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INTERVIEW/123: 24. Linke Literaturmesse - vereint gegen Klimafolgen und System ...    Klara Beck und Alina Nüßing im Gespräch (SB)


Interview am 1. November 2019 in Nürnberg


Mit Klara Beck und Alina Nüßing nahmen zwei junge Aktivistinnen der Klimagerechtigkeitsbewegung an der Auftaktveranstaltung der 24. Linken Literaturmesse in Nürnberg teil. [1] Auf der Podiumsdiskussion zum Thema "Klima kaputt - Nachhaltige Zerstörung oder Rettung?" vertraten sie einen intersektionalistischen Ansatz, bei dem sie ihr Engagement für Klimagerechtigkeit mit feministischen, antikapitalistischen, antirassistischen und antikolonialistischen Positionen verschränkt verstanden wissen wollen.

Im Anschluß an die Veranstaltung konnte der Schattenblick die Gelegenheit nutzen, mit Klara Beck und Alina Nüßing über ihre politischen Auffassungen, Erfahrungen und Zukunftspläne zu sprechen.


Schattenblick (SB): Könnt ihr euch kurz vorstellen und erzählen, was ihr macht und wo ihr euch engagiert?

Alina Nüßing (AN): Ich bin hauptsächlich bei Attac Deutschland aktiv, sitze mittlerweile auch im Kokreis [2] und arbeite bei "Junges Attac". Ansonsten bin ich in verschiedenen Klimagerechtigkeitsbewegungen organisiert und in Gruppierungen, die zum Thema Flucht und Asyl arbeiten.

Klara Beck (KB): Ich mache relativ ähnliche Sachen wie Alina. Bei Attac bin ich nicht so sehr auf Bundesebene, sondern auch eher in der Jugendgruppe aktiv. Wir studieren beide in Bamberg und beteiligen uns an der Arbeit mit Geflüchteten. Es gibt dort ein Ankerzentrum, wozu wir auch versuchen, politisch zu arbeiten. Wir fahren aber auch zu "Ende Gelände" und sind da so ein bißchen eine Ortsgruppe.


Die Aktivistin im Großformat - Foto: © 2019 by Schattenblick

Klara Beck
Foto: © 2019 by Schattenblick

SB: Wie ist es denn bei euch zu eurem Engagement gekommen? Wie ist euer politischer oder aktivistischer Werdegang?

AN: Ich bin so ein bißchen politisiert worden durch die Nazi-Demonstrationen, die bei uns zu Hause immer irgendwie eine Rolle gespielt haben. Deswegen war es auch so, daß wir schon früh auf die Straße gegangen sind bei den Demonstrationen gegen die Nazis. Ich habe mich da dann mehr eingearbeitet, mein Themenspektrum erweitert und bin schließlich zur Klimagerechtigkeitsbewegung gekommen.

KB: Ich bin tatsächlich erst relativ spät politisiert worden. Als ich angefangen habe zu studieren, bin ich zu Attac gekommen. Das war so ein bißchen per Zufall, weil ich mich dort wohlgefühlt habe, aber auch, weil da viele Themen angesprochen wurden, die mich schon lange beschäftigt haben, einfach grundsätzliche Themen wie globale Gerechtigkeit, aber auch wirtschaftliche Fragestellungen, die bei Attac ja viel Raum einnehmen und wo ich mich einfach gut wiedergefunden habe. Dann bin ich auch noch auf die Arbeit mit Geflüchteten und auf antirassistische Arbeit gekommen vor allem wegen des Ankerzentrums in Bamberg. Das läßt einen nicht mehr los, wenn man einmal entdeckt hat, daß es diese Realität gibt in oder vielmehr neben unserer Gesellschaft. Da kann man nicht mehr einfach so weitermachen ohne zu versuchen, da irgendwie zu zu arbeiten.

SB: Bei Fridays for Future steht die Forderung an die Bundesregierung, in der Klimapolitik endlich ihre Aufgaben zu machen, stark im Vordergrund. Mich würde interessieren, ob ihr damit konform geht oder ob ihr sagen würdet, daß ihr euch demgegenüber in gewisser Weise bereits radikalisiert habt.

