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INTERVIEW/003: Idionomie kritischer Theoreme - Kompaß und Sextanten ..., Arnold Schölzel im Gespräch (SB)


Werner Pirker und die junge Welt

Interview in Berlin-Mitte am 9. Juli 2014



Arnold Schölzel ist Chefredakteur der jungen Welt, für die der am 13. Januar 2014 verstorbene Werner Pirker viele Jahre lang geschrieben hat. Anläßlich der Präsentation des Buches "Dialektik der Konterrevolution" [1] in der jW-Ladengalerie, das mit einer breiten Auswahl an Analysen und Kommentaren Pirkers zur Lektüre marxistischer Gesellschaftskritik auf der Höhe der Zeit einlädt, beantwortete Arnold Schölzel dem Schattenblick einige Fragen zum journalistischen und politischen Wirken seines Kollegen, der nicht nur aufgrund des Aufdämmerns neuer imperialistischer Kriege schmerzhaft vermißt wird.

Bei der Buchpräsentation - Foto: © 2014 by Schattenblick

Arnold Schölzel
Foto: © 2014 by Schattenblick

Schattenblick: Arnold, könntest du etwas dazu sagen, wie die Geschichte Werner Pirkers in der jungen Welt begann?

Arnold Schölzel: Das weiß ich leider nicht genau. Ich bin selber erst 1997 zur jungen Welt gekommen und kannte ihn bis dahin nur als Autor. Daher weiß ich nicht ganz genau, wann er bei der jungen Welt angefangen hat. Das konnte mir bisher auch niemand so richtig sagen, wann er bei der Volksstimme aufgehört und dann hier angefangen hat. Er muß bei der Umgestaltung der jungen Welt 1994 dazugekommen sein. So wie die junge Welt bis dahin ausgerichtet war, kann ich mir nicht vorstellen, daß er für sie gearbeitet hat.

Er hat ja auch für Konkret geschrieben, nicht häufig, aber zu der Zeit schon, war nicht mehr in Moskau. 1994 erhielt die junge Welt das bekannte Logo und auch die im wesentlichen bis heute beibehaltene Zeitungsstruktur. Als ich dann 1997 dazustieß, waren er, Dietmar Koschmieder und Holger Becker die drei Köpfe, die der Meinung waren, die junge Welt müsse als Tageszeitung erhalten bleiben. Mit einem neuen Profil, das die soziale Frage in den Mittelpunkt stellt, das Antiimperialismus und die Auseinandersetzung mit dem, was man neue Weltordnung nennen könnte, in den Mittelpunkt stellt, bestand auch die Chance, das zu schaffen.

Zudem waren er und Holger Becker eng befreundet. Ich selbst bin durch Holger Becker zur jungen Welt gekommen. Er war 1995 aus dem Neuen Deutschland rausgemobbt worden, wo er das Wissenschaftsressort leitete. Für das habe ich schon seit den 80er Jahren geschrieben, daher kannten wir uns. Ich bin dann, nachdem ich seit 1995 dies und jenes für die junge Welt geschrieben habe, 1997, als unter Führung von Jürgen Elsässer die Jungle World entstand, dazugekommen.

SB: Werner Pirker hat stark polarisiert. So wurde ihm mitunter eine antisemitische Argumentation angelastet.

AS: In Zeiten, wo schon der Gebrauch der Vokabel Finanzkapital als latent antisemitisch eingestuft wird, scheint jeder Quatsch erlaubt zu sein. Was den Umgang mit Israel und die Haltung der deutschen Linken dazu angeht, hat Werner grundlegende Artikel verfaßt, die sich bestätigt haben. Zum Beispiel hat er in einem Aufsatz von 2001 erklärt, daß der Zionismus, wenn ich das einmal knapp zusammenfasse, eine nationalistische und koloniale Ideologie sei, die inzwischen auch in Israel selber ein Auslaufmodell ist. Ich sehe auch keinen großen Unterschied zwischen ihm und den Positionen von Moshe Zuckermann, der von denselben Leuten, die ihn vor fünfzehn Jahren noch hofiert und auch ediert haben, insbesondere Konkret, längst als Antisemit bezeichnet wird. Das ist für mich linke Esoterik, die allerdings eine verheerende Wirkung entfaltet, auch in der Linkspartei selber. Ich erinnere an die Rede von Gregor Gysi im April 2008 zum 60. Jahrestag der Gründung Israels, in der er forderte, man müsse sich vom Antiimperialismus verabschieden und den Zionismus zu einer Art Parteiräson der Linken erklärte. Da entfaltet die Position der Antinationalen oder Antideutschen natürlich ihre Wirkung. Das ist ihre Funktion.

SB: Werner Pirker hat eine antiimperialistische Position vertreten. So war er im Jugoslawienkrieg ganz vorne an mit seiner Kritik am Überfall der NATO. Dagegen wird der Antiimperialismus von antideutscher bzw. postmoderner Seite her als überkommene Ideologie betrachtet. Könnte es dennoch sein, daß die Kritik des Imperialismus heute wieder mehr in den Vordergrund tritt?

