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BERICHT/155: Bonhoeffer - Kurzportrait (Forum Pazifismus)


Forum Pazifismus Nr. 12 - IV/2006
Zeitschrift für Theorie und Praxis der Gewaltfreiheit

"Untätigkeit kann Untat sein"
Im Bonhoeffer-Jahr: Kurzportrait eines unbequemen Pazifisten

Von Hans Jürgen Schultz


Mehr als 37 Jahre werde er nicht erleben, hatte Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt. Stattdessen kommt es in genau diesem Alter zur Begegnung mit der Frau, die ihm den unverhofften Zugang zum "wirklichen Leben" erschließt. "Was ich nicht mehr für möglich hielt", schreibt er ihr später, "ist geschehen, ja es ist mir zugefallen. Ich darf noch einmal lieben und geliebt werden, und ich darf zum ersten Mal in solcher Liebe froh sein und auf Erfüllung hoffen. Maria, dafür danke ich Dir."

Im Januar 1943 geloben sich Dietrich Bonhoeffer und die achtzehnjährige Maria Friederike von Wedemayer ein gemeinsames Leben. Bedenken und Warnungen aus der Familie setzen sich nicht durch. Beflügelt wird Marias Entscheidung jedoch durch die couragierte Großmutter, Ruth von Kleist-Retzow, die beiden herzlich zugetan ist: ihrer als eigensinnig und freiheitsliebend, als temperamentvoll, ja "rebellisch" beschriebenen Enkelin sowie dem beeindruckenden Mann der Bekennenden Kirche, dem sie menschlich, politisch und theologisch nahesteht. Sie zweifelt nicht an der höheren Orts beschlossenen Zusammengehörigkeit dieser beiden Menschen.

Maria wuchs in der geordneten Welt des konservativen norddeutschen Landadels auf. Der Vater, Hans von Wedemayer, der sich nur schwer entschließen konnte, seinem engsten Freund das Du anzubieten, weil er ein Bürgerlicher war, erfüllte im Krieg als Regimentskommandeur seine "vaterländische Pflicht", weil er das Schicksal "der Männer an der Front, die die Suppe auslöffeln müssen", teilen wollte. Er war noch ganz Vertreter der deutschnationalen Aristokratie. Er war Patriot, und deswegen gegen Hitler. Durchaus nicht unpolitisch, war er für eine Weile persönlicher Berater des Reichskanzlers Franz von Papen. Freunde schildern ihn als überzeugtes und überzeugendes Inbild des preußischen Junkertums. Er war ein selbstbewusster Patriarch in Haus und Hof. Zugleich aber war er ein Mensch, der gelegentlich den starren gesellschaftlichen Rahmen sprengte, den er andrerseits konsequent aufrecht zu erhalten versuchte. Sein Schwiegersohn Klaus von Bismarck erinnert sich an ihn als einen souveränen und gleichwohl sensiblen Mann "von träumerischer Offenheit und Schutzlosigkeit". Dieser Vater hat diese Tochter geprägt; sie hat sich und er hat sie als "sein" Kind empfunden. Die Verbindung von Lebensdrang und Verletzlichkeit, von Standesbewusstsein und Unbekümmertheit hat er ihr vermacht. Er war der entscheidende Wegbereiter in ihr eigenes Leben, weit über seinen Tod vor Stalingrad im Jahre 1942 hinaus.

Und zu eben dieser Zeit träumt Maria von Wedemayer, einer Tagebuchnotiz zufolge, von ihrem "Prinzen", der kommen wird. Wie wird er aussehen? Dietrich Bonhoeffer hat keinen Adelstitel. Er ist Pazifist, Zivilist durch und durch, Mitglied der regimekritischen Opposition im deutschen Protestantismus, Dozent ohne Lehrerlaubnis, Autor verbotener Bücher, als Abwehragent mit unbekanntem Auftrag vom Wehrdienst dispensiert, hat bereits, wie Maria nicht entgeht, eine Glatze, dafür aber immer noch kein sicheres Gehalt. Maria, die gerade ihr Abitur hinter sich hat, fällt auf, wie überlegen, wie wissend, wie weise er ist; ein richtiger "Gelehrtentyp".

Als Maria ihrer Mutter eröffnet, dass sie und Dietrich einander versprochen haben, löst sie gravierenden Einspruch aus. Zutiefst besorgt weist die Mutter auf den beträchtlichen Altersunterschied hin (Maria ist halb so alt wie Dietrich), auf die Milieukontraste ihrer Herkunft, auf die Außenseiterrolle des widerständischen Bonhoeffer in Kirche und Gesellschaft etc. Nach Vorwürfen, Auseinandersetzungen und Beschwörungen kommt es zu einem intensiven Gespräch zwischen Mutter und Tochter, einem Gespräch, "das Tränen gekostet hat, schwere, heiße Tränen", in dem ein Jahr Trennungs- und Bedenkzeit vereinbart wird. Gleich nach diesem Kompromiss schreibt Maria einen erstaunlichen Brief, einen Scheck auf Zukunft, in dem es heißt: "Lieber Herr Pastor Bonhoeffer ... Obwohl ich eigentlich kein Recht habe, Ihnen auf eine Frage zu antworten, die Sie noch gar nicht an mich richteten: Ich kann Ihnen heute ein von ganzem und frohem Herzen kommendes Ja sagen." Das Datum dieses Briefes gilt hernach für beide als ihr Verlobungstag. Sie kennen sich kaum. Aber Marias kühner Satz "Ich weiß, dass ich ihn lieben werde" hätte umgekehrt auch von Dietrich gesagt sein können. Und die spröde Anrede "Herr Pastor" wird abgelöst durch alle Varianten himmelhochjauchzenden Glücks.


"Von guten Mächten wunderbar geborgen"

Drei Monate später wird Dietrich Bonhoeffer wegen des Verdachts auf Hoch- und Landesverrat verhaftet und in das Militärgefängnis Berlin Tegel eingeliefert. Maria und er sehen sich von nun an nur noch bei gelegentlicher Sprecherlaubnis, niemals unbeobachtet, stets in Anwesenheit einer Aufsichtsperson - nebenbei: eine dieser Aufsichtspersonen hat bis zu ihrem Tod vor drei Jahren hier in Baden Baden gelebt, und von ihr wissen wir, dass Maria und Dietrich Blicke, Gesten, kleine Berührungen genügen mussten. Was sie sich zu sagen hatten, vertrauten sie ihren "Brautbriefen" an. Diese bewegende Zwiesprache - Zeugnis ebenso schöner wie trauriger Innigkeit und Zärtlichkeit - endet kurz vor Weihnachten 1944. Seinem letzten Brief fügt Dietrich ein Gedicht bei, das mittlerweile leider auch vielfach (30 Mal) vertont wurde, dessen Entstehung im Todesschatten eines trostlosen Kellergefängnisses jedoch nicht vergessen werden darf. Die Verse sind der Verlobten sowie seiner Mutter zu deren Geburtstag am 30. Dezember 1944 zugeeignet. Die letzte Strophe lautet:

'Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.'

