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BERICHT/003: Association of Musical Marxists ... mit subversiver Energie den Aufbruch wagen (SB)


Rock'n'Roll und Adorno ... wie aus Antipoden Zündstoff entsteht

Banner der AMM - Foto: © 2011 by Schattenblick

Foto: © 2011 by Schattenblick

Sollten Revolution und Rock'n'Roll wider alle Instrumentalisierung aufbegehrender Subjektivität durch diejenigen Kräfte, gegen die sie angeht, doch zusammenwirken? Läßt sich die kulturindustrielle Zurichtung der Popkultur auf ein Gleitmittel kapitalistischer Verwertung gegen sich selbst kehren? Müssen nicht die Heroen des privilegierten Konsumismus und verächtlichen Sozialchauvinismus, Reißbretthelden wie Bushido und Samy DeLuxe, deren inszenierte street credibility in der aktiven Befriedung sozialer Antagonismen als Vorzeigesozialarbeiter mündet, zu vorrangigen Zielen radikaler Kritik werden? Können eine mit dem Fleisch geschlachteter Tiere behängte Lady Gaga [1] oder eine zum Aufmarsch von Aggressoren und akustischer Folter in Guantanamo aufspielende Band wie Metallica [2] auf irgendeine Weise Bezugspunkte für eine wünschenswerte menschliche Entwicklung sein? Wird der Klassenkampf nicht durch die emotionale Entlastung, die eine in sinnentleerten Posen der Rebellion erstarrte Popmusik per Download verfügbar macht, viel zu sehr korrumpiert, als die musikalischen Spuren verwehter sozialrevolutionärer Aufbrüche dem konsumistischen Unterwerfungsimperativ entgegenzustellen haben? Wie läßt sich widerständige und unverwechselbare Subjektivität einer Kultur abgewinnen, deren endlose Reproduzierbarkeit die Autonomie des Menschen, das von fremder Kontrolle freie Gespräch, die Unvergleichlichkeit genuinen künstlerischen Schaffens und die Wirkmächtigkeit des die Zeiten überwindenden Liedes in Folien objektivierten fremdnützigen Verbrauchs verwandelt?

Fragen dieser Art als auch die grundlegende Einschätzung der Möglichkeit revolutionärer Gesellschaftsveränderung standen auf dem Programm einer Veranstaltung, zu der die Assoziation Dämmerung [3] am 3. November in Fred's Schlemmer-Eck auf Hamburg-St. Pauli geladen hatte. In der unweit der Reeperbahn gelegenen Seemanskneipe stellten sich die Gründungsmitglieder der britischen Association of Musical Marxists (AMM) getreu der erklärten Devise, das Publikum nicht durch langweilige Abstraktionen zu nerven, mit dem Elan zeitloser Jugendlichkeit vor. Rund 30 Interessierte hatten den Weg in die gemütliche Eckkneipe gefunden, um sich die musikalischen Ideen und Illustrationen Keith Fishers, Ben Watsons und Andy Wilsons zu dem weitgefächerten Themenfeld Theodor W. Adorno, Revolution, Zweiter Weltkrieg und Popmusik anzuhören, um anschließend in eine rege Diskussion zu treten. In einem Ambiente von nicht nur maritimem Schmuck und Zubehör, sondern auch den Schals traditionsreicher britischer Fußballvereine wie Glasgow Celtic, Liverpool und Aston Villa an den Wänden, fühlten sich die drei Engländer, die im letzten Jahr den Verlag Unkant aus der Taufe gehoben hatten, sichtlich wohl. Es folgte ein bewegter Abend, an dem auch der konfrontative Disput nicht zu kurz kam.

