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KULTUR/233: Kiel - Ausstellung "Heilen und Vernichten" zu den nationalsozialistischen Euthanasiemorden, bis 24.02.2019


Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 12/2018

Ausstellung
"Heilen und Vernichten"

von Martin Geist


Wanderausstellung in Kiel zu den nationalsozialistischen Euthanasiemorden benennt Motive der medizinischen Berufe: Karrierestreben, Obrigkeitsdenken und innere Überzeugung.


Die Tiergartenstraße 4 in Berlin war eine berüchtigte Adresse in Nazi-Deutschland. Von dort aus wurde die Aussortierung und Ermordung von Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen generalstabsmäßig organisiert. Und das maßgeblich mit Unterstützung der Ärzteschaft.

In der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung der Kieler Universität widmet sich derzeit eine Ausstellung diesem schwarzen Kapitel der deutschen Heil- und Pflegeberufe. Unter dem Titel "Die nationalsozialistischen 'Euthanasie'-Morde" wird die Geschichte dieses organisierten Tötens beschrieben. Und es werden die Lebensgeschichten von insgesamt zehn Opfern erzählt, um ihnen Stimme und Gesicht zu geben.

Klar benennt die Ausstellung die Verantwortung der medizinischen Berufe für die nach der Adresse Tiergartenstraße T4 benannte Vernichtungsaktion: "Viele Ärzte wirkten aus persönlichem Karrierestreben, Obrigkeitsdenken oder innerer Überzeugung mit. Heilen und Vernichten gehörten für sie zusammen. Als medizinische Gutachter wählten sie die Opfer aus. In den T4-Anstalten drehten sie den Gashahn auf. In den Heilanstalten mordeten Ärzte und Ärztinnen mit Medikamenten oder ließen die Bewohner verhungern. Sie führten an todgeweihten Patienten Versuche durch oder forschten an Gehirnen von Ermordeten."

Der Kulturwissenschaftler Dr. Christof Beyer ist einer der Berliner Ausstellungsmacher. Er hielt am 22. November in Kiel einen Vortrag über das Thema. Auch er hob hervor, dass die Mitwirkung der Ärzte bei den Massentötungen unerlässlich war. Ihre Gutachten und Diagnosen entschieden darüber, ob jemand weiterleben durfte oder nicht. Wurde den Patienten keinerlei Heilungsaussicht bescheinigt und waren sie zudem auch nicht als Arbeitskräfte einsetzbar, war ihr Schicksal besiegelt. Als "unbrauchbar" landeten sie laut Beyer in speziell eingerichteten Tötungsanstalten und wurden dort mit Kohlenmonoxid ermordet.

Die schleswig-holsteinischen Opfer wurden nach Bernburg in Sachsen-Anhalt transportiert. Dort und in anderen Stätten kamen im vergleichsweise kurzen Zeitraum zwischen Januar 1940 und August 1941 ungefähr 70.000 Menschen aus ganz Deutschland ums Leben. 700 davon, so schätzt Christof Beyer, stammten aus Schleswig-Holstein.

Dass die Aktion T4 im Sommer 1941 eingestellt wurde, hat aus Sicht von Beyer auch mit einer mutigen Predigt des Bischofs Clemens August Kardinal Graf von Galen aus Münster zu tun. "Hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern!" rief von Galen aus und wandte sich entschieden gegen die propagierte Tötung "lebensunwerten Lebens". Obwohl danach das zentral organisierte Töten aufhörte, konnten sich Betroffene keineswegs sicher fühlen. Im Gegenteil: Weitere 90.000 Menschen in deutschen Einrichtungen, darunter 2.700 in Schleswig-Holstein, kamen im weiteren Verlauf bis Kriegsende durch Vernachlässigung, Unterernährung oder andere Methoden des Unterlassens ums Leben.

Der Kulturwissenschaftler aus Heidelberg betrachtet die Euthanasie mithin als "logistischen und personellen Vorläufer des Holocaust". Und doch spielte das Thema nach dem Krieg weder in der DDR noch in der Bundesrepublik wirklich eine Rolle. In der früheren DDR wurde die angebliche Tradition des Antifaschismus kultiviert, im Westen waren die handelnden und verantwortlichen Personen der neuen Zeit vielfach identisch mit denen der überwundenen Epoche.

Drastisch zeigt sich das an Prof. Werner Heyde, der als Obergutachter ganz vorn im System der NS-Euthanasie stand. Später arbeitete er unter dem Namen Fritz Sawade völlig unbehelligt als Gerichtsgutachter in Flensburg, ehe er im Jahr 1959 enttarnt wurde und sich 1964 kurz vor dem geplanten Beginn des Prozesses gegen ihn das Leben nahm. Werner Catel, ebenfalls als Gutachter tätig und Gründer von zwei berüchtigten "Kinderfachabteilungen" in Leipzig, rückte 1954 auf den Lehrstuhl für Kinderheilkunde der Universität Kiel. 1960 ging er wegen des wachsenden öffentlichen Drucks in Ruhestand, propagierte aber weiterhin die Euthanasie an Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen.

Eine Ausnahme war Catel damit nicht. Der ebenfalls an der Aktion T4 beteiligte Kinderarzt Wilhelm Bayer sagte auch später noch über die Euthanasie: "Die Beseitigung dieser Missgeburten stellt keine unmoralische Handlung dar."

Bayer, der wie viele andere Täter strafrechtlich nie belangt wurde, durfte von 1952 an wieder als Arzt praktizieren und bekam im Jahr 1961 nach einer neuerlichen Prüfung seiner Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus von der Hamburger Ärztekammer bescheinigt, dass er sich "keine schweren sittlichen Verfehlungen" geleistet habe.


Info

Die Wanderausstellung "Die nationalsozialistischen 'Euthanasie'-Morde" ist noch bis zum 24. Februar 2019 in der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung der Uni Kiel (Brunswiker Straße 2) zu sehen.

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 10 bis 16 Uhr,
Sonntag 12 bis 16 Uhr.


Gesamtausgabe des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatts 12/2018 im Internet unter:
http://www.aeksh.de/shae/2018/201812/h18124a.htm

Zur jeweils aktuellen Ausgabe des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatts:
www.aerzteblatt-sh.de

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Quelle:
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt
71. Jahrgang, Dezember 2018, Seite 19
Herausgegeben von der Ärztekammer Schleswig-Holstein
mit den Mitteilungen der Kassenärztlichen Vereinigung
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Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt erscheint 12-mal im Jahr.


veröffentlicht im Schattenblick zum 16. Januar 2019

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