Schattenblick →INFOPOOL →POLITIK → BILDUNG

DISKURS/010: Was heißt Chancengerechtigkeit im Bildungswesen? (Herder Korrespondenz)


Herder Korrespondenz
Monatshefte für Gesellschaft und Religion - 06/2010

Begabungen fördern
Was heißt Chancengerechtigkeit im Bildungswesen?

Von Claudia Lücking-Michel


Bildung ist eine der entscheidenden Zukunftsfragen für unsere Gesellschaft. Es kommt darauf an, möglichst keine Begabung zu übersehen und Kindern aus allen Schichten eine adäquate Bildungskarriere zu ermöglichen. Dabei kann es nie allein um fachliche Exzellenz gehen. Ein christliches Verständnis von Bildung reicht weiter.


Eine der großen aktuellen gesellschaftlichen Debatten ist die Frage nach der zukünftigen Gestaltung unserer Bildungslandschaft. In einem Punkt sind sich zumindest alle einig: Bildung ist mehr denn je zuvor die zentrale Voraussetzung für jeden Einzelnen wie für unsere gesamte Gesellschaft, um Zukunft zu gestalten und zu meistern. Mit dem Zugang zu guter Bildung werden Lebenschancen verteilt. Doch dann spätestens hört die Einigkeit auf. Bei der Frage nach den Inhalten, den Rahmenbedingungen und konkreten Herausforderungen, gibt es eigentlich keinen Bereich der Bildung, der nicht heiß diskutiert und aktuell im Umbau wäre.

Nicht erst die Bildungsstreiks im letzten Herbst haben gezeigt, dass auch im Hochschulbereich zentrale Reformprozesse noch nicht abgeschlossen sind. Dazu gehört die Frage, wie gerade in diesem Bereich größere Bildungsgerechtigkeit ermöglicht werden kann. Darin ist insgesamt ein Detail, das paradigmatisch für viele steht: die Debatte um die Zukunft der Begabtenförderung in Deutschland. Hier gibt es in Form der mittlerweile zwölf verschiedenen Begabtenförderungswerke ein sehr spezifisch deutsches Modell mit langjähriger Erfahrung.


In den letzen Jahren ist dieses Modell gestärkt worden. Es stehen deutlich mehr Steuermittel zur Verfügung, so dass mehr Studierende eines Jahrgangs davon profitieren können und ein weiterer Ausbau um neue Stipendienprogramme für deutlich mehr Studierende ist im Koalitionsvertrag vorgesehen. Wenn dann auch noch die einzelnen Stipendien besser ausgestattet werden sollen, ist berechtigt, dass sich alle Maßnahmen kritischer Fragen nach Begründung, Wirkung und erst recht nach der Chancengerechtigkeit für einen Zugang zu dieser Förderung stellen müssen.


Kann es also etwa sein, dass durch diese Form der personenbezogenen Begabtenförderung ungleiche Teilhabechancen unseres Bildungssystems nicht nur nicht abgebaut, sondern gegebenenfalls sogar noch verstärkt werden? Ergebnisse der sogenannten HIS-Studie vom Herbst 2009 scheinen manche Befürchtungen dieser Art zu bestätigen. Gerade im Cusanuswerk, der Studienförderung der katholischen Kirche, wurden diese Anfragen schon früher sehr ernst genommen.

Ein besonderes Augenmerk fällt deshalb auf all die Gruppen, die im Vergleich zur gesamten Bevölkerung anteilmäßig innerhalb der Stipendiatenschaft deutlich unterrepräsentiert sind. Ist es doch nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern darüber hinaus ein gesellschaftliches Anliegen, Begabungen in allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten zu entdecken; allen begabten jungen Menschen zu helfen, ihre Talente zu entwickeln und für größtmögliche Chancen- und Bildungsgerechtigkeit zu sorgen.