Andy Wilson - Foto: © 2011 by Schattenblick

Andy Wilson
Foto: © 2011 by Schattenblick
Nach einer kurzen Begrüßung durch Susann Witt-Stahl von der Assoziation Dämmerung ergriff Andy Wilson das Wort. In seinem politischen Werdegang gehörte er lange Zeit der Socialist Workers Party (SWP) an, der größten revolutionären Gruppierung der britischen Linken. Der ehemalige Matrose der Royal Navy arbeitete einige Jahre hauptberuflich als SWP-Organisator in der westenglischen Hafenmetropole und Beatles-Geburtsstätte Liverpool. Nach einem heftigen Streit mit dem Parteivorstand um die Rolle der Kultur im allgemeinen und der Populärmusik im besonderen wie auch um ein von oben diktiertes Verständnis des Marxismus kam es zum Bruch mit der SWP, die Wilson nach wie vor als seine politische Heimat betrachtet.

Die trotzkistische SWP ging recht früh auf Distanz zur kaderkommunistischen Sowjetunion und hat die dortigen Verhältnisse im Sinne eines reaktionär-dirigistischen Staatskapitalismus angeprangert. Die kritische Haltung der SWP zu Moskau hat deren Mitglieder laut Wilson davor bewahrt, nach dem Zusammenbruch der Warschauer Vertragsorganisation und der Auflösung der Sowjetunion vom Ziel der Überwindung kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse auch nur um ein Jota abzurücken oder in den Strudel revisionistischer Verwerfungen zu geraten. Die AMM-Aktivisten halten unverbrüchlich am Projekt eines demokratischen Sozialismus fest, der einfachen Menschen weit mehr Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeiten einräumt, als alle vier oder fünf Jahre die Stimme bei Parlamentswahlen abzugeben. Den Parlamentarismus moderner Prägung spielt Wilson als "representational politics" herunter. Dabei vertritt er die Meinung, daß jeder Versuch, mit einem Marsch durch die Institutionen - wie beispielsweise bei den Grünen in Deutschland oder der sozialdemokratischen Labour Party in Großbritannien - das herrschende System von innen heraus reformieren zu wollen, zum Scheitern verurteilt sei.

Während des Kalten Krieges, so Wilson, hätten viele Menschen im Westen aufgrund eines fehlgeleiteten Verständnisses vom Kommunismus Partei für die Sowjetunion ergriffen. Dasselbe Mißverständnis sei auch der Grund dafür, warum sich heutzutage etliche Linke - in Deutschland zum Beispiel die sogenannten "Antideutschen" - im sich aufgeklärt gebenden und damit die eigene Suprematie betreibenden Westen zum "Kampf der Kulturen" gegen die islamische Welt bekennen. Mit diesem progressiv ummäntelten Standpunkt werde nicht nur das revolutionäre Potential der Arbeiterklasse negiert, sondern aktiv bekämpft, so die AMM-Aktivisten. Ihnen geht es darum, durch Schriften und Diskussionen zur Radikalisierung der arbeitenden Bevölkerung beizutragen und deren Entfaltungsmöglichkeiten im Sinne der Selbstorganisation zu fördern, so Wilson unter Verweis auf die aktuellen Umbrüche in der arabischen Welt und das Aufkommen der Occupy-Bewegung in den westlichen Industriestaaten.

Keith Fisher - Foto: © 2011 by Schattenblick

Keith Fisher
Foto: © 2011 by Schattenblick

Im Anschluß an Wilsons Auftritt - ein in Anbetracht der kämpferischen Intensität seiner Rede angemessener Ausdruck - erteilte Keith Fisher darüber Auskunft, daß er als Jugendlicher in den 1980er Jahren in die SWP eintrat, weil er sich für ihren Kampf gegen die National Front begeisterte. Die Mobilisierung gegen die britischen Rechtsradikalen sei damals so erfolgreich gewesen, daß diese niemals den Zulauf und die Zugkraft etwa eines Jean Marie Le Pen in Frankreich erhielten. Fisher, der früher in der Presseabteilung der SWP arbeitete, führt die Gründung des Verlages Unkant auf das Anliegen der AMM zurück, der öffentlichen Diskussion in Britannien um die Selbstbefreiung der Arbeiterschaft neuen Auftrieb zu verleihen.