Danach verstummt der Austausch. Der Dialog zweier Liebender bricht abrupt ab. Mochte es anfangs so scheinen, als wäre Dietrich der dominante Partner, so tritt im Lauf des Briefwechsels Maria immer eigenständiger hervor. Die Leser nehmen teil an einem aufregenden Prozess - als bliebe Maria und Dietrich nicht viel Zeit. Die lebhafte, ebenso ergreifende wie erfrischende Korrespondenz besteht aus Streifzügen durch alle nur denkbaren Themen zwischen Himmel und Erde.

Aber nicht allein die Briefe, die von Bangnis und Erwartung, von Sehnsucht und Verzagtheit, von Vorwegnahme eines Glücks, das sich erst in spe oder gar nicht einstellen kann, erfüllt sind, bleiben aus. Auch sonstige Lebenszeichen, die Bonhoeffer seiner Braut, seinen Eltern und seinem Freund Eberhard Bethge, der später sein Biograph und Herausgeber seiner Schriften werden soll, zukommen lassen kann, werden spärlich und versiegen schließlich ganz. Man erfährt, dass Bonhoeffer nicht mehr in Berlin ist. Unsicheren Auskünften folgend, begibt Maria sich auf die Suche. Mit einem Koffer voll warmer Kleidung für Dietrich irrt sie erschöpft, aber mit starkem Willen durch Süddeutschland. Sie findet keine Spur. Auch nicht - es ist Mitte Februar - in Flossenbürg, wo Bonhoeffer wenige Wochen später erhängt wird.

Vor dem Erreichen dieser letzten Station wird er mit einer international zusammengewürfelten Gruppe "prominenter" Häftlinge auf dem Wege über Buchenwald, Regensburg und Schönberg mal hier, mal da untergebracht. Es herrscht Unsicherheit, was angesichts der näherrückenden alliierten Streitkräfte mit ihnen geschehen soll. Bonhoeffer, Canaris, Oster und andere führende Männer des konspirativen Widerstands spüren bereits ein wenig Erleichterung. Auf einem dieser Transporte wird Bonhoeffer sogar einmal übersehen, hofft, vergessen zu werden, entkommen zu können. Doch der SS Vollstreckungsapparat funktioniert ebenso perfid wie perfekt. Am 9. April 1945 wird Dietrich Bonhoeffer - nach einer Blitzverurteilung zum Tod durch den SS Richter Dr. Otto Thorbeck - hingerichtet. Der KZ Lagerarzt Obersturmbannführer Dr. Hermann Fischer will durch einen Türspalt einen knieenden Häftling gesehen haben, zunächst nicht ahnend, um wen es sich handelte. Nie in seiner langen Praxis habe er einen Menschen so bewusst, so angstlos sterben gesehen. Die Ruhe und Ungebeugtheit dieses "ungewöhnlich anziehend" erscheinenden Mannes "hat mich aufs tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst betete er noch kurz und bestieg dann mutig und gefasst den Galgen." Dieser Dr. Fischer wird in dem Vernichtungslager Flossenbürg an bis zu neunzig Tötungen täglich beteiligt gewesen sein. War er beim Anblick der Hinrichtung Bonhoeffers so außerordentlich "erschüttert", dass er mitzuteilen vergessen hat, dass von einem Galgen keine Rede sein konnte und dass bei der Aufhängung an Haken wie in Plötzensee eine grausame Erdrosselung (oder genauer: Selbsterwürgung) des völlig entkleideten Häftlings stattfand? Der sofortige Tod war keinesfalls gewährleistet. Die Folterexekution konnte bis zu einer halben Stunde dauern. Und so konnte es, da man es kurz vor Kriegsende eilig hatte, auch geschehen, dass das strangulierte Opfer vom Haken genommen und die Tortur mit einem Pistolenschuss beendet wurde.

Die Gefährten, die ihn überlebt haben, charakterisieren Bonhoeffer als ungewöhnlich sympathisch, umgänglich, als ermutigend, als zuversichtlich, als hilfsbereit, als leutselig. Mit einem Neffen Molotows spielt er Schach, lernt dabei russisch und unterweist sein atheistisches Visavis in Bibelkunde. Eingehende Gespräche führt er mit einem englischen Luftwaffenoffizier, der Dietrichs Abschiedsgruß überliefert hat: "Dies ist das Ende; für mich der Anfang eines neuen Lebens." Er habe, wird erzählt, seine Umgebung mit Hoffnung infiziert. "Und es ist keine Schande zu hoffen, grenzenlos zu hoffen." Das ist die Sprache seiner letzten Lebenszeit: "Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche."

An dem Tag, an dem der "Gefangene Bonhoeffer" zur Richtstätte gerufen wird, werden auch sein Schwager Hans von Dohnanyi und zwei Wochen später sein Bruder Klaus und eine weiterer Schwager, Rüdiger Schleicher, ermordet. Die Braut, die Eltern, die Freunde hören erst im Sommer von Dietrichs Tod. Sein Leichnam wurde verbrannt, zusammen mit zahllosen anderen. Ein Grab gibt es nicht.

Viele Briefe, die Maria und Dietrich einander geschrieben haben, sind verschollen, haben den Adressaten gar nicht erreicht. Aber alle Post, die in ihre Hand gelangte, hat Maria von Wedemayer sorgsam verwahrt und auf allen Wegen und Umwegen bei sich gehabt. Dem Wunsch, wenigstens seine Briefe für die Edition seines Gesamtwerkes freizugeben, hat sie sich widersetzt. Eine einspurige Publikation wäre ohne Sinn gewesen. Es handelt sich bei diesen Briefen um ein Zwiegespräch zweier Verliebter, die von Mal zu Mal mehr zu Liebenden werden, also um eine Einheit, die nicht zerrissen werden kann. Erst kurz vor ihrem Tod im Jahr 1977 übergab Maria von Wedemayer ihrer Schwester Ruth Alice von Bismarck die Handschriften mit dem Wunsch, sie herauszugeben.

