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SOZIALES/148: Sozialarbeit auf vier Kontinenten (Agora - Uni Eichstätt-Ingolstadt)


Agora - Magazin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt
Ausgabe 1 - 2012

Sozialarbeit auf vier Kontinenten

Von Peter Erath und Stefan Schieren



In der EU dominiert auch im Sozialbereich das ökonomische Paradigma. Eine internationale Fachtagung an der KU beschäftigte sich mit den Rahmenbedingungen von Sozialer Arbeit - sowohl bezogen auf die EU und ihre Mitgliedsstaaten als auch im Vergleich zu Modellen jenseits Europas.


Wissenschaftler und Praktiker aus vier Kontinenten kamen im vergangenen Herbst an die KU, um sich zum Oberthema "Transnational Convergence, Diffusion and Transfer in Social Policy and Social Work" auszutauschen. Die von der Fakultät für Soziale Arbeit veranstaltete und von den Professoren Peter Erath und Stefan Schieren organisierte Fachtagung war zugleich die 7. Jahrestagung des "European Institute for International Social Work" (www.eris.osu.eu) war. Den Auftakt machten einige Nachwuchswissenschaftler, die ihre laufenden Dissertationsprojekte in einer Young Academics Conference zur Diskussion stellten. Möglich wurde die Tagung durch die großzügige Unterstützung der Fritz-Thyssen-Stiftung für Wirtschaftsförderung, der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und durch die Kooperation mit dem BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung, mit dessen Hilfe der öffentliche Gastvortrag im Rahmen der Tagung realisierbar wurde, den der Sprecher der Nationalen Armutskonferenz (nak), Dr. Thomas Beyer, zum Thema "Gibt es ein europäisches Sozialmodell?" hielt.

Zwei grundlegende Fragestellungen standen im Mittelpunkt der Erörterungen: Zum einen, ob die Sozialarbeit in Europa ungeachtet vielfältiger nationaler Unterschiede letztendlich als "Einheit" gedacht werden kann bzw. sollte, oder ob die jeweiligen sozialpolitischen und soziokulturellen Unterschiede so gravierend sind, dass Vergleiche und Übertragungen mindestens schwierig, wenn nicht unmöglich sind. Zum andern wurde mit besonderem Blick auf die Sozialarbeit in den einzelnen Staaten diskutiert, ob im Rahmen der EU Prozesse zu beobachten sind, die auf eine Konvergenz der nationalen Wohlfahrtsregime hindeuten, oder ob es zumindest erkennbar ist, dass es zu einer Diffusion nationaler Praktiken kommt. In diesem Zusammenhang wurde zudem erörtert, welche Faktoren als Auslöser für diese Prozesse identifiziert werden können.

Offenbar gilt es, Sozialarbeit nicht nur als konkrete Praxis, sondern auch als Idee oder Programm zu interpretieren, unter das sich ähnliche Praxen, geprägt jeweils von unterschiedlichen politischen und kulturellen Bedingungen, subsumieren lassen. Dabei ist eine endgültige Entscheidung bezüglich einer genauen Definition dessen, was Sozialarbeit ist oder sein soll (und somit auch der damit verbundene deutschsprachige Streit um die Begriffshoheit zwischen den Termini "Sozialarbeit", "Soziale Arbeit", "Sozialarbeitswissenschaft" oder gar "Sozialpädagogik") frucht- und sinnlos. Im Rahmen einer metatheoretischen Betrachtung zeigt sich schnell, dass man "Ähnliches" meint. Ein Überblick über wichtige externe und interne Kontexte der Sozialarbeit kann deutlich machen, dass sich die verschiedenen national geprägten Denk- und Handlungsmuster - trotz ihrer phänomenlogischen Unterschiede - doch am Ende auf einen gleichen Kern hin beziehen lassen. Je mehr wir also die unterschiedlichen europäischen Erscheinungsformen betrachten und zu vergleichen suchen, desto mehr entsteht ein gemeines Verständnis und eine gemeinsame europäische Sprache der Sozialarbeit. Begriffe wie Case oder Risk Management, Crisis Intervention oder Meditation, Ressourcen und Kompetenzen, Haushalt und Nische übernehmen so zunehmend eine Orientierungsfunktion und helfen dabei, sich über komplexe Sachverhalte europaweit zu verständigen, Forschung zu initiieren und Praxis miteinander zu vergleichen und zu verbessern.

