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REZENSION/008: Ina Müller - "De Schallplatte - nied opleggt" (SB)


Ina Müller "De Schallplatte - nied opleggt"

Kunst op platt - gekonnt, nicht gekünstelt



Plattdeutsch und Kunst, das scheint ein Widerspruch zu sein. Nicht etwa, weil diese Mundart, die so eng verbunden ist mit der norddeutschen Mentalität, sich mit der diesem Schnack innewohnenden, bisweilen recht derben Ausdrucksweise für Poetisches oder Tiefsinniges nicht eignen würde. Nein, der Widerspruch liegt eher darin, daß das Besondere des Plattdeutschen im Unverfälschten liegt. Will heißen: Je weniger an dieser Sprechweise verändert, geradegebogen oder "verfeinert" wird, umso besser. Sie gleicht einem urigen Stück Holz voller Maserungen, Ecken und Kanten, das vielleicht von manchen, denen der Blick für die eigenwilligen Farbverläufe und Strukturen abgeht, als ungehobelter Klotz wahrgenommen wird. Je tiefer man aber vordringt, je genauer man hinhört, umso mehr offenbart sich die diesem Dialekt eigene prägnante Kürze und der feinsinnige Humor.

Kunst kommt von "können", und dies bedeutet in bezug auf das Plattdeutsche gerade das Gegenteil von dem, was sonst eigentlich gefordert ist: Statt, um beim Bild zu bleiben, dem Holz mit Feile und Schmirgelpapier zu Leibe zu rücken, um der eigenen Vorstellung vom künftigen Objekt Gestalt zu geben, liegt hier das Können darin, es in seiner ursprünglichen Form zu belassen oder aber diese freizulegen, indem man sich weitgehend vom Hochdeutschen löst und den Inhalt möglichst vollständig in die der norddeutschen Mundart eigene Lebenswelt überträgt.

Dies gelingt gerade bei der plattdeutschen Musik leider oft überhaupt nicht. Obgleich sich in der Volksmusikszene allerhand Gruppen und Musiker tummeln, die solcherlei mundartliche "Folklore" präsentieren, kann sich der waschechte Norddeutsche dabei eines befremdlichen Gefühls meist kaum erwehren. Diese Darbietungen mögen durchaus durch melodiöse Klänge oder lustige Interpretationen ansprechen (für Nicht-Plattdeutsche auch oft ob des witzigen sprachlichen Klangs), werden aber in der Regel als Kuriosität wahrgenommen. Selbst in alten Trachten vorgetragen, erinnern sie eher an imitierte irische Folklore denn heimatlich vertraute Klänge. Dabei sollte doch eigentlich gerade die Folklore (der Begriff setzt sich aus "Folk" von "Volk" und "lore" von "Lehre, Weisheit, Überlieferung" zusammen) durch generationenübergreifende Pflege alter Traditionen alles andere als fremd sein.

Weshalb dies gerade im Plattdeutschen nicht oder nicht mehr so ist, erklärt Helmut Glagla in seinem 1982 erschienenen Werk "Das plattdeutsche Liederbuch" [1] folgendermaßen:

"Die Zeit, in der in Norddeutschland ganz selbstverständlich und allgemein niederdeutsch gesungen wurde, liegt schon ungefähr vierhundert Jahre zurück. Sie ging zu Ende mit dem Untergang der niederdeutschen Schrift- und Verkehrssprache, die um 1600 vom Hochdeutschen verdrängt wurde. Was übrigbleibt, sind die verschiedenen landschaftlichen Mundarten des Niederdeutschen, die wir unter dem Begriff "Plattdeutsch" zusammenfassen. Zwar verfügt auch das Plattdeutsche über eigene Lieder, doch ist der norddeutsche Volksgesang seit etwa 1600 im wesentlichen hochdeutsch."

Trotz einiger bekannter plattdeutscher Volkslieder wie "Ick heff mol een Hamborger Veermaster sehn" oder Klaus Groths "Lütt Matten, de Has" hat diese Form der Volksmusik somit genau das verloren, was Folklore eigentlich ausmacht: die eigenen Wurzeln.

Ist es also ausgeschlossen, in der plattdeutschen Musikszene etwas Echtes zu finden? Mitnichten. In ihrer 2009 herausgebrachten CD "De Schallplatte, nied opleggt" zeigt Ina Müller, daß die schier unüberbrückbare Kluft zwischen Plattdeutsch und Kunst gar keine sein muß. Die 1965 in einem kleinen Dorf bei Cuxhaven geborene Müller, die erst in ihrer Schulzeit Hochdeutsch zu sprechen gelernt hat, hat sich ihre bäuerliche Herkunft zunutze gemacht, um mit Power und Charme plattdeutsches Original mit modernen Inhalten zu verbinden. Sie singt und schnackt "as eer de Schnobel wussen is", (wie ihr der Schnabel gewachsen ist). Ihre Lieder basieren auf einem Platt, wie es in seiner Originalität auszusterben droht, da es heute sogar im ländlichen Milieu kaum noch gesprochen wird. Sie singt, ohne zu versuchen, ihren Schnack mit all seinen dörflichen Eigenarten zugunsten einer allgemeinen Verstehbarkeit zu glätten und korrekt an die genormten saß'schen Regeln anzugleichen.