Seit 1992 ist dies Vermächtnis zugänglich. Wer, wie ich, bis dahin gemeint hatte, über Bonhoeffer einigermaßen Bescheid zu wissen, wird nicht umhin können, sich einzugestehen, wesentliche Aspekte der Biographie dieses Mannes, der sich vor gestellt und vorgenommen hatte, allein und ausschließlich der Theologie und ihrer Konkretion zu leben, nicht nur nicht gekannt, sondern überhaupt nicht für möglich gehalten zu haben. Ohne Marias vitalen Anteil, ohne die Briefe, das heißt vor ihrer Veröffentlichung haben wir den späten, den ganzen Protagonisten Bonhoeffer nur ungenügend im Blick gehabt. Diese Briefe sind kein Supplement, keine Zugabe, sondern die Interpretation, ja das Herzstück seines Vermächtnisses. Ich wiederhole, was ich anfangs vorlas: "Alles, was ich schrieb, sollte ein Dank an Dich sein. "Und ich wage die These: Die Erfahrung, "zu lieben und geliebt zu werden", war für Dietrich Bonhoeffer ein elementares Befreiungserlebnis, eine Konversion, eine Konversion zum - nach seiner eigenen Formulierung - "wirklichen Leben". Bonhoeffers Freund, Eberhard Bethge, bezeichnet diese letzte Stufe als Übergang vom Theologen zum Christen; etwas weitergehend meine ich: von der Profession zur Existenz.


Konsequenter Schritt in den Widerstand

Dietrich Bonhoeffer und seine Zwillingsschwester Sabine wurden am 4. Februar 1906 geboren. Die Eltern, Paula Bonhoeffer, geborene von Hase, und Karl Bonhoeffer, Professor für Psychiatrie und Neurologie, lebten damals in Breslau. 1912 folgte der Vater einem Ruf nach Berlin und übernahm den in Deutschland renommiertesten Lehrstuhl seines Fachs. Dietrich und seine sieben Geschwister wuchsen in einer familialen Kultur auf, die sie deutlich geprägt und ihnen einen gewinnenden Lebensstil der Unbefangenheit, der Unabhängigkeit und der Überlegenheit vermittelt hat. Der Reichtum an Begabungen und Interessen förderte ein sicheres Bewusstsein der Zusammengehörigkeit im Geschwisterkreis. Das Haus Bonhoeffer in der Marienburger Allee 43 war wegen seiner Offenheit, seiner Geselligkeit und seines Gesprächsklimas gern gesehen und gern besucht, bei alt und jung gleichermaßen. Musik und Literatur, Feste und Gespräche, Tanz und Drama waren hier mit schöner Selbstverständlichkeit daheim. Klug sein dürft Ihr, aber nicht eitel! - dies Prinzip, das nicht einengte, sondern freimachte, brachte die Mutter ihren Kindern bei. Sie erzogen sich wechselseitig zum Fairplay. Gab es Streit zwischen den Geschwistern, so suchten sie unter sich in einer Art Gerichtsverhandlung eine Schlichtung, meistens mit Erfolg.

Die Nachbarn im Berliner Grunewald hießen: Delbrück, von Harnack, von Dohnanyi, Schleicher etc. Diese Namen treffen wir später engverwoben in der Geschichte des Widerstands. In dem unschuldigen Spiel der Kinder und Jugendlichen, die so heißen, erkennen wir im Rückblick ein Präludium für ungewöhnliche Freund und Verwandtschaftsverhältnisse. Emmie Bonhoeffer, geborene Delbrück, etwa zwölf Jahre alt, sieht bei ihrem älteren Bruder Justus häufig den siebzehnjährigen Freund Klaus Bonhoeffer aus dem Nebenhaus. Sie sucht Gründe über Gründe, um ihm aufzufallen. Justus unterbindet die Störung, zum Bedauern von Klaus. Als Emmie und Klaus zehn Jahre danach ein Paar werden, gesteht er ihr, dass er schon als Konfirmand geplant habe, keine andere als sie zu heiraten. Dies ist nur eine kleine von vielen Anekdoten. Die Familien wuchsen wie von ungefähr zusammen. Ihre verschiedenen Lebensläufe lesen sich heute wie ein Stammbaum. Vor keiner dieser Familien haben Hitlers Schergen Halt gemacht.

Dass Dietrich sich für die Theologie entschied, löste keine Kritik, wohl aber Verwunderung aus. Ein Bruder wurde Jurist, der andere ein weltweit anerkannter Physiker und Chemiker. Dietrich war, auch als Pastor, die Herkunft aus dem großbürgerlichen Professorenhaus immer anzumerken. Er war, was man einen "Mann von Welt" nennt, gewandt im Umgang, wählte seine Kleidung mit Geschmack, schätzte Konversation ebenso wie gutes Essen und Trinken, war ein anspruchsvoller Lehrer und Gelehrter, ohne seine musischen und sportlichen Neigungen zu vernachlässigen, er war streng und rücksichtsvoll zugleich, monastisch und zugewandt, für die Studierstube allein zu pragmatisch, für Pragmatismus zu nachdenklich. Und wenn es etwas gab, was noch wichtiger war als die Arbeit am Schreibtisch oder mit seinen Studenten im Seminar, so waren das "meine Jungs" im proletarischen Berliner Wedding, denen er nicht nur Konfirmandenunterricht erteilte, sondern mit denen er Fußball spielte und denen er in ihren außergewöhnlichen Problemen kameradschaftlich beistand. In allem, was er tat, war eine besondere Intensität und Konzentration zu spüren.

Dass und wie der Christ Dietrich Bonhoeffer in den politischen Widerstand geriet, dass und wie der Pastor zum Geheimagenten, zum so genannten V Mann wurde, ist ein komplizierter Verlauf, den zu beschreiben die Zeit eines Abends nicht reicht. Jedenfalls hat er diesen Schritt nicht als Bruch verstanden, sondern, im Gegenteil, als konsequente Verwirklichung von Integrität vollzogen. Er reiste im Auftrag und mit Papieren der deutschen Abwehr ins nahe und ferne Ausland und nutzte seine internationalen Erfahrungen und Beziehungen, um Sympathie für den Widerstand, für die Umsturzpläne und für die Namen einer neuen deutschen Regierung zu werben. Seine Bemühungen wurden ebenso enttäuscht wie die von Adam von Trott oder von Helmuth James von Moltke, denen er in jeder Beziehung nahe und ähnlich war. Die diversen Chancen, sich der ihm drohenden Gefahr zu entziehen, hat Bonhoeffer ausgeschlagen. Von den Auslandsreisen kehrte er, entgegen wohlwollendem Freundesrat, in die Höhle des Löwen zurück. Christsein definierte er als die Bereitschaft, auf Privilegien zu verzichten. Exil ist etwas anderes als Widerstand.


