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FORSCHUNG/017: Grenzen der Transdisziplinarität (attempto! - Uni Tübingen)


attempto! - Mai 2011 - Forum der Universität Tübingen

Grenzen der Transdisziplinarität

Von Joachim Knape


Zwar sollte jede Disziplin im Interesse des wissenschaftlichen Fortschritts zur interdisziplinären Öffnung bereit sein. Echte Grenzüberschreitungen bedeuten aber einen extrem hohen Aufwand und finden sehr selten statt. Oft scheitert die Interaktion bereits an der Sprachlosigkeit zwischen den Disziplinen.


Dass die moderne Wissenschaft heute von vielen Menschen als eine Art Letztbegründungsinstanz und Vertrauensagentur für allgemein akzeptierte Wissensaussagen akzeptiert wird, hängt mit ihren Arbeitsprinzipien, ihrer Institutionalisierung und ihrer Pflege disziplinärer Expertise zusammen. Was die Arbeitsprinzipien angeht, so haben sich im Verlauf der Wissenschaftsgeschichte für die scientific community einige wenige herausgebildet, an die man sich hält, weil sie sich bewährt haben. Die wichtigsten Prinzipien lassen sich mit Begriffen wie Rationalität, Empirie, Methodik und Überprüfbarkeit oder Nachvollziehbarkeit benennen. Die Gesellschaften der Neuzeit haben die Arbeit nach diesen Prinzipien in genau definierten Einrichtungen institutionalisiert (Universitäten, Institute, Fachkollegien - etwa der DFG - und so weiter), damit durch gegenseitiges Monitoring die Arbeit nach den genannten Prinzipien sichergestellt wird und sich dann alle auf die Ergebnisse verlassen können. Darum ist im Wissenschaftsdiskurs regelmäßig ein hoher Kritikfaktor am Werk. Es geht ja bei den Aussagen der Forschung um die größtmögliche Verlässlichkeit - mit allen Folgen für die Gesellschaft, bis in Rechtsentscheide hinein.

Die wichtigsten Institutionen in diesem sozialen System der Gewinnung und Sicherstellung von relativer Wissensverlässlichkeit sind die Einzeldisziplinen. In ihnen wird die fachliche Expertise gepflegt. Was heißt das? Der Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß unterscheidet in seinem immer noch richtungweisenden Beitrag zum Thema Interdisziplinarität oder Transdisziplinarität? (1993) das 'Fach' von der 'Disziplin'. Die Disziplinen geben, auch wenn sie an den Rändern oft unscharf sind, den "einheitsstiftenden Rahmen" für die zugehörigen Fächer ab. Mittelstraß: "Während sich Fächer im Sinne einer zunehmenden Spezialisierung beliebig differenzieren lassen, gilt dies für Disziplinen nicht in gleicher Weise, insofern diese nämlich unter anderem durch paradigmatische Theorien und Methoden bestimmt werden."

Interdisziplinarität, Transdisziplinarität und Multidisziplinarität oder neuerdings der Begriff Multimethodalität bezeichnen die Übertritte, Transgressionen und Erweiterungen des Arbeitsfeldes von Fachwissenschaftlern mit feinen Bedeutungsnuancen. Warum tritt das gemeinte Phänomen, das nichts mit cross over-Experimenten in den Künsten zu tun hat, überhaupt in der Wissenschaft auf? Darauf gibt es in der Interdisziplinaritätsdiskussion verschiedene Antworten. Disziplinüberschreitungen treten extrinsisch motiviert unter anderem auf, weil man als neu eingestufte gesellschaftliche Probleme oft nicht mehr im Rahmen einer einzigen Disziplin bearbeiten kann. Sie treten dann intrinsisch motiviert auf, wenn bestimmte innerfachliche Problemstellungen weitergedacht werden und nur noch mit Hilfe von Nachbardisziplinen zu lösen sind. Diese letztgenannte Nachbar-Interdisziplinarität ist am wenigsten umstritten, weil man auf der Basis gemeinsamer methodischer Paradigmen arbeiten kann wie zum Beispiel durch Rückgriff auf das Experimentalparadigma. Dennnoch entstehen auch da immer wieder disziplinäre Zweifel. Auch erklärte Verteidiger der Transdisziplinarität wie Jaeger/Scheringer (1998) müssen einräumen, dass selbst im Fall der Zusammenarbeit von Nachbardisziplinen 'echte' und konsequent vollzogene Grenzüberschreitung einen extrem hohen Aufwand bedeutet und letztlich zum Abschied vom eigenen Fach führt. Das aber findet unter den bei uns geltenden gesellschaftlichen Rahmensetzungen, die mit fachlicher Expertise rechnen und sie belohnen, extrem selten statt. Die "Forschungsformen" (Mittelstraß), also Fragestellungen, Materialien, Methoden und Herangehensweisen, Fachsprachen und theoretischen Hintergründe sind bei Distanzfächern (anders als bei Nachbarfächern) einfach zu divergent, nicht kompatibel. Der Preis für ein echtes Zusammenspiel hätte aus sehr hohem Aufwand und der Teilverleugnung von Fachidentität zu bestehen.