Die Künstlerin schreibt die Texte ihrer Lieder größtenteils selber - und bleibt dabei ganz dicht bei ihrer Herkunft und ihrer Lebensrealität, so daß ihre Darbietungen zu keinem Zeitpunkt gekünstelt wirken. "Ich finde es toll, Lieder über Themen zu singen, zu denen ich wirklich etwas sagen kann. Der Nachteil ist natürlich, dass die Lieder dann immer sehr nah an einem dran sind", sagte sie einmal in einem Interview [2].

Auf ihre ganz eigene norddeutsche Weise interpretiert sie größtenteils Klassiker der Popmusik um, indem sie weder an den ursprünglichen Songtexten klebt, noch sich um eine stimmliche Angleichung an die Originale bemüht. Kurz: Sie macht vollständig ihr eigenes Ding - und das ist es, was sich so gut mit dem Plattdeutsch verträgt.

Mit ein wenig verlebter Stimme erzählt sie dabei teils unglaublich witzige, oft auch melancholische Begebenheiten aus ihrem Leben. So schildert sie etwa in "Mama" den festen Rückhalt, den ihr das Elternhaus gibt, und das Wissen, dort jederzeit jemanden zu finden, mit dem man - durchaus positiv zu verstehen - zusammen schweigen kann. Einen Menschen, der einem Stärke und Kraft gibt für das turbulente, doch bisweilen recht einsame Leben in der Glitzerwelt. Man braucht Ina Müllers Biographie nicht zu kennen, um ihr das zu glauben.

Sie singt von Trennung, Älterwerden, Lebenslust und Überdruß. Nichts, was es nicht in Liedern schon oft gegeben hat, doch so originell, daß es einen immer wieder von neuem in den Bann zieht. Einzigartig ihre Interpretation von Fool's Gardens "Lemon Tree" als "Dörpsreggae", wobei sie dem ursprünglichen Zitronenbaum als "mien geelen Zitronenboom" eine etwas andere Bedeutung zukommen läßt. Mit dem in diesem Lied wie nebenbei eingeworfenen kleinen Satz "Hebbt ji dat Hau al bin?" ("Habt ihr das Heu schon drinnen?") wird sie mit Sicherheit zumindest bei plattkundigen Norddeutschen ein herzhaftes Lachen auslösen, ruft das doch mancher Landwirt dem anderen fast noch vor dem obligatorischen "Moin" zu. Sogar Klaus Groths kleinen Makel bei dem schönen Lied "Min Jehann", bei dem er aus "lütt" um des Reimes willen ein "kleen" machte, damit es zu "Steen" paßt, macht sie rückgängig und singt selbstbewußt "Ick wull, wie weern noch lütt, Jehann, dor weer de Welt so groot". Aus Dylans "Knocking on Heavens Door" wird "lockiget un vullet Hoor" (lockiges und volles Haar), das sie liebt, weshalb sie jemanden wie den kahlköpfigen Zinedine Zidan abgewiesen hat: "So'n Kerl ohne Hoor, Du, den pack ick nich an!" Und all das nimmt man ihr ab! Jeder Norddeutsche wird die Sehnsucht nachvollziehen können, "wenn de Wind vun Hamborg weiht", ein Lied mit subtilem Witz, der sich einem erst bei genauem Zuhören erschließt.

Ina Müllers plattdeutsche Lieder sind weder deutsche Chansons noch Schlager, weder Volksmusik noch Folklore, aber authentischer als es die plattdeutsche Folklore je sein kann. Sie sind nicht nett und kokett, sondern frech und eigenwillig, beseelt und unverbogen. Dabei sollten die wunderbar darauf abgestimmte Begleitmusik von Dirk Ritz (Kontrabaß), Helge Zumdiek (Percussion, Glockenspiel), Hardy Kayser (Gitarre, Dobro, Mandoline), Andreas Dopp (Gitarre), Andreas Paulsen (Klavier), Ralf Schwarz (Akkordeon) und den Chorsängern Jane McMinn und Ute Ihm ebenso wie ihr Co-Texter Peter Freudenthaler keineswegs unerwähnt bleiben.

Übrigens: Diejenigen, die mit den Texten nichts anzufangen wissen - mookt nix! - Ina Müllers leidenschaftlicher musikalischer Vortrag ist allemal ein Hörgenuß. Bleibt nur noch zu hoffen, daß sie ihre Stärken im plattdeutschen Gesang nicht vernachlässigt angesichts der mittlerweile sehr erfolgreichen Fernsehkarriere als nonstop quasselnde Moderatorin.

Ina Müller
De Schallplatte - nied opleggt
105‍ ‍Music GmbH/Sony Music Entertainment 2009

Fußnoten:

[1]‍ ‍Helmut Glagla: Das Plattdeutsche Liederbuch - 123 niederdeutsche Volkslieder von der Frührenaissance bis ins 20. Jahrhundert, München und Zürich 1982

[2]‍ ‍www.Planet-interview.de/interview-ina-mueller-15032011.html

7.‍ ‍Mai 2012