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NORDRHEIN-WESTFALEN/2189: Das Abi bleibt Turbo (Li)


Landtag intern 5/2015
Informationen für die Bürgerinnen und Bürger

PLENUM
Das Abi bleibt Turbo
Landtag lehnt Volksinitiative für Rückkehr zum G9 ab

Von Wibke Busch


24. Juni 2015 - Zu viel Stress, zu wenig Freizeit für die Schülerinnen und Schüler - diese und andere Kritik begleitet das Abitur nach acht Jahren (G8), das sogenannte Turbo-Abi, seit seiner Einführung. Eine Volksinitiative forderte nun, zum Abitur nach neun Jahren (G9) an Gymnasien zurückzukehren, scheiterte aber mit dem Anliegen.


In namentlicher Abstimmung lehnte der Landtag die Initiative ab. 141 Abgeordnete votierten gegen die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren, 15 dafür bei 58 Enthaltungen. Ein Entschließungsantrag der CDU (Drs. 16/9081) wurde mit Mehrheit abgelehnt, ein Entschließungsantrag von SPD und GRÜNEN (Drs. 16/9091) mit Mehrheit angenommen.

Die Fraktionen von SPD, CDU, GRÜNEN und FDP hatten in der Debatte deutlich gemacht, dass sie am Abitur nach acht Jahren festhalten wollen. Nur die PIRATEN-Fraktion sprach sich für eine Abkehr von G8 aus. Dieses gilt seit 2005 an den Gymnasien an Rhein und Ruhr. Eine erneute politische Debatte über die Rückkehr zu G9 war im vergangenen Jahr mit einem Kompromiss am Runden Tisch geendet: Die Schulzeitverkürzung bleibt, das G8 wird reformiert.


Sorgen der Eltern

Die Volksinitiative "G9 - jetzt!" hatte dem Landtag im April 2015 rund 98.800 Unterschriften übergeben und damit die Voraussetzung geschaffen, dass sich die Abgeordneten erneut mit dem Thema befassen. Im Schulausschuss hatten Vertrauenspersonen der Initiative ihre Argumente dargelegt. Sie sprachen u.a. von erheblichen Belastungen der Schülerinnen und Schüler durch das Turbo-Abitur. Folgen seien vermehrt psychische Probleme unter Jugendlichen; zudem leide die Studierfähigkeit.

Eva-Maria Voigt-Küppers (SPD) betonte in der Landtagsdebatte, dass ihre Fraktion die Sorgen und Nöte der Eltern durchaus ernst nehme. Allerdings ließen sich die genannten Probleme wie eine zunehmende Zahl an psychischen Problemen bei Schülerinnen und Schülern oder der Verlust an freier Zeit nicht allein auf das G8 zurückführen. Auch sei nicht gesagt, dass die Rückkehr zu G9, wie es Niedersachsen vorgemacht habe, erfolgreich sei. Ziel müsse vielmehr sein, dass das Abitur nach acht Jahren funktioniere.

Klaus Kaiser unterstrich für die CDU-Fraktion, dass man die Sorgen der Eltern, die durch die Vorlage von fast 100.000 Unterschriften für die Volksinitiative zum Ausdruck gekommen sei, nicht "auf die leichte Schulter" nehmen dürfe. Seine Fraktion werde diese Sorgen aufgreifen und mit dem Anliegen ernsthaft umgehen. Aber eine Rückkehr zu G9 sei keine "Patentlösung". Sie beantworte nicht alle offenen Fragen zum G8. Die Probleme lägen im Detail.

Niemand gehe kalt mit dem Anliegen der Volksinitiative und den Eltern um, die ihre Sorgen vorbrächten, betonte Sigrid Beer (GRÜNE). Dies würden auch nicht diejenigen tun, die Nein zu der Initiative sagten. Beer verwies auf die Empfehlungen des Runden Tisches zu G8. Auch führe eine Rückkehr zu G9 nicht dazu, dass Ruhe an den Schulen einkehre, wie das Beispiel Niedersachsen zeige. Daher gehe man "den gelingenden Weg nach vorn", anstatt die Schulen in neues Chaos zu stürzen.

Yvonne Gebauer lehnte für die FDP-Fraktion ebenfalls eine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren ab. Diese wäre ein Fehler und würde den Schulen erneut einen jahrelangen Umstellungsprozess bringen. "Wir wollen die Gymnasien stärken und sie nicht erneut belasten", sagte sie. Gebauer betonte zugleich, dass auch ihre Fraktion die Sorgen der Eltern ernst nehme. Die bestehenden Probleme könnten aber nicht alle G8 zugeordnet werden.

Monika Pieper (PIRATEN) schloss sich dagegen der Forderung nach einer Abkehr von G8 an. "Lassen sie das Thema nicht einschlafen und zeigen sie, dass sie es ernst nehmen", appellierte sie. Die Einführung des verkürzten Bildungsganges sei "überhastet" gewesen und ein Fehler. So gebe es eine Verdichtung der Inhalte in der Sekundarstufe I. Die Menschen in NRW wollten das G8 nicht und dies müsse die Landespolitik zur Kenntnis nehmen.

Schulministerin Sylvia Löhrmann (GRÜNE) erinnerte daran, dass das G8 im vergangenen Jahr wegen der Diskussion beispielsweise in Niedersachsen auch in NRW nochmals auf die Tagesordnung gekommen sei. Der Runde Tisch habe nach langer Diskussion eine Rückkehr abgelehnt. Stattdessen gebe es zehn Empfehlungen für eine Reform, die bereits auf den Weg gebracht worden seien. Die Gymnasien seien dabei, den Bildungsgang weiterzuentwickeln.

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Quelle:
Landtag intern 5 - 46. Jahrgang, 29.6.2015, S. 3
Herausgeberin: Die Präsidentin des Landtags Nordrhein-Westfalen,
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veröffentlicht im Schattenblick zum 25. Juli 2015

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