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INTERVIEW/009: Hommage an Mikis Theodorakis - Gerhard Folkerts, in Freundschaft verbunden (SB)


"Die politische Aussage muß ebenso stimmen wie die innere Dramaturgie"

Interview mit Gerhard Folkerts am 3. April 2012 in Wedel (Teil 1)

Gerhard Folkerts - Foto: © 2012 by Schattenblick

Gerhard Folkerts
Foto: © 2012 by Schattenblick

Am 1. April 2012 präsentierten der Komponist, Konzertpianist und Theodorakis-Kenner Gerhard Folkerts, der Theater- und Filmschauspieler wie auch Rezitator Rolf Becker und die vielseitige Mezzosopranistin Julia Schilinski im Deutschen Schauspielhaus Hamburg die Hommage "Mikis Theodorakis - Du bist Griechenland" unter Mitwirkung des Autors und Griechenlandkenners Eberhard Rondholz sowie des gemischten Chors der Hamburger Singakademie unter der Leitung von Jörg Mall. [1]

Gerhard Folkerts ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Er hat an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg studiert und Klavierstudien bei Eckart Besch, Erich Böhlke, Conrad Hansen und Tatjana Nikolajewa absolviert. Sein vielfältiges Schaffen umfaßt Klavierabende, Konzerte in zahlreichen Ländern und bei Festivals. Er komponierte Klavier- und Kammermusikwerke, ein Oratorium, Liederzyklen und Musik zu literarischen Programmen. Am 13. Dezember 2008 übergab Gerhard Folkerts im Rahmen der Gedenkfeier zum 65. Jahrestag des Massakers in Kalavryta die Partitur des von ihm komponierten gleichnamigen Oratoriums an den Bürgermeister der griechischen Stadt. Derzeit arbeitet er an einer Dissertation über die musikalische Poetik von Mikis Theodorakis an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Er gibt Klavierabende, bei denen er sich auf das Werk des Komponisten Mikis Theodorakis spezialisiert hat, und gestaltet zusammen mit Sängerinnen und Schauspielerinnen Abende des literarischen Liedes. [2]

Zwei Tage nach der Matinee im Hamburger Schauspielhaus hatte der Schattenblick Gelegenheit, ein ausführliches Gespräch mit Gerhard Volkerts in Wedel zu führen. Während im ersten Teil des Interviews insbesondere politische Aspekte zur Sprache kommen, ist der zweite Teil vor allem dem musikalischen Werk gewidmet.

Schattenblick: Kann man sagen, daß Sie eine lange persönliche Tradition auszeichnet, sich mit Themen zu beschäftigen, die nicht unbedingt von der Mehrheit geteilt werden?

Gerhard Folkerts: Ich komme ganz und gar von der klassischen Musik her und habe kurz vorm Übergang zum Gymnasium meinen ersten Klavierabend gegeben. Allerdings habe ich ziemlich schnell gemerkt, daß eine Verbeugung und der Beifall, den man entgegennimmt, nicht alles sein können, denn eigentlich wollte man ja über die Musik hinaus etwas mitteilen. So habe ich mir jedes Jahr einen Komponisten vorgenommen, mir einen Beethoven, Bartók oder Brahms erarbeitet und dabei schließlich festgestellt, daß, je näher ich ans 20. Jahrhundert kam, die Kluft zwischen Publikum und Interpret eigentlich immer größer wurde und man mich gar nicht mehr verstand, wenn ich zeitgenössische Musik spielte. So war ich immer versucht, die zeitgenössische Musik zu erklären. Auf den politischen Teil der Komponisten oder ihre politischen Ambitionen bin ich eigentlich erst im Studium gestoßen, denn zu meiner Schulzeit hatte ich die Namen Kurt Weill, Hanns Eisler oder Paul Dessau nie gehört. Die sind mir erst im Studium begegnet. Bis dahin kannte ich nur Bach, Beethoven, Bartók oder Brahms, was auch ganz wichtig ist, da sie zu unserer Kultur gehören und man kompositionstechnisch viel von ihnen lernen und aufnehmen kann, gerade in der Deutung von Texten und im Liedrepertoire.

Als Student in der 68er-Zeit und verstärkt durch die historischen Umstände wie den Krieg in Vietnam, Laos und Kambodscha machte man sich dann doch so seine Gedanken. Als das Kinderkrankenhaus in Haiphong bombardiert wurde, haben wir Studenten damals zusammen mit der Professorenschaft im Audimax eine große Veranstaltung zum Vietnamkrieg organisiert. Dazu gehörte auch ein großer Chor, den Studenten der Musikhochschule, der Schauspielklasse, Sänger aus der Opernklasse und viele Instrumentalisten spontan gebildet hatten. Die Professoren sagten, wir kennen euch alle aus dem Einzelunterricht, denn an den künstlerischen Hochschulen lehrt man nicht in einer solchen Vermassung wie auf der Universität. Wir haben auch versucht, Vertreter des Vietkong einzuladen, die an dem Abend sprechen sollten. Zuerst bekamen sie keine Einreisegenehmigung, aber dann standen sie nachts um viertel nach 12 ganz plötzlich auf dem Podium. Auf irgendeine Weise waren sie doch eingereist. Im pädagogischen Institut wurden mehrere Konzerte aufgeführt, bei denen eine Vielzahl von Professoren mitmachte, die alle nicht politisiert waren und eigentlich nur ihr Instrument kannten. Wir haben auch Stücke der Mutter von Hanns Eisler aufgeführt, und dabei kam plötzlich eine ganz andere Musikwelt zustande, die sich nicht nur auf die Hörwelt beschränkte, sondern auch das ganze Gesichtsfeld umfaßte.