Jede Disziplin sollte im Interesse des wissenschaftlichen Fortschritts zur interdisziplinären Öffnung bereit sein

Trotzdem tragen fachliche Sackgassen, Herausforderungen neuer Anwendungsgebiete oder übergreifende gesellschaftliche Erfordernisse immer häufiger ungewohnt komplexe Problemlagen mit ebenso komplexen Fragestellungen an die Einzeldisziplinen heran. Multidisziplinäre Zusammenarbeit ist dann im Interesse einer entsprechend komplexen Problemdiskussion, manchmal auch Problemlösung, das Mindeste. Sollten sich darüber hinaus methodische Schnittstellen definieren lassen, was selten genug ist, kann es sogar noch weiter gehend zu echter Inter- oder Transdisziplinarität kommen. Eine dabei eventuell einsetzende kritische Selbstreflexion des Fachs als Antwort auf Fremdwahrnehmung sollte dankbar angenommen werden. Mit anderen Worten: Jede Disziplin sollte im Interesse des wissenschaftlichen Fortschritts in den eigenen Fächern und im Interesse der gesellschaftlichen Bringschuld von Wissenschaft allgemein zur interdisziplinären Öffnung bereit sein. Freilich wäre dies nicht der disziplinäre Regelfall, sondern ein Fall, der unter ganz spezifischen Herausforderungen stattfindet, der aus Sicht der Fachorthodoxie immer ein Wagnis bedeutet und die Bereitschaft verlangt, etwas von eigenen Fachgewohnheiten und von sicher geglaubter Autorität aufzugeben. Bei all dem muss stets an die 'natürlichen' Grenzen jener Interdisziplinarität erinnert werden, die bei genauerem Hinsehen meistens nur aus 'multidisziplinärer' Interaktion besteht, nicht zu überfachlichen Verschmelzungen und in der Regel nicht zu einem ganz neuen Methodenbeziehungsweise Forschungsdesign führt.

Das, was üblicherweise als interdisziplinäres Forschen angesehen wird, zerfällt in mindestens drei denkbare Interaktionsbereiche: Kommunikation, handwerklicher Arbeitsprozess, Theoriebildung. Nach dem Grad fachlicher Nachbarschaft oder Distanz zeigt sich allein bei diesen drei Aspekten schon ein unterschiedlicher Überbrückungsbedarf - von kleineren Hürden bis hin zu tiefen Gräben im Fall der Kooperation von Distanzbereichen wie Naturwissenschaften und Verhaltens- oder Geisteswissenschaften. Man sollte meinen, dass das Zusammenspiel auf dem Feld der kommunikativen Interaktion am leichtesten sei. Weit gefehlt. Viele einschlägige Berichte, wie der des Essener Sozialpsychologen Harald Welzer von 2006, deuten auf das Gegenteil hin. Bei Welzer ist von der "Sprachlosigkeit zwischen den Disziplinen" die Rede, die die fach-"kulturellen Differenzen" bloßlegen und "es schwer machen, miteinander in Austausch zu kommen". Man versteht sich schon bei der Problemheuristik nicht, hinsichtlich zentraler Kategorien. Daher lautet Welzers Folgerung: "Nie über Grundsätzliches sprechen - keine erkenntnistheoretischen, begrifflichen, keine im weitesten Sinne philosophischen Probleme aufwerfen." Bei der Ergebnispräsentation ist es nicht anders. Welzer kritisiert "Vortragsautismus" und bemerkt, dass die "disziplinären Vorstellungen von einer 'wissenschaftlichen Veröffentlichung'" so sehr voneinander abweichen, dass es kaum zu gemeinsamen Texten kommt. Bleibt da nur noch die unverbindliche Konversation über verschieden interpretierte Zentralbegriffe?

Vergleichbare Fragen wirft die Zusammenarbeit auf dem Feld handwerklich-fachlicher Arbeitsprozesse auf, wo es am wenigsten zu wirklichen Gemeinsamkeiten kommt. Die übergeordneten Forschungsfragen werden meist so allgemein formuliert, dass man alles rasch multidisziplinär in gut handhabbare Fachsektoren zerlegen kann, in denen dann jeder für sich auf seinem Feld arbeitet. Das ist die übliche Praxis. Welchen sinnvollen methodischen Input sollte denn auch ein hispanistischer Philologe in einem pharmazeutischen Labor geben können? Noch gibt es keine Metamethodologie für transdisziplinäre Forschung. Und wie steht es angesichts dessen mit dem dritten Aspekt, der integrativen Theoriebildung? Auch da gilt leider, dass wir im Fall der Interaktion von Distanzfächern wohl noch eine Weile auf überzeugende und seriöse Beispiele gemeinsamer Theoriebildung warten müssen, die die Ebene der gut gemeinten Konversation übersteigen. Einstweilen wird sich der wissenschaftliche Fortschritt auch in den Disziplinen gut aufgehoben sehen, da es hier ebenfalls immer wieder zu systemimmanenter Ausdifferenzierung kommen wird.


Joachim Knape ist Professor für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen und Mitglied des Redaktionsbeirats von attempto!


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Quelle:
attempto! - Mai 2011, Seite 22-23
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attempto! erscheint zweimal jährlich zu Semesterbeginn


veröffentlicht im Schattenblick zum 12. August 2011