"Die große Maskerade des Bösen"

Wie konnte der Despot Adolf Hitler über uns kommen und ein ganzes Volk mit einer gar nicht so unrühmlichen Geschichte fanatisieren? Die Antwort gibt er selbst: "Ich bin nur Eure Stimme; das Kommando, das ich Euch zurufe, ist nur das Kommando, das Ihr Euch selbst zuruft." Diesen Slogan hat er hundertfach ausgerufen. Hitler brauchte nicht nur Opfer, sondern vor allem Täter, Helfershelfer, Handlanger. Wäre er nur über uns und nicht aus uns heraus gekommen, er wäre kläglich gescheitert. Er war Exponent und Reflex einer Masse, deren Applaus ihn aufbaute, aufblähte. Hitler war ungeeignet, eine Idee oder Vision ohne Beifall zu entwickeln und zu vertreten. Er schwamm nicht gegen den Strom, sondern mit ihm. Sein Bewusstsein von Macht ergab sich aus dem Echo, dass er selbst suggeriert hatte. Aus der Wechselbeziehung zwischen Führer und Geführten bezog er seinen Auftrag. Seine Stärke war überspielte Schwäche. Seine Anhänger konnten diesen Vorgang bei sich selbst nachvollziehen. Hitler verkörperte in hypertropher Weise Mittelmaß und Spießertum. Er wäre - so der Sozialpsychologe Erich Fromm - ohne die Bestätigung durch die ihm zujubelnden Massen irre geworden, irre an sich selbst. Als er zu erkennen begann, dass "sein Volk" ihm die Erfüllung seiner Illusion schuldig blieb, gedachte er, es zuguterletzt mit Stumpf und Stiel auszurotten. Er wurde, was er war: ein Versager.

Der Widerstand gegen diesen Diktator hat so wenig ausgerichtet, weil er viel mehr zu leisten gehabt hätte als etwa nur dessen Beseitigung. Dem Widerstand fehlte die Basis. Er war ein Kampf einzelner gegen eine "völkische Bewegung". Bonhoeffer hat diesen Sachverhalt von Anbeginn durchschaut. Gern hätte er auf die Kirche als Trägerin breit angelegten Widerstands gesetzt. Aber er fand in ihr nicht nur eine durchaus wackere, sogar zu Risiken und Konsequenzen bereite Opposition, sondern auch oder vor allem eine offensichtlich attraktive Fraktion namens "Deutsche Christen", die sich die "SA Jesu Christi" nannte. Bei den Kirchenwahlen 1933 gelang es diesen Deutschen Christen, mit Hilfe des nationalsozialistischen Propagandapparats überall in Deutschland (mit Ausnahme Westfalens) deutliche Mehrheiten zu erobern. Bald waren die Synoden, die Kirchenleitungen und die Verwaltungen der meisten Landeskirchen in deren Händen. Waren sie bestens vorbereitet? Es konnte bereits im September desselben Jahres von der Generalsynode der Altpreußischen Union und später auch von den anderen Kirchenparlamenten das "Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Geistlichen und Kirchenbeamten" verabschiedet werden, das die Rassenpolitik des Staates für die Kirchenorganisation widerspiegelte. Da heißt es: "Wer nicht arischer Abstammung oder mit einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher oder Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden."

Dieser Arierparagraph sollte nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer "judenreinen Kirche", zu einer völligen "Entjudung der Gemeinde", zu einer "Germanisierung" des Christentums sein. Aber nicht erst die kirchliche, schon die staatliche Ariergesetzgebung hatte Bonhoeffer veranlasst, die sogenannte "Judenfrage" als ein Kernproblem der bevorstehenden Auseinandersetzungen zu erkennen. Keineswegs beschränkte er - wie viele seiner Mitstreiter in der Bekennenden Kirche - seine Sorge auf die Mitgliedschaft von Judenschristen in der evangelischen Kirche, sondern seine Anfragen und Attacken waren radikal: Sie richteten sich gegen einen Staat, der seine Grenzen verlassen hatte und dessen totalitäre Tendenzen einen mörderischen Keim in sich trugen.

"Wir dürfen nicht gregorianisch singen, wenn um uns herum die Ausrottung der Juden vorbereitet wird." Dies Thema drängte sich bis in Bonhoeffers persönlichste Entscheidungen vor. Seine Zwillingsschwester heiratete den Juristen Gerhard Leibholz, der viel später, nach seiner Emigration nach England, einer der angesehensten deutschen Rechtsgelehrten werden sollte. Als dessen Vater am 11. April 1933 starb, hätten die Angehörigen es gern gesehen, dass Dietrich ihn beerdigt. Er bat den zuständigen Generalsuperintendenten um dessen Einwilligung, ließ sich aber abraten, zu diesem prekären Zeitpunkt die Trauerfeier für einen Juden zu übernehmen. Wenige Monate später schrieb Bonhoeffer seinem Schwager: "Es quält mich jetzt, dass ich damals Deiner Bitte nicht ganz selbstverständlich gefolgt bin. Ich verstehe mich, offen gestanden, selber gar nicht mehr. Wie konnte ich so ängstlich sein? Ihr habt es gewiss auch nicht verstanden und mir nichts gesagt. Aber mir geht es nun nach, weil es gerade etwas ist, was man nie wiedergutmachen kann. Also muss ich Euch jetzt ganz einfach bitten, mir diese Schwäche zu verzeihen und mir dabei zu helfen, dass sich so etwas bei mir nicht wiederholt."

In jüngeren Jahren hatte Bonhoeffer das Verhältnis der Kirche zur Politik mit dem Ausdruck "Desinteressement" beschrieben. Später hat er diese Kennzeichnung geradezu "frivol" genannt. Mit seiner konspirativen Tätigkeit ergibt sich zwangsläufig eine zunehmende Isolation. Nicht selten trifft er, auch in kirchlichen Kreisen, auf Misstrauen. Es bleiben die engen Freunde, die genau wissen, was auf dem Spiel steht. Bonhoeffer lässt sich auf Wagnisse, auf Ambivalenzen ein, die seinem geradlinigen und kompromisslosen Wesen widersprechen und für die er in keiner Kirchenlehre eine Rechtfertigung hätte finden können. Aber Untätigkeit kann Untat sein. Der Pazifismus, den Bonhoeffer beharrlich vertritt, darf nicht verwechselt werden mit Passivismus. Es gibt Situationen, in denen der Übergang von einer Tat zum Attentat einen unvermeidlichen Schritt darstellt.

