Heurigen?"


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Freundeskreis pflegen
Traude Scheit, ledig, 50

"Ich habe mir von Jugend an einen Freundeskreis geschaffen, mit dem ich bis heute viele Dinge gemeinsam unternehme. Je älter wir werden, umso mehr verfestigen sich diese Beziehungen, denn die Kinder meiner oft alleinerziehenden Freundinnen werden jetzt erwachsen und so haben die Mütter mehr Zeit für eigenständige Aktivitäten. So gehe ich jetzt zum Beispiel mit einer Freundin regelmäßig Etappen auf dem österreichischen Jakobsweg, mit einer anderen mache ich gerne Radtouren, Wanderungen, Ausflüge und Reisen. Mit drei anderen Frauen suche ich derzeit eine Möglichkeit, Tanzen zu lernen. Aber das ist ein Problem, weil die meisten Tanzschulen und Tanzsportklubs bereits zu viele Frauen haben und dringend Männer suchen.

Unter der Woche mache ich Yoga und gehe bauchtanzen, lerne Tschechisch. Es bieten sich heute viele Gelegenheiten an, um neue Kontakte zu knüpfen, etwas zu unternehmen, zu lernen und fit zu bleiben. Ich muss schon schauen, dass mir meine Unternehmungen nicht zu viel werden und ich noch Zeit für die Garten- und Hausarbeit finde. Denn neben den Aktivitäten mit Freundinnen liebe ich die Gartenarbeit und habe deshalb die Betreuung des Gartens in unserer Wohnhausanlage übernommen. Dabei kann ich mich dann so richtig regenerieren - ebenso wie bei den seltenen Wochenenden, an denen ich so gut wie gar nicht vor die Haustür gehe und nur für mich sein kann."


Mit einem Motto losziehen
Elfriede Laichmann, verwitwet, 67

"Am Sonntag gehe ich vormittags gerne in ein Museum und nachmittags auf jeden Fall in den Wald. Da stelle ich mir immer ein Motto, entweder ich suche Kräuter oder ich achte mehr auf die Steine. Oder ich lasse mich von der Natur inspirieren für Texte, für eine persönliche Reflexion, die ich dann zu Hause nach dem Spaziergang niederschreibe. Das stärkt mich sehr. Aber ich schlendere auch gerne allein durch die Stadt, beobachte die Leute, oder mache ausgedehnte Spaziergänge mit dem Hund meiner Kinder. Natürlich versuche ich schon, gemeinsam mit Freundinnen und Bekannten etwas zu unternehmen. Ich habe viele Kontakte durch mein Engagement in einer Seniorenrunde in der Pfarre und bei der Katholischen Frauenbewegung. Ich reise gerne und gestalte danach bei Schlechtwetter dicke Fotoalben. Langeweile habe ich noch nie gekannt und vor dem Alleinsein am Sonntag habe ich mich nie gefürchtet."


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Quelle:
welt der frau - Die österreichische Frauenzeitschrift,
Ausgabe 10/2008, Seite 44-45
mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin
Herausgeberin: Katholische Frauenbewegung Österreichs
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Die "welt der frau" erscheint monatlich.
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veröffentlicht im Schattenblick zum 15. November 2008