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GESCHICHTE/033: "Deutschlands Marconi" - Erinnerungen an einen Pionier der Funktechnik (S. Scheffczyk)


"Deutschlands Marconi"

Erinnerungen an einen Pionier der Funktechnik

von Sieghard Scheffczyk


Foto: 1902 -Quelle: Weltrundschau zu Reclams Universum 1902, gemeinfrei

Prof. Dr. Adolf Slaby (18.4.1849-6.4.1913)
Foto: 1902
Quelle: Weltrundschau zu Reclams Universum 1902, gemeinfrei

Am 6. April 1913 starb Prof. Dr. Adolf Slaby im Alter von knapp 64 Jahren in Berlin an den Folgen eines Schlaganfalls, den er einige Zeit zuvor bei einem Besuch des Kaisers in dessen Jagdschloss Hubertusstock in der Schorfheide erlitten hatte. Slaby, der zu seinen Lebzeiten eine in der deutschen Öffentlichkeit sehr bekannte und auch international geschätzte Persönlichkeit war, ist der Nachwelt insbesondere als Pionier der Funktechnik im Gedächtnis geblieben. Seine grundlegenden und erfolgreichen Versuche zur "drahtlosen Funkentelegraphie" - dieser Begriff wurde in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit den in verschiedenen Ländern Europas sowie in den USA (Nikola Tesla) durchgeführten Experimenten mit Hertzschen Wellen(1) eingeführt - ließen Slaby, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine ganze Reihe Verdienste in Wissenschaft und Technik aufzuweisen hatte, 1897 zu "Deutschlands Marconi" werden.


Eine vielseitig begabte Persönlichkeit

Adolf Slaby, der am 18. April 1849 als Sohn eines wenig vermögenden Buchbindermeisters in Berlin geboren wurde und sich von frühester Jugend an durch Intelligenz, Ausdauer und Fleiß hervortat, musste sich den höheren Schulbesuch sowie zunächst auch das Studium des Maschinenbaus an der Berliner Gewerbeakademie durch eine Nebentätigkeit als Haus- und Nachhilfelehrer verdienen. Seine rhetorische und dichterische Begabung - er hatte auf einer Benefizveranstaltung zugunsten der Invaliden und Hinterbliebenen des Deutsch-Französischen Krieges im Januar 1871 ein von ihm verfasstes patriotisches Gedicht vorgetragen, das die Anwesenden mit Beifallsstürmen bedachten - brachte ihm gänzlich unerwartet ein Stipendium des preußischen Kultusministers in Höhe von 600 Mark ein. Diese für damalige Verhältnisse beachtliche Summe erleichterte das Studentenleben in nicht zu unterschätzender Weise.

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums im Jahre 1873, dem sich eine Promotion an der Universität Jena anschloss, nahm Adolf Slaby eine Stelle als Lehrer für Mathematik und Mechanik an der Königlichen Provinzial-Gewerbschule in Potsdam an. Neben seiner Lehrtätigkeit beschäftigte er sich mit praxisorientierten Arbeiten auf dem Gebiet des Maschinenbaus. So entwickelte er Konzepte für Gas- und Heißluftmaschinen für das Kleingewerbe, da er die Meinung vertrat, dass der Elektromotor, dessen prinzipielle Wirkungsweise und Konstruktion bereits bekannt war, wegen der Kostspieligkeit der Stromversorgung aus Batterien - es gab damals noch keine öffentlichen Stromnetze - als wirtschaftliche Antriebskraft noch nicht in Frage kam.


Berlins erster Professor für Elektrotechnik

1876 habilitierte sich Slaby an der Gewerbeakademie auf dem Gebiet Theoretische Maschinenlehre. Die sich in jenen Jahren stürmisch entwickelnde Elektrotechnik, die in Berlin insbesondere durch Werner von Siemens (1816 - 1892) und Emil Rathenau (1838 - 1915) vorangebracht wurde, benötigte qualifizierte wissenschaftliche und technische Fachkräfte. Deshalb wurde im Jahre 1883 an der TH Berlin eine Professur für Elektrotechnik eingerichtet, die Adolf Slaby erhielt. Seiner Tatkraft - aber auch seiner Unermüdlichkeit, mit der er durch geschickte und plausible Argumentation ministerielle sowie sonstige Zauderer und Skeptiker zu überzeugen verstand -, ist es zu danken, dass bereits 1884 in einem Neubau der Hochschule das erste Elektrotechnische Institut Deutschlands entstand.