Angesichts der "großen Maskerade des Bösen", in die jeder, auch der aktive Gegner des Systems, verstrickt wird und die "für den aus der tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend ist", schreibt Bonhoeffer für sich und seine Mitverschwörer wenige Wochen vor seiner Festnahme die schwerwiegende Gewissensfrage auf: "Wir sind stumme Zeugen böser Taten geworden. Wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung misstrauisch gegen die Menschen geworden und mussten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht sogar zynisch geworden - sind wir noch brauchbar? Nicht Genies, nicht Zyniker, nicht Menschenverächter, nicht raffinierte Taktiker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen. Wird unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos geblieben sein, dass wir den Weg zur Schlichtheit und Geradheit finden?"


"Ich bete für die Niederlage"

Entschuldigt oder verteidigt hat Bonhoeffer, soweit ich sehe, einen tödlichen Anschlag nie. Er hat ihn mit allen Folgerungen, bis hin zum Ja zum eigenen Tod, als "Schuldübernahme" verstanden und angenommen, aber auch als deprimierende Kapitulation, also als einen untüchtigen Ersatz für eine versäumte, langfristige, ohne Gewaltanwendung konzipierte, von vielen Einzelnen und von vielen Gruppen der Bevölkerung geleistete Verhinderung oder Überwindung der Gewaltherrschaft. Aber fast alle - die meisten unkritisch, einige kritisch - haben die Erwartungen Hitlers erfüllt. Er, Hitler, wäre, wie gesagt, ein Nichts gewesen ohne die Entsprechung, ohne den Widerhall der Deutschen. Er war einer der Ihren; sie waren die Seinen. In so einem Fall hat ein Widerstand, der erst mit dem Tyrannenmord geprobt wird, seine Stunde verpasst.

Über Bonhoeffers Beurteilung der Bombe gegen Hitler wissen wir nicht genug. Ohne Zweifel hätte er eine Mitverantwortung für den Staatsstreich übernommen. Seine Briefe nach dem 20. Juli 1944 verraten Niedergeschlagenheit, Aussichtslosigkeit nach dem misslungenen Versuch. Er hätte sich wohl gewünscht, dass Stauffenberg Erfolg hat. Andrerseits wünschte er sich keine politische Zukunft in den Händen jener Militärs, die sich spät, viel zu spät entschlossen, ihre Loyalitätspflicht gegenüber Hitler in Frage zu stellen. "Ein Mann der Pflicht", so Bonhoeffer, "wird schließlich auch noch dem Teufel gegenüber seine Pflicht erfüllen müssen."

Eine Affinität zum Soldatentum wird man bei den Bonhoeffers vergeblich suchen. Politisches und militärisches Denken wurde bei ihnen entschieden auseinander gehalten. Ohne zu verkennen, dass sich in der Führung der Wehrmacht eine durchaus respektable Rebellion gegen Hitler formiert hat, mit der Bonhoeffer das Komplott nicht scheute, hatte er grundlegend andere Ansätze und Ziele. Anstelle der Tapferkeit, die auf dem Soldatenfriedhof endet, setzte er auf Zivilcourage: auf Verantwortung statt Unterordnung, auf Mündigkeit statt auf Befehlsempfang, auf Einspruch statt auf Mitläufertum. Ein Mensch, der von berufswegen gezwungen ist, nur zu gehorchen, und der außerstande ist, den Gehorsam zu verweigern, ist ein Sklave.

Gleiche Gesinnung treffen wir bei Helmut James von Moltke. Er, Anwalt eines gewaltfreien Vorgehens, hat auch nach dem 20. Juli Pläne einer Unschädlichmachung des "Führers" durch Verhaftung mehr Chancen eingeräumt als der Absicht, ihn umzubringen. Er hatte die Stirn, in einem seiner unvergleichlich schönen und klaren Briefe an seine Frau Freya zu schreiben. "Wenn ich frei gewesen wäre, wäre das nicht passiert!" Da die Generäle die "Revolution" gegen "einen Geist der Enge und der Gewalt, der Überheblichkeit, der Intoleranz und des Absoluten ..., der in den Deutschen steckt und seinen Ausdruck in dem nationalsozialistischen Staat gefunden hat", nicht wirklich erstrebten, waren sie für einen Gewaltakt. Denn "keine Revolution von der Art, wie wir sie brauchen, hätte den Generälen die Bedeutung und die Stellung gegeben, wie die Nazis sie ihnen gegeben haben und noch heute geben." Für eine Alternative zum Nationalsozialismus sah Moltke sein Land noch nicht reif. Ein Putsch gewährleistet nicht die nötige tiefgreifende Erneuerung; er würde sie eher ersticken. Ein mit Gewalt eliminiertes Hitlerregime könnte eine Schattenexistenz behalten, also bloße Verlängerung des Vergangenen sein.

Auf die Frage von Willem Visser t'Hooft, ob er für den Sieg bete, antwortete Bonhoeffer ohne Umschweife: Ich bete für die Niederlage. Sie war für ihn die Voraussetzung für einen veritablen Neubau, der generell zu unterscheiden ist von dem, was nach dem Krieg Wiederaufbau heißen sollte - und der schließlich, nicht ohne Logik, in der Wiederbewaffnung gipfelte. Zweifellos dachte Bonhoeffer wie auch Moltke nicht nur an eine Unterbrechung der militärischen Gewalt. Sie waren strikte Gegner von Gewalt überhaupt. Waren sie Träumer? Nein, aber sie hatten, wie Martin Luther King, einen Traum. Politik sollte nichts anderes sein als die Kunst der Vermeidung von Gewalt. Politik, der dieses Ziel fehlt, verdient ihren Namen nicht. Gewalt erzeugt nichts besseres als Gewalt. Sie ist ganz und gar unfruchtbar. Politik muss Befreiung aus der Spirale der Gewalt werden. Sind solche Gedanken utopisch? Oder ist es nicht vielmehr utopisch, sie für utopisch zu halten?


