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INTERVIEW/049: Am Lebensrand - der assistierte Suizid ... Schmerz- und Palliativmediziner Norbert Schürmann im Gespräch (SB)


Zweiter Anlauf für Sterbehilfegesetz nötig?
Bundesärztekammer stellt sich über das Bundesverfassungsgericht

Interview mit Norbert Schürmann, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS)

Von Christa Schaffmann - 28. Juli 2023


Nachdem es im Bundestag vor der Sommerpause keine Entscheidung zwischen den beiden Gesetzentwürfen zur Sterbehilfe gegeben hat, scheiden sich die Geister, ob nun alles so bleiben soll wie bisher oder ob sobald wie möglich erneut über einen oder mehrere Gesetzentwürfe entschieden werden soll. Christa Schaffmann führte dazu ein Gespräch mit dem Vizepräsidenten der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Norbert Schürmann.


Norbert Schürmann, Vizepräsident der DGS - Foto: © by DGS/Carlucci

Norbert Schürmann, Vizepräsident der DGS: "Die Entscheidung für einen assistierten Suizid gilt, unabhängig davon, wie man als Arzt selbst darüber denkt."
Foto: © by DGS/Carlucci

Schattenblick: Plädieren Sie für einen weiteren Versuch, ein vom Bundesverfassungsgericht (BVerfG) nie gefordertes Gesetz zur Sterbehilfe doch noch im Bundestag durchzusetzen?

Norbert Schürmann: Ich plädiere für einen zweiten Anlauf, für Änderungen in den Entwürfen, besonders dem von Lars Castellucci et al., in dessen bisherigem Entwurf das Grundrecht auf selbstbestimmtes Sterben völlig ins Leere läuft. Schon die Androhung strafrechtlicher Konsequenzen bei Sterbehilfe widerspricht aus meiner Sicht der Autonomie jedes Menschen, auf die Karlsruhe in seinem Urteil so viel Wert gelegt hat. In der ganzen Diskussion über das Thema und die Entwürfe wird die Autonomie von Patienten viel zu wenig berücksichtigt. Damit meine ich ausdrücklich nicht den Entwurf von Renate Künast (Die Grünen), Katrin Helling-Plahr (FDP) und ihren Mitstreitern, die das Grundrecht auf selbstbestimmtes Sterben deutlich hervorgehoben haben. In den Diskussionen von vielen Ärzten und Ethikern kam mir dieser Aspekt zu kurz.

An dem ursprünglichen Entwurf von Künast fand ich die Differenzierung und gewisse Schranken sehr gut: eine niedrige Stufe für Palliativpatienten, eine etwas höhere für chronisch Kranke, eine noch höhere für psychisch Kranke und die höchste Hürde für Gesunde. Alle hätten das Recht auf Sterbehilfe gehabt, aber mit unterschiedlichen Hürden. Damit wurde sowohl das Karlsruher Urteil umgesetzt als auch der Sorge begegnet, dass der Gesetzgeber mit seiner Entscheidung zu viele nicht ausreichend überlegte assistierte Suizide ermöglicht. Nachdem sich Künast und Helling-Plahr auf einen gemeinsamen Entwurf geeinigt hatten, fiel dieses Konstrukt leider weg.


Schattenblick: Wenn Sie entscheiden könnten, was wären dann Eckpunkte?

Norbert Schürmann: Schwerstkranke Menschen mit fortgeschrittenen Erkrankungen sollten überhaupt keine gutachterliche Tätigkeit benötigen. Für akut Erkrankte, psychisch wie körperlich, sollte ein zeitnaher assistierter Suizid nicht infrage kommen. Auf der anderen Seite plädiere ich dafür, dass seit langem chronisch psychisch Kranke ihr Recht zu sterben sehr wohl wahrnehmen können, wenn sie sich einer Untersuchung durch Psychiater oder Psychologen stellen. Bei Gesunden muss untersucht werden, ob der Sterbewillige eine bisher nicht erkannte psychische Störung hat. Trifft das nicht zu, hat er natürlich die gleichen Rechte wie alle anderen, wobei ich persönlich Sterbehilfe bei gesunden Menschen nicht als meine ärztliche Aufgabe sehe und damit nicht allein bin. Unsere Umfrage hat ergeben, dass 10 Prozent der Ärzte auch bei Gesunden bereit wären, Sterbehilfe zu leisten. Die Ablehnungsquote ist also relativ hoch.