AN: Eine Radikalisierung im Politischen gab es bei mir auf jeden Fall. Ich würde aber nicht sagen, daß das erst in der Klimagerechtigkeitsbewegung passiert ist, sondern schon vorher. Als ich in der antifaschistischen Arbeit aktiv war und das mein Hauptding war, habe ich schnell gemerkt: Wenn wir wirklich was machen wollen, müssen wir auf die Straße gehen und blockieren. Dementsprechend war das für mich der Punkt, an dem ich angefangen habe, mich weiter zu radikalisieren. In der Klimagerechtigkeitsbewegung hat man es mit einem systematischen Problem zu tun, wobei meiner Meinung nach eine gewisse Radikalität nötig ist, um das Ganze überhaupt in dem Sinne zu formulieren.

KB: Bei mir ist es so, daß diese Staatsgläubigkeit, wenn man das so nennen will, also das Vertrauen darauf, daß das funktionieren würde, wenn die Regierung das tut, was sie tun sollte, an manchen Stellen schon gebröckelt ist. Zum Beispiel auch in der Arbeit mit Geflüchteten, wenn man einfach sieht, was der Staat tut und was er tun sollte. Der arbeitet mehr oder weniger nach Gesetzen, und trotzdem ist das super-grauenvoll. Die Ankerzentren wurden ja politisch beschlossen. Da gibt es schon sehr starke Brüche. Ich finde es auch wichtig zu sehen, daß die Klimakrise eine Systemfrage ist und daß unsere Regierung dieses System stützt. Ich habe keine fertige Antwort, wie wir es anders machen können, aber das ist auf jeden Fall ein Bruch.

SB: Ihr habt in der Veranstaltung heute betont, daß verschiedene Dinge zusammengedacht und -vertreten werden müssen. Ich könnte mir vorstellen, daß man mit solch einem intersektionalistischen Ansatz vielen Leuten auf die Füße tritt, die vielleicht an einem Punkt mit euch übereinstimmen, aber in anderen Fragen überhaupt nicht. Habt ihr solche oder ähnliche Erfahrungen schon gemacht?

KB: Eigentlich nicht so sehr. Nach meiner Erfahrung ist es so, daß oft einfach nicht so gedacht wird und daß das nicht präsent ist. Wenn wir zum Beispiel vertreten, den Feminismus mit der Klimafrage zu verschränken, sind Leute oft irgendwie verwirrt und gehen auf's erste vielleicht nicht mit. Aber ich erlebe es auch anders, wenn man bei der Klimafrage zum Beispiel die soziale Dimension mit reindenkt und das dann erklärt. Wir haben zum Beispiel eine Aktion gemacht, bei der es um Autohäuser ging. Da haben sich ganz viele Leute erst angegriffen gefühlt, so nach dem Motto: "Wie, ich soll jetzt nicht mehr Auto fahren? Ich muß aber Auto fahren!" Da habe ich - nicht immer - gute Erfahrungen im Gespräch gemacht, wenn man versucht zu erklären: "Also es geht nicht um dich und dein persönliches Auto, sondern um eine Verkehrswende, und wir wollen Möglichkeiten schaffen, daß du trotzdem in die Stadt kommen kannst." Ich glaube, daß es viele Möglichkeiten gibt, die Intersektionalität zu erklären, aber es braucht den Willen zum Zuhören und auch viel Geduld, es zu erklären.

AN: Ich möchte das ein bißchen radikaler formulieren, denn ich habe schon die Erfahrung gemacht, gerade, wenn man das Feminismus-Thema anspricht, daß man in älteren linken Strukturen häufiger nicht gehört wird. Das ist so ein bißchen wie: "Da kommt jetzt das junge Mädel und möchte hier irgendwie ihr Ding durchpressen." Ich persönlich sehe das so, daß gerade viele junge Bewegungen, die es aktuell gibt, das irgendwie mitdenken und daß gerade Feminismus ein Thema ist, das in dem, wie wir arbeiten, einfach mit aufgenommen wird. Wenn man sich zum Beispiel "Ende Gelände" anschaut, da sind drei von vier PressesprecherInnen weiblich. Es ist jetzt nicht so, daß das unser Hauptthema wäre. Aber trotzdem wünschen wir uns eine solidarische Gesellschaft, und da muß Feminismus einfach mitgedacht werden. Deshalb bauen wird das in die Art, wie wir politisch arbeiten, also in unsere Strukturen, mit ein.


Porträtaufnahme - Foto: © 2019 by Schattenblick

Alina Nüßing
Foto: © 2019 by Schattenblick

SB: Ihr habt euch auch im Bündnis "Sand im Getriebe" engagiert. Wie es es zu diesem Namen gekommen?