Ich habe mich damit intensiv auseinandergesetzt und auch meine Examensarbeit über Schönberg-Schüler geschrieben. Seine bekanntesten Schüler waren Alban Berg, Anton Webern und Hanns Eisler. Webern war Sozialdemokrat und hat mit Arbeiterchören die Zwölftonmusik zu realisieren versucht, was in Wien nicht so ganz gelang. Eisler ist sehr früh in die KPD eingetreten und hatte die These, daß man das große Publikum eigentlich ein oder zwei Generationen früher, nämlich bei Brahms, abholen müsse. Diese Thematiken haben mich sehr fasziniert, und so bin ich immer tiefer in die Materie eingedrungen und habe dann eben auch die Musik von Dessau kennengelernt, obwohl ich die klassische Musik wie vorher interpretiert und gespielt habe, aber dann doch merkte, daß die reine oder absolute Musik nicht nur für mich, sondern, wie ich glaube, auch für die Menschen und das Publikum zu wenig ist, weil sie durch die Musikwelt des Marktes, die mit den eigentlichen Inhalten wenig zu tun hat und nur aufs Geldverdienen ausgerichtet ist, total desorientiert wird. Das war eigentlich der Beginn.

SB: Das war bei der Veranstaltung am Sonntag deutlich zu spüren. Wir haben in den Pausen und auch hinterher mit sehr vielen Leuten gesprochen und durchweg gehört, daß sie einerseits von der musikalischen Darbietung begeistert waren, aber andererseits auch eine wohlwollende Meinung zu Griechenland bekommen haben. Wir haben keinen getroffen, der neutral geblieben wäre. Das Publikum hat die politische Aussage einer Persönlichkeit, von der hierzulande offenbar nur noch wenige Leute wissen, bereitwillig angenommen, sowohl im historischen als auch gegenwärtigen Kontext des Fundamentalvorwurfs, die Griechen seien selbst an ihrer wirtschaftlichen Misere schuld und müßten das jetzt alleine ausbügeln.

GF: Ja, das sind die niedrigsten Motive, daß der Bevölkerung oder dem Volk in die Schuhe geschoben wird, sie seien für die Misere verantwortlich. Man spricht gar nicht darüber, daß die griechischen Minister lebenslange Immunität genießen und ungeheuer viel Geld ins Ausland, besonders nach London und in die Schweiz, gebracht haben. An dieses Vermögen kommt man nicht heran. Das ist eine ziemliche Katastrophe.

SB: Der solidarische Zuspruch für Griechenland war unter den Zuhörern gewaltig. Welche Resonanz haben Sie persönlich erfahren?

GF: Wir haben seit Sonntagabend eine Vielzahl von Mails bekommen und heute Morgen mit Rolf Becker telefoniert, der seinerseits bestätigte, sich nicht erinnern zu können, in den letzten Jahren bei einem derartigen Thema so viel Resonanz erhalten zu haben. Mich rief gestern der stellvertretende westdeutsche Botschafter in Athen von 1974 an, also direkt nach der Militärdiktatur, der inzwischen wohl über 90 Jahre alt sein dürfte. Das Gespräch war sehr angenehm. Er erzählte, daß er mit seiner Frau im Schauspielhaus gewesen war und der Meinung sei, daß wir genau den richtigen Punkt getroffen hätten. Das Entscheidende ist eben die Gesamtkonzeption, wie sich schon beim ersten Theodorakis-Programm "Ein Leben für die Freiheit" vor zwei Jahren gezeigt hat, das ebenfalls eine überwältigende Resonanz hatte. Die politische Aussage muß ebenso stimmen wie die innere Dramaturgie in der Verzahnung von Wortbeiträgen und Musik. Wenn man die Menschen wirklich erreichen will, muß die Aussage klar und transparent sein. Man kann nicht mit einer ideologischen Keule daherkommen. Das war bei beiden Programmen mein Anliegen, und ich hoffe, daß das aufgegangen ist.

Mikis Theodorakis hat vor zwei Jahren eine Videobotschaft zu unserer Veranstaltung geschickt. Das war auch diesmal geplant, aber nach dem Tränengasangriff der Polizei bei der Kundgebung vor dem Parlamentsgebäude geht es ihm immer noch schlecht und er ist bettlägerig. Er sieht sich jedenfalls im Augenblick nicht in der Lage, selbst eine Grußbotschaft zu schreiben und hat daher seiner Sekretärin herzliche Grüße auch ans Hamburger Publikum diktiert. Leider ging er irrtümlicherweise davon aus, daß die Veranstaltung erst am Abend stattfände, so daß wir seine Botschaft nicht im Schauspielhaus verlesen konnten. Er war sehr froh, daß drei Interpreten sein Werk wieder dargestellt haben. Er wußte das mit dem Chor noch nicht und auch nicht, daß Herr Rondholz mit dabei war.

Ich wollte ursprünglich den Herrn Hagen Fleischer dafür gewinnen. Der Wiener Professor für Geschichtswissenschaften lebt in Athen und besitzt seit 20 Jahren die griechische Staatsangehörigkeit. Er hat viele wissenschaftliche Arbeiten über die deutsche Besatzung veröffentlicht. Nachdem die Deutschen das Land verlassen hatten, kamen die Engländer und auch die Amerikaner, von denen Theodorakis sagt, sie hätten schon damals Napalm eingesetzt, was ich auch nicht wußte.

