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GEHEIM/301: Cuban Five - "Sie werden heimkehren"


GEHEIM Nr. 2/2012 - 31. Juli 2012

CUBAN FIVE
"Sie werden heimkehren"
Ein Gespräch mit Ailí Labañino und Betina Palenzuelos über die Folgen des antikubanischen Terrors

von Ingo Niebel



Frage: Wie haben Sie die Zeit ohne Ihren Vater erlebt, den Prozess und den Kampf für seine Freilassung?

Ailí Labañino: Am Anfang gab es eine Zeit, wo totales Schweigen herrschte. Als sie sie 1998 in Miami festnahmen, steckten sie sie für 17 Monate in Einzelhaft. Noch nicht einmal die Anwälte konnten mit ihnen in Kontakt treten. Die Familien wussten von nichts. Ich fragte meine Stiefmutter Elisabeth, die zweite Frau meines Vaters, ob sie etwas wüsste, aber sie verneinte. Sie ging davon aus, dass er in Spanien wäre. Diese 17 Monate stellten auch eine Strafe für die Familien dar, weil wir nichts erfuhren. Als man sie 2001 für schuldig erklärte, entschied man auf Kuba eine Schlacht für ihre Befreiung national und international zu schlagen. Damals sagte unser Oberbefehlshaber Fidel Castro Ruz: "Volverán (Sie werden heimkehren). Ich weiss nicht, wie viele Jahre diese Schlacht dauern wird, aber ich bin davon überzeugt, dass sie heimkehren werden." Und das ist der Geist, den er uns, den Familien, und den Fünf übermittelt hat.

Frage: Haben Sie Ihren Vater in den USA besuchen können? Unter welchen Bedingungen geschah das?

Ailí Labañino: Den einzigen, denen sie mehrmals die Visa verweigert haben, waren die Ehefrauen von Gerardo und René. Am Anfang konnten wir sogenannte "humanitäre Visa" beantragen und es gab keine Probleme, bis die USA entschieden, dass es in unserem Fall nichts Humanitäres gäbe. Seitdem müssen wir die Einreiseerlaubnis bei der US-Interessenvertretung in Havanna beantragen. Das war schwierig, weil dort die Telefonanschlüsse in der Regel besetzt waren. Dann dauerte es zwei bis drei Monate, bis sie einen Termin für das obligatorische Gespräch gaben. Dieses drehte sich um das Anliegen unserer Reise, wen wir besuchen wollten usw. Es dauerte ein bis zwei Minuten... Während sie in den übrigen Fällen sofort entscheiden, ob das Visum erteilt wird oder nicht, heißt es bei uns, dass man zunächst die Antwort des US-Außenministeriums abwarten müsse. Im Anschluss müssen wir dann auf den Anruf der Interessenvertretung warten, der innerhalb eines Tages oder nach mehreren Monaten kommen kann. Das ist je nach Familie unterschiedlich. In einem Fall dauerte es 17 Monate, bis sie anriefen. Das ist eine Art, um die Fünf, die auf ihre Familien warten, gefühlsmäßig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eigentlich haben sie das Recht, ein Mal pro Monat besucht zu werden. Aber wir können das nicht machen, solange wir das Visum nicht haben.

Das wiederum ist sechs Monate lang gültig, aber der Aufenthalt ist auf 30 Tage begrenzt und ich darf nur in den Bundesstaat reisen, wo man Vater inhaftiert ist. Ich kann also nicht meine "vier Onkel" in den USA besuchen. Nach meiner Rückkehr nach Kuba muss ich ein neues Visum beantragen.

Jetzt kann es aber sein, dass wir aufgrund des Wetters unsere Familienangehörigen nicht besuchen können. Zum Beispiel wenn es nebelig ist, lassen sie aus Sicherheitsgründen keine Besucher in die Haftanstalt, wo mein Vater einsitzt, weil er auf dem Weg von der Zelle zum Besuchertrakt ein freies Feld überqueren muss.

Ein weiteres Problem ist, wenn es unter den Gefängnisinsassen zu Gewalttätigkeiten kommt, dann werden alle weggeschlossen - und niemand darf besucht werden. Mir ist das 2008 passiert. In der Haftanstalt waren zwei Insassen ermordet worden. Ich ging jeden Tag zum Gefängnis und bat um Einlass. Alles umsonst. Mein Visum lief aus, ohne dass ich meinen Vater besuchen konnte. Ich musste heimreisen und von Neuem ein Visum beantragen. So musste ich insgesamt zwei Jahre warten, bis ich meinen Vater wiedersehen konnte.

Frage: Und wie sehen die Sicherheitsmassnahmen aus, wenn Sie das Gefängnis betreten?

Ailí Labañino: Personen, die älter als 16 Jahre sind, müssen ein Formular mit ihren persönlichen Daten ausfüllen. Dort müssen wir auch unterschreiben, dass wir keine Waffen mit uns führen und auch kein Essen mitbringen. Man darf den Gefangenen nur Geld - in Münzen oder in kleinen Scheinen - geben, weil sie das Essen nur an Lebensmittelautomaten ziehen können. Die Besucher aller Altersklassen müssen dann mehrere Metalldetektoren durchlaufen und zuletzt gibt es noch eine Überprüfung nach toxischen Substanzen. Im Gefängnis meines Vaters wird jeder siebte Besucher einer speziellen Überprüfung unterzogen. Darüber hinaus erhält jeder Besucher gleich welchen Alters einen unsichtbaren Stempel, der nur unter ultraviolettem Licht sichtbar ist. Der Besuch findet in einem großen Raum statt, in dem mehrere Tische mit Stühlen stehen. Dort muss man dann auf die Gefangenen warten, die sich bei der vorher stattfindenden Durchsuchung komplett ausziehen müssen. Anschließend erhalten sie orangene Flipflops, um zu verhindern, dass sie mit den Besuchern die Schuhe tauschen, um Drogen zu schmuggeln oder sie gegen Essen zu verkaufen. Hieraus resultieren dann Streitigkeiten unter den Häftlingen um Geld, Schulden ...