AS: Ja natürlich. Ich will Werner nicht in den Rang eines Klassikers erheben. Dennoch werde ich nachher in meiner Rede sagen, daß, wer Auskunft über die Auseinandersetzung der letzten 20 Jahre, über den Zerfall der Sowjetunion und dessen Folgen, die sich daraus weltweit und für die Linke in verschiedenen Ländern ergeben haben, erhalten will, dieses Buch lesen muß. Denn darin wird die Dialektik dieser retrograden und regressiven Entwicklung sowie das Bündel der damit einhergehenden Widersprüche hervorragend analysiert. Dabei ist der Antiimperialismus natürlich zuerst zu nennen.

Ich merke bei einzelnen Autoren unserer Redaktion, daß sie beim Begriff Antiimperialismus zusammenzucken, und muß dann feststellen, daß sie vom Leninschen Imperialismus überhaupt nichts wissen. Werner hat immer wieder darauf hingewiesen, daß Lenin, bevor er seine Imperialismustheorie - nämlich Monopol als Kern der Imperialismusdeutung - schrieb, Hegel gelesen hatte. Das ist eine philosophische Betrachtung und Weiterentwicklung des historischen Materialismus über das Stadium, das sich in der Zweiten Internationale vorbereitet hat, hinweg. Analysen des Imperialismus gab es vor 1914 in der Zweiten Internationale genug, aber die wirkliche theoretische Konsequenz, nämlich daß der Imperialismus in seinem letzten Stadium, wie Lenin es formuliert hat, auch verlangt, die Frage nach dem Sozialismus zu stellen, wurde im reformistischen Flügel der Arbeiterbewegung so wenig gezogen wie die Frage nach den Kräften, die eine sozialistische Revolution unter diesen Verhältnissen bewerkstelligen können, aufgeworfen wurde.

Karl Kautsky hat bis 1909 hervorragende Texte über den Imperialismus geschrieben wie zum Beispiel in seinem Werk "Der Weg zur Macht". Das hat Lenin immer wieder gelobt, aber 1914 war dann auf einmal alles nicht mehr wahr, sondern galt, wie wir es heute auch erleben, eben nur für Friedenszeiten. Im Krieg sei alles anders, der Krieg passiere eben, habe aber weiter keine Bedeutung.

Lenin hat das ganz anders gesehen. Für ihn ist Krieg ein Wesenskern des Imperialismus, der seiner Monopoltheorie zufolge aus der massiven Ungleichheit zwischen starken, heute würde man Supermächte sagen, und schwächeren Nationen erwächst. Diese innerimperialistischen Widersprüche sind unvermeidlich. In gewisser Weise hat Lenin, wenn man sich seine Schriften genauer anschaut, den Zweiten Weltkrieg vorhergesagt. Führe die sozialistische Revolution nicht dazu, über Rußland hinauszugreifen, komme es unweigerlich zu innerimperialistischen Gegensätzen, deren Konsequenz ein weiterer Weltkrieg ist. Das steht bei Werner im Hintergrund, und mir war lange Zeit unklar, warum an diesem Punkt manchmal emotionale Reaktionen aufkochen, bis ich darauf gekommen bin, daß insbesondere westdeutsche Linke unter Antiimperialismus etwas Anrüchiges verstehen.

SB: Hat das möglicherweise damit zu tun, daß eine Art impliziter Nationalismus unterstellt wird?

AS: Ja klar. Der Ausweg aus imperialistischen Herrschaftsverhältnissen ist natürlich die Selbstbestimmung der Nation. Auch diesen Punkt hat Werner immer sehr stark betont. Jedenfalls wird der Antiimperialismus jetzt insofern umgedreht, als nach dem Verschwinden des Kommunismus der einzige Feind, das absolut Böse und Totalitäre der Nationalismus ist. Wir erleben das gerade in bezug auf Rußland.

Im Grunde sind nur zwei Nationalstaaten sakrosankt: USA und Israel. Alle anderen haben sich gefälligst in diese Art von Internationalismus, nämlich Unterwerfung unter die neue Weltordnung, die eben aus den USA stammt, einzufügen, sonst sind sie nationalistisch. Darum dreht sich auch die ganze Debatte in der Linken um die EU. Wer auch nur mit dem Sozialstaat, der bisher nur auf nationaler Ebene möglich war, argumentiert, wird gleich in die rechte Ecke gestellt. Das ist ein beliebtes Muster geworden, nicht nur in der Linkspartei, sondern leider auch in anderen linken Parteien. Es wird so getan, als stehe Rußland, was Nationalismus angeht, schon kurz vor der Schwelle zum Faschismus. Da wird etwas ideologisch wirklich auf den Kopf gestellt. Ich glaube, daß der Antiimperialismus als Horrorvokabel nur eine Spielmarke ist, die verwendet wird, um davon abzulenken, daß es hier um eine marxistische Leistung in der Theorie geht, die insbesondere durch Lenin erbracht wurde, aber nicht nur von ihm. Offensichtlich soll der Leninsche Imperialismusbegriff auf diese Weise ad acta gelegt werden, indem man ihn für veraltet erklärt - auch bei Linken, die theoretisch dazu arbeiten.

