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INTERVIEW/004: Schlachtfeld Balkan - Geschichtsgeklittert ins Nichts geschlittert    ... Tanja Petrovic im Gespräch (SB)


"Yuropa" ethnisch fragmentiert und marktförmig zugerichtet

Interview in Berlin-Mitte am 19. Mai 2016


Mit ihrem Buch "Yuropa. Jugoslawisches Erbe und Zukunftsstrategien in postjugoslawischen Gesellschaften" hat die Linguistin und Sozialwissenschaftlerin Tanja Petrovic eine Analyse verfaßt, an der zu studieren ist, wie die Torheit des Antikommunismus und die neoliberale Strategie historischer Amnesie jede lebenswerte Zukunft verbauen. Dieser nicht nur für die Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawiens zutreffende Sachstand wirft zugleich die Frage nach der Überwindung der inakzeptablen Lebensverhältnisse im Kapitalismus auf. Anläßlich der Vorstellung ihres Buches in der Ladengalerie der Tageszeitung junge Welt [1] beantwortete Tanja Petrovic dem Schattenblick einige Fragen zur Entwicklung dieser Region seit dem Zerfall des sozialistischen Jugoslawiens.


In der junge Welt-Ladengalerie - Foto: © 2016 by Schattenblick

Tanja Petrovic
Foto: © 2016 by Schattenblick


Schattenblick (SB): Im letzten Krieg, der auf dem Gebiet des früheren Jugoslawiens geführt wurde, herrschte in Deutschland die Meinung vor, daß es sich bei dem verbliebenen Rest Jugoslawiens lediglich um eine Manifestation des serbischen Nationalismus handelte. Gehen Sie mit dieser Ansicht konform oder gibt es noch andere Deutungsmöglichkeiten?

Tanja Petrovic (TP): Natürlich wurde selbst innerhalb Jugoslawiens der Konflikt zwischen Serbien und dem Kosovo in diesen Rahmen gestellt. Man kann die damalige Situation aber auch als die unvermeidliche Konsequenz der Auflösung Jugoslawiens betrachten. Die Situation im Kosovo wurde unter Milosevic zu diesem Extrem getrieben, aber die Lage war schon in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren sehr angespannt gewesen. Selbst in den guten Zeiten Jugoslawiens wurde dem Kosovo-Problem nicht auf eine angemessene Weise Rechnung getragen.

SB: War Slobodan Milosevic Ihrer Ansicht nach ausschließlich der serbische Nationalist, als der er allgemein betrachtet wird, oder hatte er vielleicht noch vor, einige Elemente des jugoslawischen Sozialismus zu erhalten oder wiederherzustellen?

TP: Ich teile die Ansicht, daß er ein serbischer Nationalist war. Natürlich verkaufte er dieses Image, daß er Jugoslawien und den Sozialismus retten wolle, schließlich kam er aus der Sozialistischen Partei. Aber das hatte nichts zu tun mit dem internationalistischen Sozialismus, der Jugoslawien für den größten Zeitraum seiner Existenz charakterisierte. Es war sehr bedauerlich, daß er das als Vorwand nutzen konnte, weil ihn viele Menschen unterstützten, da sie glaubten, er wolle Jugoslawien retten. Vielleicht hat Milosevic anfänglich noch gedacht, daß dies der Weg sei, um Jugoslawien zu retten, aber in den neunziger Jahren schlug er eine ganz andere, sehr traurige Richtung ein. Das war nicht nur seine Angelegenheit, sondern die Mitglieder der Sozialistischen Partei wandelten sich insbesondere während der Transformationen in den neunziger Jahren zu einer bürokratischen Elite, die versuchte, persönlichen Gewinn aus dieser instabilen Lage zu ziehen.

SB: Welche Entwicklung legte Ihrer Ansicht nach den Funken an die Lunte der Kriege, die in Jugoslawien in den neunziger Jahre geführt wurden?

TP: Mein großes Problem mit der Auflösung Jugoslawiens besteht darin, daß es im Grunde genommen progressive Kräfte waren, die diesen Prozeß in Slowenien und Serbien in den achtziger Jahren vorantrieben. Diese zivilgesellschaftlichen Bewegungen hatten zumindest zu Beginn wirklich vor, Jugoslawien auf einer besseren Grundlage neu zu errichten. Das große Problem war jedoch, daß sie kein anderes ansprechendes Narrativ fanden als das des Nationalismus. Selbst in der recht homogenen slowenischen Gesellschaft, der viele alternative und progressive zivilgesellschaftliche Kräfte angehören, lenkten diese Leute die Entwicklung schnell in eine nationalistische Richtung. Das führte unweigerlich zu Konflikten in weniger homogen verfaßten Bereichen.