Seit dem letzten Jahr hat der Verlag mehrere Bücher, darunter Ben Watsons "Adorno for Revolutionaries" sowie Ray Challinors "The Struggle for Hearts and Minds - Essays on the Second World War" veröffentlicht. Laut Fisher hätten sie sich aufgrund der ideologischen Instrumentalisierung des Mythos vom "guten" Zweiten Weltkrieg durch die westlichen Alliierten USA und Britannien, mit Hilfe dessen der Sturz widerspenstiger Regierungen in den kolonisierten Ländern des Südens legitimiert wurde, für das Buch des marxistischen Geschichtsprofessors Challinor entschieden.

Im Kern drehe sich der Mythos um den Zweiten Weltkrieg nach Ansicht Fishers um die Behauptung, die Briten hätten sich wie ein Mann Hitlers Nazideutschland entgegengestellt und so die schwere Last des Konfliktes getragen. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein. Erstens hätten große Teile der britischen Aristokratie mit den Nazis sympathisiert und zweitens habe die Arbeiterklasse die weitaus größeren Entbehrungen des Krieges erleiden müssen. Challinor dokumentiert im Buch dezidiert die völlig unterschiedlichen Erfahrungen der britischen Ober-, Mittel- und Unterschicht in den Kriegsjahren sowohl an der Heimat- als auch der Kriegsfront. Wegen der hohen Brisanz des Themas und angesichts der Tatsache, daß darüber in Deutschland weitaus weniger publiziert wurde als in Britannien, führte der Schattenblick nach der Veranstaltung ein ausführliches Gespräch mit Fisher. Seine Erläuterungen zum Zweiten Weltkrieg und dessen propagandistische Umformung zum Leitstern der von der Anglosphäre dominierten "internationalen Gemeinschaft" sowie seine Ansichten zum britischen Militarismus werden demnächst als gesonderter Teil eines gemeinsamen SB-Interviews mit ihm und Ben Watson zu lesen sein.

Ben Watson - Foto: © 2011 by Schattenblick

Ben Watson
Foto: © 2011 by Schattenblick

Ben Watson, der in den 1980er und 1990er Jahren als Musikkritiker für die britische Jazz-Zeitschrift The Wire schrieb, hielt als dritter Referent einen tiefschürfenden Vortrag über die Entstehungsgeschichte der AMM und das Verhältnis von Musik und linksradikaler Politik. Der Text zum Vortrag war zuvor ins Deutsche übersetzt worden, so daß Watson, der diese Sprache zuletzt vor rund dreißig Jahren an der Schule gesprochen hatte, seine stolpernde Aussprache vor allem bei langen zusammengesetzten Worten zum Amüsement des Publikums gekonnt als komödiantisches Mittel einsetzen konnte. Der Biograph Frank Zappas und des britischen Avantgarde-Gitarristen Derek Baily bekannte sich zur counterculture der 1960er und der Punk-Bewegung der 1970er Jahre. Auch wenn Politik und Medien beide Strömungen erfolgreich vereinnahmt und dadurch entschärft hätten, so glaubt Watson noch heute, daß in der freien Improvisation, dem Aufbrechen tradierter Normen und der Schaffung neuer Ausdrucksformen, wie vom Musiker Zappa oder Schriftsteller James Joyce praktiziert, der gangbare Weg zur Befreiung des Menschen von ihn fesselnden Weltbildern und Verhaltensweisen zu finden sei. Erst durch die Huldigung klassischer Bildungsikonen wie Shakespeare und Tschaikowsky und die gleichzeitige Verteufelung derjenigen Künstler, die das Kindische und Ungezügelte, aber auch das Schreckhafte an der menschlichen Existenz hervorgehoben hätten, sei der Kommunismus sowohl in der Sowjetunion unter Stalin als auch durch die kulturelle Eingleisigkeit der SWP gleichermaßen hintertrieben worden. Gemäß seiner eigenen Argumentationslogik erklärte er sich wie auch Fisher und Watson zu Dadaisten als auch Leninisten.