AN: Das kann ich nicht so genau sagen, weil ich erst zum Bündnis gekommen bin, als der Name und das Konzept "IAA blockieren" [3] schon stand. Der Name ist auf jeden Fall sehr passend.

KB: Das geht mir ähnlich. Ich war bei der Namensfindung nicht dabei.

SB: Meint ihr, daß das eine eher einmalige Aktion war oder gibt es vielleicht schon eine längerfristige Planung, weitere Blockaden zu machen?

AN: "Sand im Getriebe" ist ein Bündnis, das sehr speziell für die Blockaden der IAA gegründet wurde, die ja auch nur alle zwei Jahre stattfindet, wobei fraglich ist, ob sie überhaupt in dieser Form weiterbestehen wird oder nicht. Dementsprechend kann man jetzt auch noch nicht sagen, ob "Sand im Getriebe" in dieser Zusammensetzung noch einmal auftreten wird oder nicht. Ich schätze, das werden die Leute im Bündnis entscheiden, glaube aber schon, daß alle Beteiligten in irgendeiner Form, vielleicht auch in anderen Bündnissen, weiter zu dem Thema arbeiten werden.

Um jetzt zum Beispiel einmal Attac ins Spiel zu bringen: Da gibt es aktuell eine Kampagne, die heißt "einfach.umsteigen" [4]. Die hat sich dem Thema Verkehrswende gewidmet und versucht, von der Antriebswende weg hin zu einer Mobilitätswende zu kommen. Es gibt bereits viele Gruppen und Bündnisse, die dazu arbeiten. Ich schätze, daß alle Personen, die weiter Lust haben, an dem Thema zu arbeiten, das auch in irgendwelchen Kontexten tun werden.

KB: Wir haben zum Beispiel in Bamberg eine kleinere, der Stadtgröße angemessene Blockade-Aktion mit Parkhäusern gemacht. Es gibt durchaus noch mehr Ideen, vor allem zum Thema Verkehr, für viele kreative Aktionen, die man einfach auf den Straßen machen kann. Da wird noch viel passieren. Ich finde, das ist ein dankbares Thema in dieser ganzen Klimagerechtigkeitsbewegung, weil man sich ohnehin jeden Tag auf der Straße bewegt.

SB: Wie habt ihr das denn erlebt bei Fridays for Future, die ja keine innere Struktur oder Hierarchie haben, die irgendwie offiziell legitimiert wäre? Kann zum Beispiel die Frage, wer als SprecherIn auftritt, irgendwie zum Problem werden in einer solchen Bewegung? Wie geht man damit um?

AN: Ich kann jetzt nicht unbedingt für Fridays for Future sprechen, weil ich da nicht organisiert bin. Aber grundsätzlich ist es immer eine Problematik, daß wir in vielen Bündnissen Einzelpersonen haben, die viel vorne stehen. Ich persönlich würde aber sagen, daß gerade Fridays for Future versucht, da einen sehr guten Weg zu gehen und zu verschiedenen Events auch verschiedene Leute hinzuschicken - 'mal spricht diese Person, 'mal jene. Ich glaube, gerade bei Fridays for Future ist es nicht so, daß es die eine Person in Deutschland gibt, sondern daß das Bündnis sehr viel macht, um das auf verschiedene Leute zu verteilen.

KB: Klar bilden sich nationale Strukturen heraus. Das ist ja auch ganz normal, wenn man zum Beispiel wie Fridays for Future einen Sommerkongreß [5] macht. Ich denke, das ist auch wichtig, um sich verknüpfen und koordinieren und große Aktionstage und so weiter organisieren zu können. Ich würde Alina zustimmen, daß das eigentlich ganz gut läuft und daß es tatsächlich eine Graswurzelbewegung in dem Sinne ist, daß die einzelnen Gruppen ihre eigenen Dynamiken und demokratischen Prozesse haben und bestimmen, was sie machen wollen.

SB: Habt ihr schon einmal das Argument gedanklich durchgespielt, daß, um der Klimakatastrophe wirksam entgegenzutreten, ein starker Staat und auch auf internationaler Ebene eine entsprechende Institution erforderlich wäre, die die erforderlichen Maßnahmen durchsetzen kann?