Wie steht es also um das Sozialprofil beispielsweise der Cusanerinnen und Cusaner in dieser Hinsicht? Die Ergebnisse der genannten Studie geben einen ersten Anhalt und markieren Handlungsbedarf. Doch gerade weil die Frage so wichtig ist, verbieten sich voreilige Antworten. Sicher ist genau zu beobachten, wenn der Anteil derjenigen Stipendiaten, die ein sogenanntes Voll- beziehungsweise Teilstipendium bekommen (das sind diejenigen, die ansonsten Bafög-berechtigt wären) abnimmt. Doch sagt allein der finanzielle Hintergrund der Herkunftsfamilie schon ausreichend etwas aus zur tatsächlichen Situation der Stipendiaten - zumal im Blick auf die ganzen Debatten um die Auswirkungen des so genannten "Mittelstandslochs"?

Relevanter ist da sicher die Frage nach den konkreteren Startvoraussetzungen in die jeweilige Bildungskarriere. Im Allgemeinen korrelieren in fast allen Gesellschaften sozialer Status der Eltern und formale Bildung der Kinder miteinander. Im internationalen Vergleich bestimmt in Deutschland die soziale Herkunft und die Bildungsnähe in besonders hohem Maß den Bildungserfolg. Es ist ein Skandal, wo immer das Bildungswesen unter solchen Voraussetzungen dazu führt, dass soziale Ungleichheit reproduziert und legitimiert wird, da das "Versagen" im Bildungssystem häufig als individuelle Unfähigkeit interpretiert und erlebt wird.


Im Blick auf die katholische Studienförderung werden wir zur Erweiterung und Aufbereitung der statistischen Grundlagen das soziale Profil der cusanischen Stipendiatenschaft zunächst differenzierter erfassen. Allerdings sind die Ergebnisse auch erst dann aussagekräftig, wenn die Vergleichszahlen in Blick auf die Gruppe der entsprechenden (katholischen) Studierendenjahrgänge insgesamt vorliegen, um die Ergebnisse bei den Aufgenommenen beziehungsweise den Stipendiaten kontextualisieren und auf Auslesemechanismen überprüfen zu können.

Doch selbst mit der Erkenntnis, welche Gruppen unterrepräsentiert sind, wären wir bei der Frage nach den Ursachen dafür noch nicht sehr viel weiter. Wenn in der öffentlichen Debatte bisher im Blick auf alle Werke als benachteiligte Gruppen immer wieder Frauen, Studierende mit Migrationshintergrund oder bildungsferne Schichten genannt werden, ist eindeutig, dass es für jede einzelne dieser Gruppen eigene Erklärungen, unterschiedlichen Handlungsbedarf und vor allem unterschiedliche Dringlichkeit gibt. Welche Wirkung haben die Mechanismen der jeweiligen Auswahlverfahren? Diese Faktoren müssen die jeweiligen Begabtenförderungswerke selbst verantworten und müssten sie schnellstmöglich verändern.

Dem Cusanuswerk wäre wichtig, als erstes überhaupt die Zahl der Bewerber aus bildungsfernen Schichten zu erhöhen. Eine Steigerung ihres Anteils unter den Aufgenommenen müsste das langfristige Ziel sein, kann allerdings auch nur besonders umsichtig angegangen werden, um nicht einen Mitleidsbonus beziehungsweise die nachteiligen Effekte einer "positiven Diskriminierung" zu provozieren.


Was ist Begabung? Wie kann man sie frühzeitig, aber doch valide und nachprüfbar erkennen? Zur Grundlage von Begabtenförderung gehört per definitionem ein leistungsbasiertes Konzept von Begabung. Dabei ist nicht ein unterkomplexer, eindimensionaler "Leistungsbegriff" gemeint, sondern bei der Auswahl der Bewerber ist eine vielschichtige Betrachtung gefragt. Auch nur begrenzt objektive Noten- und Studienleistungen müssen fach-, studienspezifisch oder situationsbezogen interpretiert und kontextbezogen bewertet werden, bevor sie aussagekräftig werden. Zur Einschätzung der individuellen Leistungsfähigkeit und Prognose des Potenzials gehören außerdem biographische Angaben.