Draußen vor der Kneipe - Foto: © 2011 by Schattenblick

Erfrischende Pause in lauer Novemberluft
Foto: © 2011 by Schattenblick

Bei allem Ehrgeiz und Engagement haperte es bei den Vorträgen - mit Ausnahme des von Watson auf deutsch vorgelesenen Essays - mit der Allgemeinverständlichkeit. So fand ein nicht geringer Teil des Publikums keinen wirklichen Zugang zur Sprache der Briten. Zum einen vermischten sich in ihrem Englisch akademische Stilblüten zuweilen mit grobem Straßenjargon, zum andern wurde nicht selten auf Zusammenhänge, Ereignisse und Personen verwiesen, die eine präzise Kenntnis der englischen Politik und Kultur voraussetzten, so daß viele Pointen und Polemiken bedauerlicherweise ins Leere gingen. Mag sein, daß dies die anschließende Diskussion unnötig erschwerte und sie in Konfrontation umschlagen ließ, als ein Besucher die seines Erachtens übertriebene Beweihräucherung Adornos durch Watson mit dem Argument kritisierte, daß Adornos negative Einschätzung der Jazz-Musik durchweg der Ausfluß mangelnder Kenntnisse gewesen sei. Anscheinend hörte Watson aus dem Einwand einen versteckten, reaktionären Seitenhieb auf den großen Kritiker der Kulturindustrie heraus und konterte diesen mit seinen beiden Kompagnons auf harsche Weise. Schade, denn bei etwas mehr Souveränität und Contenance auf Seiten des AMM-Trios hätte sich eine für alle Beteiligten fruchtbare Debatte entwickeln können. So allerdings schwand die Bereitschaft zu einem ernsthaften und argumentativen Dialog mit dem Anschwellen der Lautstärke. Der Fragesteller fühlte sich zuletzt ebenso mißverstanden wie ungerechtfertigterweise geschurigelt, so daß er, fassungslos den Kopf schüttelnd, die Kneipe verließ.

Büchertisch der Unkant Publishers - Foto: © 2011 by Schattenblick

Fortsetzung der Debatte in schriftlicher Form
Foto: © 2011 by Schattenblick
Zu dem seit Jahrzehnten für Kontroversen zwischen Adepten und Kritikern Adornos sorgenden Umgang des Soziologen mit dem Thema Jazz läßt sich zumindest so viel sagen, daß seine harschen Urteile über diese Form nordamerikanischer Musik nicht zu trennen sind von seiner Kritik am Tauschwertcharakter kulturindustrieller Produktivität. Künstlerischen Gebrauchswert in einem demokratischen und emanzipatorischen Sinne sprach Adorno dem Jazz bereits Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre ab, allerdings unter dem Eindruck einer eher dem Schlager zugehörigen Musikkultur, die auch in Deutschland das Feld öffentlicher Unterhaltung dominierte. Dabei nutzte der Musiksoziologe den Jazz als modellhaftes Beispiel zur Entwicklung seiner Theorie der Kulturindustrie als eines affirmativen Ausdrucks moderner Warenproduktion, mit Hilfe derer der revolutionären Aufhebung zentraler Widersprüche wie dem des Kapitalverhältnisses entgegengearbeitet werde. Dabei kritisierte Adorno nicht nur die Fluchtbewegung einer oberflächlichen Unterhaltungskultur, sondern verortete die Uniformität fordistischer Massengüterproduktion auch in den formalen Kriterien des Jazz. Seine synkope Rhythmik erschien ihm stereotyp, seine künstlerische Virtualität erlebte er als manierierte Gefälligkeit, die Originalität des individuellen Schaffens war ihm standardisierter Gleichklang, den schwarzen Drang nach Befreiung empfand er als Rückfall in die Sklaverei kapitalistischer Fremdbestimmung.

Wie ein Text Adornos aus dem Jahre 1933 belegt, schätzte er die Oberfläche des Unterhaltungsgeschäfts keineswegs als zu vernachlässigenden Schein, hinter dem das Echte und Wahre künstlerischen Schaffens zu suchen wäre, gering, sondern analysierte sie als relevanten Ausdruck herrschender kultureller Produktivität, ohne zu behaupten, daß diese nicht über historische Wurzeln genuiner Auseinandersetzung und Schaffenskraft verfügte:


"Es ist nicht großstädtische Entartung, wurzellose Exotik, gewiß nicht, wie Arglose meinen, die Bizarrerie aufpeitschender oder greller Asphaltharmonien, die im Jazz sich darstellt und mit ihm verschwindet. So wenig er mit echter Negermusik zu tun hat, die hier längst industriell geglättet und gefälscht ward, so wenig wieder eignet ihm Destruktives und Bedrohliches; selbst die respektlose Verwertung Beethovenscher oder Wagnerscher Themen, die aufreizen mochte und auf revolutionäre Hintergründe zu deuten schien, ist in Wahrheit lediglich Ausdruck der Armseligkeit einer Musikfabrikation, die derart genormt und auf den Konsum eingestimmt ward, dass das letzte bisschen Freiheit, der Einfall, ihr verloren ging, den sie sich dort stahl, wo sie ihn fand - man könnte an eine Art 'Patent-Umgehung' dabei denken - indem sie die Freude des Gebildeten, sein Bildungsgut in der Bar wiedererkennen zu dürfen, nicht ohne Geschick einkalkulierte." [4]

Im Disput zwischen den AMM-Aktivisten und dem Gast, der sich als Musiker vorstellte, drängte ein Streitpotential an die Oberfläche, in dem die extensiv geführte Debatte um das Verhältnis zwischen Populär- und Hochkultur, zwischen Kritischer Theorie und der postrukturalistischen Varietät der cultural studies ebenso aufschien, wie der inhaltliche und zeitliche Rahmen, auf dem sie fruchtbar hätte aufgehen können, allzu eng bemessen war. Das Adornos Fundamentalkritik widerlegende Beispiel eines John Coltrane lief, da sich der Frankfurter Soziologe niemals explizit mit diesem Ausnahmemusiker beschäftigt hatte, ebenso ins Leere, wie Ben Watsons Scherbengericht über Billie Holiday allemal over the top war.

So relativierte Adorno seine frühe Kritik am Jazz in der Spätschrift über "Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika", in der er seine 1938 aufgenommene musiksoziologische Arbeit am Princeton Radio Research Project in den USA Revue passieren ließ:

"Schwerer wog eine gewisse Naivität der amerikanischen Situation gegenüber. Wohl wußte ich, was Monopolkapitalismus, was die großen Trusts sind; nicht jedoch, in welchem Maß rationelle Planung und Standardisierung die sogenannten Massenmedien, und damit den Jazz, dessen Derivate an ihrer Produktion einen so erheblichen Anteil haben, durchdrangen. Ich nahm tatsächlich noch den Jazz als unmittelbare Äußerung hin, als die er sich selbst so gern propagiert, und gewahrte nicht das Problem einer angedrehten, manipulierten Schein-Spontaneität, das des 'aus zweiter Hand', das mir dann in der amerikanischen Erfahrung aufging und das ich später, tant bien que mal, zu formulieren suchte. Als ich, fast dreißig Jahre nach ihrer ersten Publikation, die Arbeit 'Über Jazz' wieder drucken ließ, stand ich zu ihr sehr distanziert. Darum konnte ich außer ihren Schwächen auch das bemerken, was sie etwa taugt. Gerade dadurch, daß sei ein amerikanisches Phänomen nicht mit jener Selbstverständlichkeit wahrnimmt, die es in Amerika besitzt, sondern, wie man heutzutage etwas gar zu behend in Deutschland auf Brechtisch sagt, es 'verfremdete', bestimmte sie Züge, die von der Vertrautheit des Jazz-Idioms allzu leicht verdeckt werden, und die für das Phänomen wesentlich sein mögen." [5]

Die drei AMM-Aktivisten im Disput - Foto: © 2011 by Schattenblick

AMM in Aktion
Foto: © 2011 by Schattenblick
Die große Bedeutung, die der Jazz der 1960er Jahre in seiner frei improvisierten Form ebenso wie als musikalisches Element des Funk und Soul für die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA besaß, ist für die Frage der gesellschaftskritischen Wirkung populärer Musik von exemplarischer Bedeutung. Während die furiosen Ausbrüche schwarzen Protestes im Free Jazz sich eher einem intellektuellen Publikum erschlossen, war eine Sängerin wie Billie Holiday prädestiniert dazu, den rassistischen Charakter der US-Gesellschafts im allgemeinen und ihres Kulturbetriebs im besonderen zu dokumentieren und zu verändern.