Herrn Rondholz bin ich vorher persönlich nie begegnet. Ich kannte ihn aber trotzdem schon lange, weil er eine Dokumentation über Kalavryta gedreht und auch das Buch dazu geschrieben hat. Die 45minütige Sendung lief Ende der 60er Jahre im Westdeutschen Rundfunk. Herr Fleischer hatte mir Herrn Rondholz empfohlen. Ich dachte, den Namen kenne ich doch von irgendwoher. Also habe ich mir die Dokumentation noch einmal angeschaut. Durch eine glückliche Fügung sind wir dann zusammengekommen. Ich hätte eigentlich gleich auf ihn kommen müssen, aber seine Arbeit zu Kalavryta war schon zu lange her, so daß ich mich zunächst nicht daran erinnerte. Ich selbst habe ja hier im Kreis Pinneberg versucht, mein Kalavryta-Oratorium Zuhörern nahezubringen. Man konfrontierte mich jedoch mit der Auffassung, daß Kalavryta niemandem etwas sage. Als ich daraufhin die Gegenthese anführte, daß man gerade aus diesem Grunde mit dem Werk dazu beitragen müsse, den Menschen die historischen Hintergründe und Zusammenhänge deutlich zu machen, herrschte absolute Stille.

Gerhard Folkerts beim Gespräch - Foto: © 2012 by Schattenblick

"Er hat eben keine Angst ... das ist das Großartige an ihm" Foto: © 2012 by Schattenblick

SB: Zur Matinee waren relativ wenig junge Leute gekommen. Liegt das möglicherweise daran, daß das bearbeitete Thema eher für die ältere Generation lebendig und für junge Menschen von heute nicht mehr in dem Maße präsent ist?

GF: Ich denke nicht, daß das auf inhaltliche Gründe zurückzuführen ist, sondern, um es einmal überspitzt zu formulieren, im Verschulden des Marktes liegt. Was in den Medien nicht gefördert wird und demzufolge nicht präsent ist, erreicht die jüngere Generation nicht. Es geht mit der klassischen Musik bergab, die die Produzenten angesichts sinkender Verkaufszahlen nicht mehr interessiert. Man braucht nur in die Musikhalle zu gehen, um zu sehen, daß bei solchen Konzerten kaum noch jüngere Menschen anwesend sind.

Wir haben noch Assoziationen und Bezugspunkte, aber die Jüngeren kennen nicht einmal mehr den Namen Theodorakis. Selbst in Griechenland hat man ihn bis zum Jugoslawienkrieg nicht mehr wahrgenommen. Dann hat er jedoch auf verschiedenen Plätzen gesprochen, beispielsweise auf dem Omonia-Platz und dem Syntagma-Platz, wo Hunderttausende auf den Beinen waren, wie jetzt auch am 12. Februar. Auf einmal war er wieder im Bewußtsein vieler Menschen. Inzwischen werden auf jeder Demonstration seine Lieder gesungen, weil man sich plötzlich wieder an sie erinnert. Ich finde es bedauerlich, daß man auf Demonstrationen keine Texte hat. Es lebt keine Kultur des Arbeiterliedes. Daher denke ich, daß es sich mit dem Riß zwischen den Generationen in anderen Bereichen ähnlich verhält.

SB: Es wird in den Medien gegenwärtig eine starke Bezichtigungskampagne gegen Griechenland gefahren. Könnte es damit zusammenhängen, daß das Verhältnis des Durchschnittsbürgers zu Griechenland hierzulande inzwischen negativ geprägt ist?

GF: Es trägt sicher dazu bei, aber ich denke, daß Griechenland bei uns gar nicht mehr im Bewußtsein ist. Griechenland liegt aus hiesiger Perspektive weit an der Peripherie und ist auch kein Grenzland mehr zum Islam. Seit die Türkei der NATO angehört, sind auch die USA nicht mehr so wie früher an Griechenland interessiert, was meines Erachtens ebenfalls eine große Rolle spielt.

SB: Gibt es da vielleicht eine tiefsitzende Abneigung in der deutschen Südosteuropapolitik gegen Staaten, die wie Griechenland orthodox sind? Jugoslawien ist in den letzten 100 Jahren immerhin dreimal von Deutschland angegriffen worden. Könnte es also sein, daß dieses Ressentiment den Leuten ungeachtet der ganzen Begeisterung für den griechischen Freiheitskampf des 19. Jahrhunderts, der zum Beispiel in der angloamerikanischen Welt stärkere Präsenz hat, gar nicht bewußt ist? Das Ressentiment gegen die Serben als Slawen war jedenfalls leicht zu mobilisieren, und bei den Griechen gibt es die Verbindung zu den 60er Jahren als Gastarbeiter.

GF: Wenn Griechenland keine Griechisch-orthodoxe Kirche hätte, sondern eine katholische, gäbe es vermutlich einen anderen Bezug. Dann hätten wir hier eine andere Mobilisierung. Ich glaube jedoch, daß sich ein Großteil der Menschen aus dem religiösen Umfeld gar nicht dafür interessiert. Auffällig ist doch, daß gerade in der jüngeren Generation, die eben nicht in die Konzerte kommt, überhaupt kein historisches Bewußtsein mehr vorhanden ist. Das sieht man im Engagement in den Parteien. Die Schulen können es aber auch nicht allein schaffen. Es wäre also ein Fehler, den Schulen vorzuwerfen, daß diese Verzahnung nicht mehr besteht. Da haben bestimmt viele Menschen aus ganz anderen Bereichen ein großes Interesse, daß dieses Apolitische erhalten bleibt.