Vermittler von Wissenschaft

Slabys zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen, die sich an ein wissenschaftlich und technisch interessiertes Publikum richteten, fanden auch die Aufmerksamkeit von Kaiser Wilhelm II. (1859 - 1941), der sich für technische Neuerungen und Entwicklungen äußerst aufgeschlossen zeigte. So wurde Slaby, der Mitglied zahlreicher Gremien(2) und Ausschüsse war, 1893 auch als Gutachter für die elektrische Beleuchtung des Berliner Schlosses - konkret soll es sich um die Änderung der Beleuchtung des weißen Saales gehandelt haben - herangezogen. Die von ihm erarbeiteten Vorschläge fanden die "allergnädigste Billigung seiner Majestät" und hatten für Slaby die Folge, dass Willhelm II. ihn fortan immer wieder als wissenschaftlichen Sachverständigen konsultierte, was den umtriebigen Herrn Professor zuweilen in gewisse Bedrängnis brachte. Der technikbegeisterte Monarch forderte nämlich stets schnelle Lösungen ein, auch wenn der Stand der Erprobungen neuer Verfahren noch gar nicht so weit gediehen war. So sollte es auch bei der Einführung der "elektrischen Funkentelegraphie" sein. Zeitzeugen(3) belegen, dass der Kaiser auch hier rasch akzeptable Ergebnisse sehen wollte.


Pionier der Funktechnik

In den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts war die Zeit für die Einführung eines grundlegend neuen Mediums - der drahtlosen Telegrafie - gekommen. Während die wichtigsten Metropolen der Welt schon seit längerem über Tausende Kilometer Kabel miteinander verbunden waren und - zumindest im lokalen Bereich - die ersten Telefongespräche geführt werden konnten, gab es noch immer keine Möglichkeit, bewegliche Objekte, z. B. auf dem Ozean befindliche Schiffe, zu erreichen. Auch Territorien, die wegen ihrer Abgelegenheit nicht an Kabel angeschlossen wurden, blieben vom schnellen und effektiven Informationsaustausch ausgeschlossen. Dies konnte im Extremfall lebensgefährliche Folgen haben.

Ebenso wie etliche andere Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker - deren Namen(4) zumindest in der Fachwelt noch heute bekannt sind - beschäftigte sich auch Adolf Slaby bereits frühzeitig mit Experimenten zur drahtlosen Telegrafie, erreichte jedoch - wie er 1898 rückblickend in einem Beitrag für die US-amerikanische Zeitschrift The Century Magazine(5) schreibt, zunächst nur unbefriedigende Resultate. Umso mehr ließen ihn deshalb Pressemeldungen zu Beginn des Jahres 1897 aufhorchen, die davon berichteten, dass es einem dreiundzwanzigjährigen Italiener namens Guglielmo Marconi angeblich gelungen sei, mit der " drahtlosen Funkentelegraphie" Nachrichten über Entfernungen von mehreren Kilometern senden zu können. Slabys eigener "Entfernungsrekord" lag zu diesem Zeitpunkt bei lediglich 100 Metern.

Angesichts der Erfolge Marconis ging Slaby richtigerweise davon aus, dass jener der grundsätzlich bekannten Anordnung von Sender und Empfänger etwas Neues hinzugefügt haben müsse, das diese bedeutende Reichweitensteigerung ermöglichte. Dank seiner guten Verbindungen zum Chefingenieur des British General Post Office, William Henry Preece (1834 - 1913), gelang es Adolf Slaby, eine Einladung zu den am 13. Mai 1897 am Bristolkanal öffentlich durchgeführten Experimenten Marconis zu erhalten, bei denen die Empfangsanlage auf einem Felsen bei Lavernock Point aufgebaut war und der Sender sich auf der 5 km entfernten Insel Flatholm, die in der Mitte des Kanals lag, befand.

Foto: 1897, gemeinfrei

Marconis Funkstation, die auf der Insel Flatholm von Ingenieuren des British General Post Office geprüft wird.
Foto: 1897, gemeinfrei

Als Fachmann erkannte Adolf Slaby sofort, dass das Neue an Marconis Versuchsanordnung die Antennen waren, die sowohl bei der Sende- als auch der Empfangsanlage etliche Meter hoch in den wolkenverhangenen Himmel ragten. Hinzu kam die Erdung beider Stationen. Slaby beschreibt in seinem Beitrag für The Century Magazine den erhebenden Augenblick, als er und vier weitere Beobachter der Szene - wegen des stürmischen Wetters in einer großen Holzkiste hockend - das erste deutlich lesbare Zeichen auf dem Morseschreiber empfingen.