Wahrhaftigkeit statt Wehrhaftigkeit

Dietrich Bonhoeffer witterte ein Christentum, das nicht machtvoll ist, sondern vollmächtig, das nicht wehrhaft ist, sondern wahrhaft, das nicht integral ist, sondern integer, das nicht repräsentativ, sondern präsent ist. Es war die Bergpredigt, die ihn leitete. Die Schriftgelehrten allerjahrhunderte haben diese Verheißungen einem himmlischen Konto gutgeschrieben, hienieden nicht zu gebrauchen. Bonhoeffer aber entdeckte die gegenwärtige politische Brisanz. Bei seiner Ausschau nach diesem noch ungeborenen Christentum übersprang er die gewohnten Denkhorizonte und geriet an - Gandhi. Damals wäre eine Teilnahme an einer konspirativen Bekämpfung Hitlers noch undenkbar gewesen. Aber die Idee und die Praxis eines gewaltlosen Widerstands gegen die sich immer deutlicher entpuppende Diktatur erschien Bonhoeffer vielversprechend. Das bekannte Christen- und Kirchentum nähert sich, davon war er überzeugt, "jedenfalls in seiner jetzigen Gestalt und seiner bisherigen Interpretation unweigerlich seinem Ende". "Wie lange ich Pfarrer und in dieser Kirche bleibe, weiß ich nicht. Vielleicht nicht mehr lange. Ich möchte im Winter nach Indien", ließ er im April 1934 einen Freund wissen. Einen Monat später erklärte Bonhoeffer seiner über dreiundneunzig Jahre alten Großmutter in einem Brief seine sehr skeptische Beurteilung der Lage der Kirche und vertraute ihr den Plan einer Studienreise nach Indien an. Ich lese einen Auszug aus diesem aufschlussreichen Schreiben: "Bevor ich mich irgendwo endgültig binde, möchte ich aber noch einmal nach Indien. Ich habe mich in der letzten Zeit sehr intensiv mit den dortigen Fragen befasst und glaube, dass man vielleicht sehr wichtiges lernen kann. Jedenfalls scheint es mir manchmal, als ob in dem dortigen 'Heidentum' vielleicht mehr Christliches steckt als in unserer ganzen Reichskirche. Tatsächlich ist ja auch das Christentum orientalischer Herkunft, und wir haben es dermaßen verwestlicht und mit rein zivilisatorischen Erwägungen durchsetzt, dass es uns so weit verloren gegangen ist, wie wir jetzt erleben. Leider habe ich auch kein rechtes Zutrauen mehr zu der kirchlichen Opposition. Mir gefällt diese Art des Vorgehens gar nicht, und ich habe wirklich Angst vor dem Augenblick, wo die Verantwortung dieser zufällt und wir vielleicht noch einmal eine furchtbare Kompromittierung des Christentums mit ansehen müssen. Vielleicht - aber bitte nichts darüber sagen ... - kann ich an die Universität von Tagore. Viel lieber würde ich allerdings gleich zu Gandhi gehen, an den ich sehr gute Empfehlungen von seinen besten Freunden bereits habe."

Das Gerücht sprach sich, trotz der Bitte um Geheimhaltung, flugs herum. Natürlich mokierte man sich über diese Kuriosität. Karl Barth schrieb noch zwei Jahre danach an Bonhoeffer: Wissen Sie, was "lange Zeit das einzige war, was ich von Ihnen wusste? Die Nachricht, Sie beabsichtigen, nach Indien zu gehen, um sich bei Gandhi oder einem anderen dortigen Gottesfreund irgendeine geistliche Technik anzueignen, von deren Anwendung im Westen Sie sich gute Dinge versprächen."

Bonhoeffer ließ sich nicht beirren, auch nicht durch einen so bornierten Brief seines verehrten Lehrers. Er erhielt eine freundliche Einladung von Gandhi. Doch sie kam zu spät. Inzwischen hatten sich die politischen Verhältnisse dermaßen zugespitzt, dass Bonhoeffer sich nicht für längere Zeit von hiesigen Problemen und Aufgaben dispensieren lassen wollte. Neben seiner außergewöhnlichen Wissbegier, neben seinem Drang nach möglichst viel Welterfahrung und neben der ihn beunruhigenden Einsicht in den Bedeutungsschwund westlichen Christentums waren es vor allem Gandhis kluge und wirksame Methoden einer von Gewalt freien, das heißt von Gewalt befreiten und von Gewalt befreienden Einflussnahme im politischen Leben. In einem Briefwechsel mit Martin Buber, den das Gewaltpotenzial in Israel tief deprimierte, hat Gandhi seine Vorstellung von der Effizienz des zivilen Widerstands entwickelt und dem Einwand, Pazifismus sei letztlich unpolitisch, widersprochen. Unpolitisch ist nicht die Kritik der Gewalt, sondern ihr unkritischer Gebrauch. Eine von Gewalt freie Welt ist zwar noch nicht vorstellbar; aber eine Welt, die mit Gewalt nicht anders als bisher umzugehen vermag, ist ebenfalls unvorstellbar geworden. Wie die Menschen das Gewaltproblem auf dem Globus lösen werden, das entscheidet über die menschliche Zukunft. Wer meint, es genüge, gerüstet zu sein, ist für unsere eigentlichen Probleme und Aufgaben ungerüstet. Und wer nicht geneigt ist, auf Herrschaft durch Gewalt zu verzichten, wird hemmungslos zu vernichten bereit sein.


"Die Reise nach der Wirklichkeit"

'Wer bin ich? Sie sagen mir
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß'

Ja, wer war er, der Autor dieses Gedichts, aufgeschrieben in der nun schon anderthalb Jahre währenden Haft, wenige Monate vor seiner Hinrichtung? Noch in seinen letzten Minuten hatte er den "aufrechten Gang". Seine Zellennachbarn im Militärgefängnis hatten seine Nähe als "wohltuend" empfunden. Aristokratisch nannten sie sein ruhiges und überlegenes Auftreten, ohne ihn für überheblich zu halten. Seine Bewacher verhielten sich so, als würden sie Weisungen von ihm erwarten. Sie erwiderten seine Freundlichkeit; einer bot ihm größere Portionen des Essens an, ein anderer sogar einen Fluchtweg. Rücksicht auf Maria, auf die Eltern, auf die Freunde und nicht zuletzt die Solidarität mit den Mitverschworenen veranlassten ihn, dergleichen Chancen auszuschlagen.

Über Schatten und Qualen, über Hoffnungs- und Mutlosigkeit sprach Bonhoeffer kaum. Doch den Suizid hat er für sich nicht ausgeschlossen, sondern als eine Entscheidung seiner Freiheit wiederholt erwogen. Er vermied es, andere mit seinem Schmerz, mit seiner Todesnähe zu bedrücken. Seine Briefe an Maria beschworen eine gemeinsame, eine gute Zukunft mit ihr: spes contra spem. Aber die andere, die dunkle Seite war auch da. Ein Klagelied hätte schwerlich zu ihm gepasst, wohl aber die ehrliche Selbstbeobachtung, die auf Schonung verzichtende Beschreibung seiner inneren Verfassung:

'Bin ich das wirklich,
was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das,
was ich selber von mir weiß:
Unruhig, sehnsüchtig, krank,
wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem,
als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben,
nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten,
nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür
und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde
in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten,
zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit,
von allem Abschied zu nehmen.
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser
und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich...!