Wie ist das Verhältnis zwischen vorhandener Begabung und möglichen Potenzial? Dabei ist für das cusanische Auswahlverfahren die Leistungsseite selbst wiederum nur einer von mehreren Aspekten. (Andere sind etwa der Gesamteindruck einer Person, Engagement, Kirchlichkeit, religiöse Entwicklung.) In über 50 Jahren hat das Cusanuswerk ein vielschichtiges, vielfältig erprobtes und gemeinhin von den Ergebnissen sehr überzeugendes und effektives Auswahlinstrumentarium entwickelt. Doch selbstverständlich gehört es zum professionellen Standard, das eigene Handeln regelmäßig zu evaluieren.

Angesichts der genannten Herausforderungen gilt das verstärkt und es ist sicher eine Chance, sich mit wissenschaftlicher Begleitung der aktuellen Debatte um Bildungsgerechtigkeit differenziert und angemessen zu stellen und auch umgekehrt, einen wesentlichen Beitrag zu dieser Debatte auf der Grundlage der eigenen Erfahrung zu liefern. Der erste Schritt davor wäre allerdings sicherzustellen, dass nicht schon unter den Bewerbern die Zahl derjenigen aus bildungsfernen Schichten unterrepräsentiert ist. Dazu wäre es nötig, über das Cusanuswerk und dessen Förderungsmöglichkeiten in entsprechenden Kontexten zu informieren und die Personengruppen nicht nur direkt anzusprechen, sondern besonders zu ermutigen.


Wege ins Studium - Chancengerechtigkeit stärken

Doch bevor der Eindruck entsteht, es wäre alles nur eine Frage der Werbung, steht ein weiterer Schritt in der Ursachengenese an: Begabtenförderung im Hochschulbereich steht vor dem Dilemma, dass sie eigentlich erst dort ansetzen kann, wo zentrale Stationen schon durchlaufen sind. Um nachhaltig und effektiv Strukturen zu verändern, muss deshalb viel früher in den jeweiligen Bildungsbiographien angesetzt werden. Welche Faktoren liegen also eher grundsätzlich an dem bundesdeutschen Bildungssystem insgesamt? Hier kann ein Begabtenförderungswerk nur begrenzt Einfluss nehmen, aber aufgrund der eigenen Erfahrung sicher auf Probleme hinweisen, als Lobby für Benachteiligte auftreten oder gegebenenfalls einzelne individuelle Problemlagen auf der Ebene der "Symptome" mildern.

Bis in die Oberstufe hinein ist da schon viel passiert beziehungsweise schiefgelaufen. Doch natürlich gilt, dass mit dem Schritt vom Abitur zum Studium eine echte Lebensentscheidung und damit ein weiterer Ausleseprozess passiert. Dieses Dilemma ließe sich vielleicht dann (ansatzweise) überwinden, wenn zumindest in der Oberstufenzeit Schüler und Schülerinnen aus bildungsfernen Schichten die Chance hätten, die Netzwerke, praktischen Hilfen und persönlichen Ermutigungen, mit denen ihre Familie sie nicht als Mitgift ausstatten, durch alternative Unterstützungskontexte zu bekommen.

Mehr als jede andere Schülergruppe brauchen junge Leute aus bildungsfernen Elternhäusern neben praktischen Informationen und Hinweisen persönliche Ermutigung, dass sich das "Risiko" eines Studiums lohnt, dass sie es schaffen können. Und im Blick auf die hier anstehende Frage, dass auch wirklich sie gemeint sein könnten, wenn es um Begabtenförderung geht. Noch grundsätzlicher brauchen sie "Mentoren", die sie zum Studium ermutigen, ihnen praktische Ratschläge geben und "Türen öffnen". In diesem Bereich sind zum Glück vielfältige, dezentrale Projekte und Maßnahmen entstanden. Gute Erfahrungen gibt es mit dem Angebot von Patenschaften oder Mentoringprogrammen. Die so geförderten Schülerinnen und Schüler hätten sicher auch ohne formale Privilegierung deutlich bessere Startchancen für eine erfolgreiche Bewerbung bei den Förderwerken.