Die Kriege waren schrecklich, und am schrecklichsten waren sie dort, wo die ethnische Zusammensetzung am vielfältigsten war wie in Bosnien. Aber ich würde Slowenien nicht davon ausnehmen. Dort wurden nach Erlangen der Unabhängigkeit anfangs alle Menschen aus den anderen Regionen Jugoslawiens dazu eingeladen, die slowenische Staatsbürgerschaft zu beantragen, was Zehntausende auch taten. Schon bald darauf wurde 25.000 dieser Personen die Staatsbürgerschaft wieder aberkannt. Sie konnten ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken, verloren ihre Jobs und Sozialversicherung und mußten das Land schließlich verlassen. Ihr Leben wurde praktisch zerstört. Das war überall in diesen Kriegen die gleiche Geschichte. Diese Unfähigkeit, nicht in nationalistischen Paradigmen zu denken, sondern die Situation Ende der achtziger Jahre auf eine staatsbürgerliche und universale Grundlage zu stellen, mußte einfach zu gewaltsamen Konflikten führen.

SB: Waren die nationalen Konflikte schon im Jugoslawien Titos präsent oder brachen sie quasi aus dem Nichts heraus hervor?

TP: Sie existierten sicherlich schon damals. Der Kosovo, wo diese Konflikte niemals auf angemessene Weise gelöst wurden, ist das offenkundigste Beispiel dafür. Ethnische Spannungen und dementsprechende soziale und ökonomische Unterschiede waren stets vorhanden, und man hat nicht einmal versucht, sie zu verstecken. Ganz im Gegenteil, der jugoslawische Staat ist auf sehr aktive Weise damit umgegangen. Ethnische und nationale Prinzipien wurden in Jugoslawien nicht unterdrückt, sondern es wurde sogar dazu ermutigt, sich zu ihnen zu bekennen. Tito hat die Idee einer jugoslawischen Nationalidentität sehr früh aufgegeben, und seit den sechziger Jahren wurden nationale und ethnische Identitäten gefördert und entwickelt, was nicht im Widerspruch zu seiner Politik stand. Zum Verständnis der Eskalation dieser Konflikte müssen jedoch die globalen Umstände in Rechnung gestellt werden, die Desintegration der sozialistischen Staatenwelt und die ökonomische Krise seit den siebziger Jahren. Zudem gab es Spannungen zwischen Land und Stadt, zwischen dem Norden und dem Süden Jugoslawiens. Es war eine sehr komplexe Situation in einem Land mit sehr heterogener Bevölkerung.

SB: Wie wichtig waren Ihrer Ansicht nach äußere Einflüsse wie die Anerkennung der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens durch die Bundesrepublik Deutschland für den Zerfall Jugoslawiens?

TP: Ich glaube schon, daß sie wichtig waren. Alles ging damals sehr schnell. Vielleicht mußte es zu diesem Zeitpunkt schnell gehen, aber die Anerkennung erfolgte schon recht plötzlich. Dies führte natürlich zu bestimmten negativen Entwicklungen, die den Krieg im Grunde genommen die nächsten fünf Jahre in die Länge zogen. Es ist natürlich schwer zu beurteilen, aber insbesondere in der Nachkriegszeit spielte die EU eine eher negative Rolle. Beim Wiederaufbau der Gesellschaften, die eigentlich auf der Basis ziviler staatsbürgerlicher Werte hätte erfolgen sollen, hat die EU sehr häufig die nationalistischen Eliten unterstützt, die für diese Kriege verantwortlich waren.

SB: Nach dem Jugoslawienkrieg 1999 wurden Forderungen laut, insbesondere die serbische Bevölkerung umzuerziehen, oder die EU griff zu Strategien wie dem Projekt "Energie für Demokratie", bei dem der gegen NATO und EU gerichtete Teil der Bevölkerung von Energielieferungen ausgeschlossen wurde. Was haben derartige Interventionen Ihrer Ansicht nach bewirkt?