Ja, er war "beides zugleich". Beide, der Berg wie das Tal, sind Landschaften unserer Seele. Wäre es bei Bonhoeffer anders, er bliebe uns fremd.

Was wäre, hätte er überlebt, aus ihm geworden? Diese Spekulation ist ebenso müßig wie unvermeidlich. Zweifel, nach seiner Tätigkeit im militärischen Geheimdienst seinen alten Beruf fortsetzen zu können, haben ihn schon früh umgetrieben. Er brauchte freien Atem: Intuition, nicht Institution, Experiment, nicht Establishment. Sein Leben, sein Denken blieben ein Fragment. Fragmente suchen Fragmente. Sie sind Teile eines unerreichbaren Ganzen. Bonhoeffer hat mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Er war nicht am Ende, sondern mitten in einem revolutionären Prozess, als der Henker ihn bestellte. Und eine Theologie, die an diese Wegstrecke anzuknüpfen versucht, die von ihm aus- und das heißt über ihn hinauszugehen wagt, ist, so scheint mir, bis zur Stunde nicht erkennbar. Ihr müsste "eine neue Sprache" gelingen, eine aus dem Tun gewonnene Sprache, "vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend", frappierend "wie die Sprache Jesu". Aus der Einsamkeit seiner Zelle heraus meldete er nach draußen: "Alles Denken, Reden und Organisieren in Dingen des Christentums muss neu geboren werden." Das war radikal gemeint.

Dietrich Bonhoeffer erlebte an sich selbst einen paradigmatischen Wandel: den Wandel eines in einer tragenden und eindrucksvollen Tradition aufgewachsenen und beheimateten Menschen zu einem der Moderne ausgesetzten Zeitgenossen. Er befand sich, wie Carl Friedrich von Weizsäcker über ihn sagte, mit hoher Geschwindigkeit auf einer unumkehrbaren "Reise nach der Wirklichkeit". Viel mehr als die Feststellung der Unzulänglichkeit der Institution Kirche beschäftigte Bonhoeffer die sich vertiefende Wahrnehmung eines enormen Mangels an Anziehungskraft, eines rapiden Realitätsverlustes der Theologie. Sie ist korrekt statt konkret. Er hatte selbst eine Theologie gelernt und gelehrt, der die Welt abhanden gekommen ist und die nun indigniert mit einer Welt hadert, der die Theologie abhanden gekommen ist.

Immer freimütiger gesteht Bonhoeffer sich ein, "keine religiöse Natur" zu sein. "Ich komme bestimmt nicht als religiöser Mensch hier heraus! Im Gegenteil: Mein Mißtrauen und meine Angst vor der 'Religiosität' sind hier noch größer geworden als je. Daß die Israeliten den Namen Gottes nie aussprechen, gibt mir immer zu denken, und ich verstehe es immer besser." Bonhoeffer spürt an Leib und Seele, "daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben" kann. Der Gedanke an ein "nichtreligiöses Christentum" in einer "mündig gewordenen Welt" und die Aufgabe einer "nichtreligiösen Interpretation der Bibel" verlangen immer mehr Konsequenzen. Gott als "Lückenbüßer" oder als "Arbeitshypothese" ist funktionslos geworden. Bonhoeffers Formulierungen spitzen sich zu: Gott lässt uns wissen, "daß wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden". Den Gott, "den es gibt, gibt es nicht". Die so genannten religiösen Menschen "sprechen von Gott, wenn menschliche Erkenntnis (meistens schon aus Denkfaulheit) zu Ende ist oder wenn menschliche Kräfte versagen - es ist eigentlich immer der deus ex machina, den sie aufmarschieren lassen ... immer in Ausnutzung menschlicher Schwäche beziehungsweise an den menschlichen Grenzen." Glaube sollte nicht primär bei den Schwachstellen, "sondern im Leben und im Guten des Menschen" wirksam werden. "An den Grenzen scheint es mir besser zu schweigen und das Ungelöste ungelöst zu lassen."

Bonhoeffer meint, er brauche nur seine eigenen Bücher aufzuschlagen, um sich beständig selbstwiderlegen zu können. Seine Anhänger vergessen das oft und wollen den späten Bonhoeffer unter Berufung auf den frühen Bonhoeffer korrigieren. Aber mit seinen elementar neuen Ansätzen veruntreut er nicht sich selbst, sondern er lässt eine drängende Entwicklung zu: es muss nun "ein Knoten in mir" platzen. Er will sich nicht im Rückgriff auf überliefertes Glaubens- und Lehrgut weiter zur Wehr setzen gegen Einsichten, die Raum in ihm, in uns, in unserer Zeit suchen. Wir sind de facto säkulare Menschen in einer säkularisierten Welt. Religion, die diesen Sachverhalt nicht akzeptiert und von Anleihen oder gar Aufträgen höherer Autoritäten lebt, verführt zur Unredlichkeit. Sie verweigert die "Reise in die Wirklichkeit", auf die Bonhoeffer sich eingelassen hat. Sie macht entweder weltflüchtig oder weltsüchtig, aber nicht welttüchtig. Das Diktum Bonhoeffers lese ich wie eine Summa: "Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion, sondern zum Leben."

Die in der Haft entstandenen Notizen, Entwürfe, Reflexionen, Exkurse, Gedichte, Aphorismen werden zumeist in Briefen mitgeteilt und großenteils in dem 1951 erschienenen Band "Widerstand und Ergebung" zusammengetragen. Damals umfasste diese epochale Publikation 286, die neueste Ausgabe bringt es auf 798 Seiten, was nicht nur auf nachträglich gefundene Texte zurückzuführen ist, sondern auch auf das Gründlichkeitsbedürfnis der Wissenschaft, die jedem Komma eine Erläuterung gönnt. Sie sehen, die Edition des Nachlasses von Dietrich Bonhoeffer ist in besten Händen. Aber es ist und bleibt das Unfertige an ihm, das uns nicht mit ihm fertig werden lässt.

