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KALENDERGESCHICHTEN/110: 02-2020   Spuk und Tränen - die Trennung ... (SB)


Ein ängstlich dreinschauendes, blaues, schiefes Haus - Buntstiftzeichnung © 2020 by Schattenblick


Rumtrums erste Versuche als Poltergeist den neuen Mietern, die seit kurzem sein Haus bewohnten, das Gruseln zu lehren, waren kläglich gescheitert. Was auch immer er anstellte, der Vater oder die Mutter der beiden Kinder hatten für Gerumpel auf dem Dachboden oder selbst für eine vom Tisch fliegende Teekanne stets eine einfache logische Erklärung - glaubten sie jedenfalls. Immer wieder behaupteten sie, dass es weder Geister noch Gespenster gäbe, die für diese Merkwürdigkeiten verantwortlich gemacht werden könnten. Rumtrum war außer sich vor Wut und schimpfte: "Mist, verflucht, ich bin doch hier! Mich gibt es doch! Warum lügt ihr eure Kinder an?" Er konnte es einfach nicht glauben. Doch hielt er sich nicht lange mit dem Ärgern auf und fasste einen Entschluss.

"Ich werde dieses Haus verlassen und mich auf die Suche nach meinesgleichen begeben, ja, genau, das werde ich!", verkündete er den drei anderen alten Hausgeistern mit sehr entschlossener Stimme.

"Du hast aber bestimmt nicht vergessen, dass du dieses Haus überhaupt nicht verlassen kannst, oder?", wollte einer von ihnen wissen.

"Ja, ja, das ist wahrhaftig eine famos blöde Idee", setzte der andere nach.

"Woher wisst ihr das überhaupt? Und wer hat das bestimmt, wer ist so mächtig, dass er uns in diesem Haus gefangen halten kann?"

"Schweig, sei sofort still. So etwas darfst du nicht aussprechen, ja, nicht einmal denken darfst du das!", schimpfte der Älteste, "und überhaupt, du hast gar nichts begriffen, niemand wird hier gefangen gehalten. Du verstehst es einfach nicht!"

"Aber ich will das wissen, verflixt noch mal, dann sagt mir doch, was los ist", dabei stampfte Rumtrum wütend mit dem Fuß auf.

"Also gut. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir dir einiges erklären müssen. Wir können das Haus nicht verlassen, weil wir auf es achtgeben, es beschützen und dafür sorgen, dass seine Bewohner ihm keinen Schaden zufügen und sich gut benehmen", erklärte der Älteste nun nachsichtig und etwas freundlicher.

"Waas? Ich soll auf unser Haus aufpassen, aber, aber dann bin ich ja gar nicht schrecklich!", völlig verdaddert über diese neue Wendung begann Rumtrum sich zu verhaspeln, "aber, aber, wie, wie, was ist denn mit all den Geschichten, die ihr, ihr mir von unseren Vorfahren erzählt habt - habt ihr euch das, habt ihr das nur erfunden?"

"Nein, nein, das hat sich alles so zugetragen. Verstehst du denn nicht, was beschützen bedeutet?", wollte einer der anderen beiden Geister wissen.

"Nein, tu' ich nicht", polterte Rumtrum so heftig, dass die Türen auf und zu flogen.

"Hör zu! Mit unserem Haus hat es eine besondere Bewandtnis. Vor langer, langer Zeit hatte sich hier eine Räuberbande häuslich niedergelassen. Sie überfielen Reisende, schmuggelten Wein und Waffen und entführten Kinder. Nach einem erfolgreichen Beutezug tranken sie, tanzten auf den Tischen, warfen Stühle um und benahmen sich schlichtweg unmöglich", berichtete der Geist weiter.

"Oooh, die waren so richtig zum Fürchten!", stieß Rumtrum voller Bewunderung hervor.

Nun meldete sich der älteste Hausgeist zu Wort: "In der Tat, sie waren furchterregend und fügten dem Haus mehr und mehr Schaden zu. Zunächst versuchte ich allein richtig viel Schrecken zu verbreiten, durch Poltern und Rumpeln, aber die Räuber waren meistens so betrunken, dass sie es gar nicht bemerkten. Dann holte ich mir Hilfe und bat zwei weitere, echte Poltergeister, mich bei der Vertreibung der Räuber zu unterstützen. Was war das für ein Tohuwabohu, selbst die kühnsten und mutigsten der räuberischen Gesellen ergriffen die Flucht." Hier räumte der Älteste eine kleine Pause ein, die Rumtrum für eine Frage nutzte.