Neben einer persönlichen Ermutigung und Begleitung ist eine verlässlich planbare frühe und ausreichende finanzielle Sicherheit für junge Leute aus bildungsfernen Schichten besonders wichtig, um sich angesichts der zu erwartenden finanziellen Belastungen für ein Studium zu entscheiden. Das Cusanuswerk will unter anderem deswegen in Zukunft eine Möglichkeit schaffen, dass Studierende schon zu Beginn des ersten Semesters ins Auswahlverfahren kommen und dann mit der so genannten Erstsemesterförderung diese Perspektive bieten. Ansonsten besteht ein grundlegender konzeptioneller Unterschied zwischen Begabtenförderung und Daseinsvorsorge. Wenn durch die Ausgestaltung der Bafög-Richtlinien bestimmte Studierende strukturell zu wenig oder unzureichend berücksichtigt werden, müssen vor allem zunächst diese Lücken geschlossen werden. Die Erhöhung der Freibeträge und der Fördersätze bei der Bafög-Förderung, die ab Oktober 2010 gelten sollen, sind dafür ein wichtiger Schritt.

Und trotzdem: Selbst wenn dies alles gegeben ist, so wird man schnell konstatieren müssen, dies alles sind notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen. Auch dann sind wir noch nicht weit genug an die Wurzeln des Problems zurückgegangen, um tatsächlich von Chancengleichheit für alle zu sprechen. Sofort wird jetzt genannt werden, welche große Bedeutung natürlich die Bildungsnähe der Familien tatsächlich selbst hat. Direkte Nachhilfe und Unterstützung bei den Schularbeiten, ein lernanregendes Umfeld, Studienreisen, Museumsbesuche mit den Eltern, die Debatten- und Gesprächskultur am Familientisch - ja selbst die Tatsache, ob überhaupt noch gemeinsam an einem Tisch gegessen wird, all das macht natürlich einen Unterschied aus.


Manches kann vielleicht durch familienergänzende und -unterstützende Maßnahmen in einer Ganztagsbetreuung abgefedert werden. Stark bezuschusste Projekte ermöglichen auch finanziell bedürftigen Schulkindern immer häufiger Instrumentenunterricht oder die Mitgliedschaft in Sportvereinen. Doch ganz am Anfang steht eine Grundhaltung, die Kindern und Jugendlichen mit auf den Weg gegeben, wird: nämlich die einer Wertschätzung von Bildung, Neugier, Interesse, aber auch Disziplin, die Notwendigkeit sich anzustrengen und die Bereitschaft zu einer verlässlichen und kontinuierlichen Arbeitshaltung. Wenn dies nicht grundgelegt wird, nützen auch die vielen Hilfen auf der pragmatischen Ebene nicht viel.

Schließlich ist nach Humboldt Bildung "die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen". Das wesentlich Menschliche ist nach der Bibel, dass der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist. "Bildung ist am Ende etwas, das Menschen mit sich und für sich machen. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst." Dann heißt Bildung die Ausbildung der Fülle aller Potenziale, die im Menschen angelegt sind. Jeder Auftrag von Bildung kann aus christlichem Verständnis nur darauf zielen, dass dies in jedem Einzelnen zur Entfaltung kommt.


"Option für die Armen" statt "Förderung von Begabten"

Selbst wenn alle Zweifel an der Chancengerechtigkeit beim Zugang zur Begabtenförderung ausgeräumt und wichtige Veränderungen hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit in unserem bundesdeutschen Bildungssystem umgesetzt worden sind, bleibt die Frage, wie sich die Förderung gerade von Begabten überhaupt rechtfertigen lässt. Sollte nicht eine Gesellschaft und erst Kirche sich nicht vor allem oder sogar ausschließlich auf dem weiten Feld der Bildungsbenachteiligten engagieren? Rhetorisch formuliert: Statt "Eliteförderung" besser "Armutsbekämpfung"?