"Widerstand und Ergebung" ist das Konzentrat dessen, was sich in Dietrich Bonhoeffer während seiner letzten Lebenszeit ereignet hat. Wegen ihrer Dichte und ihrer Aufrichtigkeit sind sie mit Pascals "Bensées" verglichen worden. Hier deutet sich eine essayistische Theologie an mit der Intention, Wahrheit zu finden, statt über sie zu befinden. Sie ist nicht bereits gebucht, sondern wird immer auf's Neue gesucht. "Widerstand und Ergebung" ist kein Brevier, sondern eine Sammlung von Abbreviaturen. Der Aufenthalt in der Zelle bewirkt keine Abschirmung gegen die eigentlichen Fragen der Zeit, sondern eine Intensivierung der Auseinandersetzung mit ihnen.

Nicht selten wird heute händereibend unterstellt, Bonhoeffer sei mit seiner Ankündigung eines nichtreligiösen Christentums, eines Glaubens, der in einer weltlichen Welt weltlich gelebt sein soll, nicht gerade bestätigt worden. Die Apologeten des Herkömmlichen sind zufrieden. Und in der Tat, es gibt rundherum Rückfälle in eine Haltung genießerischer Unmündigkeit. Jene Religiosität, der Bonhoeffer mit Aversion begegnete, erfährt gegenwärtig eine Konjunktur, die beunruhigend finden muss, wer ihn gelesen und verstanden hat. Dass Religion nicht nur privatim, sondern in weltweiter Dimension zu einem hoch explosiven Thema geworden ist, hätte Bonhoeffer kaum überrascht. Denn Gewalt und Unmündigkeit entsprechen einander so folgerichtig wie Mündigkeit und Gewaltfreiheit. Das Korrelat von Gewalt und Unmündigkeit war sein Thema von Anfang an. Eine Theologie, die in Anknüpfung an Bonhoeffer in diese Zusammenhänge einiges Licht zu bringen versuchte, hätte gut zu tun. Ist sie in Sicht?


Postskript

1) An einer Gedenkfeier im KZ Flossenbürg im Jahr 1953 nahm der bayerische Landesbischof Hans Maiser nicht teil, weil Bonhoeffer nicht als Märtyrer, sondern wegen Landesverrats gestorben war. Am hundertsten Geburtstag Bonhoeffers bezeichnete ihn der Berliner Bischof Wolfgang Huber als Heiligen.

Bonhoeffer war weder das eine noch das andere. Wollten wir ihn zum Märtyrer ernennen, müssten wir die Frage beantworten können, weshalb wir anderen Konspirateuren wie Moltke oder Dohnanyi etc. diese Titulierung vorenthalten. Bonhoeffer war auch nicht, wie George W. Bush meinte festhalten zu sollen, der größte Deutsche im aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Es gab wichtigere als ihn. Und schon gar nicht hätte Bonhoeffer der beinahe karnevalesken Idee der ersten Kanonisierung eines ganz und gar evangelischen Theologen Geschmack abgewinnen können. Mit jeder Glorifizierung pflegt man einen Mythos und beschädigt zugleich den Menschen Dietrich Bonhoeffer, der heiraten, nicht heilig sein wollte.

Aber auch Stimmen aus entgegengesetzter Himmelsrichtung wurden laut. Während vieler Jahre nach dem Krieg wurden zuhauf Vorschläge abgelehnt, Schulen, Gemeindehäuser oder Kirchen nach Dietrich Bonhoeffer zu benennen. Als er neben andern Männern des 20. Juli bei der Namensgebung von Straßen in Bielefeld Pate stehen sollte, wendete sich eine Gruppe von Pfarrern an die Familie mit der Bitte zu verhindern, dass ihr Amtsbruder in eine Reihe mit politischen Partisanen gerückt werde. Der Vater, der zwei Söhne und zwei Schwiegersöhne durch die Gestapo verloren hatte, antwortete: Dietrich hätte von sich aus gewiss nicht den Wunsch gehabt, dass sein Name auf Straßenschildern erscheine; andrerseits könnte es aber nicht nach seinem Sinn sein, ihn von denen zu distanzieren, mit denen er im Gefängnis und im KZ zusammen gelebt habe und gestorben sei.

2) Maria von Wedemeyer studierte nach dem Krieg in Göttingen Mathematik. 1948 verließ sie das Land, in dem Dietrich das Leben genommen worden war. In Amerika brachte sie es zu einer fabelhaften Karriere als Computer-Spezialistin. Mit ihrem vielgepriesenen Charme, ihrer Schönheit, ihrer Intelligenz gewann sie viele Freunde, ohne eine letzte Einsamkeit überwinden zu können. Sie heiratete zweimal; beide Ehen wollten nicht gelingen. Sie staunte selbst immer wieder, wie "unglaublich verletzlich" sie in Bezug auf Dietrich war und bis zuletzt blieb. Nicht wie sie früher war, sondern "als der Mensch, der ich jetzt bin", möchte sie gern "neben Dietrich stehen" - das hat sie sich ein Jahr vor ihrem Tod öffentlich gewünscht. Sie hat kein Denkmal aus ihm gemacht, ist eigene, andere als von ihm oder von ihnen gemeinsam vorgezeichnete Wege gegangen. Die Zwiesprache, die in den Briefen begonnen hatte, ist zu ihren Lebzeiten nicht zur Ruhe gekommen. Maria von Wedemeyer starb an einer schweren Krebserkrankung am 16. November 1977. Auf ihrem Nachttisch lagen Dietrichs Briefe. Freunde und Familienangehörige begleiten die Sterbende und berichten von dem Frieden, der um sie war. Kurz vor ihrem Tod schlägt Maria noch einmal die Augen auf und fragt ihre Schwester Ruth-Alice von Bismarck, die die letzten Tage an ihrer Seite verbrachte: "Did they bring my wedding gown?" "Ja", erzählt Ruth-Alice, sie habe geantwortet: "Ja, dein Hochzeitskleid ist da."


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Hans Jürgen Schultz war bis zu seinem Ruhestand Chefredakteur "Kultur" im (damaligen) Süddeutschen Rundfunk. Der Text ist das Manuskript eines Vortrags, den Schultz am 4. April unter dem Titel "Sind wir noch brauchbar? - Dietrich Bonhoeffers Frage an Kirche und Christentum" in der Philosophisch-Literarischen Gesellschaft Baden-Baden hielt.


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Quelle:
Forum Pazifismus - Zeitschrift für Theorie und Praxis
der Gewaltfreiheit Nr. 12, IV/2006, S. 15-23
Herausgeber: Internationaler Versöhnungsbund - deutscher Zweig,
DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte
KriegsdienstgegnerInnen) mit der Bertha-von-Suttner-Stiftung der
DFG-VK, Bund für Soziale Verteidigung (BSV) und Werkstatt für
Pazifismus, Friedenspädagogik und Völkerverständigung PAX AN
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veröffentlicht im Schattenblick zum 9. März 2007