Nach Berlin zurückgekehrt, nahm Slaby unverzüglich seine Experimente zur drahtlosen Telegrafie unter Verwendung von Antennen und Erdung wieder auf. Gleich der erste Versuch einer Verbindungsaufnahme zwischen einem Hörsaal der TH Charlottenburg und einem auf dem Gelände der Firma seines Schwagers, des Chemiefabrikanten Emil Beringer (1853 - 1920), am Salzufer befindlichen Wasserturm verlief erfolgreich. Die durch den Einsatz von Antenne und Erde resultierende Reichweitenerhöhung war signifikant - sie betrug knapp 2 Kilometer. Jedoch mussten die Versuche schleunigst eingestellt werden, weil das Fernsprechamt anfragte, ob es am Salzufer zu lokalen Gewittern gekommen sei, da in diesem Bereich sämtliche Telefonanschlüsse gestört wären. Adolf Slaby und dessen Assistenten wussten, welcher Art die "lokalen Gewitter" waren und sahen sich unverzüglich nach einem neuen Standort für ihre Versuche um.

Dieser fand sich mit ausdrücklicher Genehmigung von Wilhelm II. - der an einer möglichst schnellen Einführung der drahtlosen Telegraphie bei der kaiserlichen Marine interessiert war und deshalb Slabys Versuche, an denen der spätere Technische Direktor der Firma Telefunken, Georg Graf von Arco (1869 - 1940) als Assistent beteiligt war, mit großer Aufmerksamkeit verfolgte - in der Sacrower Heilandskirche, wo die Spitze der senkrechten Sendeantenne in 23 Meter Höhe auf dem frei stehenden Glockenturm installiert war. Der Sender befand sich zu ebener Erde unter den überdachten Arkaden und war so vor Witterungseinflüssen geschützt. Die Empfangsstation war in 1,6 Kilometer Entfernung in einer am gegenüberliegenden Havelufer befindlichen Baracke der Kaiserlichen Matrosenstation Kongsnæs eingerichtet. Als Träger der Empfangsantenne musste ein 26 Meter hoher Flaggenmast herhalten.

Wie erwartet, funktionierte die Verbindung exzellent. Jedoch - schon in jenen Jahren scheint es den auch heute noch gefürchteten "Vorführeffekt" gegeben zu haben - unmittelbar vor Beginn der Funkübertragung für seine Majestät stellten sich am Empfangsort rätselhafte Verzerrungen der auf dem Papierstreifen des Morseschreibers sichtbaren Zeichen ein. In aller Eile verschob Slaby den Standplatz des Senders um einige Meter und der Fehler war beseitigt. Wilhelm II. nickte angesichts des positiven Ergebnisses huldvoll mit dem Kopf - und forderte eine bedeutende Erhöhung der überbrückten Entfernung. Diese gelang am 7. Oktober 1897, als über eine Distanz von 21 Kilometern - von Schöneberg nach Rangsdorf - erfolgreich telegrafiert wurde. Sende- und Empfangsantenne aus Kupferdraht waren an Fesselflugballons befestigt.

Slabys wissenschaftliche Arbeit wurde buchstäblich bis zu seinem Tode von der Entwicklung verbesserter Verfahren und Geräte für die drahtlose Telegrafie geprägt.

Ein zeitgenössisches "Stromschema einer Anlage für Funkentelegraphie (System Slaby-Arco)" (s. Abbildung) macht die gegenüber den ersten Sende- und Empfangsanlagen erzielten Fortschritte deutlich.

Schaltskizze um 1903, gemeinfrei

Stromschema einer Anlage für Funkentelegraphie (System Slaby-Arco)
Schaltskizze um 1903, gemeinfrei

Für Slabys Forschungstätigkeit flossen erhebliche staatliche und private Mittel, denn es ging darum, das Monopol, das Guglielmo Marconi auf dem Gebiet der drahtlosen Telegrafie für sich in Anspruch nahm, durch eigene Entwicklungen auf hohem technischen Niveau zu brechen. So erhielt Prof. Slaby z. B. im Jahre 1903 eine Spende der Jubiläums-Stiftung der deutschen Industrie in Höhe von 20 000 Mark zur "Fortführung seiner Versuche mit der Funken-Telegraphie". Das war der höchste Betrag, den die Stiftung jemals gewährt hatte. In seinem Bericht an die Sponsoren, der in Auszügen sogar in der Boulevardpresse veröffentlicht wurde, führte Slaby aus, dass er die Mittel vorrangig für die Entwicklung von Messgeräten zur Bestimmung der Wellenlänge der ausgestrahlten Sendungen eingesetzt habe und anlässlich eines Besuchs von Wilhelm II. in seinem Laboratorium diesem die Wirkungsweise der auf unterschiedlichen Messprinzipien beruhenden Geräte erfolgreich vorführen konnte.