Wir stehen vor einer demographischen Bildungskatastrophe. Seit 30 Jahren sterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden. In den nächsten 30 Jahren wird sich der Anteil der unter Zwanzigjährigen von 40 Prozent im Jahr 1990 auf 14 Prozent reduzieren, bei unveränderten Geburtenraten wird die deutsche Bevölkerung um fast 10 Millionen abnehmen. Die daraus resultierenden Folgen für die Volkswirtschaft werden umso gravierender sein, als sich der internationale Wettbewerb um neues Wissen dramatisch verschärft.

Die Aufbruchsregionen der Welt reagieren mit großkalibrigen Bildungsoffensiven. Jedes noch so unterschiedliche Talent soll erfasst und so individuell wie möglich gefördert werden, denn das Kreativitätspotenzial, das man so individuell wie irgend möglich fördern muss, ist oft wichtiger als das Lernvolumen als solches. So kann man nicht von Bildungsgerechtigkeit reden, ohne darauf zu verweisen, dass es auch im Eigeninteresse einer Gesellschaft liegt, ein Umfeld zu schaffen, in dem alle Talente eine Chance haben, sich zu entfalten.


Fachliche Exzellenz darf aber auf keinen Fall die einzige Antwort auf die Frage bleiben, was für unsere Zukunft wichtig sei. Als Beweis hätte es da die Finanzkrise und Managerschelte der letzten Monate nicht gebraucht. Erst wenn zu hervorragenden Leistungen in Studium und Wissenschaft auch das Selbstverständnis und das Bewusstsein hinzukommen, dass es nicht in erster Linie um die eigene Karriere geht, sondern um Lösungen für wichtige Menschheitsprobleme und Antworten auf die Not der anderen, kann Förderung von Spitzenleistungen im Sinne der Allgemeinheit Frucht tragen.

Unsere Gesellschaft und erst recht ein besonderer Fortschritt bedarf des Gestaltungswillens und der Gestaltungskraft jedes Einzelnen und es braucht diejenigen, die sich in besonderer Weise in Anspruch nehmen lassen vom Einsatz für die Allgemeinheit. Es braucht diejenigen, die exemplarisch Hilfreiches bewirken und bereit sind zur Übernahme von öffentlicher Verantwortung.

Nicht den Banker, der allein seine Boni im Kopf hat, nicht den Starwissenschaftler brauchen wir, der jenseits seines Schreibtisches oder Laborplatzes nichts weiß von der Welt und ihren Sorgen, sondern diejenigen, die sich selbst einordnen in eine gesellschaftliche Gesamtverantwortung. "Verantwortungseliten" ist entsprechend die Antwort auf die Frage, welche Eliten wir für unsere Gesellschaft fördern sollten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihr Handeln daran messen, dass das, was sie tun, zu verantworten ist vor Gott oder zumindest vor den Mitmenschen.


Diese Verantwortungseliten entstehen aber nicht von allein. Sie brauchen für sich und ihre Entscheidungen Orientierung. Verantwortung basiert auf der persönlichen Bindung an ein Wertesystem. Im Sinne des häufig zitierten so genannten "Böckenförde-Axioms" steht der Staat damit vor dem Problem, dass er selbst die nötigen Wertesysteme nicht zur Verfügung stellen kann, die ihrerseits Grundlage für ein funktionierendes Staatswesen sind. Da, wo er es versucht hat, haben wir in Deutschland bitteres Lehrgeld bezahlen müssen und sind hoffentlich vor weiteren Versuchen in diese Richtung gefeit. Der Staat kann aber den Erhalt und die Pflege verschiedener Wertesysteme aktiv fördern. Das Ganze funktioniert nur in Anbindung an verschiedene konkurrierende Wertehorizonte, die in Summe gesellschaftlich ausgehandelt und akzeptiert werden.