Es ist davon auszugehen, dass sich diese Tendenz zur europäischen Konvergenz weiter entwickeln wird, insbesondere auch deshalb, weil der europäische Austausch auf der Ebene von Studierenden, Praktiker/innen und Hochschulen eher zu- als abnehmen wird. Interessant ist hier zu beobachten, dass die "neuen" europäischen Länder diese Öffnung und den damit verbundenen Dialog häufig viel unverkrampfter aufnehmen, als es die alten tun. Insbesondere die Entwicklungen in der Tschechischen Republik, der Slowakei, Polen, den baltischen Ländern etc. zeigen, dass dort allen sozialpolitischen und sozialarbeitswissenschaftlichen Entscheidungen Such- und Lernprozesse im europäischen Ausland vorangehen und dass dort die Ausschau nach und die Orientierung an der "best practice" als selbstverständlich betrachtet wird, so wie es z.B. im Bereich der Medizin auch in Deutschland schon längst der Fall ist. Schon aus moralischen Gründen kann sich die Sozialarbeit der Tendenz zur Europäisierung kaum verschließen. Denn wenn die Absicht ist, den Schwachen bestmöglich zu helfen und Gerechtigkeit zu verwirklichen, dann muss es das Ziel jeder Sozialarbeit in Europa sein, von anderen zu lernen und offen und zukunftsorientiert zu denken.

Die Sozialarbeitswissenschaft ist die übergreifende Klammer, die maßgeblich zur grenzberschreitenden Verständigung über Programme, Konzepte und Praktiken beiträgt. Sie ist Voraussetzung und Funktion der Konvergenz in der Sozialarbeit. Sie organisiert den kontinuierlichen und systematischen Austausch über deren Modelle, Methoden und Praxen, ermöglicht den Vergleich von Instrumenten zur Steuerung und zum Management sozialer Dienste und von Organisationen der Sozialarbeit. Unterscheidet sich das "Modell" einer europäischen Sozialarbeit wesentlich von den Konzepten, die in außereuropäischen Ländern bzw. auf anderen Kontinenten vorherrschen? Diese Aspekte wurden von den Vertreter/innen der Sozialarbeit aus anderen Kontinenten betrachtet. Der Vergleich zur Sozialarbeit aus Ländern mit gänzlich anderen Systemen und sozialen Herausforderungen bewahrte die Europäer davor, allzu betriebsblind ihren Fragestellungen ein übermäßiges Gewicht zu geben.

Die Beiträge aus dem Arbeitsschwerpunkt "Europäische Sozialpolitik" nahmen sich die Sozialarbeit als Teil der sozialstaatlichen Aufgabenerfüllung aus einer anderen Perspektive vor. Nunmehr war die Sozialarbeit nicht mehr der zu erklärende Gegenstand. Sie diente nun als erklärendes Moment . Lässt sich, so war die leitende Frage, an der Sozialarbeit die Tendenz zur Harmonisierung, Diffusion oder Konvergenz mitgliedstaatlicher Sozialpolitik beobachten? Wenn ja, wodurch werden die Prozesse ausgelöst und in Gang gehalten? Trägt die Sozialarbeit paradigmatische Züge, oder lässt sie sich als Sonderfall charakterisieren?

Die Sozialarbeit eignet sich nicht zuletzt deswegen als erklärender Gegenstand, weil sie in den letzten 15 Jahren einem erheblichen Wandel unterworfen war, der sich etwas verkürzend in den Schlagworten "Ökonomisierung" und "Juridisierung" verdichten lässt. Im Verwaltungsrecht, im Sozialrecht und im Vergaberecht wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Wohlfahrtsverbände und ihre Einrichtungen eine Entwicklung durchliefen, die die Bezeichnung Sozialwirtschaft rechtfertigt. Damit wurde gerade dieser Bereich in überdurchschnittlicher Weise für "Europa" zugänglich.