Schattenblick: In einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin sprechen Sie im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Rechtslage von einem Vakuum, das beseitigt werden sollte. Dieses Vakuum sehen viele nicht, darunter auch Ulrich Montgomery aus ärztlicher Perspektive und RA Robert Rossbruch von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Worin besteht das Vakuum? Was hat das BVerfG in seinem Urteil vergessen zu regeln?

Norbert Schürmann: Meine Ärztekammer sagt ganz eindeutig: Die Hilfe bei der Tötung eines Patienten gehört nicht zu den Aufgaben eines Arztes. Es bleibt eine freie und individuelle Entscheidung, ob ein Arzt sich in einem konkreten Einzelfall dazu entschließt, Hilfe zur Selbsttötung zu leisten. - Das heißt, alles, was geschäftsmäßig ist, im juristischen Sinn also wiederholt geschieht, darf der Arzt nicht durchführen, weil er sonst Ärger mit seiner Kammer bekommt, im schlimmsten Fall sogar seine Approbation verliert. 2022 hat die Bundesärztekammer ihren diesbezüglichen Beschluss sogar wiederholt und sich auch von der möglichen Neuregelung, dass Ärzte totbringende Medikamente verschreiben können, deutlich distanziert. Bereits 2021 hatte die Kammer entschieden, dass kein Arzt eine Beratung zum Suizid durchführen dürfe. Auch die Vermittlung eines Patienten zu einer Sterbehilfeorganisation ist verboten, ebenso Gutachten für Sterbehilfe-Vereine. Wer diese Regeln verletzt, wird nicht angeklagt, nicht verurteilt, aber die Kammer kann dem Arzt die Zulassung für die Berufsausübung entziehen. Ich bezweifle, dass Herr Dr. Montgomery das nicht wusste.


Schattenblick: Aber heißt das nicht, dass sich die Bundesärztekammer über das Bundesverfassungsgericht, das höchste Gericht unseres Landes, stellt?

Norbert Schürmann: Ich denke, das Bundesverfassungsgericht ist davon ausgegangen, dass eine höchstrichterliche Entscheidung auch bei den Kammern zu einer Veränderung der Berufsordnung führt. Das ist leider nicht geschehen. Nun haben wir das Dilemma, dass Menschen in Deutschland ein Recht auf Autonomie haben, dass aber in der Praxis Ärzte nicht unterstützen dürfen.


Schattenblick: Vielleicht ließe sich das Dilemma jetzt auch dadurch beseitigen, dass die Kammer ihre dem Karlsruher Urteil widersprechende Praxis endlich ändert. Müssen wir dazu auf ein Gesetz zur Sterbehilfe warten, dass dafür aus meiner Sicht überhaupt nicht geeignet ist? Die Kammer muss vielmehr ihre Regeln dem Karlsruher Urteil anpassen, oder wie sehen Sie das?

Norbert Schürmann: Ich teile Ihre Meinung. Deshalb haben Künast und Helling-Plahr versucht, das Betäubungsmittelgesetz zu ändern und zu ermöglichen, dass Ärzte todbringende Medikamente (die bis jetzt nicht zugelassen sind) verschreiben dürfen - selbstbestimmtes Handeln des Patienten bzw. zum Freitod Entschlossenen vorausgesetzt.


Schattenblick: Menschen, die von ihrem Recht zu sterben Gebrauch machen wollen, möchten in vielen Fällen Begleitung; die meisten wünschen sich eine ärztliche.