SB: Die Griechen haben vermutlich ein spezifisches Verhältnis zu den Deutschen. Viele haben noch die deutsche Besatzung erlebt und sicher nicht vergessen.

GF: Herr Rondholz hat zu mir am Telefon gesagt, wissen Sie, Herr Folkerts, ich finde es so lächerlich, daß sich alle daran aufhängen, daß eine Zeitung diese Fotomontage von der Merkel gebracht hat. Ob sich auch alle aufgeregt hätten in Deutschland, als die Hakenkreuzfahne damals in Athen gehißt wurde. Das ist genau die richtige Fragestellung.

SB: Herr Rondholz hatte die Kampagne im Focus erwähnt. Das war eine regelrecht orchestrierte Geschichte, wofür das Magazin sogar den Preis der Quandt-Stiftung bekommen hat. Daß der Focus dafür ausgerechnet einen Journalistenpreis erhalten hat, ist wenig bekannt. Ich wollte an dieser Stelle noch einmal nachfragen, wie der von Ihnen erwähnte Tränengasangriff abgelaufen ist.

GF: Mikis Theodorakis und Manolis Glezos, der drei Jahre älter als Theodorakis ist und 1942 die Hakenkreuzfahne von der Akropolis gerissen hat, wollten mit den Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude ihren Protest zum Ausdruck bringen. Theodorakis wollte aber nicht reden. Das war also nicht geplant. Er und Glezos wollten den Parlamentsabgeordneten, die die Beschlüsse fassen, ins Auge sehen, und sie fragen, ob das wirklich ihr Ernst sei, Griechenland zu opfern. Dann haben wohl viele Leute gefordert, Theodorakis möge reden. Er hat, so weit ich weiß, so etwas überhaupt zum ersten Mal gemacht. Er hat sich in den Rollstuhl gesetzt, da er keinen Schritt gehen kann. Ihm ist ja während des Bürgerkrieges das Bein gebrochen worden, und daran leidet er bis heute. Man sah auch früher, wenn er dirigierte, wie mühselig er zum Podest aufstieg.

Es ging schon mit dem Tränengas los. Anstatt sich die Gasmaske aufzusetzen, wodurch er jedoch nicht hätte sprechen können, hat er sie nicht benutzt. Als er mit seiner Rede fertig war und sich in den Rollstuhl setzen wollte, kamen drei Polizisten auf die beiden zu, und man sieht auch auf den Bildern der Homepage, wie sie ihnen aus 30 cm Entfernung Reizgas ins Gesicht sprühen. Theodorakis greifen solche Sachen psychisch immer sehr stark an. Als Michael Cacoyannis, der Regisseur von Alexis Sorbas, im Juli letzten Jahres starb, wollte er niemanden sehen, und als sein Bruder vor sieben oder acht Jahren verstarb, hat er gesagt, ich komponiere nicht mehr, und hatte sich für eine lange Zeit ganz zurückgezogen. Auch jetzt steckt er in einer tiefen Traurigkeit.

Es leben noch zwei gleichaltrige Freunde, sein Arzt und ein Anwalt, dem 1967 gesagt wurde, wenn er Theodorakis verteidige, käme er sofort ins Gefängnis. Daraufhin hat er eine solche Angst gekriegt, daß er nach Italien in die Emigration gegangen ist. Wir haben ihn beim 80. Geburtstag von Theodorakis in Kreta kennengelernt, als dort ein einwöchiges Symposium stattfand. Er sagte uns, daß seine Verfolgungsangst so groß war, daß er erst zwei Jahre, nachdem die Junta nicht mehr an der Macht war, wieder nach Griechenland zurückgekehrt ist.

Auf Fotos von Mikis Theodorakis von Demonstrationen aus den 60er Jahren ragte er mit seinen 1,97 Meter immer aus der Menge heraus. So war er leicht zu verhaften, weil man ihn überall sah. Er ist ein Hüne, auch heute noch. Er geht nicht krumm, sondern immer gerade, nur daß er ein wenig schlurft und dann von beiden Seiten gestützt werden muß, was ihm ungeheure Mühe beim Hinsetzen bereitet. Sobald er meine Frau auch nur im Türrahmen sieht, steht er auf, auch wenn wir ihm jedesmal sagen, daß er das sein lassen soll. Das sitzt tief in seiner Mentalität drin. Und er ist äußerst liebenswürdig, geht auf alle Fragen ein, man muß ihn nur reden lassen. Er ist ein lebendes Geschichtsbuch, und ihm fallen immer ganz viele Sachen ein.

Das schönste Erlebnis verbinde ich mit meinem 60. Geburtstag. Er hat am Haus einen Außenfahrstuhl. Man fährt dann hoch und auf seine Dachterrasse. Von dort aus hat man einen direkten Blick auf die Akropolis. Also meine Frau und ich kamen oben an, und da sitzt sein Biograph Guy Wagner, der sich große Verdienste um sein Werk erworben hat und auf Französisch und auch Deutsch schreibt. Dann singt Theodorakis mir ein Ständchen zum Geburtstag. Er singt ja nach wie vor so gern. Das sind besonders schöne Erinnerungen.