SB: Werner Pirker hat eine dialektische Herangehensweise gepflegt, die sich auf sehr kompakte Weise an Widersprüchen entwickelte. In dieser Qualität war das relativ vergleichslos. Siehst du als jemand, der selbst Kommentare schreibt, darin eine gewisse Tradition, die auch bezeichnend ist für die junge Welt?

AS: Ja selbstverständlich. Nach meiner Ansicht war Werner wirklich Lenins Schüler, wenn man so will. Lenin hat es verstanden, die Vielzahl von Widersprüchen in einer Gesellschaft, zum Beispiel in Rußland um 1900, nicht einfach auf den Gegensatz Kapital-Arbeit zu reduzieren, sondern er hat auch die demokratische Bourgeoisie, die mit dem Zarismus verbundene Großbourgeoisie, den Adel, die mehr oder weniger politisch interessierten Liberalen und die große Masse der Bauernschaft bis hin zur Religion in seine Analyse Rußlands als eines Vielvölkerstaats mit einbezogen und erkannt, daß die nationale Frage dabei eine ganz entscheidende Rolle spielt. Lenins Leistung bestand darin, den Gesamtkomplex von Widersprüchen in einer Gesellschaft klar zu erfassen und ihre innere Bewegung nachzuvollziehen beziehungsweise zu antizipieren. Ich persönlich kenne kaum einen anderen als Werner, der das auch konnte.

SB: Werner Pirker hat auch viel für die Rubrik Der Schwarze Kanal geschrieben, die sich meist mit Kommentaren in der Printpresse auseinandersetzt. Dennoch wurde er in den großen Medien nicht rezipiert, obwohl er durchaus die Qualität dazu gehabt hätte. Wie bewertest du die Fähigkeit deutscher Kommentatoren, politische Zusammenhänge über den Rand der Tagesaktualität hinaus zu erfassen?

AS: Werner hatte nicht nur ein Gespür für die Widersprüche, die sich auf der objektiven Seite der gesellschaftlichen Entwicklung zusammenballten, sondern auch für das, was auf der subjektiven Seite, sprich im ideologischen Raum passierte. Das eine setzt aber das andere voraus, die beiden bedingen einander gegenseitig. In diesem Sinne war er ein regelrechtes Trüffelschwein für grundlegende ideologische Entwicklungen, die zunächst nur in irgendwelchen Zeitungskommentaren, die Linke sowieso nicht lesen, geäußert wurden wie zum Beispiel die Sache mit dem imperialistischen Internationalismus, worunter alles, was Unabhängigkeit von den Hegemonialmächten, also in erster Linie von den USA und der EU, anstrebt, als nationalistisch verteufelt oder eben auch dämonisiert wird wie im Fall von Putin, Milosevic oder Saddam Hussein. Das heißt nicht, sich hinter diese Leute zu stellen, sondern ganz nüchtern zu analysieren, daß ihre Dämonisierung ein ideologisches Konstrukt ist, mit dem große Teile der liberalen und auch linken Intelligenz heutzutage eingefangen werden, indem diese Staatsmänner, die in irgendeiner Form um nationale Unabhängigkeit oder Souveränität ihrer Staaten gekämpft haben oder kämpfen, von vornherein in die Ecke eines retrograden oder sogar chauvinistischen Nationalismus gestellt werden. Jugoslawien ist so ein Musterfall dafür, wo Werner genau die richtige Nase gehabt hat.

SB: Sein Tod hat eine große Lücke in der jungen Welt gerissen. Wird man an seinen analytischen Scharfsinn anknüpfen können oder steht ein Generationenwechsel an, der möglicherweise auch mit einem Kurswechsel hinsichtlich der politischen Inhalte verbunden ist?

AS: Nein, überhaupt nicht, sonst hätten wir dieses Buch jetzt nicht herausgebracht. Natürlich will ich ihn nicht zum Klassiker erheben, aber seine Arbeit stellt zweifellos auch für uns selber eine Basis dar, auf der wir weiterarbeiten werden und die das Profil der jungen Welt ausmacht. Wenn man sich die einzelnen Abschnitte dieses Buches anschaut - Revolution und Konterrevolution, Von Krieg zu Krieg, Weltproblem Nahost, Die neoliberale Internationale -, dann sind das die Grundthemen, mit denen wir uns auch zukünftig befassen werden. Insofern sehe ich da überhaupt keinen Bruch, aber als Autor ist er aufgrund seiner Sprachkraft und analytischen Fähigkeiten natürlich unersetzbar.

SB: Arnold, vielen Dank für das Gespräch.


Fußnote:

[1] BERICHT/003: Idionomie kritischer Theoreme - Besinnung, Aufklärung, Fortbeginn ... (SB)
Werner Pirker "Dialektik der Konterrevolution"
http://www.schattenblick.de/infopool/buch/report/burb0003.html

21. August 2014


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