TP: Die sehr paternalistische Herangehensweise der EU und die Idee, daß wir die Bevölkerung von Grund auf neu erziehen müssen, hat durchaus Spuren hinterlassen. Die Bevölkerung des ehemaligen Jugoslawiens muß heute mit aktuellen Problemen kämpfen, die sich nicht auf ihr Land beschränken, sondern globaler Art sind. Die ökonomische Ausbeutung und die Prekarität der Arbeit knüpfen an diese Herabstufung der Menschen zu Kindern, die angeblich keine Vergangenheit haben und über keine demokratischen Werte verfügen, an. Diese disziplinatorische Einstellung der EU gegenüber der Region hat die totale Negation antifaschistischer Werte und des Wohlfahrtstaates zur Folge. Darüber wird heute nicht mehr diskutiert.

Für die progressiveren Teile der Gesellschaft zum Beispiel in Serbien war das natürlich ein großes Problem. Lange Zeit wurde die EU als Alternative zu der nationalistischen, rückwärtsgewandten und isolationistischen Politik im eigenen Land betrachtet, aber heute ist zum Beispiel der amtierende Ministerpräsident, der im Krieg eine sehr prominente und nicht sehr gute Rolle gespielt hat, in jeder Beziehung proeuropäisch eingestellt und steht mit Angela Merkel auf bestem Fuß. Das stellt die Menschen in Serbien vor das große Problem, daß es keine wirkliche Alternative mehr gibt, daß man nichts mehr ablehnen kann, weil man nicht statt dessen auf etwas anderes verweisen kann. Zudem ist Euroskeptizismus keine Alternative, weil er bereits von den radikalsten Elementen der Rechten okkupiert ist. Das alles macht es dem linken progressiven Spektrum sehr schwer, sich zu positionieren.

SB: Könnte es sein, daß die negative Bewertung des jugoslawischen Sozialismus dieses Problem noch vergrößert?

TP: Meiner Ansicht nach können sich Linke nicht auf diese Vergangenheit berufen, weil ihnen entweder die Unerfahrenheit der Jugend angelastet oder behauptet wird, sie wollten nur ihre Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen kompensieren. Der Versuch, über Sozialismus zu sprechen, hat einfach Zensur zur Folge, niemand kann damit kommen. Das hat auch mit der Forderung Europas zu tun, daß dieser Teil des Balkans wegen seiner sozialistischen Vergangenheit erzogen werden muß. Eines der Probleme linker Bewegungen in der Region besteht einfach darin, daß sie sich in keiner Weise auf die Geschichte ihrer jeweiligen Gesellschaften im Sozialismus berufen können, die natürlich wie jede Erfahrung sehr komplex, also von guten wie schlechten Dingen, bestimmt war. Man würde sie als irrational, nostalgisch oder ähnliches disqualifizieren.

Dies begünstigt zudem Praktiken ökonomischer Ausbeutung. So werden viele ausländische Fabriken eröffnet, in denen die Menschen extrem lange arbeiten müssen und dabei nicht auf die Toilette dürfen, um nur zwei Beispiele für schlechte Arbeitsbedingungen zu nennen. Früher gab es erstrebenswerte Formen der Politik wie die Gewährleistung sozialer Sicherheit, den freien Zugang zu Gesundheitsfürsorge und Ausbildung, die Möglichkeit, die Universität in Ruhe beenden zu können, was heute aus Geldgründen kaum mehr möglich ist. Vor wenigen Tagen wurden die Ergebnisse einer ökonomischen Untersuchung veröffentlicht, der neutrale Parameter zugrunde lagen. Ihr zufolge ging es allen jugoslawischen Republiken zur Zeit des Sozialismus ökonomisch weit besser als heute, und das trotz Planwirtschaft und Marktkontrolle. Wer so etwas erwähnt, wird sofort als jemand gebrandmarkt, der mit den neuen Zeiten nicht zurechtkommt. Das wird als Schwäche ausgelegt und als politisch kontraproduktiv verstanden, weshalb keine linke Parteien heute mehr irgendeinen Bezug zum sozialistischen Jugoslawien und nicht einmal zur Geschichte der jugoslawischen Linken herstellen würde, die doch Teil der Geschichte Europas sein müßte.