SB: Theodorakis hat in seiner Erklärung vom 15. Februar sehr deutliche Worte gefunden und von einer Verschwörung gegen Griechenland und die Griechen bis hin zu einer physischen Vernichtung der Menschen gesprochen. Das sind Worte, die in Deutschland sicher nicht gerne gehört werden.

GF: Das sind zwei Dinge. Auf der einen Seite haben die Griechen, ich meine das jetzt nicht negativ, eine andere Art der Leidenschaft, "pathetisch" ist bei uns anders besetzt, auch in der Verbalisierung, wir sind da ein bißchen cool in der Wortwahl. Wir haben in dem Aufruf mit seinem Einverständnis versucht, manche Wörter unserer Mentalität anzupassen, ohne dabei die Inhalte in irgendeiner Weise zu verändern. Im Gegensatz zu mir ist Theodorakis immer auch Politiker gewesen. Als Abgeordneter und Kandidat hat er ein ganz anderes Umfeld, so daß ihm politische Freunde viele Informationen zutragen. Ich muß die ganz mühselig von überallher recherchieren. Das ist, glaube ich, ein großer Nachteil hier bei uns, die Isolation der Künstler und Schriftsteller nach dem Irakkrieg, die sich nicht mehr zu Wort melden. Es gab da allerdings eine klare und deutliche Veröffentlichung von Peter Härtling zum Irakkrieg, in der er mehrere Punkte angesprochen hat. Es fehlt auch die Vernetzung der Künstler, was ich sehr bedauerlich finde. Der Oktober-Aufruf von Glezos und Theodorakis zeigt ja am Ende, daß sich die Menschen jetzt übernational zusammenfinden müssen, die begriffen haben, wohin das Ganze führen kann. Aber das ginge natürlich nur, wenn wir viele Veranstaltungen hätten. Konstantin Wecker wollte eigentlich eine Griechenland-Veranstaltung in München machen, die er aber wieder abgesagt hat. Eigentlich müßten in allen Regionen Deutschlands solche Veranstaltungen stattfinden.

Gerhard Folkerts beim Gespräch - Foto: © 2012 by Schattenblick

"Auch ihr müßt euer Leben einsetzen ..."
Foto: © 2012 by Schattenblick

SB: In den 60er Jahren war es für viele Leute selbstverständlich, daß die Probleme der Menschen in den verschiedenen Ländern zusammenhängen, und Mikis Theodorakis stand ja immer dafür, diese Vielfalt in einer menschlichen Sicht zusammenzubringen. So hat er unter anderem Pablo Neruda, Tito und Arafat getroffen und diese Verbindung immer wieder hergestellt. Gegenwärtig leben wir in einer Zeit, in der dieses Moment weitgehend verlorengegangen ist und man sich kaum noch damit beschäftigt, was in anderen Weltregionen passiert.

GF: In den anderen Völkern, Ländern und Nationen sind natürlich auch starke politische Veränderungen eingetreten, die das bewirkt haben und es wesentlich schwieriger machen, Kontakte zu knüpfen. Auch unter Künstlern kann man feststellen, daß viele resigniert haben. Das ist das Bittere. Resignieren darf man nicht, das ist das Ende jeder Lebenstätigkeit.

SB: Mikis Theodorakis hat eigentlich nie resigniert, auch wenn er Phasen hatte, in denen es ihm körperlich und seelisch sehr schlecht ging. Aber er kam bis heute nie an den Punkt, wo er aufgegeben und gesagt hätte, ich ändere meine Position von Grund auf.

GF: Er sagte einmal in einem Gespräch zu meiner Frau und mir, was ihr in Europa nicht versteht, ist, daß ihr auch euer Leben einsetzen müßt. So ein Satz gibt einem natürlich unglaublich zu denken. Man hat nur ein Leben und trotzdem möchte man aufrecht durch sein Leben gehen. Wenn ich den Weg weitergegangen wäre und nur Bartók und Bach gespielt hätte, wäre alles viel leichter gewesen und ich hätte mich nicht mit vielen Anfeindungen und Widerständen auseinandersetzen müssen, die immer wieder kommen und auch in Zeitungskritiken präsent sind. Ich bin dabei eigentlich immer ganz gut davongekommen, weil man auf die musikalischen Interpretationen eingeht, was zwar auch nicht ganz stimmt, und so kriegen das andere oft zu Unrecht ab, die da vorne interpretieren, obwohl die Kritik auch an mich gehen müßte. Ich denke, die Situation wird immer schwieriger, weil die meisten Künstler auch Angst haben und sich dann nur um die rein handwerklich-technischen Dinge kümmern und die politischen Zusammenhänge ganz beiseite drängen.

SB: Haben Sie eigentlich auch persönlich Probleme bekommen, nicht nur in Form negativer Kritiken, sondern daß sogar Veranstaltungen verhindert wurden?

GF: Einer meiner ersten literarischen Abende war ein Anne-Frank-Programm hier in Wedel im Ernst-Barlach-Saal einer Schule. Da gab es Anrufe im Rathaus, daß der Abend von der rechten Szene gesprengt werden sollte. Der SPD-Bürgermeister, der leider nicht mehr lebt, hat dann darauf gedrungen, daß die Ratsversammlung an dem Tag, an dem wir diese Veranstaltung hatten, ausfiel und an die Ratsmitglieder appelliert, in die Anne-Frank-Veranstaltung zu gehen. Da ist natürlich nur ein Bruchteil hingegangen. Es passierte nichts an dem Abend, und ich hatte auch keine Angst. Man hatte vorsorglich an den Eingangstüren Leute postiert, falls es zu einer Randale kommen sollte. Das war eigentlich das einzige. Sonst habe ich keine physische Bedrohung erlebt. Ich hoffe, das bleibt auch so.

