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KONTROVERS/004: Erinnerungs-Neuland - Historische Jubiläen (Portal - Uni Potsdam)


Portal - Die Potsdamer Universitätszeitung 7-9/2007

Erinnerungs-Neuland
Historische Jubiläen und die Aktualität der Mediävistik

Von Heinz-Dieter Heimann, Historisches Institut


Historische Jubiläen polarisieren - so auch die Erinnerung an die "Gründung" der Mark Brandenburg 1157. Sie reklamieren eine bestimmte Vergangenheit als spezifische Form der Inszenierung von Erinnerung und bedienen ein kollektives Gedächtnis; sie stiften soziale Kohärenzen. Immanent problematisch sind jedoch die Ansprüche einer Erinnerungs- oder Vergessenheitspolitik, die die Geschichtswissenschaft als "Kampf um das Gedächtnis" ausgemacht hat. Indem historische Jubiläen bestimmte Ereignisse als erinnerungswürdig reklamieren, ordnen sie Geschichte neu und verändern das Geschichtsverständnis.


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Erinnern wir geschichtspolitisch diesjährig zu unrecht an "850 Jahre Mark Brandenburg"? War es unlängst keineswegs selbstverständlich, sich positiv auf die mittelalterlichen Voraussetzungen der Entstehung der Mark Brandenburg und die kulturellen Prägungen aus den Akkulturationsvorgängen des Mittelalters zu beziehen, so zeigt sich heute an "1157-2007" der zu respektierende Anspruch allseits unverkrampfter Aneignung ehedem vorenthaltener Erinnerung und historischer Identitätsbildung. Was für manche Zeitgenossen irritierend in die Gegenwart hineinragt, fordert jedoch ein zeitgemäßes Mittelalter- und Herkunftsverständnis heraus.

"Fontane und die Zisterzienser" hieß das Motto, mit dem schon 1996 von wirtschaftspolitischer (!) Seite die touristische Erschließung des Landes voranzutreiben versucht wurde. 1998 machte genau dieses Motto als Kulturland-Leitmotiv Karriere. Popularisiert in historisierenden Bildmotiven wurden Fontane und die Zisterzienser zum Ausweis eines Spannungsverhältnisses von Geschichtsbewusstsein und Identität; Fontanes romantischer Blick auf die Ruinen der Klöster Lehnin und Chorin wirkt bis heute nach. Im Grußwort zu einer Tagung formulierte der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe: "Die Zisterzienser, die im Mittelalter Brandenburg nach Europa führten, verbinden uns noch heute mit der Welt." Landeskulturpolitisches Selbstverständnis und mittelalterliche Zisterziensergeschichte finden sich verbunden, verlängert um die heutige Europaidee. Davon abgesehen, dass mit Sicherheit nicht diese Idee die Zisterzienser auf ihren Weg in die Mark geführt hat, stellt sich die Frage: War die mittelalterliche Mark ein "Zisterzienserland"? Die historische Mediävistik ist gefordert, dieses Geschichtsbild kritisch zu durchleuchten.

Entgegen verbreiteter Meinung profilieren nicht Klöster wie Lehnin, Chorin oder Zinna die mittelalterliche Klosterlandschaft der Mark Brandenburg. Diese Vorstellung ist ein Ergebnis ihrer begrenzten denkmalpflegerischen Wiederaneignung seit dem 19. Jahrhundert. Das jüngst vorgelegte "Brandenburgische Klosterbuch" zeigt demgegenüber in Beiträgen zu mehr als 100 Klöstern, Stiften und Kommenden die Vielfalt der mittelalterlichen religiösen Gemeinschaften; in ihrer Verteilung erkennt man ein ganz anderes Gesicht der historischen Landschaften und Entwicklungen. Danach ist die Mark Brandenburg im Mittelalter kein "Zisterzienserland": Den fünf Klöstern der Zisterzienser standen 15 Häuser der Zisterzienserinnen gegenüber, und mit 36 Konventen der Bettelorden (zum Beispiel Franziskaner, Dominikaner) war Brandenburg statistisch eher ein "Bettelordensland". In der geringen Ausstattung der Klöster wird deutlich: Brandenburg war ein armes Land. Dennoch trugen in erster Linie die Klöster den Akkulturationsprozess der Mark von einer paganen Enklave zum selbstbewussten Teil des christlichen Europa. In dieser neuen Kulturlandschaft bildeten Klöster wie Städte neue zentrale Orte und Kohärenzen. Ein unverstellter Blick auf die brandenburgische Klosterlandschaft vermag also die Erinnerungskultur neu zu ordnen.

Die Reformation beendete die Vielfalt religiöser Gemeinschaften bis auf wenige Ausnahmen, so zum Beispiel das evangelische Damenstift Heiligengrabe. Noch bezeichnender ist: Die Konvente der Bettelorden sind in der Topographie der märkischen Städte heute nahezu völlig verschwunden und müssen als geistige Erinnerungsorte neu wahrnehmbar gemacht werden. Auf diese Weise gesehen verweist ein historisches Jubiläum wie "850 Jahre Mark Brandenburg" epochenübergreifend auf die grundlegendere Frage nach der Genese und den Veränderungen dieser Kulturlandschaft. So betreten wir Erinnerungs-Neuland, wenn wir die brandenburgischen Klöster als Teil eines europäischen Netzwerks, zugleich aber auch als Orte regionaler Identitätsbildung betrachten. Darin eröffnen sich uns neue Forschungsfelder.

Die Geschichte ordnet auch historische Jubiläen neu. Wenn das zutrifft, bleibt in diesem Erinnerungs-Neuland noch viel zu entdecken - auch bislang vergessene Jubiläen einer anders verstandenen Geschichte der Mark Brandenburg.

Dr. Heinz-Dieter Heimann ist Professor für Geschichte des Mittelalters an der Uni Potsdam.


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Quelle:
Portal - Die Potsdamer Universitätszeitung Nr. 7-9/2007,
Juli-September 2007, Seite 14-15
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veröffentlicht im Schattenblick zum 8. August 2007