Im selben Jahr wurde unter "sanftem Druck" des Kaisers gemeinsam von Siemens und der AEG die Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H. gegründet, deren Aufgabe darin bestand, Funktechnik der Spitzenklasse professionell zu entwickeln und großtechnisch zu produzieren - ein Vorhaben, das unter der bewährten technischen Leitung von Graf Arco zur Zufriedenheit aller Beteiligten realisiert werden konnte.

Inwieweit Adolf Slaby bei seinen Arbeiten zur Verbesserung der Sende- und Empfangsanlagen bereits an drahtlose Telefonie oder gar an den Rundfunk gedacht haben mag, ist nicht überliefert. Man kann es jedoch als bedeutsames Zeichen nehmen, dass in seinem Todesjahr die Erfindung der Rückkopplung durch Alexander Meißner (1883 - 1958) die Voraussetzung für die unkomplizierte Erzeugung ungedämpfter elektromagnetischer Schwingungen schuf, welche für die Funkübertragung von Sprache und Musik unerlässlich sind. Zehn Jahre nach Slabys Tod begann man in Deutschland mit der Ausstrahlung regulärer Rundfunksendungen.

Adolf Slabys Name bleibt unvergessen. Ihm zu Ehren wurden Straßen benannt, außerdem erinnern Gedenktafeln an der Sacrower Heilandskirche sowie auf dem Gelände der Technischen Universität Berlin an das verdienstvolle Wirken dieses bedeutenden Wissenschaftlers und Technikers.

Fotograf: Musil - GNU Free Documentation License (6)

Atlasplatte am Campanile der Heilandskirche am Port von Sacrow
Fotograf: Musil
GNU Free Documentation License (6)


Anmerkungen:

(1) Heinrich Hertz (1857 - 1894) wies 1886 die Existenz elektromagnetischer Wellen nach und bestätigte damit die von James Clerk Maxwell (1831 - 1879) wenige Jahre zuvor aufgestellte elektromagnetische Theorie des Lichts. Obwohl Hertz nicht an die praktische Nutzung der von ihm gemachten Entdeckung dachte, wurde er damit de facto zum "Urvater" der Funktechnik.

(2) Adolf Slaby war 1893 Mitbegründer und erster Vorsitzender des Vereins Deutscher Elektrotechniker (VDE) sowie von 1906 bis 1908 Vorsitzender des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Darüber hinaus bekleidete er noch weitere Ehrenämter.

(3) So schreibt der Rundfunkpionier Dr. Eugen Nesper (1879 - 1961), der als Siebzehnjähriger an den Funkversuchen Slabys beteiligt war, in seinem Buch "Ein Leben für den Funk", dass Slaby und dessen Team bei den Versuchen im Sommer 1897 unter einem gewissen Zeit- und Erfolgsdruck stand.

(4) Die breite Öffentlichkeit verbindet die Erfindung der Funktelegrafie in der Regel mit Guglielmo Marconi (1874 - 1937) und - besonders im östlichen Teil Deutschlands - mit Alexander Stepanowitsch Popow (1859 - 1906). Gleichberechtigt müsste mindestens noch ein halbes Dutzend weiterer Namen genannt werden.

(5) The Century Magazine erschien von 1881 bis 1930 in New York und war eine viel gelesene Zeitschrift, deren Inhaltsspektrum in etwa mit dem in Deutschland beliebten Magazin "Die Gartenlaube" verglichen werden kann. Slaby gab in einem ausführlichen, auch für Laien verständlichen Beitrag, unter der Überschrift "The New Telegraphy" im Aprilheft 1898 einen Überblick über den damaligen Stand der Entwicklung der drahtlosen Telegrafie, in dem er u. a. seine frühen - wenig erfolgreichen - Experimente auf diesem Gebiet erwähnt. Der lesenswerte Artikel, der auch Slabys exzellenten Schreibstil erkennen lässt, ist abrufbar unter
http://earlyradiohistory.us/1898sla.htm

(6) http://en.wikipedia.org/wiki/GNU_Free_Documentation_License

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Quelle:
© 2013 Sieghard Scheffczyk
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
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veröffentlicht im Schattenblick zum 4. April 2013