SB: Mikis Theodorakis hat oft sein Leben eingesetzt. Er war in der Kommunistischen Partei, ist dann ausgetreten und hat nie wieder einer Partei angehört. Er war 1989 in einer Mitte-Rechts-Regierung Minister, wobei er später selber gesagt haben soll, daß es ein Fehler gewesen sei. Er wurde daraufhin von allen möglichen Leuten kritisiert, die ihm vorwarfen, er sei sich untreu geworden.

GF: Dieses Zitat stimmt nicht. Ich habe ihn selbst einmal danach gefragt, und er sagte, das habe er nie gesagt. Das wird hier bei uns total verdreht. Es gab wie auch in ganz Europa zwei kommunistische Bewegungen, eine eurokommunistische und eine auf Moskau ausgerichtete stalinistische. Theodorakis ist in die eurokommunistische Partei eingetreten. 1974 gab es starke Auseinandersetzungen innerhalb Griechenlands, die historische Gründe hatten. Es gab am Ende des Bürgerkriegs diesen großen Appell auch an Moskau, helft uns und versorgt uns mit Waffen, wir kontrollieren bereits einen großen Teil dieser Befreiungsbewegung, aber die Engländer werden stärker sein, weil sie über ein höheres militärisches Potential verfügen. Die Kommunisten haben sich von Moskau im Stich gelassen gefühlt, was dann auch so war, und die Waffen mußten abgegeben werden. Theodorakis gehörte zu dem Teil der Bewegung, der die Waffen nicht abgegeben hat und in die Berge gegangen ist.

Theodorakis ist dann später, wie er selbst sagte und auch in seiner Autobiographie zu lesen ist, nicht in die Nea Dimokratia eingetreten, sondern hat mit ihr gestimmt, weil er die Regierung Papandreou ablösen wollte, bei der ihm bestimmte Dinge total gegen den Strich gegangen sind. Auch das hatte historische Gründe, weil schon Papandreous Vater damals mit den Engländern kollaboriert hatte und er nicht bereit war, daß die PASOK mit der kommunistischen Bewegung eine gemeinsame Regierung bildete. Papandreou hatte das in mehreren Konferenzen und Gesprächen verhindert. Laut Theodorakis gab es so viele Verfilzungen, aus denen sie herauskommen mußten, und das ging nur mit Konstantinos Mitsotakis, der in der Militärdiktatur ebenfalls verfolgt wurde, also ein Antifaschist war. Es hing von einer Stimme ab. Theodorakis hat gesagt, ich bin nie in der Nea Dimokratia oder ein Anhänger der rechtskonservativen Ideologie gewesen. Das wurde jedoch ganz schnell von seinen Gegnern verbreitet. Schon als Theodorakis 1974 aus der kommunistischen Partei austrat, gab es solche Pressekampagnen. Mehr weiß ich auch nicht. Das sind Dinge, die man unbewußt übernommen hat, aber das sei eine historische Unwahrheit, so Theodorakis.

SB: Ich stelle mir das so vor, daß die Griechen durch die lange Geschichte der Auseinandersetzungen untereinander sehr gespalten waren und die historisch gesehen alte Feindschaft, da Teile der Griechen mit den Besatzern zusammengearbeitet hatten, sehr tief saß.

GF: Nicht die loyalen haben kollaboriert, sondern die königstreuen. Es ist heute noch verblüffend. Ich kenne mehrere Griechen hier in Hamburg, die immer noch behaupten, es sei alles viel besser gewesen, als König Paul I. herrschte. Die Griechen sprechen heute noch von der Wunde Makronissos. Auf Makronissos war das berüchtigte Gefangenenlager im Bürgerkrieg. Wir haben es vor drei Jahren besucht. Sie erinnern sich vielleicht an die Skizze der Insel in unserem Programm.

Der Hintergrund ist, daß wir zu Theodorakis sagten, wir fahren rüber nach Makronissos. Da gibt es keinen Fährverkehr. Man muß sich irgendwie von einem Fischer übersetzen lassen oder ein Boot chartern. Theodorakis erwiderte, er möchte über Makronissos nicht reden. Wir haben dann über alles mögliche gesprochen, und auf einmal nimmt er einen Briefumschlag und malt eine Skizze, ebenjene aus dem Programm, die von ihm stammt. Er sagte dann, hier ist das Lager ABC, so wie der ebenfalls inhaftierte Dichter Jannis Ritsos es beschrieben hat. Dieses Lager ist bis 1953 genutzt worden. Ritsos ist erst 1953 von Makronissos entlassen worden. So lange ist er dort inhaftiert gewesen. Der von ihm geschriebene Text geht einem unter die Haut. Vor sieben Jahren haben die Überlebenden von Makronissos 20 Boote gechartert und dort eine Gedenkveranstaltung abgehalten. Das hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, worauf Tausende von Menschen rübergefahren sind. Da gibt es so ein kleines verfallenes Theater, und dort hat Theodorakis 20 Minuten acapella gesungen. Es gab auch mehrere Redner, und anschließend hat Theodorakis infolge dieser psychologischen Belastung vierzehn Tage flachgelegen, weil ihm das so nahe ging. Schließlich hatte er dort die schrecklichste Folter erlebt. Er ist unter anderem eingegraben worden. Dann kamen die Skorpione auf ihn zugelaufen. Er muß die furchtbarsten Dinge erlebt haben. Er sagt selber - ich kenne das von Überlebenden ehemaliger Konzentrationslager, die jetzt leider nicht mehr leben -, wir können vieles erzählen, aber manches überhaupt nicht.