"Und wo sind diese Poltergeister heute, sind sie wieder weggegangen, als sie ihre Aufgabe erledigt hatten", neugierig sah er den Ältesten und die beiden anderen Geister an.

"Nun, du siehst sie vor dir, diese beiden, dir Wohlvertrauten, hausen nun schon seit eben dieser langen, langen Zeit hier mit dir und mir", lächelte der Älteste.

"Dann stammen die Geschichten, die ihr mir erzählt habt aus dieser aufregenden, gefährlichen Zeit und die üblen Taten wurden von euch nur getan, um das Haus zu beschützen?", gab Rumtrum nun seine Vermutung zum Besten.

"Ganz genau, du hast es erfasst. Die Jahre vergingen und Familien zogen ein, sorgten für das Haus, besserten kaputte Stellen aus, stopften Löcher im Dach und ersetzten Fensterscheiben, die zu Bruch gegangen waren. So wechselten die Bewohner wieder und wieder, denn nach einer gewissen Zeit sind sie gestorben oder woanders hingezogen. Doch allesamt waren sehr gut zu Haus und Hof, so dass wir nicht viel zu tun hatten. Dann kamst du und wolltest so gern die alten Geschichten hören, in denen es für uns noch eine Menge zu rumpumpeln gab - und wir haben sie dir erzählt", erklärte ihm der Älteste.

Rumtrum hörte sich alles aufmerksam an. Er war zwar enttäuscht, aber er konnte den Hausgeistern nicht wirklich böse sein, sie wollten ihm ja nur seinen Wunsch nach fürchterlich spannenden Geschichten erfüllen. Allerdings regte sich in seinem Inneren ein ungeheurer Drang, die Welt der Geister und Gespenster zu erkunden. Er musste alles wissen, er musste unbedingt andere Geister kennenlernen, auch wenn sie vielleicht Schrate, Kobolde, Elfen, Feen oder sonst irgendetwas sein sollten. Die Neugier trieb ihn, aber nicht nur die - nein, er strebte nach Wissen. Ja, er war wissbegierig, wollte erkunden, wie die anderen Geister lebten, wo sie wohnten, was sie konnten und vor allen Dingen, ob sie gern Schabernack trieben und Unsinn machen würden. Also fasste er seinen ganzen Mut zusammen und verkündete noch einmal seinen Entschluss, das Haus zu verlassen und in die weite Welt hinauszuziehen.

Genau in dem Moment bebte und zitterte das Haus bis hinauf in den Dachstuhl. Und was war das? Die Fensterläden knallten gegen die Hauswand, wieder und wieder. Urplötzlich tobte ein Gewittersturm los, Regen prasselte laut gegen die Scheiben. Die drei alten Geister blickten sich an, als wüssten sie Bescheid und nickten weise. Sie fühlten den Unmut des Hauses, ja sie wussten, dass es nicht nur verärgert, sondern auch ängstlich war. Wo sollte das hinführen, wenn auf einmal Hausgeister ihre Schutzbefohlenen verlassen?

"Was geschieht hier, was geht hier vor?" Rumtrum drehe sich im Kreis, sah um sich herum, blickte in alle Ecken, als suche er jemanden. "Werde ich bestraft oder gar vernichtet?", wollte Rumtrum mit unsicherer Stimme wissen, weil ich fortgehen will?"

"Tja, lieber Rumtrum, das wissen wir nicht, weil zuvor noch niemand auf diese seltsame Idee gekommen ist. Bisher haben alle ihre Aufgabe sehr ernst genommen und niemand verspürte den Wunsch, woanders zu sein. Also, sei auf alles gefasst und stets auf der Hut. Vor allen Dingen sei vorsichtig, wenn du fremde Geister in fremden Ländern besuchst. Vielleicht sind sie dir gar nicht wohlgesonnen, wer weiß?", gab der Älteste ihm den Rat mit auf den Weg. Er hatte schon lange erkannt, dass er Rumtrum nicht würde aufhalten können.

Und so kam es, dass Rumtrum als erster Hausgeist eine Reise antrat, von der er nicht einmal wusste, wo sie ihn hinführen würde.

Weitere Abenteuer mit Rumtrum folgen ...


1. Februar 2020


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