Hinzu kommt die Negation des Antifaschismus nicht nur als Vermächtnis der sozialistischen Vergangenheit oder als universeller Wert, sondern auch in seiner Bedeutung für die lokale Geschichte. Antifaschistischen Jugendlichen wird heute mit Unverständnis begegnet, schließlich handle es sich beim Widerstand gegen den Faschismus doch um einen historischen Kampf im Zweiten Weltkrieg, der längst vorbei sei. Auch die Geschichte der großen und emanzipatorischen Partisanenbewegung wird zur Zeit revisionistisch umgedeutet und vollständig relativiert. Die Gleichsetzung von Sozialismus und Nazismus macht es einfach unmöglich, darüber zu sprechen. Daß sich niemand mehr auf Jugoslawien berufen kann, ist auch deshalb von Nachteil, weil es eine Möglichkeit der Identifikation bot, die nicht ethnisch bestimmt war.

SB: Gibt es in dieser Hinsicht Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten? War die Rechte in Kroatien nicht immer stärker als die Rechte in Serbien?

TP: Ich würde sagen, das trifft zu. In Kroatien kann sich kein Mensch mehr öffentlich als Jugoslawe identifizieren, was in Serbien dagegen möglich ist. Serben, die das tun, wird eher entgegengehalten, daß sie damit einen imperialen Anspruch erhöben. Es gibt zwar Unterschiede, aber insgesamt wird überall das Verhältnis von Opfern und Tätern im Zweiten Weltkrieg verdreht. Der gegenwärtige Kulturminister Kroatiens gehört zu denjenigen Kreisen, die die Rolle der Ustascha und des unabhängigen kroatischen Staates, der mit den Nazis kollaborierte, positiv umdeuten wollen. Er hat ein dreibändiges Werk eines Belgrader Historikers finanziert, der die Rehabilitation von Drago Mihailovic und anderen NS-Kollaborateuren in Serbien am aktivsten vorantreibt. Da bilden sich wirklich erstaunliche Allianzen heraus.

Ich glaube allerdings, daß die ideologische Auseinandersetzung über die Vergangenheit im Kern ein Klassenkampf ist, wie es stets der Fall war. Das geschieht überall in den jugoslawischen Nachfolgestaaten, auch in Slowenien, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt wie in Serbien.

SB: Wie beurteilen Sie die Nationalitätenpolitik im ehemaligen Jugoslawien auch vor dem Hintergrund dessen, daß sich dieses Problem des Interessensausgleichs ebenfalls in der multinationalen EU stellt?

TP: Sie war auf gewisse Weise emanzipatorisch, insbesondere für die schwächeren Nationen. Tatsächlich schaffte der jugoslawische Sozialismus den Rahmen für die Herausbildung zweier Nationen, der Mazedonier und der bosnischen Muslime. Die Leute sagen, daß Tito diese Nationen "gemacht" hat. Es gibt natürlich Parallelen zur EU, wenn dieselben föderalen Prinzipien implementiert werden. Dennoch würde ich sagen, daß hinter der Förderung kultureller Identitäten in Jugoslawien immer das staatsbürgerliche Prinzip stand. Es war nicht in dem starken Ausmaß ethnisch definiert und wurde nicht so mechanisch durchgesetzt wie heute.

Die jetzige Politik der Nationalisierung hat keinen guten Einfluß. Zur Zeit wird eine große Diskussion um die Sprachenrechte von Minderheiten geführt, was zu einer Situation zunehmender Segregation führt. Im früheren Jugoslawien wurde diese Politik "Zwei Schulen unter einem Dach" genannt. In Mostar oder Vukovar, wo verschiedene ethnische Gruppen zusammenleben, gibt es Schulen für Kroaten, für Serben oder auch für Muslime. Sie befinden sich im gleichen Gebäude, es gibt zwei Eingänge, und die Kinder bleiben in ihren jeweiligen Gruppen. Im Unterricht müssen sie die Sprachvarietät ihrer jeweiligen nationalen Zugehörigkeit erlernen, obwohl die serbischen und kroatischen Kinder in Vukovar seit jeher dieselbe Sprache sprechen. Im Kern besagt diese Politik, daß die Menschen in diesen Regionen nur zusammenleben können, wenn sie in ihren kleinen Kästen bleiben.