SB: Wir haben am Sonntag erlebt, daß die politische Botschaft einen starken Impuls setzt, der die Musik erst richtig verständlich macht. Er löst eine gewisse Empathie aus, gerade im Kontrast zu der Mißachtung und Erniedrigung der Griechen hierzulande in Deutschland. Können Sie sich vorstellen, daß ungeachtet dieser vorherrschenden Stimmung mehr Menschen darauf ansprechen würden, sofern es nur Vermittlungskanäle dafür gäbe?

GF: An den Vermittlungskanälen scheitert es im Augenblick. Ich weiß aus früherer Erfahrung, als ich viel im literarischen Chanson gearbeitet habe und in den dritten Programmen im Bayerischen Rundfunk und Süddeutschen Rundfunk viele Stücke aufführen konnte, also Sendungen mit einer Länge von 45 oder 60 Minuten, daß das für die Menschen eine ungeheure Anziehungskraft für die Konzerte in München oder Stuttgart hatte. Wenn aber vorher gar nichts berichtet wird, dann kommen nur die, die durch Mundpropaganda von uns gehört haben oder die bereits vor zwei Jahren bei uns waren bzw. die wir selber durchs Internet erreichen. Die Schwierigkeit besteht darin, ob und wie sich diese medialen Kanäle öffnen.

SB: Möglicherweise gibt es auch politische Gründe oder Empfindlichkeiten, die verhindern, daß es unabhängig vom künstlerischen Wert eine größere Verbreitung für solche Veranstaltungen gibt.

GF: Das sind für mich nicht durchschaubare Dinge, aber ich denke, wenn man zweimal das Schauspielhaus füllt, müßten die Medien eigentlich ein Interesse haben, auch darüber zu schreiben, weil es sowohl vom künstlerischen Niveau, über das das Publikum entscheidet, als auch von der inhaltlichen Seite her ganz stark zum Tragen kommt. Wir haben uns alle drei gefragt, woran es liegen könnte, daß wir die Kulturredakteure in den großen Tageszeitungen persönlich angerufen haben und dennoch überhaupt keine Reaktion bekamen - weder in der Vor- noch in der Nachbereitung. Wer nimmt auf sie Einfluß, daß sie nicht reagieren? Ich weiß es im Augenblick nicht, aber spekulieren hilft da auch nicht weiter.

Gerhard Folkerts und SB-Redakteur - Foto: © 2012 by Schattenblick

Gerhard Folkerts und SB-Redakteur
Foto: © 2012 by Schattenblick

SB: Mikis Theodorakis, dem der Tag gewidmet war, hat seinerzeit eindeutig Stellung bezogen gegen den Angriff auf Jugoslawien. Hingegen war die Stimmung hier in Deutschland serbenfeindlich bis zur Demagogie. Auffallend bei der hiesigen Rezeption ist ferner, daß Theodorakis immer, wenn er etwas zu Palästina sagt, hart angegangen wird. Glauben Sie, daß da eine gewisse Unversöhnlichkeit existiert?

GF: Ich denke schon. Ich kann das auch aus Gesprächen, die ich mit verschiedenen Menschen im Kreis geführt habe, bestätigen. Die sagten zu mir: Sie machen ein Theodorakis-Programm, aber warum unterstützen sie damit diesen Kommunisten? Diese Schublade ist bei uns ganz stark verankert. Sie wissen, daß Theodorakis gegen die Militärdiktatur war. Sobald jemand Kritisches gegen Diktaturen sagt, gilt er erst einmal als links, wenn nicht gar als kommunistisch, und ist damit gleich abgestempelt. Die Bereitschaft, seinen weiteren Weg zu verfolgen, ist nicht vorhanden. Man hat dieses vor 30 Jahren geprägte Bild im Kopf. Würden die Medien ein anderes Bild aufarbeiten, sähe das schon anders aus.

SB: Dabei vertritt Theodorakis, wie auch seine jüngsten Stellungnahmen belegen, nach wie vor internationalistische Positionen. Er hat eine sehr klare Meinung, die, wie Sie vorhin sagten, für einen deutschen Künstler nicht vorstellbar wäre. Man muß ihn nicht einmal als Kommunisten bezeichnen, es reicht offenbar schon aus, daß er deutliche Worte spricht.