Norbert Schürmann: Und das können Sterbehilfeorganisationen nicht, weil ihnen das fachliche Know-how fehlt. Da werden z.B. Ausweichmedikamente genommen, wodurch Patienten dann leiden, also gerade das ertragen müssen, was wir vermeiden wollen.


Schattenblick: Geht es da um Fälle aus früheren Jahren oder sprechen Sie von Fällen, die sich nachweisbar nach dem Urteil des BVerfG 2020 ereignet haben? Mir sind solche Fälle aus dieser Zeit nicht bekannt, was vermutlich auch auf inzwischen geltende klare Regeln für diese Organisationen zurückzuführen ist.

Norbert Schürmann: Ich denke an einen Fall der Organisation des früheren Hamburger Innensenators Kusch. Aus Oregon weiß ich, dass bei 1,5 Prozent der Fälle mit assistiertem Suizid Komplikationen auftreten. Das kann Übelkeit und Erbrechen sein. Was macht ein deutscher Arzt in einem solchen Fall? Er darf - bisher jedenfalls - keine Hand anlegen. Aber soll er den Patienten ins Krankenhaus bringen lassen? Das wäre weder im Sinne des Patienten noch des geltenden Rechts auf einen selbstbestimmten Tod. Es gilt auch zu überlegen, ob nicht schon das Legen eines Zugangs, durch den dann der Patient selbst die tödliche Dosis fließen lässt, eine unerlaubte Handlung für Ärzte ist. Wir brauchen als Ärzte wirklich klare Regeln. Palliativmediziner wissen, dass sie nicht in jedem Fall Schmerz und starkes Leiden verhindern können. Aber nicht jeder Arzt, der Sterbehilfe leistet, verfügt über diese Erfahrungen.


Schattenblick: Wollen Sie damit sagen, dass eigentlich nur Palliativmediziner Sterbehilfe leisten sollten? Oder ließe sich nicht auch an eine Fortbildung für jene denken, die diese verantwortungsvolle Aufgabe erfüllen wollen?

Norbert Schürmann: Eine Weiterbildung oder Zusatzqualifikation in diesem Bereich wäre sicherlich wünschens- und empfehlenswert.


Schattenblick: Wie stehen Sie zu der Möglichkeit, ein verschriebenes tödliches Medikament selbst in der eigenen Behausung und an einem selbstbestimmten Tag einzunehmen?

Norbert Schürmann: Ich würde auch in diesen Fällen immer eine ärztliche Begleitung anbieten, jedoch nicht zur Bedingung machen.


Schattenblick: Wie beurteilen Sie die Bereitschaft von Medizinern zum assistierten Suizid?

Norbert Schürmann: Unsere Umfrage unter Kollegen unterschiedlicher Spezialisierungen ergab, dass über 80 Prozent Sterbehilfe befürworten. Im Detail gilt das für 16 Prozent zwischen 35 und 40 Jahren, 5 Prozent bei Ärzten unter 35 Jahren, 42 Prozent bei den Medizinern zwischen 46 und 52 Jahren, 38 Prozent bei denen zwischen 56 bis 65; nur 18 Prozent waren es bei den über 66-Jährigen.
Auch für Palliativmediziner gilt: die Entscheidung für einen assistierten Suizid gilt, unabhängig davon, wie man als Arzt selbst darüber denkt - sowohl ganz allgemein als auch bezogen auf den einen Patienten, der einem gegenüber sitzt. Als Arzt zu sagen "das akzeptiere ich nicht", ist meines Erachtens ungehörig und widerspricht dem Recht auf einen selbstbestimmten Tod.


Schattenblick: Wenn Bemühungen um einen oder mehrere neue Gesetzentwürfe eingeleitet werden sollten, welchen Anspruch melden Sie dann an? Sie haben an anderer Stelle erwähnt, dass bisher Ärzte und Patienten weitgehend aus der Diskussion herausgehalten wurden. Es gab aber Sachverständigen-Anhörungen, darunter auch viele Ärzte.