So wurde die schon während des Zweiten Weltkriegs weltweit bekannte Künstlerin wegen Drogenbesitzes ins Gefängnis gesteckt, was ihren weißen Kolleginnen meist erspart blieb, selbst wenn sie illegale Substanzen konsumierten. Als Holiday 1959 während eines Wohltätigkeitskonzerts zusammenbrach und ins Krankenhaus eingeliefert wurde, stand die Polizei an ihrem Sterbelager, um sie zu verhaften. Zwar waren viele ihrer beschwingten Stücke frei von jeglicher Subversion, doch hatte Holiday einige so düstere Stücke in ihrem Repertoire, daß sie damit mehr als einmal heftige Reaktionen provozierte. Bei dem Lied "Strange Fruit", bei dem sich die seltsame Frucht, die dort im Wind an einem Ast baumelt, als die Leiche eines aufgehängten Schwarzen entpuppt, sprang einmal eine weiße Frau auf die Bühne, schlug auf Billie ein und zerriß ihr das Kleid. Sie hatte als Kind in den Südstaaten mitansehen müssen, wie ein Schwarzer an einem Baum erhängt wurde und wollte nicht mehr daran erinnert werden. Billie Holidays Lied "Gloomy Sunday" wurde während des Zweiten Weltkriegs vom britischen Premierminister Winston Churchill auf den Index gesetzt, da es häufig junge Frauen gegeben haben soll, die zu seinen Klängen Selbstmord begingen.

So hatte der Adornos Musikverständnis kritisierende Disputant mit seinem Verweis auf "Strange Fruit" zweifellos ein Argument für die politische Bedeutung des Jazz an der Hand, das Watson wohl nur im Eifer des Überbietungswettbewerbs auf eine Weise niedermachte, über deren sachliche Unbegründetheit in anschließender Runde Einigkeit bestand. Die furios geführte Debatte hatte zwar ihren eigenen Unterhaltungswert, sie ging jedoch zu Lasten eines solidarischen Umgangs miteinander, um den es, so eine gemeinsame Stoßrichtung im politischen Kampf besteht, doch zuallererst gehen sollte. Bei künftigen Aufritten kann man dem AMM-Trio nur wünschen, die Logik der eigenen Argumente für sich sprechen zu lassen. Im Extremfall kann man sich immer noch darauf verständigen, daß ein Einvernehmen nicht möglich ist, oder wie der Engländer gerne sagt, "agree to disagree".

Auch wenn die anfangs angeführten Fragen sicherlich nicht in wünschenswerter Bestimmtheit und Konsequenz weiterentwickelt wurden, so war der Anlaß des Abends, die Begegnung mit einigen am sozialrevolutionären Potential kultureller Subversion interessierten, dabei jedoch nicht in die identitätspolitische Beliebigkeit der sogenannten Poplinken verfallenden Marxisten, von allemal erfreulicher Art. Allein die Frage aufzuwerfen, ob es in der durch die Möglichkeiten des Internets global entgrenzten Vielfalt Anhaltspunkte für einen gesellschaftlich produktiven Zugang zum bewegenden Potential der Musik gibt, ist die Auseinandersetzung wert. Warum auch das Feld dieses Gemeinschaft und Gespräch, Besinnung und Freude stiftenden Produktivfaktors der Herrschaft eines Verwertungsprimats überlassen, dem alles gleichgültig ist, solange es sich nur in Dollar und Euro auszahlt?

Fußnoten:

[1] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/sele0861.html

[2] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/sele0811.html

[3] http://www.assoziation-daemmerung.de/

[4] http://www.tagesspiegel.de/kultur/jazz/440952.html

[5] Theodor W. Adorno: Stichworte. Kritische Modelle 2. Frankfurt am Main 1969

Relikte aus maritimer Vergangenheit - Foto: © 2011 by Schattenblick

Im Ernstfall hilft nur noch der Rettungsring ...
Foto: © 2011 by Schattenblick

15. November 2011