GF: Wir haben bei uns gegenwärtig niemanden mehr, der ernsthaft Position bezieht. Früher war es der Schriftsteller Günter Grass, zuvor schon der Enzensberger, der etwas zu sagen hatte. Peter Härtling sagt auch nichts mehr. Unter den Komponisten ist Hans Werner Henze zu nennen, aber er ist sehr krank und lebt in Rom. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Ich habe vor drei Jahren einen Klavierabend mit einem Klavierwerk von Mikis Theodorakis im großen Konzertsaal der Hamburger Musikhochschule gegeben. Da geht man ein oder zwei Tage vorher hin und spielt sich an dem Instrument ein. Damals kamen einige Kompositionslehrer, grüßten mich freundlich und sagten, na, zu Ihrem Klavierabend wird wohl keiner kommen. Darauf habe ich dann erwidert, so etwas einen Tag vorher zu sagen, sei natürlich psychologisch sehr aufbauend. Ich wollte aber auch wissen, warum sie dieser Meinung waren. Sie sagten, weil Theodorakis nichts gilt und bestenfalls unter Unterhaltungsmusiker rangiert. Unter den klassischen Komponisten gibt es nach wie vor eine unheimliche Arroganz, die dazu führt, ihn schlichtweg als unseriös zu bezeichnen. Für mich ist das eigentlich nur ein Verstecken und Verdrängen, denn eigentlich ist ihre Haltung unseriös, weil sie sich mit dem Politischen nicht auseinandersetzen wollen. Aus diesem Grund gilt ihnen Theodorakis nichts.

SB: Aber das irritiert Sie insofern nicht weiter, weil Sie sehr angetan davon sind, daß Theodorakis menschliche Grundfragen und Grundwerte vertritt und sich für diese stark macht.

GF: Den entscheidenden Satz bei Mikis Theodorakis haben wir auch im Programm angesprochen: Wenn ich die inhaltlichen Dinge für richtig halte, die die Kommunisten sagen, dann gehe ich mit den Kommunisten zusammen. Wenn die PASOK das Richtige sagt, also die Sozialdemokraten, dann gehe ich mit denen zusammen. Richtet euch nach den Inhalten aus und nicht nach parteipolitischen Erwägungen.

Und dann sagt er immer wieder zu uns, ich verstehe nicht, warum das bei euch nicht funktioniert. In Griechenland funktioniert es ja leider auch nicht, aber diese Haltung hat er. Diese ungeheure menschliche Wärme und Aura, die er ausstrahlt, ist etwas völlig Glaubhaftes und Überwältigendes. Er ist im positiven Sinn natürlich auch ein Patriot und leidet sehr darunter, daß das Land vor die Hunde geht und irgendwann nicht mehr existent sein wird, weil die Finanzwelt das Land so sehr im Griff hat, daß es keine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit mehr besitzt. Daher rühren seine patriotischen Appelle und Aufrufe. Das kann man, glaube ich, nur aus diesem Blickwinkel verstehen.

SB: Was man hier womöglich abwertend als Nationalismus bezeichnen würde, erfolgt ja dort aus einer Situation des Widerstands heraus und hat damit einen ganz anderen Bezug und Stellenwert. Tatsächlich hat die deutsche Linke ein Problem damit, daß eine Partei wie die KKE die Aufschrift "People of Europe Rise up" auf einem großen Banner an die Akropolis hängt, was hier bei Teilen der Linken als völkische Position abgelehnt wird.

GF: Sie verstehen das nicht. Das liegt unter anderem wohl daran, daß wir keine Partei haben, die diese Klarheit zum Ausdruck bringt und medial so stark präsent ist, daß den Menschen die Augen aufgehen.

SB: Mikis Theodorakis ist gegenwärtig Teil der unabhängigen Bürgerbewegung Spitha ("Funke"), die vorerst nicht auf parlamentarischem Weg agieren will. Ist das eine ganz aktuelle Entwicklung?

GF: Auf der Homepage ist zu lesen, daß sie nicht kandidieren will. Mikis Theodorakis tritt nicht an, hat sein Biograph Guy Wagner, der in Luxemburg lebt, geschrieben. Theodorakis selbst könnte das physisch überhaupt nicht bewerkstelligen, und es ist in diesem Sinne erstaunlich, daß er sich noch vor relativ kurzer Zeit überall hinfahren ließ. Er hat im letzten Jahr in Piräus bei einem Empfang gesprochen. Damals war noch Papandreou Präsident und Erdogan gerade zum Staatsbesuch da. Dieser hatte die Bitte geäußert, Theodorakis besuchen zu wollen. Meine Frau und ich waren gerade bei ihm, und da hat Theodorakis gesagt, jetzt ist die Zeit gekommen, Griechenland und die Türkei werden keinen Krieg mehr gegeneinander führen und die Millionen und Milliarden für das Waffenarsenal sollten nun ganz anders eingesetzt werden. Da war plötzlich Schweigen auf beiden Seiten.

Das ist es, was einen so an Theodorakis fasziniert. Er spricht die Dinge aus, egal, wer kommt, und selbst, wenn es die beiden Staatspräsidenten sind. Er hat eben keine Angst. Jetzt könnte man sagen, er ist 87 Jahre alt, was kann ihm schon passieren, aber er hat sie eben auch früher nicht gehabt. Das ist das Großartige an ihm.

(Teil 2 des Interviews folgt)

Fußnoten:

[1]‍ ‍BERICHT/005: Hommage an Mikis Theodorakis - "Du bist Griechenland" (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/musik/report/murb0005.html

INTERVIEW/006: Hommage an Mikis Theodorakis - Griechenlandkenner Eberhard Rondholz im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/musik/report/muri0006.html

INTERVIEW/007: Hommage an Mikis Theodorakis - Konstantin Paraskevaidis, Auslandsgrieche und Publizist (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/musik/report/muri0007.html

[2]‍ ‍http://www.gerhard-folkerts.de/

Mikis Theodorakis und Gerhard Folkerts - Foto: © 2000 by Petra Folkerts

Aus der Fotosammlung ... Mikis Theodorakis und Gerhard Folkerts Foto: © 2000 by Petra Folkerts

26.‍ ‍April 2012