Das wird in Bosnien mit der dreigeteilten Präsidentschaft und anderen Institutionen, in denen die konstitutionellen Nationen über jedes Detail miteinander verhandeln müssen, zum Extrem getrieben. Dabei verteidigen sie natürlich ihre jeweiligen Interessen und wollen nicht miteinander kooperieren. Vor zwei Jahren konnten sie sich monatelang nicht auf die Verfahrensweise bei der Vergabe einer ID-Nummer einigen, was zur Folge hatte, daß Neugeborene keine Personaldokumente erhielten, was wiederum dazu führte, daß einige Babies starben, weil sie nicht ins Ausland gebracht werden konnten, um dort medizinisch behandelt zu werden. Tatsächlich hat die Affäre um die ID-Nummern zu Demonstrationen in Bosnien geführt, auf denen die Menschen zum ersten Mal seit dem Krieg gemeinsam und unabhängig von ihrer nationalen und ethnischen Zugehörigkeit gegen die herrschende Politik protestiert haben.

Staatsbürger nur in ethnischen Kategorien zu behandeln hat schwerwiegende Folgen, und ich glaube, daß Europa hier etwas fehlinterpretiert hat. Die Menschen haben früher miteinander gelebt, ohne daß ihre nationale und ethnische Identität eine Rolle spielte, daher sollte man ihnen helfen, diese Welt wiedererstehen zu lassen und keine von Grund auf neue zu errichten.

SB: Hoffen die Menschen darauf, daß ein Beitritt zur EU diese ethnischen und nationalen Kämpfe gegenstandslos machen wird?

TP: Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer zu beantworten. Durch die Entwicklungen der letzten Jahre hat die EU den Status, etwas zu sein, in das man seine Hoffnungen investieren kann, auf dem Balkan weitgehend eingebüßt. Heute geht man eher davon aus, Mitglied in der EU werden zu müssen, weil das die einzige Möglichkeit ist, ökonomisch zu überleben. Der Beitrittsprozeß wirkt sich eher so aus, daß er die Gräben zwischen den Staaten noch vertieft.

So wird Kroatien den Beitritt Serbiens natürlich auf lange Sicht blockieren. Als Migrantinnen und Migranten in großer Zahl das frühere Jugoslawien durchquerten, weigerte sich Kroatien, mit Serbien zu sprechen. Schließlich gehöre man zur EU und verhandle nur mit Brüssel. Letztlich kam dabei nichts heraus, und sie mußten Wege zur normalen Kontaktaufnahme miteinander finden. Auf jeden Fall hat die Europäische Union eher einen negativen Einfluß auf das Verhältnis der jugoslawischen Nachfolgestaaten zueinander. Zudem sind die Spannungen zwischen Serben, Kroaten und Albanern immer noch vorhanden und werden von den politischen Eliten, zur Zeit jedenfalls, nicht unterdrückt. Es ist eben auch ein guter Grund, nicht über die wirklichen Probleme zu reden, und die sind ökonomischer Art.

SB: Haben Sie eine positive Vision, wie man diese Situation in Zukunft besser handhaben könnte?

TP: Aus meiner Sicht geht es wesentlich darum, die Vergangenheit Jugoslawiens zu dekontaminieren und sich produktiv auf sie zu beziehen. Die Menschen sollten fähig sein, ihre eigenen Erfahrungen zu nutzen. Das ist politisch, psychologisch und auch moralisch wichtig. So viele Linke in aller Welt schlagen sich mit den gleichen Problemen herum, und das erfolgreich zu tun ist praktisch unmöglich, wenn man keine klare Sicht auf die Vergangenheit hat.

Diese Gesellschaften brauchen eine legitime Stimme, mit der sie ihre eigenen Interessen artikulieren können, und sollten an das anknüpfen, was bereits vorhanden ist. Ansonsten wird die Region als leerer Ort betrachtet, an dem man alle möglichen Experimente machen kann. Die Menschen müssen realisieren, daß sie sich auf verschiedene Formen von Vernetzung und Solidarität berufen können, und diese können nicht ethnisch bestimmt sein. Meine positive Sicht der Dinge wird leider durch die generelle Situation in der EU nicht unterstützt.

SB: Frau Petrovic, vielen Dank für das Gespräch.


Auf dem Podium von der Seite - Foto: © 2016 by Schattenblick

Wiljo Heinen (Übersetzer) und Tanja Petrovic in der junge Welt-Ladengalerie
Foto: © 2016 by Schattenblick


Fußnote:


[1] BERICHT/004: Schlachtfeld Balkan - Krieg der Werte (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buch/report/burb0004.html

7. Juni 2016


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