Norbert Schürmann: Ja, aber das waren nicht die Ärzte, die im Kontakt mit den Patienten sind. Auch hochgebildete Kollegen wissen oft nicht, wie die Patienten ticken, was sie sich wünschen, was nicht und was medizinisch möglich ist. Wer über das Schicksal anderer Menschen entscheiden will, sollte die Betroffenen mindestens anhören. Das ist bisher zu wenig geschehen.


Schattenblick: Ich stimme Ihnen zu, allerdings ist das schwer beweisbar, weil jeder Abgeordnete angeblich viele Gespräche mit Betroffenen geführt hat. - Letzte Frage: wie rasch wünschen Sie sich neue Entwürfe, die unter Berücksichtigung der aus Ihrer Sicht vernachlässigten Gruppen entstehen, und wann halten Sie eine neue Abstimmung im Parlament für sinnvoll und möglich?

Norbert Schürmann: Ich wünsche mir, dass nach der Sommerpause des Parlaments möglichst rasch neue Anstrengungen unternommen werden, z.B. durch Änderungen in den Gesetzentwürfen. Castellucci und seine Gruppe können nicht gewinnen, solange sie an einer strafrechtlichen Lösung festhalten und fürchten müssen, dass ein solches Gesetz sehr schnell vom BVerfG kassiert würde. Künast und ihre Gruppe müsste sich davon verabschieden, dass auch für Gesunde ab sofort die gleichen Regeln gelten wie für Kranke; das war für konservative Kräfte offenbar nicht akzeptabel. Da braucht es Abstufungen, höhere Anforderungen. Sie werden jetzt sagen: "Gleiches Recht für alle", aber vielleicht brauchen wir zwei Jahre Zeit für die Beobachtung der Prozesse.


Schattenblick: Ich denke, wir hatten jetzt dreieinhalb Jahre Zeit, und es gab in dieser Zeit keinen Grund, das Karlsruher Urteil nicht uneingeschränkt weiter anzuwenden wie seit Februar 2020 geschehen. - Erwarten Sie eine Lösung noch in dieser Legislaturperiode?

Norbert Schürmann: Ich bin da relativ optimistisch, zumal die neue Vorsitzende des Ethikrates Frau Buyx sich entschieden dafür ausgesprochen hat. Auch aus den Reihen um Künast, Helling-Plahr und Dr. Petra Sitte (Die Linke) habe ich gehört, dass sie das Thema noch in diesem Jahr wieder angehen wollen. Ich würde das sehr begrüßen.


Schattenblick: Danke für das Gespräch.


Weitere Artikel von Christa Schaffmann zum Thema "Assistierter Suizid" in Form von Berichten und Gesprächen mit Expert*Innen verschiedener Berufs- und Interessengruppen sind im Schattenblick unter dem kategorischen Titel "Am Lebensrand - der assistierte Suizid ..." zu finden unter:

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https://www.schattenblick.de/infopool/medizin/ip_medizin_report_bericht.shtml

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Über die Autorin:

 

Portrait der freien Journalistin Christa Schaffmann - Foto: ©woge

Christa Schaffmann - nicht lebensmüde, sondern lebenssatt
(25. April 1947 - 15. August 2023)
Foto: ©woge

Christa Schaffmann, Verfasserin der 14-teiligen Reportage "Am Lebensrand - der assistierte Suizid" und weiterer Schattenblick-Reportagen, ist am 15. August 2023 freiwillig und selbstbestimmt im Kreis einiger enger Freunde aus dem Leben geschieden. Wir werden ihren Kampfgeist und Lebensmut, ihre Solidarität sowie die zugewandte Kooperation und inhaltliche Auseinandersetzung mit ihr sehr vermissen.

Aro Kuhrt hat auf seinem Weblog "{berlin:street} - Berlin für Neugierige" einen Nachruf auf Christa Schaffmann verfasst:
https://www.berlinstreet.de/18499

Redaktion Schattenblick


veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 1. August 2023 - aktualisiert am 24. Oktober 2023


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