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KALENDERGESCHICHTEN/025: 01-2013   Überraschung aus dem Mauseloch (SB)



Buntstiftzeichnung: © 2013 by Schattenblick

Jonathan, Rupert und Käpt'n Carlo

Überraschung aus dem Mauseloch

Es war ein langweiliger, verregneter Tag. Rupert war nicht so gern im Regen draußen. Anderen Hunden schien das wenig auszumachen, aber ihm schon. Im Haus passierte eigentlich nicht viel. Gefressen hatte er schon und nun döste er auf seiner Decke vor sich hin. Tapste mal zur Wasserschüssel, mal die Treppe hinauf, um sich neben den Schreibtisch zu legen, an dem sein Herrchen arbeitete. Doch der schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, er streichelte ihn nur ein wenig über den Rücken und wandte sich sofort wieder seiner Arbeit zu. Rupert trottete wieder hinab und legte sich auf seine Decke.

Es war bereits dunkel, als Rupert von einem merkwürdigen Geräusch hoch schreckte. Er hob seinen Kopf, stellte seine Ohren auf, horchte und schnupperte. "Riecht doch verdammt nach Maus", dachte er. Dann hörte er wieder dieses Schaben, Knacken und Kratzen. Er erhob sich langsam und leise und folgte seiner Nase in Richtung der Fußleiste. Bald stieß er auf einen kleinen Eingang, ein typisches Mauseloch. Rupert hielt seine Nase ganz dicht davor, denn er war sich nicht ganz sicher, ob wirklich eine Maus dahinter wohnte. Plötzlich traf ihn ein leichter Schlag mit einem winzigem Stöckchen direkt auf die Nasenspitze. Er machte einen halben Satz nach hinten und staunte nicht schlecht, als er vor dem Mauseloch wahrhaftig eine Maus erblickte. Aber keine gewöhnliche Maus, nein, ganz und gar keine gewöhnliche Maus. Sie war riesig, jedenfalls für eine Maus.

Und sie hielt einen Stock, nein, einen Mäusebesen, wie eine Waffe in ihrer Hand.

"Hey, was sollte das denn?", empörte Rupert sich und wackelte mit der Nasenspitze hin und her.

"Na, ich hoffe, es tat weh", schimpfte die Maus, baute sich zur vollen Größe auf und hob drohend ihren Besen in die Höhe.

"Ja, natürlich, was denkst du denn? Was habe ich dir denn getan?", grummelte Rupert.

"Oh, bist du aber empfindlich. Aber für uns Mäuse ist es besser, erst zu zuschlagen und dann nachzusehen, wer sich unserem Eingang genähert hat, du verstehst doch wohl?", belehrte ihn die Maus recht selbstsicher. Als Rupert vor lauter Staunen nicht antwortete, fügte sie hinzu: "Na, die Katzen, die Hunde und allerlei andere Mäusefresser, die uns auflauern, die in uns einfach nur ihr Mittagessen sehen und nicht begreifen wollen, dass wir Mäuse sind!"

"Ah, ja", murmelte Rupert etwas verlegen und bemerkte, dass er es hier mit einer streitbaren Person zu tun hatte.

Rupert beruhigte sich. Irgendwie konnte er die Maus verstehen. Sie musste vorsichtig sein. Und diese hier war nun eben besonders vorsichtig. Also erklärte er: "Fressen will ich dich bestimmt nicht. Sieh nur mein Napf, der ist voll, du kannst dich immer gern bedienen. Vielleicht ist etwas dabei, das dir schmeckt. Also, lang ruhig zu. Ich bin sicher, dass es für uns beide reichen wird!"

Als die Maus das hörte, lachte sie laut und erleichtert auf: "Das ist doch mal was, hab schon lange keine so großzügige Seele mehr getroffen. Mein Name ist Jonathan, kannst auch Jonas zu mir sagen, wie du möchtest. Und mit wem habe ich das Vergnügen?", wollte die Maus wissen.

"Rupert, mein Name ist Rupert. Eigenartig, dass ich dich noch nie hier getroffen habe. Schließlich wohne ich schon immer hier."

"Tja, ich nicht. Ich wohne noch nicht so lange hier unten, bin umgezogen, vom Dachboden hier nach unten, ist sicherer. Vor einigen Tagen hat sich dort oben eine Eule häuslich niedergelassen, eine hungrige, garstige Eule, du verstehst?", erklärte Jonathan. "Da habe ich mich doch lieber nach einer neuen Bleibe umgesehen."