AN: Ich denke, das zielt auf die Aussage ab, wir bräuchten eine Ökodiktatur. Ich finde diesen Ansatz super-problematisch, weil wir damit wieder zu einem autokratischen, diktatorischen Staatsmodell kommen, was ich absolut ablehne. Dementsprechend finde ich auch Tendenzen in diese Richtung sehr problematisch, muß aber auch sagen, daß ich mich damit noch nicht so intensiv auseinandergesetzt habe, weil ich das für mich persönlich überhaupt nicht als realistische Alternative wahrnehme.

KB: Ich denke, daß es, was in der Diskussion oft zu kurz kommt, auch viel darum geht, Angebote zu schaffen. Meiner Meinung nach ist das super-wichtig, was den individuellen Konsum betrifft. Zum Beispiel ist kostenloser Nahverkehr eine ganz wichtige Sache, weil es nicht darum geht, Leuten Autos zu verbieten, sondern darum, für einen ausreichenden Nahverkehr zu sorgen. Das wäre dann in gewisser Weise ein stärkerer Staat, weil solch ein Nahverkehr wahrscheinlich öffentlich, also staatlich wäre, aber es wäre nicht so, daß der Staat dadurch autoritärer wird. Klar funktioniert dieser Ansatz nicht bei allem, aber ich denke, das ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt.

SB: Auf der Podiumsdiskussion vorhin wurde mit Rojava ein Modell angesprochen, das ja auch die ökologische Frage mit der Geschlechtergerechtigkeit verknüpfen will in einem anderen staatlichen Entwurf. Es wurde von allen Mächten nicht nur im Stich gelassen, sondern niedergemacht, weshalb in dem Wortbeitrag formuliert wurde, wie die Machtfrage zu lösen sei in der Konfrontation zum Beispiel auch mit der staatlichen Gewalt. Wie seht ihr das? Glaubt ihr, daß das ein Thema ist, das jetzt auch in der Klimabewegung aktuell wird?

KB: Ich denke schon. Ich finde, das ist zweigleisig. Meiner Meinung nach ist es ganz wichtig zu sagen, daß die Klimafrage eine systemische ist. Das muß man immer so sehen. Man kann nicht einfach sagen: "Das sind die Bösen da oben, die wollen nur ihre Profite einheimsen." Das finde ich gefährlich. Aber andererseits gibt es natürlich auch Machtstrukturen und Machtressourcen, die dieses System erhalten, und an dem setzen wir auch an. Bei Konzernen wie RWE ist es ja auch so, daß es immer 'mal Hebel gibt, wo man einfach ein bißchen reindrücken kann, was dann auch sehr sinnvoll ist.

AN: Dem würde ich zustimmen. Zum Beispiel die Blockade-Aktion bei der IAA, die war ja ganz konkret. Wir legen uns mit den Konzernen an. Ich glaube, das hat relativ gut funktioniert, weil es eine öffentliche Diskursverschiebung gab, die in die Richtung gegangen ist, die wir wollten. Wir habe es geschafft, die Mobilitätswende mehr in den Diskurs zu bringen.

SB: Vielen Dank, Alina und Klara, für das Gespräch.


Fußnoten:

[1] Siehe den Bericht zur Auftaktveranstaltung im Schattenblick unter:
www.schattenblick.de → INFOPOOL → DIE BRILLE → REPORT:
BERICHT/100: 24. Linke Literaturmesse - nicht einfach nur ein Klassenkampf ... (SB)

[2] Gemeint ist Attacs Koordinierungskreis (2019-2020)
www.attac.de/was-ist-attac/strukturen/gremien/kokreis/mitglieder

[3] Am 15. September 2019 haben nach Angaben des Aktionsbündnisses "Sand im Getriebe" 1000 Klimaaktivist*innen die Haupteingänge der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt friedlich blockiert.
https://sand-im-getriebe.mobi/

[4] https://www.attac.de/kampagnen/verkehrswende/kampagne-einfachumsteigen/

[5] https://kongress.fridaysforfuture.de/


Berichte und Interviews zur 24. Linken Literaturmesse in Nürnberg im Schattenblick unter:
www.schattenblick.de → INFOPOOL → DIE BRILLE → REPORT:

BERICHT/098: 24. Linke Literaturmesse - kritisch schreiben kritisch lesen ... (SB)
BERICHT/100: 24. Linke Literaturmesse - nicht einfach nur ein Klassenkampf ... (SB)

INTERVIEW/122: 24. Linke Literaturmesse - ein 68er erinnert sich ...    Thorwald Proll im Gespräch (SB)

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