Von Christen können wir erhoffen, dass sie die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten wissen und dem Evangelium die Kraft zutrauen, den einzelnen Menschen zu verändern, so dass mit ihm und über ihn die Menschheit selbst verändert wird. Aus solchem Vertrauen in die verändernde Kraft des Evangeliums kann der Maßstab für das eigene Leben und die Gestaltung der Welt erwachsen und Sinn vermittelt werden für das eigene Handeln. Bildung und die Ausbildung vielfältigster Fähigkeiten ist unerlässliche Voraussetzung dafür, um am gesellschaftlichen Leben nach dem Maß der eigenen Möglichkeiten und Interessen partizipieren zu können. Umgekehrt ist ein eigener Lern- und Bildungsprozess zu erleben, dass man mit seinen eigenen Fähigkeiten und Talenten Gestaltungsmöglichkeiten hat und entsprechend auch eine Verantwortung, sich einzubringen.

Erfahrungen der eigenen Wirk- und Veränderungsmöglichkeiten braucht es dafür, aber auch Menschen, die nicht auf den Augenblicksnutzen setzen, sondern Interdependenz- und Folgebewusstsein haben, eine Langfristorientierung entwickeln, Prinzipientreue und Kritikvermögen. Es war Johann Baptist Metz, der auf der Suche nach einem überzeugenden deutschen Wort für die elementare Leidempfindlichkeit das Wort "Compassion" in den theologischen Sprachgebrauch eingeführt hat. Leider einer dieser vielen Anglizismen, doch Mitleid war ihm zu gefühlsbezogen, das Fremdwort Empathie zu unpolitisch und unsozial. "Compassion" war für ihn das gerechtigkeits-gefüllteste Schlüsselwort für den Bildungsauftrag des Christentums im Zeitalter der Globalisierung.

Fremdes Leid wahrzunehmen und zur Sprache zur bringen ist die unbedingte Voraussetzung für alle weiteren Aufgaben, für eine künftige Friedenspolitik wie alle neue Formen sozialer Solidarität zwischen Arm und Reich, für alle mögliche Verständigung der Kulturen- und Religionswelten. Den Auftrag dazu hat jeder und jede Einzelne. Besondere Erwartungen hat eine Gesellschaft aber hoffentlich nicht umsonst an diejenigen, die besondere intellektuelle Begabungen und persönliche Stärken mitbringen - und die genau deswegen auch während ihrer Ausbildung mit besonderen Privilegien ausgestattet wurden.


Die Frage nach Teilhabe- und Chancengerechtigkeit unseres Bildungssystems im Allgemeinen und jeder Form von Begabtenförderung im Speziellen ist damit wahrlich nicht obsolet. Würde sie aber hierbei stehenbleiben, wäre es deutlich zu kurz gesprungen: Nicht Option für die Armen oder Begabtenförderung ist die Alternative, sondern Prüfstein an jede Begabtenförderung muss sein, dass sie am Ende den größeren Nutzen für die Nichtprivilegierten mit sich bringt. Erst in diesem, sehr anspruchsvollem Sinn kann man dann von Bildungs-Gerechtigkeit reden.


Dr. theol. Claudia Lücking-Michel ist seit 2004 Generalsekretärin im Cusanuswerk und seit 2005 Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Seit 1999 ist sie Vizepräsidentin im Bundesvorstand des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB).


*


Quelle:
Herder Korrespondenz - Monatshefte für Gesellschaft und Religion,
64. Jahrgang, Heft 6, Juni 2010, S. 312-316
Anschrift der Redaktion:
Hermann-Herder-Straße 4, 79104 Freiburg i.Br.
Telefon: 0761/27 17-388
Telefax: 0761/27 17-488
E-Mail: herderkorrespondenz@herder.de
www.herder-korrespondenz.de

Die "Herder Korrespondenz" erscheint monatlich.
Heftpreis im Abonnement 10,29 Euro.
Das Einzelheft kostet 12,00 Euro.


veröffentlicht im Schattenblick zum 13. August 2010