Frage: Was hat die internationale Solidarität aus Ihrer Sicht erreicht?

Ailí Labañino: Zu Beginn kamen alle in Strafhaft. Unsere Konsuln in den USA informierten uns und unsere Regierung darüber. Wir beschlossen daraufhin, zu intervenieren, um sie da raus zu holen.

Gerardo zum Beispiel schlossen sie nicht nur in einer Strafzelle ein, sondern er kam auch noch in die sogenannte "Kiste". Das ist eine Strafzelle innerhalb einer Strafzelle. Sie heißt "Kiste", weil sie eine solche ist, mit Metallwänden, und in ihr brennt 24 Stunden lang das Licht. Der Tagesablauf, also die Essenszeiten, variieren täglich. So weiss der Gefangene nicht, welcher Tag und wie spät es ist. Sie tragen eine kurze Hose und vielleicht noch ein T-Shirt, obwohl es darin sehr kalt ist. Das Essen ist auch kalt. In dem Raum gibt es nur ein Bett und ein WC. Sie können sich weder waschen noch rasieren, solange der Aufenthalt dort andauert.

Im Fall von Gerardo kam noch hinzu, dass das Abwasserrohr aus der Zelle über ihm leckte. Deshalb erkrankte er an einem Virus, der in dem Gefängnis grassierte.

Die internationale Kampagne zielte darauf ab, ihn aus dieser Einzelzelle zu holen und ihn in den Regelvollzug zu verlegen. Das schaffte man. Und nicht nur das: Als Gerardo aus der Zelle kommt, bittet ein Wärter ihn, er möge nach Kuba telefonieren, dass alles in Ordnung ist, weil hier und bei der US-Gefängnisverwaltung Tausende von Menschen aus aller Welt angerufen haben.

In solchen kritischen Situationen wie auch bei der teilweisen Reduzierung der Haftstrafen hat man die internationale Solidarität gespürt. Aber das reicht noch nicht, wir wollen, dass sie alle zusammen heimkehren.

Frage: Betina Palenzuelos, Sie sind ein Opfer des antikubanischen Terrorismus. Ihre Mutter Adriana Corcho starb zusammen mit einem Kollegen bei einem Bombenanschlag auf die kubanische Botschaft in Lissabon 1976. Was bedeutete für Sie die Ermordung Ihrer Mutter?

Betina Palenzuelos: Jeder Terrorakt ist grausam, hart, aber vor allem auf Kuba gibt es viele Familien, die wie wir so etwas erleiden mussten. Wenn wir die Leute zusammenzählen, die dadurch betroffen sind, weil jemand gestorben ist, und die Unmenge an Leuten, deren Leben durch die Folgen der Anschläge für immer geprägt ist, dann kommen wir auf 6000 Personen. Das hat uns bei vielen Dingen benachteiligt. In manchen Fällen waren es junge Menschen, die keine Kinder hatten und deren Eltern heute nicht mehr leben ... Oder wir waren Kinder, Jugendliche, die ohne ihre Eltern aufwuchsen ... Einen Terrorakt zu erleben, ist hart für eine Familie ...

Frage: Sie mussten sich nach dem Tod ihrer Mutter, um ihre Geschwister kümmern ...

Betina Palenzuelos: ...es war eine moralische Verpflichtung, aber ich hatte meinen Vater, meine Familie ... deshalb war es eine moralische Last.

Frage: Einer der Verantwortlichen für dieses Attentat soll Luis Posada Carriles gewesen sein, der heute unbehelligt in den USA lebt.

Betina Palenzuelos: Das wissen wir nicht ganz genau, aber er hat gestanden, dass er für die Bombe an Bord der Cubana de Aviación und für die Attentate auf die Hotels in Havanna 1997 verantwortlich war. Er hat öffentlich und in Interviews zugegeben, dass er diese Anschläge begangen hat.

Frage: Hat man seinerzeit die näheren Umstände des Bombenanschlags auf die kubanische Botschaft in Lissabon aufgeklärt?

Betina Palenzuelos: Bis zu einem gewissen Punkt schon. Man identifizierte die Person, die den Anschlag ausführte. Sie wurde sogar verurteilt. Aber der Mann war nicht der, der das Attentat geplant hatte.


Die Gespräche führte GEHEIM-Redakteur Ingo Niebel auf dem Fest der Linken in Berlin am 16. Juni 2012


Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:
- Ailí Labañino sprach über ihre Erlebnisse als Tochter eines der Cuban Five auf dem Fest der Linken in Berlin, hier im Bild mit Harri Grünberg (Netzwerk Cuba) und dem Prensa Latina-Korrespondenten Harald Neuber (v.r.n.l.)
- Betina Palenzuelos berichtete bewegt vom Mord an ihrer Mutter Andrea Corcho.

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Quelle:
GEHEIM-Magazin Nr. 2/2012 - 31. Juli 2012, Seite 22-23
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veröffentlicht im Schattenblick zum 29. September 2012