In der EU dominiert auch im Bereich des Sozialen das ökonomische Paradigma. Der Binnenmarkt als ein "System unverfälschten Wettbewerbs" (Mestmäcker) überträgt Grundsätze des Binnenmarkts auf originär sozialpolitische Sachverhalte, sobald sich diese durch ihre markt orientierte Ausgestaltung dafür anbieten. Der Verkauf einer Brille oder das Bohren eines Zahns ist nicht mehr in erster Linie eine Leistung des Sozialstaats und damit der öffentlich zu gewährleistenden Daseinsvorsorge, sondern eine wirtschaftliche Tätigkeit, die den Regeln des Binnenmarkts gehorchen muss. Diese Ausgangslage musste es unvermeidlich mit sich bringen, dass es zu einer Kolonisierung der Sozialpolitik durch das Ökonomische, zur Überwältigung des Sozialen durch das ökonomische Paradigma kam.

Ausgehend von diesen Befunden thematisierte die Konferenz die Frage, ob sich darüber hinaus beobachten lässt, dass vergleichbare Ausgangsbedingungen bei der politischen und rechtlichen Gestaltung der Sozialarbeit in den Mitgliedstaaten Auswirkungen auf die Praxis haben. Mit anderen Worten: Führt das ökonomische Paradigma dazu, dass sich Wesen und Auftrag der Sozialarbeit ändern - dominieren nun Risikomanagement und Sozialdisziplinierung vor Anwaltschaft und Interessenvertretung? Gleicht sich die Praxis der Drogenberatung in den Mitgliedstaaten an, weil die Leistung aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nunmehr ausgeschrieben werden muss? Hat die Rechtsprechung des EuGH zur Folge, dass die mitgliedstaatlichen Leistungssysteme konvergieren, weil die Formulierung europaweit gültiger und richterlich aktivierbarer Leistungsansprüche eine Vereinheitlichung von Leistungsniveaus und Praktiken nach sich zieht?

Neben der Begegnung mit Wissenschaftlern und Praktikern aus aller Welt, die schon einen Wert an sich darstellt, hat die Konferenz dazu beigetragen, innereuropäische Unterschiede und Konvergenzen sowie Prozesse der Diffusion oder des Transfers im Bereich der Sozialarbeit/Sozialpolitik herauszuarbeiten und zu erklären. Ferner wurden außereuropäische Modelle und Formen der Sozialarbeit/Sozialpolitik rezipiert, um die europäische Eigenperspektive zu bereichern.

Darüber hinaus ist offenkundig geworden, dass eine Reihe methodischer und methodologischer Fragen ungeklärt ist. Das ist nicht zuletzt ein Datenproblem. Viele interessante Ansätze können deswegen nicht weiterverfolgt werden, weil Daten fehlen. Der systematische und systematisierende Vergleich von Programmen und Konzepten ist methodisch vielleicht nicht in jeder Hinsicht anspruchsvoll, doch aufwändig - und teuer.


Prof. Dr. Peter Erath ist seit 1998 Professor für Pädagogik und Sozialarbeit an der Fakultät für Soziale Arbeit.

Prof. Dr. Stefan Schieren ist seit 2003 Professor für Politikwissenschaft an der Fakultät für Soziale Arbeit.


LITERATUR

- Peter Erath:
Sozialarbeit in Europa, Stuttgart: Kohlhammer 2011.

- Stefan Schieren:
Europäische Sozialpolitik, Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag 2012.

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Quelle:
Agora - Magazin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt
Ausgabe 1/2012, Seite 20-21
Herausgeber: Der Präsident der Katholischen Universität, Prof. Dr. Richard Schenk
Redaktion: Presse- und Öffentlichkeitsreferat der KU, 85071 Eichstätt
Telefon: 08421 / 93-1594 oder -1248, Fax: 08421 / 93-2594
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veröffentlicht im Schattenblick zum 23. Mai 2012