"Ah, ja?! Du scheinst ständig auf der Hut sein zu müssen, langweilig ist dir bestimmt nicht, oder?", erkundigte sich Rupert.

"Nee, bestimmt nicht. Als Maus hat man es nicht leicht. Aber ich versuche mich zu verteidigen", dabei schwang sie eindrucksvoll ihren Mäusebesen, "aber eigentlich mache ich es mir lieber mit einem leckeren Mahl gemütlich."

Das glaubte er ihm sofort, denn Jonathan war nicht nur groß, sondern auch etwas rundlich, was auf einen gesunden Appetit hindeutete. Gerade wollte er noch etwas zu ihm sagen, da klingelte es schrill an der Haustür. Rupert sprang auf und bellte, rannte zur Tür und... kam zu spät. Der abendliche Besucher wurde schon hinein gebeten. Rupert erkannte ihn sogleich am Geruch. Dieser Gast kam öfter ins Haus - also kein Grund zu bellen. Diesmal trug er allerdings einen merkwürdigen Gegenstand bei sich ...

Buntstiftzeichnung: © 2013 by Schattenblick

Grafik: © 2013 by Schattenblick

Katzenalarm

Rupert wusste, was von ihm erwartet wurde. Er setzte sich also auf sein Hinterteil und wartete ab, bis der Gast ins Wohnzimmer begleitet wurde. Dieser Besucher war ziemlich langweilig. Er sprach auf merkwürdige Weise und tätschelte Rupert zu gern den Kopf. Oh, wie schrecklich unangenehm fand Rupert das, doch er konnte nichts dagegen unternehmen. Normalerweise versuchte er einfach, diesem Mann nicht zu nahe zu kommen. Diesmal aber siegte seine Neugier und er trabte ebenfalls ins Wohnzimmer. Dort legte er sich neben den Sessel seines Herrchens, in bedrohliche Nähe zum Gast. Aber so konnte er direkt auf diesen eigenartigen Kasten schauen, der mit einem Tuch verhüllt war. Darunter befand sich ein lebendes Wesen, das roch Rupert sofort. Nur, wer mochte das sein? Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte das Tuch herunter gezerrt. Doch das hätte Ärger gegeben und vermutlich wäre er dann auf dem Flur gelandet. Rupert entschied sich, einfach zu warten. Irgendwie dauerte das Gespräch der beiden Menschen unendlich lange. Sie rauchten und tranken ein wenig und plauderten dabei. Es wirkte gemütlich, leider auch einschläfernd. Rupert schnarchte leise vor sich hin und folgte seinen Träumen.

Irgendetwas zwickte ihn, zog an seinem Ohr. Was war das? Rupert hob den Kopf. Die Situation im Wohnzimmer hatte sich nicht wirklich verändert. Der zugehängte Kasten befand sich noch an derselben Stelle wie zuvor. Wieder zwickte es ihn. Dann vernahm er ein eindringliches Flüstern: "Hey, warum bist du denn vorhin so schnell abgehauen? Und was machst du hier?", forderte die Maus Jonathan eine Erklärung, "hat ganz schön gedauert, bis ich dich hier gefunden habe!" - "Oh, du bist es!", grüßte Rupert Jonathan erstaunt und legte seine Stirn in Falten. Er wirkte dadurch nachdenklich und ernst.

"Wer denn sonst? Also, was machst du hier?", flüsterte Jonathan immer noch. Er hatte sich mittlerweile direkt vor Ruperts Schnauze gesetzt, um ihn besser ansehen zu können. "Ich will zu gern wissen, was oder wer sich unter diesem Tuch in dem Kasten verbirgt. Siehst du, dort drüben?" Rupert rollte mit den Augen in besagte Richtung und die Maus folgte seinem Blick. "Oh, ja, echt spannend, absolut spannend! Soll ich mal eben hin und unter das Tuch spinksen?", schlug Jonathan vor.

"Nein, nicht doch, wenn dich jemand entdeckt! Nur das nicht, dann haben wir morgen die Katze im Haus, die dich jagen soll. Und eines kann ich dir sagen, die Katze der Nachbarn ist bösartig und gefräßig. Nein, Jonathan, bleib hier!"

Das überzeugte die Maus und sie verkroch sich sicherheitshalber zwischen Ruperts Pfote und seiner Schnauze. Etwas ungeschickt versuchte sie auch ihren Besen mit unterzubringen, strich dabei aber leicht gegen Ruperts Schnauze. Das war zu viel. Das kitzelte ganz furchtbar. Rupert musste herzhaft niesen, hatte sich über sein lautes Niesen selbst erschrocken, machte einen Satz nach vorn und schleuderte Jonathan etwas unsanft auf den Teppich. Sofort nach der Landung drehte die Maus sich geschickt auf ihre vier Füße, stob in Richtung verhüllten Kasten, rollte ab und versteckte sich hinter einem der Stoffzipfel. Doch es war schon zu spät fürs Verstecken. Der "Wer-auch-immer" im Kasten flatterte und krächzte lauthals los: "Einbrecher! Einbrecher! Polizei!"

"Herrje, ihr habt Mäuse im Haus?" Entsetzt rief der Gast diese Frage in den Raum. Als nächstes griff er nach dem Kasten und hob ihn auf seinen Schoß. Vorsichtig nahm er das Tuch vom Kasten, der - nun konnte man es deutlich erkennen -, ein Vogelbauer war, und sprach beruhigend: "Käpt'n, nicht aufregen. Hier gibt es keine Einbrecher, nur eine kleine Maus, die sich unter dem Tuch verstecken wollte. Ganz ruhig, mein Lieber!"

"Einbrecher, Einbrecher, Piraten, Klabautermann", krakeelte der Käpt'n trotzdem laut und aufgeregt. Dabei spreizte er seine Flügel. Rupert war beeindruckt von dem gewaltig großen Vogel. Wieder redete der Gast sanft und ruhig: "Käpt'n Carlo, brauchst keine Angst zu haben." Dann öffnete er die Tür des Vogelbauers und streichelte behutsam mit dem Finger über Carlos buntes Brustgefieder.

Augenblicklich beruhigte sich der Käpt'n, legte seine Flügel wieder an den Körper, trat langsam von einem Fuß auf den anderen und reckte seinen Kopf nach vorn. Jetzt erst konnte Rupert erkennen, welch riesiger Schnabel sich im Gesicht des Vogels befand. Vorsichtig nahm der Vogel den Finger des Mannes in eben diesen Schnabel. So verharrten die beiden wenige Augenblicke. Dann schien alles wieder in Ordnung zu sein.

"Ah, ha", dachte Rupert, "das also ist Käpt'n Carlo! Und was will er hier bei uns im Haus?" Als hätte er diesen Gedanken laut ausgesprochen, meldete sich Jonathan zu Wort: "Ich glaube, der wird hier Einzug halten, Urlaub machen, du verstehst?"

Rupert schaute sich um, denn er konnte die Maus nicht sehen. Sie saß inzwischen unter dem Sessel von Ruperts Herrchen, eng an ein Sesselbein geschmiegt, so dass sie nicht wieder ins Blickfeld der Menschen geraten konnte.

Rupert legte sich nieder. So war er ganz nah bei der Maus und verdeckte sie mit seinem Körper. "Woher willst du das denn wissen?", zischte er leise in Jonathans Richtung.

"Na, hab eben zugehört. Morgen wird Nachbars Katze geholt. Sie soll Mäuse jagen - oh, wie ich das hasse! Wenn sie alle Mäuse gefangen hat, darf der Vogel, den sie Papagei genannt haben, bleiben. Irgendwann will der Mann ihn dann wieder hier abholen", berichtete die Maus.

"Komm, lass uns von hier verschwinden", flüsterte Rupert, "ist viel zu gefährlich hier für dich. Kletter auf meinen Rücken und halte dich am Halsband fest. Da oben müsste mein Fellhaar lang genug sein - da kannst du dich drunter verkriechen!" Gemächlich erhob Rupert sich und ging ganz langsam hinaus auf den Flur, dann in die Stube, wo er es sich auf seiner Decke gemütlich machte. Er wollte auf keinen Fall durch ungewöhnliches Benehmen die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

"Endlich, hier können wir reden. Wir brauchen einen guten Plan, Jonathan, einen sehr guten Plan. Mit Nachbars Katze ist nicht zu spaßen!", beteuerte Rupert sehr ernst. Jonathan rutschte im Fell hinunter, zog den Besen hinter sich her und baute sich entschlossen vor Rupert auf: "Das sehe ich auch so, genau!" Er stieß mit dem Besenstil fest auf den Boden, um seinen Worten Gewicht zu verleihen ...

Januar 2013